Talentförderung

TPD im Profifußball: Viel hilft viel

05.10.2026
TPD: "Durch kleine Spielformen auf mehreren Feldern werden alle Spieler besser" Foto: VfB Stuttgart

Die Trainingsphilosophie Deutschland (TPD) setzt auf individuelle Entwicklung in kleinen Teams. Vier Verantwortliche aus dem Profifußball zeigen, wie unterschiedlich das aussehen kann – vom Übergang in die 3. Liga über Schulkooperationen bis zur gezielten Arbeit an Strafraumsituationen. Gemein ist allen der gleiche Ansatz: spielen, spielen, spielen. Das neue DFB-Journal berichtet.

Der Anspruch ist groß: das Training für alle verbessern. Im Amateurverein ebenso wie im Leistungszentrum und im Profiklub. Wie die TPD in kleineren Vereinen wie dem TSV Diedorf vorgestellt wird oder an der Oberschule Lachendorf in die bewegte Pause einzieht, haben wir in diesem Journal bereits gezeigt. Doch wie arbeiten Profiklubs mit den Prinzipien der TPD? Was können kleine Spielformen im Übergang zum Profifußball leisten? Und wie lassen sie sich in gewachsene Ausbildungskonzepte integrieren?

DFB-Direktor Hannes Wolf formuliert den Anspruch bewusst weit: "Durch kleine Spielformen auf mehreren Feldern werden alle Spieler besser. Der Kreisklassenkicker wird zum Bezirksligaspieler, jemand aus der Verbands- schafft es in die Oberliga." Und so weiter. Im Zentrum stehen die individuelle Entwicklung sowie Freude, Intensität und Wiederholung. Gemeint ist keine Methode nur für den Einstieg in den Fußball. Auch Talente auf dem Weg in den Profibereich sollen von vielen Ballaktionen, Entscheidungen, Zweikämpfen und Torabschlüssen profitieren.

"Macht etwas mit den Spielern, wenn sie klein spielen müssen"

Nico Willig ist seit mehr als 20 Jahren Trainer. In der Saison 2025/26 führte er die U 21 des VfB Stuttgart zum Klassenerhalt in der 3. Liga. Er arbeitet mit Spielern im Übergangsbereich; die meisten von ihnen sind zwischen 18 und 21 Jahre alt. Kleine Spielformen begleiten ihn durch sein gesamtes Trainerleben. Seine Erfahrungen gibt Willig weiter. Mit Wolf war er bereits im Austausch, bevor die YouTube-Reihe "Nachwuchstraining" startete. "Hannes hat mir immer wieder Spielformen geschickt und mich nach meiner Meinung dazu gefragt. So kam es auch, dass ich im örtlichen Dorfverein meines Sohnes eine Fortbildung zu kleinen Spielformen gehalten und mich bei einer weiteren zur 'Schule des Kleinfeldfußballs' engagiert habe. Weniger offiziell, eher als pragmatische Hilfestellung für neue Trainerinnen und Trainer an der Basis."

Bis zur E-Jugend trainierte Willig, wie viele Eltern, seinen Sohn beim TSV Frommern selbst. Einmal pro Woche ließ er dort in kleinen Teams spielen – ein Ansatz, der heute die TPD prägt. Das machte ihm Spaß; zugleich ist er überzeugt, dass die jungen Spieler davon profitieren. Das 9-gegen-9 in der D-Jugend sieht Willig seit jeher kritisch. Lieber nutzt er kleine Spielformen, besonders gern das 5-gegen-5: "Insbesondere im Winter, wenn wenig Platz zur Verfügung steht. Da habe ich schnell gemerkt, dass es etwas mit den Spielern macht, wenn sie klein spielen müssen. Sie entwickeln sich innerhalb kürzester Zeit weiter".

Wie kurz diese Zeit tatsächlich ist, lässt sich nicht pauschal beantworten. Willig beschreibt seine Erfahrung aus dem Aufbaubereich so: "Wenn du mit einer E-Jugend ein halbes Jahr lang viel klein trainierst, siehst du extreme Fortschritte. Nach ein, zwei Jahren merkst du, wie alles ineinandergreift und aus einem mittelmäßigen Jahrgang ein richtig guter wird. Das sehe ich auch bei Jugendspielern hier beim VfB." In seinem aktuellen Arbeitsumfeld erkennt er neben der Motivation einen weiteren Vorteil. "Die größte Baustelle einer jungen Mannschaft in der 3. Liga ist das Verhalten in beiden Strafräumen. Im letzten Bereich des Spiels effektiv zu sein – das ist die Herausforderung." Kleine Spielformen seien dafür besonders geeignet, "dort machst du nichts anderes, als in diesen engen Räumen zu spielen."

Große Dosis kleiner Spiele

Für Willig ist das Potenzial der TPD deshalb mit dem Ende der Jugendzeit nicht ausgeschöpft. "Spieler im Übergangsbereich bekommen sowohl in der U 19 unter meinem Nachfolger Tobias Rathgeb als auch bei mir in der U 21 und auch bei den Profis durch Sebastian Hoeneß eine große Dosis kleiner Spiele", sagt er. In jeder Trainingswoche gebe es einen Tag mit Überzahlspielen und einen weiteren mit kleinen Gleichzahlspielen. "Ein Merkmal meiner Mannschaft soll sein, dass sie mit großer Spielfreude auftritt", sagt Willig. "Das muss man meinen Spielern ansehen, wenn sie auf den Platz kommen. Sie sollen Bock haben zu zocken, Bock haben zu kicken. Um das zu erreichen, lasse ich viel frei spielen. Dafür sind hohe Netto-Spielzeiten in kleinen Spielfeldern elementar."

Noch etwas weiter südlich entwickelt Martin Schweizer als Sportlicher Leiter der Fußballschule Talente in Freiburg weiter. Sehr erfolgreich, wie die hohe Durchlässigkeit in die zuletzt sehr erfolgreiche Profimannschaft des SC beweist. Früh im Gespräch verweist er auf die Einrichtung "Sportquartiere": "Wir machen allen Freiburger Grundschulen ein Bewegungs- und Qualifizierungsangebot. Wir vernetzen Vereine mit Kitas, Kindergärten und Schulen und bringen so unsere SC-Elemente ein."

Schweizer begrüßt, dass die TPD dort verankert wird. "Die Schule ist der größte Hebel. Dort erreichen wir alle Kinder. Und das, was in der Schule passiert, muss danach von den Vereinen auf dem Platz fortgeführt werden." Den Wert kleiner Spielformen sieht er vor allem in der hohen Zahl an Ballaktionen und Lernsituationen. Zwei Aspekte der TPD imponieren ihm besonders. Als Vereinsvertreter weiß er, dass der Großteil der Ausbildung in den Leistungszentren wie dem Freiburger passiert. Wenn Hannes Wolf seine Kollegen der anderen 57 Leistungszentren und ihn in regelmäßigen Abständen am DFB-Campus zusammenruft, könne die Riege daraus einen großen Mehrwert ziehen.

"Nicht mit tausend Hütchen auf dem Platz zu Tode üben"

Als "elegant" bezeichnet Schweizer außerdem den Ansatz, neben dem Fußball andere Spielsportarten einzubeziehen – besonders in der Schule. "Das denken wir in Freiburg auch so mit, haben zum Beispiel eine Kooperation mit den Eisvögeln, der Frauen-Basketball-Bundesligamannschaft. Wir wollen die Sportarten, genau wie Hannes, miteinander vereinen." Den Spielsportarten gemeinsam ist die Bedeutung einer hohen Nettospielzeit: also jener Minuten, in denen die Spieler*innen tatsächlich aktiv sind. "Wir dokumentieren zum Beispiel in der U 15 minutengenau, wie viel die Spieler davon in kleinen Spielformen pro Woche bekommen", erklärt Schweizer. Liegt der Wert unter dem von Wolf für diese Altersstufe genannten Ziel von mindestens 48 Minuten pro Spieler*in und Woche, steuern die Freiburger individuell nach.

Dieter Frey und seine Kollegen haben in den vergangenen Jahren einige der größten Hoffnungsträger noch besser gemacht: Nathaniel Brown, Finn Jeltsch oder Can Uzun durchliefen erst den Nachwuchs des 1. FC Nürnberg und brachten dem "Club" später hohe Ablösesummen ein. Welche Gedanken in der Ausbildung stehen hinter diesen sportlichen wie finanziellen Erfolgen? Die Nürnberger haben die TPD nicht einfach nur für sich übernommen. Sie sind Vordenker. Während der Corona-Zeit haben sie an einer eigenen Spiel- und Trainingsidee gefeilt. Frey sagt: "Unser oberster Trainingsgrundsatz lautet: Fußball durch Fußball, also Spielen erlernen."

Seine weiteren Ausführungen decken sich mit den TPD-Grundsätzen. Etwa, dass "wir uns nicht mit tausend Hütchen auf dem Platz zu Tode üben wollen." Stattdessen sagt der studierte Pädagoge: "Wir wollen einen möglichst niedrigen Betreuungsschlüssel für den Ball." Wenige Spieler für viele Bälle. In Nürnberg trifft die TPD auf eine gewachsene, vom kompletten Verein getragene Ausbildungsidee. Beispielhaft dafür nennt Frey das Training der Nürnberger U 23. In der vergangenen Saison sicherte sich die Mannschaft von Trainer Andreas Wolf den Meistertitel in der Regionalliga Bayern. "Turnierformen im 4-gegen-4, 5-gegen-5 oder 6-gegen-6 sind fast jede Woche Gegenstand des Trainings", sagt Frey.

Kleine Spielformen nicht isoliert betrachten

Wichtig ist ihm, dass die Übungen in kleinen Spielformen zwar einen wesentlichen Teil des Trainings bilden, aber nicht isoliert zu betrachten sind: "Man muss ja auch immer bedenken, welche wichtigen Fähigkeiten in kleinen Spielformen zu wenig oder gar nicht geübt werden", sagt er. Dies solle in einem Zwischenblock aufgefangen werden, der beim FCN vor allem über Individualtrainings abgedeckt werde. Die Frage sei: "Was sind Schlüsselfähigkeiten allgemein und für bestimmte Positionen? Und was davon kommt im regulären Training bei uns zu wenig vor? Diese Inhalte wie zum Beispiel Flanken oder Defensivkopfbälle packen wir dann intensiv in das Individualtraining."

Michael Wiesinger hat Brown, Jeltsch und Uzun während ihrer Zeit in Franken eng begleitet. Mittlerweile ist er innerhalb Bayerns gewechselt und als Leiter Sport und Nachwuchsentwicklung beim FC Bayern München angestellt. Ihm gefallen an der TPD individuell mögliche Anpassungen der allumfassenden Spielformen: "Es geht bei der Trainingsphilosophie Deutschland um eine ganzheitliche Ausbildung. Dennoch können Trainer mit einer Spielform viele verschiedene Inhalte rüberbringen. Und Provokationsregeln ändern den Charakter der gleichen Spielform." In kleinen Teamgrößen gespielt, bringen sie die Spieler auf sehr vielen Ebenen weiter, sagt Wiesinger. "Sie erhöhen das Spaßlevel und machen die Jungs jeden Tag besser."

Wenn es um die Schule geht, schlägt der Ex-Profi in die gleiche Kerbe wie sein Freiburger Kollege Schweizer. "Von der Schule des Kleinfeldfußballs habe ich schon beim 1. FC Nürnberg gehört. Die Schule ist generell ein großes Thema und eine Riesenchance: Wenn man dort als Verein präsent ist, kann man die jungen Menschen dort für sich und den Fußball begeistern." Der nächste Schritt sei es, im Schulfußball den Spaßfaktor zu erhöhen, die Schüler gut auszubilden, um zwei Profiteure zu haben: Talent und Klub.

Thematisieren, vorleben, umsetzen

Wiesinger unterstützt die TPD auch mit seinem Namen. Er gilt als exzellenter Entwickler von Talenten und findet: "Immer, wenn ich mit Hannes Wolf und dem Kompetenzteam in Berührung bin, spüre ich eine unheimliche Begeisterung. Es ist wichtig, dass es viele einflussreiche Trainer gibt, die den Kinderfußball zum Thema machen und vorleben, wie man es gut macht."

Thematisieren, vorleben, umsetzen: Willig, Schweizer, Frey und Wiesinger zeigen an vier Standorten und unter unterschiedlichen Voraussetzungen, dass die TPD kein starres Übungsprogramm ist. In Stuttgart hilft sie, typische Anforderungen des Übergangsbereichs zu trainieren. Der SC Freiburg verbindet sie mit Schule, Verein und anderen Spielsportarten. Der "Club" in Nürnberg integriert sie in eine eigene Ausbildungsidee. Der FC Bayern nutzt ihre Anpassungsfähigkeit. Und überall verbessern die Verantwortlichen mithilfe der TPD das Training. Und letztendlich alle ihre Spieler*innen.

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Kategorien: Talentförderung

Autor: jf