Schiedsrichter
"Gegenseitiges Verständnis": Cheftrainer und Schiedsrichter vertiefen Austausch

Schiedsrichter und Cheftrainer - zwei Gruppen in der Fußballfamilie, die mehr gemeinsam haben als es auf den ersten Blick scheint: Ihre Entscheidungen können großen Einfluss auf das Spiel haben und sie sind häufig einem hohen medialen Druck ausgesetzt. Am Montag kamen sie an vier Standorten in Deutschland zusammen, um sich zu verschiedenen Themen aus dem Spielbetrieb auszutauschen.
Nach der erfolgreichen Premiere im vergangenen Jahr haben die Bundesliga, der Bund Deutscher Fußball-Lehrer (BDFL) sowie der DFB und die DFB Schiri GmbH zum zweiten Mal zu sogenannten Regionalstützpunkten eingeladen. In Bremen, Frankfurt, Leverkusen und Stuttgart trafen sich insgesamt 33 Trainer und 42 Unparteiische - dabei waren erstmals auch Coaches und Referees aus der 3. Liga vertreten.
Zum Auftakt der Veranstaltungen erwartete die Teilnehmer an allen vier Standorten ein abwechslungsreiches Vortragsprogramm. Zunächst gab die Bundesliga Einblicke in ihre sportinhaltliche Arbeit. Gastreferenten der FIFA und des DFB lieferten darauf Impulse zu aktuellen Trends des Spiels. Im Anschluss stand der fachliche Austausch zwischen den Trainern und Schiedsrichtern im Vordergrund. Diskutiert wurde unter anderem über diverse Entscheidungen der ersten Spieltage der laufenden Saison. Mithilfe von Videosequenzen beleuchteten die Teilnehmer konkrete Spielszenen, immer wieder ging es neben den Einzelsituationen aber auch um das große Ganze. Schnell entstanden dabei konstruktive Debatten.
Diskussionen über Regeländerungen
Für Gesprächsstoff sorgten vor allem die Regeländerungen. Julian Schuster (SC Freiburg) befürwortete das Zeitlimit für Auswechslungen, und auch Vincent Wagner (SV Elversberg) hob hervor: "Mit den neuen Regeln erhöht sich die Nettospielzeit." Dass verletzte Spieler das Feld nun in vielen Fällen für eine Minute verlassen müssen, finden einige Trainer zwar grundsätzlich gut. Mehrere von ihnen sehen jedoch noch Probleme in der Umsetzung.
Die Cheftrainer zeigten großes Interesse an der Regelauslegung der Schiedsrichter und bekamen einmal mehr ein Gespür dafür, wie schwierig deren Job ist: "Diese Szene ist ein Grund, warum ich kein Schiri geworden bin", sagte Tobias Strobl (VfL Wolfsburg) über eine Videoszene. "Das ist unfassbar schwer, da kann man in beide Richtungen argumentieren." Auch Urs Fischer (1. FSV Mainz 05) äußerte Respekt für die Leistungen: "Das ist nicht einfach, auf was ihr alles schauen müsst."
"Zwischen Kann und Muss unterscheiden"
Die Schiris konnten wiederum viel über die Aufgaben der einzelnen Spieler bei verschiedenen Deckungsvarianten während Standardsituationen lernen - und eine klare Bitte hören: "Gerade bei Strafstößen oder Roten Karten sollte unterschieden werden zwischen Kann und Muss. Wenn etwas nicht zwingend Rot oder Elfmeter sein muss, dann sollte man es weglassen", wurde seitens der Trainer wiederholt zur Zurückhaltung bei Extrementscheidungen gemahnt.
Einige Teilnehmer brachten auch Punkte ein, die nicht auf der Agenda standen, ihnen aber unter den Nägeln brannten. Timo Schultz (VfL Osnabrück) sagte beispielsweise: "Mich triggert es, dass oft in die Ausführung von Ecken reingepfiffen wird, um Spieler im Strafraum zu ermahnen." Was die Schiris bei gegenseitigem Halten der Akteure aus Präventionsgründen tun, ist ihm ein Dorn im Auge: "Das ist total unnötig, unterbricht das Spiel und bringt überhaupt nichts."
Am Ende war auch noch Zeit für persönliche Wünsche: "Ich hätte gern wieder mehr Miteinander statt Nebeneinander, auf und neben dem Platz", fasste ein Trainer zusammen. "Manchmal läuft man sich vor dem Spiel leider gar nicht über den Weg und begrüßt sich deshalb nicht einmal. Aber klar ist, dass wir alle aufeinander angewiesen sind. Und ganz ehrlich: Die meisten Schiedsrichter sind besser als meine Spieler oder machen zumindest weniger Fehler."
Stimmen zum Austausch
Daniel Thioune (SV Werder Bremen): "Es ist wichtig, Verständnis füreinander zu haben. Deshalb war es definitiv sehr wertvoll, hier mal in einem ruhigen Raum ohne den Druck und die Emotionen eines Spieltags den Austausch zu finden."
Benjamin Schmedes (Bundesliga-Sportdirektor und Mitglied der Bundesliga-Geschäftsleitung): "Abseits der Emotionen eines Spieltags ermöglicht der persönliche Austausch einen offenen und konstruktiven Dialog. Er fördert das gegenseitige Verständnis und vermittelt wertvolle Einblicke in die Perspektiven und Arbeitsweisen aller Beteiligten."
Vincent Wagner (SV Elversberg): "Miteinander zu sprechen ist immer deutlich besser als übereinander zu reden. Es war eine coole Atmosphäre. Wir waren uns manchmal auch einig, dass wir uns nicht einig sind. Wenn man menschlich miteinander umgeht, ist das auf jeden Fall eine Basis, um Fairplay im Sport hochzuhalten."
Harm Osmers (Bundesliga-Schiedsrichter): "Das war ein produktiver Austausch abseits des Spielgeschehens. Wir haben viele Dinge einheitlich bewertet, wobei es natürlich auch Grenzfälle gibt, über die wir minutenlang diskutieren konnten. Ich gehe mit neuen Erkenntnissen raus und freue mich schon auf die nächsten Spiele."
Frank Schmidt (1. FC Heidenheim): "Wir begegnen uns bei diesem Format im kleineren Kreis auf Augenhöhe und können intensiv diskutieren. Ich glaube, beide Seiten nehmen von der anderen Seite viel mit. Genau darum geht es: um Verständnis, um Akzeptanz."
Florian Meyer (Sportlicher Leiter 3. Liga der DFB Schiri GmbH): "Wir können Spiele nur gemeinsam gestalten und müssen sie trotz Meinungsverschiedenheiten zusammen über die Bühne bringen, da ist ein fairer Umgang miteinander wie heute essenziell."
Uwe Koschinat (RW Essen): "Wir haben über ganz viel gesprochen, was das Zusammenleben von Schiedsrichtern, Trainern und Vereinen betrifft. Man kann unterschiedlicher Meinung sein, muss aber Verständnis entwickeln. Eine Veranstaltung wie diese in entspanntem Rahmen hilft da unheimlich. Denn in vielen Situationen gibt es kein wirkliches Richtig oder Falsch."
Kategorien: Schiedsrichter, 3. Liga, Trainer
Autor: mv
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