Talentförderung

Trainingsphilosophie: "Entwicklung hat kein Ablaufdatum"

03.09.2026
"Da müssen wir gemeinsam anpacken": das TPD-Kompetenzteam um Hanno Balitsch, Lena Lotzen und Hannes Wolf (v.l.) Foto: Thomas Böcker/DFB

Lena LotzenHanno Balitsch und Hannes Wolf gehörten von Beginn an zum Kompetenzteam, das hinter der Trainingsphilosophie Deutschland (TPD) steht. Im Interview mit dem neuen DFB-Journal sprechen sie über die Entwicklung der TPD, über Mythen, die mit ihr verbunden sind, und über neue Spielformen ab der Saison 2027/2028.

Frage: Frau Lotzen, Herr Wolf und Herr Balitsch, wie geht man die Aufgabe an, eine Trainingsphilosophie für das Fußballland Deutschland zu entwickeln, wie sahen die ersten Schritte und die ersten Treffen aus? 

Hannes Wolf: Ich erinnere mich noch an das erste Telefonat mit Lena. Ich habe sie angerufen und ihr gesagt, dass wir Ideen haben, über die ich gerne mit ihr reden würde. Bei Hanno war es informeller, weil er bereits in einem Trainerteam beim DFB war. Bei Tagungen haben wir uns angeschaut und gesagt: "Das ist es nicht. Wir müssen mehr machen, wir müssen klarer sein." 

Lena Lotzen: Ich weiß noch, wie Hannes mich damals angerufen und sich nach meiner Perspektive erkundigt hat. Und wie er schließlich fragte, ob ich Lust hätte, das mit anzuschieben. Das war mein Startpunkt. Ich war erst drei oder vier Jahre aus dem aktiven Fußball draußen und dachte durch diesen Anstoß erstmals konkret darüber nach, was in der Breite des Fußballs passiert. Wie haben wir früher trainiert, wie wird heute vielerorts trainiert? Und schnell hatte ich den Gedanken: Da müssen wir gemeinsam anpacken.

Hanno Balitsch: Entscheidend war, dass Hannes Schritt für Schritt Erfahrungswerte eingesammelt hat. Ihm ging es nicht darum, seine persönliche Trainingsidee in Deutschland zu verbreiten, sondern erst einmal darum: Was haben wir schon? Und was ist gut? Hannes hat nach und nach immer mehr Leute gefragt und ihre Meinungen eingeholt. Später kamen Peter Hermann und Hermann Gerland als "alte Garde" hinzu, außerdem neben uns noch weitere ehemalige Spieler. So flossen sehr unterschiedliche Perspektiven ein. Toni Di Salvo und ich brachten zum Beispiel ein, wie das Training bei unseren Söhnen aussieht, wie wir im Amateurverein involviert sind und was wir dort beobachten. Nach und nach setzte sich ein Bild zusammen. Das erste richtige Treffen war, glaube ich, ein großer Call. Danach nutzten wir bei Tagungen jede Gelegenheit, die Köpfe zusammenzustecken und uns als Gruppe auszutauschen. Uns war wichtig, breit aufgestellt aufzutreten und nicht als Einzelmeinung etwas loszutreten, von dem nicht alle überzeugt sind. Wenn wir über die Anfänge und die Inhalte reden: Relativ schnell kamen wir zur Frage der intuitiven Spielkompetenz, das war der erste Diskussionspunkt.

Wolf: Die höchste Form von Kompetenz ist, wenn du im Flow bist, wenn du auf dem Feld intuitiv richtig handelst. Die Frage war: Warum trainieren wir dann nicht in genau diesem Zustand? Dafür bräuchten wir Trainingsformen, in denen gespielt wird und in denen man in diesen Flow kommt. Daraus ist vieles entstanden. Unsere Erkenntnis war, dass wir zu wenig spielen, zu wenige Fußballaktionen haben und zu wenig Kreativität und Intuition fördern.

Lotzen: Ich bin mit einem kleinen Jungs-Team aufgewachsen. Ich hatte dort nicht das beste Training, aber ich hatte den Bolzplatz. Das waren genau diese Momente: egal ob 2-gegen-2 oder 4-gegen-4. Du merkst nicht, wie die Zeit vergeht, weil du ständig spielst, den Ball hast, Optionen hast, offensiv und defensiv gefordert bist. Da hat es bei mir Klick gemacht – für mich war klar: Das brauchen wir wieder stärker im Training. Warum trainieren wir nicht das, was am meisten Spaß macht?

Frage: Frau Lotzen, Herr Balitsch: Hätten Sie sich rückblickend auf Ihre Profikarrieren mehr kleine Spielformen im Training gewünscht? 

Balitsch: Wir haben vielleicht einmal pro Woche in einer Intensiveinheit auf einem kleinen Feld trainiert. Der große Unterschied war: Es gab nur ein Feld. Dort spielte man etwa 4-gegen-4 in Turnierform; die anderen Spieler liefen gleichzeitig Runden, machten eine Stabilisationseinheit, eine Technikübung oder etwas anderes. Mehrere Spielfelder parallel gab es im Profibereich zu meiner Zeit nicht oder äußerst selten – zumindest nicht in der klaren, strukturierten Form der Trainingsphilosophie. Kleinfeldspiele kannte ich aus meiner Jugend vor allem aus der Freizeit.

Lotzen: Bei mir war es ähnlich. Weil ich im Jugendfußball nicht in professionellen Strukturen aufgewachsen bin, haben wir grundsätzlich viel gespielt, aber nicht auf kleineren oder mehreren Feldern, sondern häufig 8-gegen-8. Wer den Ball wollte und aktiv war, entwickelte sich darin weiter. Ich konnte mich in diesem Setting entwickeln, aber die Frage ist: Wie viel weiter wäre es gegangen, wenn ich noch häufiger den Ball gehabt hätte? Gezielt in kleinen Spielformen haben wir nicht trainiert. Diese Situationen entstanden eher auf dem Bolzplatz. Später in meiner Karriere spielten wir ebenfalls 4-gegen-4, aber meist als intensive Einheit einmal pro Woche, ohne gezielte Akzente oder spezifischen Schwerpunkt und ohne zweites Feld.

Wolf: Wir können hier direkt mit einem Mythos aufräumen: Keiner von uns will, dass ausschließlich so trainiert wird. Aus unserer Perspektive haben wir diese Formen aber zu wenig genutzt, und in ihrer Gestaltung steckt enormes Potenzial. Wir reden vom Kern des Trainings, der im Jugendbereich zwei Einheiten zu großen Teilen füllen soll. Darüber hinaus muss in anderen Rhythmen trainiert werden und auch in anderen Sportarten. All das ist wichtig. Es geht nicht darum, 16-mal drei Minuten kleine Spielformen zu spielen und zu glauben, danach würden alle Profis. Die Antwort auf die Frage "Spielen wir jetzt nur noch 3-gegen-3?" ist: Nein! Das hat keiner von uns jemals gedacht.

Das komplette Interview gibt’s hier

Kategorien: Talentförderung, DER DFB, Trainer

Autor: jf