Männer-Nationalmannschaft
Vom 6:1 bis zum Zitterspiel: Deutschlands Duelle mit Ghana

Am Montag trifft Deutschland zum vierten Mal auf Ghana. Noch ist man ungeschlagen, aber - Vorsicht - die Ergebnisse wurden immer knapper. Zwei Duelle ergaben sich bei WM-Endrunden. DFB.de blickt zurück.
Erste Begegnung in Bochum
Mit dem westafrikanischen Staat Ghana hatte der deutsche Fußball bis zu jenem 14. April 1993 nur wenige Berührungspunkte gehabt. Ghana hatte im Fußball bis dahin keine große Rolle gespielt, bei Weltmeisterschaften war man sich nie begegnet, denn Ghana spielte bis 2006 nie mit. Erst wenige Wochen vor dem Spiel hatte man auch die Qualifikation für Amerika 1994 verpasst, weshalb der deutsche Auswahltrainer Otto Pfister gehen musste. Bei Kontinentalturnieren war ein Treffen natürlich schlicht unmöglich. So musste also ein Testspiel den Anfang machen. In Bochum füllten 37.000 Zuschauer das Ruhrstadion, durchaus neugierig auf in der Bundesliga längst bekannte Spieler wie Anthony Baffoe (damals beim FC Metz), Frankfurts Anthony Yeboah, der zwei Monate später als erster Afrikaner Torschützenkönig werden sollte oder Charles Akonnor (Fortuna Köln). Zudem hatte man Wunderdinge von den Talenten Nii Lamptey (RSC Anderlecht) und Abedi Pele (Marseille) gehört. 1991 war Ghana U 17-Weltmeister geworden, einige der Talente waren nun oben angekommen.
Yeboah hatte in Frankfurt längst einen eigenen Fanklub aus Landsleuten, die sich Karten gesichert hatten. Yeboah versprach: "Bochum wird eine afrikanische Nacht erleben. Meine Landsleute kommen aus ganz Europa. Deutschland muss aufpassen!" Der Heimvorteil war also nicht so ganz selbstverständlich wie sonst, aber natürlich war der amtierende Weltmeister der große Favorit. Der Kicker warnte dennoch auf der Titelseite: "Gelbe Gefahr vom Schwarzen Kontinent". Gelb waren die Trikots der Ghanaer.
Bundestrainer Berti Vogts, seit dem verlorenen EM-Finale 1992 zunehmend in der Kritik, appellierte an das Ehrgefühl: "Ich kann es nicht mehr hören, wenn es heißt: das ist doch nur ein Freundschaftsspiel. Es muss doch das Größte für einen Spieler sein, das Nationaltrikot zu tragen."
Torrekord im Freundschaftsspiel
Mit sieben Weltmeistern ging Deutschland in die Partie, die Länderspielerfahrung betrug 35,5 im Schnitt. Ghana schickte drei Teenager aufs Feld, kam auf insgesamt 125 Spiele (Schnitt: 11,4). Wer also bitte sollte dieses Spiel gewinnen? Dass Fußball keine Mathematik ist, zeigte sich freilich in der ersten Hälfte. Während den Deutschen bei allem Eifer nur ein zu Recht annulliertes Handtor von Jürgen Klinsmann glückte, legte Ghana nach 44 Minuten vor: Abedi Peles Schuss wurde von Thomas Helmer an die Latte gelenkt, Prince Polley staubte ab. 0:1 zur Pause – das entsprach nicht dem Spielverlauf, aber auch nicht den Ansprüchen. Auf den Rängen wurde es unruhig, schon nach 30 Minuten hatte es "Berti raus"-Ruf gegeben. Der Kicker tadelte: "Eine überzogene Reaktion angesichts des Bemühens der deutschen Mannschaft und der ansehnlichen ersten 30 Minuten."
Vogts wechselte in der Halbzeit Ulf Kirsten für Karl-Heinz Riedle ein – und damit den Ausgleich. Der Joker stach nach 69 Minuten und löste einen nie gesehenen Schlussspurt der Nationalmannschaft aus. In den folgenden 19 Minuten fielen fünf weitere Tore, am Ende hieß es 6:1 und das Publikum feierte die Sieger. Die Tore erzielten der überragende Stefan Effenberg (70., 82.), damals beim AC Florenz, Jürgen Klinsmann (70., 86.) vom AS Monaco und Joker Andreas Möller (88.) von Juventus Turin. Fertig war der historische "Six-Pack" der Nationalelf. Historisch wegen des rasanten Endspurts.
1969 fielen beim 12:0 gegen Zypern sechs Tore zwar sogar binnen elf Minuten, aber das fühlte sich nicht so an, weil die Halbzeit dazwischen lag. In den letzten 21 Minuten hat sonst keine DFB-Elf jemals sechs Tore geschossen. Vogts sagte stolz: "Es war das beste Länderspiel seit eineinhalb Jahren." Und eins für die Geschichtsbücher.
Das Bruder-Duell bei der WM-Premiere
Am 23. Juni 2010 kam es in Johannesburg zum Showdown um den Einzug ins Achtelfinale der Südafrika-WM. Ghana war mit vier Punkten Tabellenführer, Deutschland mit drei Zweiter und mit einem Auge schielten beide auf das Parallelspiel zwischen Australien und Serbien. Nur ein Sieg hätte Sicherheit gegeben. Die Elf von Joachim Löw musste auf den gesperrten Routinier Miroslav Klose verzichten musste. Ihn ersetzte Cacau, für Holger Badstuber verteidigte Jerome Boateng. Damit kam es zu einem WM-Novum, spielten doch erstmals Brüder gegeneinander; auf Ghanas Seite stand Kevin-Prince Boateng, durch dessen Foul im englischen Pokalfinale Michael Ballack auf die WM hatte verzichten müssen. Ghanas Boateng gab der deutschen Presse keine Interviews, sagte nur: "Die Antwort gibt es auf dem Platz." In Ghanas Kader gab es zudem Ärger, Trainer Milovan Rejavac hatte Super-Star Suley Muntari (Inter Mailand) suspendiert, weil der ihn und einige Mitspieler beschimpft hatte. Auf Bitten der Mannschaft wurde er begnadigt.
Noch ein Novum brachte der Tag von Johannesburg: Erstmals spielte Deutschland bei einer WM ganz in Schwarz. Die Bild forderte am Spieltag: "Siegt! Sonst lacht die ganze Welt über uns." Vorsichtshalber hatte der DFB trotzdem den Rückflug schon gebucht, für den nächsten Tag. 83.391 Zuschauer fieberten mit, ein Großteil mit Ghana, dem besten afrikanischen Vertreter der WM. Ungewohnt waren die Temperaturen (3 Grad im afrikanischen Winter) und die dünne Luft, Johannesburg liegt in 1800 Meter Höhe. Bundestrainer Joachim Löw trug erstmals einen Schal über dem blauen Cashmere-Pulli, seinem Glücksbringer.
Ein knapper Sieg für das DFB-Team
Die große Nervosität auf beiden Seiten produzierte groteske Szenen wie ein Foul von Bastian Schweinsteiger an Mitspieler Sami Khedira. Lukas Podolski hatte die erste Chance, Jonathan Mensah lenkte seinen Schuss gefährlich ab, Torwart Richard Kingson, die Nummer 1 von Wigan Athletic, wehrte zur Ecke ab. Kurz darauf rettete Schweinsteiger einen Schuss von Asamoah Gyan auf der eigenen Linie. Als Per Mertesacker den Ball an Andrè Ayew verlor, konnte nur noch einer helfen – Manuel Neuer schnappte ihm die Kugel vom Fuß. Dann bot sich Mesut Özil die Mega-Chance, doch er schoss den Keeper an (25.). Im Gegenzug musste Lahm mit der Brust Gyans Kopfball von der Linie schlagen. Klose-Vertreter Cacau machte sich nach einer halben Stunde erstmals bemerkbar, Kingson hielt seinen 16-Meter-Schuss. Mehr Mühe hatte er mit einem Schweinsteiger-Aufsetzer aus 25 Metern. "Als wir in die Halbzeit gehen, hat Manuel Neuer schon mehr Schüsse auf sein Tor bekommen als in den ersten beiden Spielen zusammen", stellte Lahm in seinem Buch Der feine Unterschied fest. Dennoch stand es 0:0 – ebenso im Parallelspiel.
Nach 51 Minuten unterlief dem an diesem Tag unkonzentrierten Mertesacker ein schwerer Fehler im Luftduell und Kwadmo Asamoah lief allein auf Manuel Neuer zu – aber der machte sich breit und parierte (51.). Die Deutschen litten bis zur 60. Minute, dann kam der wohl größte Moment von Mesut Özil im DFB-Trikot. Der Bundestrainer hatte ihm noch zur Pause prophezeit, ein Tor zu machen – und er gehorchte. Aus 20 Metern verwertete er ein Zuspiel von Thomas Müller mit seinem starken linken Fuß. Einmal ließ er den Ball noch aufspringen, traf ihn dann Vollspann. Unhaltbar für Kingson, den Bild im Vorfeld als "Fliegenfänger" verspottete.
ARD-Kommentator Tom Bartels lobte: "Ein grandioser Treffer. Deutschland in Führung nach einem Traumtor von Mesut Özil." Glaubt man Özil, war es ganz einfach: "Vor mir stand keiner, da habe ich einfach geschossen." Schon im Gegenzug wackelte die Führung, Prince Tagoe setzte den Ball aus einer Distanz von einem Meter neben den Pfosten – auch weil Jerome Boateng ihn bedrängte. In der 66. Minute schon kam es zur letzten Chance des Spiels, Lahm blockte einen Schuss von Ayew und verhinderte Schlimmeres.
Löw wechselte in den letzten 25 Minuten dreimal aus: Boateng und Schweinsteiger waren verletzt, Müller wurde ein taktisches Opfer. Hinterher war alles richtig, es reichte zum Zittersieg und zum Achtelfinale. Sie jubelten nicht alleine auf dem Platz, denn weil Australien überraschend die Serben 2:1 schlug, war auch Ghana weiter – ideal für die Boateng-Brüder. "Ich freue mich, dass Ghana und mein Bruder weiter gekommen sind", sagte Jerome.
Die Revanche in Brasilien
Schon bei der nächsten WM sah man sich wieder. Am 21. Juni 2014 absolvierten sie in Fortaleza (Brasilien) das zweite Gruppenspiel. Und wie 2010 begegneten sich die Boateng-Brüder wieder. Jerome vertrat nun die Bayern und Ghanas Kevin-Prince den FC Schalke 04. Damit war er der einzige Bundesliga-Legionär im Team der Afrikaner und für die deutschen Medien besonders interessant: "Wir wissen alle, dass es keine leichte Aufgabe gegen Deutschland wird. Aber wir bereiten uns intensiv vor und werden alles geben.", versprach der ältere der Boateng, der beim 1:2 gegen die USA nur Reservist gewesen war und das nicht gut verkraftete: "Normalerweise spielt bei einer WM die beste Mannschaft. Unser Trainer sieht das wohl anders." Den Deutschen hatte er schon vorher attestiert: "Sie haben keine Typen."
Im DFB-Quartier bangte man bis zuletzt um Mats Hummels, aber die Ärzte bekamen ihn fit, so dass die zum Auftakt siegreiche Elf (4:0 gegen Portugal) auflief.
Das Spiel wurde um 16 Uhr angepfiffen, man maß 30 Grad und eine Luftfeuchtigkeit von 61%. Unter den fast 60.000 Zuschauer waren 17.000 Deutsche. Die waren zunächst unzufrieden mit ihrer Mannschaft, die vom Pressing der Ghanaer überrascht wurde und etliche Chancen zuließ. Gyan Asamoah, Christian Atsu und Sulley Muntari hatten in der ersten halben Stunde das 1:0 auf dem Fuß, aber Manuel Neuer hatte etwas dagegen. Sami Khedira war der erste, der Torwart Fatawu Dauda prüfte. Zweimal fehlen Thomas Müller wenige Zentimeter; mal um das Tor, mal um den Ball zu treffen. Als Muntari, der beim AC Mailand spielte, aus 23 Metern abzog, parierte Neuer mit den Fäusten. Dann spielte Mesut Özil einen genialen Pass auf Mario Götze, der aus 16 Metern volley abzog, Dauda fing den Ball. Ohne Tore ging es in die Pause, aus der Jerome Boateng nicht wieder kam. Muskuläre Probleme beendeten seinen Einsatz, Shkodran Mustafi ersetzte ihn.
Die Retter von der Bank
Nach 51 Minuten war der Einzug ins Achtelfinale plötzlich greifbar. Thomas Müller flankte auf Götze. Der köpfte sich den Ball aufs Knie, woraus ein unorthodoxer Torschuss wurde – und daraus ein Tor. Die Führung hielt nur drei Minuten, da kassierte Neuer sein erstes Tor in Brasilien. Es war unhaltbar, Jubilar Per Mertesacker (100. Länderspiel) und Mustafi ließen André Ayew ziemlich unbedrängt einköpfen. Nun machte sich Unruhe breit, die Mannschaft stand nicht kompakt, im Mittelfeld gab es große Löcher, weil beide Seiten zur Freude der Zuschauer den offenen Schlagabtausch suchten. Als sogar Philipp Lahm einen Fehlpass spielte, wurde es kritisch: Muntari schickte Gyan auf die Reise, der aus halbrechter Position Neuer überwand – 1:2 nach 63 Minuten. Acht lange Minuten, die einzigen bei dieser WM, lag Deutschland zurück und hatte noch Riesenglück, als drei Ghanaer bei einem Konter gegen einen deutschen Verteidiger auf Neuer zurennen und so ungeschickt spielten, dass der Schiedsrichter auf Abseits erkannte. "Wir haben taktisch nicht abgerufen, was wir wollten", wird Khedira, der einen schwachen Tag hatte, später zugeben. "Drama ohne Mittelfeld – Nach dem 2:2 gegen Ghana hadern die deutschen Spieler mit ihrer taktischen Unreife", hieß es danach in der Frankfurter Rundschau.
Retter wurden dringend gesucht und sie kamen – von der Bank. Löw brachte erstmals bei dieser WM seine Routiniers Miroslav Klose und Bastian Schweinsteiger. Der Münchner war eine Minute auf dem Feld, da zirkelte er eine Ecke auf Benedikt Höwedes, der per Kopf an den langen Pfosten verlängerte. Und wer stand da? ARD-Reporter Tom Bartels klärte auf: "Tor für Deutschland, Klose hat’s gemacht!" Mit dem rechten Fuß rutschte der mittlerweile 36-Jährige in die Flugbahn und drückte den Ball über die Linie. Nach seinem 15. WM-Tor, mit dem er Weltrekordhalter Ronaldo von Gastgeber Brasilien einholte, sah die Welt endlich wieder seinen Jubel-Salto, den er 2002 uraufgeführt hat. Diesmal landete er allerdings auf dem Hosenboden und dachte sich: "Salto kann ich auch nicht mehr, man sieht dass ich außer Übung bin." In der 84. Minute hatte Müller sogar das Siegtor auf dem Fuß, doch während gegen Portugal jeder Schuss drin war, hatte auch der Torjäger nun einen gebrauchten Tag. So blieb es beim gerechten 2:2, das in Deutschland für einige Ernüchterung sorgte. Toni Kroos mahnte: "Wir sollten uns auf einen solchen Schlagabtausch nicht einlassen. Das haben wir nicht nötig. Wir können die Spiele auch gewinnen, wenn wir uns aus einer stabilen Defensive heraus bewegen. Wir hätten heute auch verlieren können."
Kategorien: Männer-Nationalmannschaft
Autor: um

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