Männer-Nationalmannschaft
Welt- und Europameister Häßler wird 60

Er ist Welt- und Europameister und im exklusiven 100er-Klub der deutschen Nationalmannschaft und jedem Fußballfan bekannt. Obwohl er die große Bühne nie gesucht und nur widerstrebend betreten hat. Dass er nun 60 wird und sich nur wenige darum scheren, dürfte Thomas Häßler nur recht sein. Schon vor seinem 50. Geburtstag hatte der Berliner, den alle nur "Icke" nannten, gesagt: "Ich bin nicht der Freund großer Partys, ich gehe lieber mit meiner Frau essen. Da habe ich mehr von." Was er heute vor hat, drang nicht in die Öffentlichkeit. Keine der großen Sportzeitungen hat den Jubilar gewürdigt, auch über die Agenturen lief nichts. DFB.de gratuliert.
Einem breiteren Publikum erschien er zuletzt im Kinofilm über den WM-Sommer 1990 ("Ein Sommer in Italien"), als er mit seinem Geistesbruder Pierre Littbarski noch einmal über den Comer See schipperte und bemerkenswerte Einblicke in seine Seele gab. Wie stolz es ihn mache, wenn er mit Kindern trainiere und dann ein Vater seinem Filius sage: "Guck mal, der da ist ein Weltmeister."
Erst vor zwei Wochen hatte Häßler wieder die Gelegenheit dazu und zauberte zusammen mit einem anderen Helden von Rom, Guido Buchwald, im mittelhessischen Frohnhausen für Kids. Er ist also immer noch am Ball, der Icke, auch wenn die Karriere nach der Karriere durchaus Brüche aufweist, weil das Leben auch den Größten nicht jeden Tag zulächelt.
Dass er sowohl sein Finaltrikot als auch seine Weltmeistermedaille versteigert hat, mag irritieren. Er trat 2017 im Dschungelcamp auf und bei "Let’s dance", wo er doch die Show um das Spiel herum nie liebte. "Häßler, der scheue Star" (Süddeutsche Zeitung). "Häßler spielt im Leben defensiv." (Sports) hieß es schon zu aktiven Zeiten. Das wird seine Gründe haben, über die der Vater dreier Söhne heute an seinem Ehrentag trefflich sinnieren kann – und vielleicht sogar schmunzeln.
Die Marke "Icke"
Mag auch nach dem letzten Schlusspfiff manches schief gelaufen sein, so kann er sich sicher sein, dass die Leute, die ihn auftreten sahen, dafür immer lieben werden. Schön war die Zeit, als der "Icke" den Ball streichelte und die Gegenspieler ins Leere laufen ließ. Er war zu seiner Zeit eine Attraktion, heute wäre er fast eine Sensation. Spieler, die ins Dribbling gehen und es auch noch meist gewinnen – wo gibt’s denn so was? Und wie kam es?
Immer der Kleinste zu sein, mag manchmal von Nachteil sein, auf dem Fußballplatz war es das definitiv nicht. Seine Haken und Dribblings trieben ganze Abwehrreihen zur Verzweiflung und ganze Sitzreihen in Verzückung. Kurze, schnelle Drehungen, die mit 166 Zentimetern eben leichter sind als mit 190, verschafften ihm oft entscheidende Vorteile gegen weit robustere Spieler. Seine feine Technik prädestinierte ihn zum Freistoß-Spezialisten, dem Deutschland so manch erlösendes Tor zu verdanken hat. Nur einmal ist er vom Platz geflogen in 400 Bundesliga-Spielen, das war in seinem schwarzen Jahr 1998/99 bei Borussia Dortmund. Sauber blieb die Weste jedoch in 120 Serie A- Spielen, in seinen 19 Einsätzen für Austria Salzburg am Abend der Karriere und im Dress der A-Nationalmannschaft, das er stolze 101-mal trug.
Sein erstes Spiel bestritt der Junge aus dem Berliner Wedding für den BFC Meteor 08 im Alter von fünf Jahren, dann ging es schon zu den Reinickendorfer Füchsen. Die Schule schloss er mit der Mittleren Reife ab, die Lehre als Bauzeichner gar nicht. Denn da wusste er schon, was er wollte: Profi-Fußballer werden. Er war 17 und bereits U-Nationalspieler, als er die damalige Insel-Stadt Berlin verließ und in den Westen ging: zum 1. FC Köln. Dafür erhielten die Reinickendorfer Füchse 33.000 DM Ablöse. Er genoss seine neue Freiheit, nur professionell lebte er nicht. "In Discos war er zu Hause, in Bars, aber nicht auf dem Fußballplatz", wurde er 1993 in einem Fußball-Buch porträtiert.
Sein unstetes Leben freute insbesondere die Spediteure: siebenmal zog er in drei Jahren um. Zum Glück machte es irgendwann "Klick" bei dem Mann, der sich seinen Spitznamen quasi selbst gab. Weil er – janz Berliner – immer "icke" sagte, nannten sie ihn auch so: Icke Häßler wurde zur Marke.
Durchbruch beim 1. FC Köln
Am 24. September 1984 wurde der Icke auch Bundesligaspieler. Elf Minuten beim 6:1 gegen Borussia Dortmund. Es folgten zwei weitere harte Lehrjahre, sein erstes Bundesliga-Tor fiel im 43. Einsatz am 22. November 1986 zum 2:2 gegen Kaiserslautern, als er "die Lauterer mit einer schönen Körpertäuschung düpierte und überlegt einschoß", wie der Kicker vermeldete. Erst ab 1987/88 avancierte er unter Christoph Daum zum Stammspieler.
In den kommenden drei Jahren verpasste er nur ein Spiel und sein erster Bundesliga-Trainer Hannes Löhr nahm ihn mit zu Olympia, wo er 1988 in Seoul im Bronze-Team stand und dermaßen überzeugte, dass ihn Franz Beckenbauer im ersten Länderspiel nach der EM 1988 in Finnland debütieren ließ. "Ich wusste nach ein paar Minuten, dass er in Kürze in der A-Mannschaft spielen wird", bekannte der Kaiser.
1988/89 wurde die Saison seines Durchbruchs. Vize-Meister mit Köln, Nationalspieler und am Saisonende Fußballer des Jahres mit 216 Stimmen, deutlich vor Klaus Augenthaler (152) und Andy Möller (132). Beckenbauer gratulierte öffentlich: "Thomas Häßler ist eines der ganz großen Talente, die der deutsche Fußball in den letzten Jahren hervorbrachte [...]. Er hat mit seiner Technik, seinem Spielwitz, seiner Schnelligkeit, seinem Tordrang und der Art, einem Spiel seinen Stempel aufzudrücken, ungeahnte Möglichkeiten und bringt alle Voraussetzungen mit, um ein ganz Großer zu werden."
Für Millionen Fußball-Fans war er schon am 15. November 1989, sechs Tage nach dem Mauerfall, der Allergrößte. In Köln, in seinem Stadion, schoss er die Nationalelf im Krimi gegen Wales (2:1) zur WM nach Italien und die Nation lag einem Zwerg zu Füßen. Nach Italien reiste er in gedrückter Stimmung, denn nach der WM blieb er gleich dort. Er hatte ein Angebot von Juventus Turin angenommen, aber Zweifel plagten ihn, ob es das Richtige gewesen sei. Er allein in einem fremden Land.
Als Weltmeister in Italien geblieben
Der rührende Abschied der Kollegen, die ihm ein Ständchen sangen ("Echte Fründe ston zesamme") tat sein Übriges. Häßler spielte keine gute WM, pendelte zwischen Platz und Bank, verpasste Achtel- und Viertelfinale. Im Halbfinale gegen England wurde er ausgewechselt. Er blieb ein Wackelkandidat, doch am 8. Juli stand er in Rom wieder auf dem Platz – die vollen 90 Minuten. Den Ausschlag, gab Beckenbauer offen zu, gab sein Tor gegen Wales. Dankbarkeit im Fußball-Geschäft – es gibt sie doch.
Als Weltmeister trat Icke seinen Dienst in Turin an, mit einem 15 Millionen-DM schweren Rucksack. Nie war ein Bundesliga-Spieler teurer gewesen. Für ihn war er zu schwer, nach einem Jahr beendete er das Kapitel Juventus. Mit Ehefrau Angela an seiner Seite wechselte er nach Rom, wo Rudi Völler schon auf ihn wartete. Nun folgten drei glückliche Jahre unter Italiens Sonne, wenn auch kein Titel hinzukam bei AS.
Zur EM 1992 aber fuhr er in Hochform, was alle Welt sehen konnte. Seine Freistoßtore, in letzter Minute gegen die Russen in der Vorrunde (zum 1:1), und im Halbfinale gegen die Schweden (3:2) bahnten den Weg ins Finale, das aber verloren wurde. Er jedoch ging als Sieger der schwedischen Wochen hervor, wurde als bester Spieler der EM ausgezeichnet und belegte bei der Wahl zum Weltfußballer des Jahres den dritten Platz. In Deutschland wurde er zum zweiten Mal die Nummer eins und der Kicker schrieb: "Wo Häßler ist, ist der Mittelpunkt des Spiels." Günter Netzer nannte ihn einen "der perfektesten Fußballer der Welt".
Als der Italien-Boom nach Deutschlands Entthronung bei der WM 1994, bei der auch Häßler enttäuschte, allmählich abebbte, zog es den Icke wieder Richtung Heimat. Es war freilich eine neue Heimat, der Karlsruher SC landete im Sommer 1994 für 6,1 Millionen DM einen echten Überraschungs-Coup. Im KSC-Dress wurde Häßler zwei Jahre später in England Europameister. Wieder mussten sie sich intern um ihn kümmern, dem ewig Sensiblen setzte das verlorene Pokalfinale gegen Kaiserslautern noch zu. An seine Leistungen von 1992 kam er nicht heran, aber seine Ballsicherheit und Routine tat der von zahlreichen Ausfällen geplagten Mannschaft gut. Im Elfmeterschießen gegen die Engländer bewies er Nervenstärke. Als einer von vier Helden von Rom durfte er sich also nun auch Europameister nennen.
100er-Klub: Sechs Turniere in Folge
Damit hatte er den Gipfel seiner Karriere erreicht, es musste geradezu bergab gehen. 1998 stieg Häßler zum einzigen Mal in seinem Leben ab – mit dem KSC. Wieder fuhr er frustriert zu einem Turnier, der WM in Frankreich. Er bestritt vier von fünf Spielen – Aus im Viertelfinale. Häßler war 32 und trat zurück, konzentrierte sich auf seinen neuen Verein Borussia Dortmund. Dort wartete der nächste Tiefpunkt, Jung-Trainer Michael Skibbe bot ihn nur achtmal in der Startelf auf. Ein Bild, das ihn mit einer Wasserkiste zeigte, erhielt Symbolcharakter. Ein Weltmeister als Wasserträger.
Beide Seiten beendeten das Missverständnis nach einem Jahr und Häßler fand bei 1860 München einen neuen Arbeitgeber. In 115 weiteren Bundesliga-Spielen kam er bis 2003 noch auf 21 Tore und erst im Jahr eins nach Icke stiegen die Löwen ab.
Sein Formanstieg war so eklatant wie der Formverfall der Nationalelf nach der WM in Frankreich und so klopfte Bundestrainer Erich Ribbeck im Frühjahr 2000 bei Häßler an. Mit Erfolg. Vielleicht war es ein Fehler, dass er noch an der fatalen EM in Belgien und den Niederlanden teilnahm, aber immerhin brachte sie ihn in den exklusiven Hunderter-Klub. Nur wenige können zudem sagen, für Deutschland sechs Turniere in Folge gespielt zu haben. Und sein positives Image als WM-Held und Liebling der Kinder, deren Herzen er 1990 mit einer "Dingsda"-Parodie gemeinsam mit Pierre Littbarski eroberte, ist unzerstörbar.
Nach der 2004 in Salzburg beendeten Karriere war Häßler lange auf der Suche nach dem richtigen Platz im Leben. Jobs als Technik-Trainer beim 1. FC Köln, Assistent von Berti Vogts in Nigeria, Sport-Direktor im Iran, die besagten TV-Auftritte und Zeiten, in denen er "nur die Wand angestarrt hat", liegen hinter ihm. In Berlin startete er 2015 seine Trainerkarriere bei einem Achtligisten, 2025 endete sie vorläufig (oder endgültig?) beim FC Spandau 06. Weil der Verein seine besten Spieler verlor, trat er vor Saisonstart zurück. Alles ließ der gutmütige Icke eben nicht mit sich machen.
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Autor: um

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