Talentförderung

Beck bereist Europa: Mehr Bolzplatz wagen

07.10.2026
Andreas Beck: "Mit den Ansätzen der Trainingsphilosophie Deutschland ganz weit vorne mit dabei" Foto: Socrates Tassos/Picture Alliance

Andreas Beck reist für die UEFA durch Europa und sucht nach Antworten auf eine entscheidende Frage: Wie gelingt moderne Nachwuchsförderung im Fußball? Bei einem Besuch bei ihm zu Hause in Belgien spricht der ehemalige Nationalspieler darüber, warum der DFB mit der Trainingsphilosophie Deutschland Vorbild für viele Nationen ist. Und weshalb Technik wichtiger sein sollte als Taktik, sagt er dem neuen DFB-Journal.

Die Hühner haben an diesem Morgen schon einige Eier gelegt. Fünf Stück, um genau zu sein. Ein paar Meter weiter schwirren die Bienen um ihren Bienenstock herum. Sie lassen sich nicht davon stören, dass der Rasenmähroboter seine Kreise zieht und gerade eines der beiden Kinderfußballtore im Garten von Andreas Beck erreicht hat. Beck (39) arbeitet als Experte im Rahmen des UEFA Elite Youth Player Development Programme. Oder einfach gesagt: Beck berät und unterstützt die nationalen Fußballverbände bei der Förderung von Talenten und bei Programmen zur Entwicklung junger Spieler. Dazu gehören auch Projekte für sogenannte "Late-Matured Players", also Spieler, die sich körperlich später entwickeln als ihre Altersgenossen.

Heute lebt Beck mit seiner Frau und den vier Kindern nur wenige Kilometer von der deutschen Grenze entfernt in der Nähe von Eupen. Es ist ein ruhigeres Leben als früher, als er Woche für Woche in ausverkauften Stadien spielte. Seine Karriere führte ihn zum VfB Stuttgart, mit dem er Deutscher Meister wurde. Zu Beşiktaş Istanbul, wo er zweimal türkischer Champion wurde. Zur TSG Hoffenheim, als der Klub unter Ralf Rangnick die Bundesliga aufmischte und als Aufsteiger sensationell Herbstmeister wurde. Neunmal trug Beck das Trikot der deutschen Nationalmannschaft. Seinen wohl prägendsten Moment erlebte er 2009 bei der U 21-Europameisterschaft in Schweden. Im Halbfinale gegen Italien erzielte er das frühe 1:0, das den Weg ins Endspiel ebnete. Wenige Tage später stemmte die deutsche Mannschaft die Trophäe in die Höhe.

Wie entwickelt man die Fußballer von morgen?

Vor vier Jahren hat Beck seine Profikarriere beendet. Heute reist er nicht mehr als Spieler durch Europa, sondern als Beobachter, Gesprächspartner und Entwicklungsexperte. Im Auftrag der UEFA beschäftigt er sich mit einer Frage, die ihn mindestens genauso fasziniert wie früher das nächste Spiel: Wie entwickelt man die Fußballer von morgen? Dafür besucht er Verbände und Vereine, analysiert Konzepte und sucht in den Nachwuchsleistungszentren Europas nach den Trends und Ideen, die den Kinder- und Jugendfußball prägen.

Es gibt viele Fragen, die er sich stellt. Und auf die er Antworten sucht. Um diese zu finden, war er in Belarus, Österreich, Luxemburg und den Niederlanden. Auch in Russland, Moldau, Kroatien, Nordmazedonien, der Türkei, Tschechien und Israel hat er sich umgeschaut. Und natürlich in Belgien und Deutschland. Was machen die anderen Nationen – und aus welchem Kontext heraus agieren sie fußballerisch? Und wie ist Deutschland im Vergleich dazu organisiert? Wer verfolgt welche Strategie? Welcher Ansatz war in der jüngeren Vergangenheit erfolgversprechend? Worauf richtet sich der Fokus in der Nachwuchsarbeit? Auf Taktik? Oder auf die Technik? Auf welche Strukturen und Prozesse in der Talentförderung? Auf die individuelle Förderung der einzelnen Spieler? Oder muss die Mannschaft im Vordergrund stehen? Das sind einige der Fragen, die er für sich formuliert hat. Die Antworten dazu sollen am Ende ein aussagekräftiges Bild ergeben. Viele kleine Aspekte, zusammengesetzt wie ein Mosaik.

"Die Ideen, die vor allem in den vergangenen Jahren entwickelt worden sind, sind extrem vielfältig", sagt Beck. Er trinkt einen Schluck seines Cappuccinos, dann sagt er: "Klar ist, dass wir mit den Ansätzen der Trainingsphilosophie Deutschland meiner Meinung nach ganz weit vorne mit dabei sind. Viele Nationalverbände schauen genau, was wir in Deutschland machen. Und wie wir das Konzept und die Ideen in die Praxis umsetzen. Viele andere Nationen orientieren sich daran und adaptieren die Maßnahmen, die der DFB unter der Leitung von Hannes Wolf entwickelt hat."

"Im Training das Fußballspielen auf der Straße imitieren"

Beck sitzt an seinem Esstisch, weißes T-Shirt, kurze Hose, die Sonnenbrille liegt neben ihm. Für die nächsten Tage sind Temperaturen bis zu 40 Grad vorausgesagt. Im Wohnzimmer läuft der Fernseher. Beck hat sich eben noch die Höhepunkte der WM-Spiele aus der vergangenen Nacht angesehen. Die Belgier, deren Flagge hier in der Nachbarschaft an vielen Häusern zu sehen ist, haben den Einzug in die K.-o.-Runde als Gruppensieger geschafft. Für Beck kommt das nicht überraschend: "Belgien war vor rund 20 Jahren eines der ersten Länder, in denen die Verantwortlichen grundlegend hinterfragt haben, wie sie den Anschluss an die Weltspitze schaffen können. Das Ergebnis konnten wir später – und bis heute – auf dem Platz sehen." Aus den Reformen entstand eine goldene Generation um Kevin De Bruyne, Eden Hazard, Thibaut Courtois und Romelu Lukaku. Spieler, die Belgien zu Platz drei bei der WM 2018 und zeitweise auf Platz eins der FIFA-Weltrangliste geführt haben. "Der ganz große Titel blieb zwar aus", sagt Beck. "Dafür braucht es manchmal auch das nötige Quäntchen Glück. Das hatte diese Generation nicht."

Im Gespräch macht Beck immer wieder deutlich, was die Belgier als Vorreiter und später die anderen Nationen inklusive Deutschlands richtig gemacht haben: den Fokus auf die Entwicklung der einzelnen Spieler zu legen. Zunächst geht es um das Individuum, erst später um das Team. Beck betont: "Eine möglichst individuelle Förderung ist in jungen Jahren essenziell und durch nichts zu ersetzen. Während meiner Reisen durch Europa erlebe ich immer wieder, dass vor allem bei den Jüngsten die technische Ausbildung über der taktischen stehen muss." Und dann formuliert er einen Satz, der alles auf den Punkt bringt: "Wir müssen im Training das Fußballspielen auf der Straße imitieren." Was er meint, ist klar: Wir brauchen wieder mehr Bolzplatz-Fußball. Spaß am Spiel, viele Ballkontakte, kleine Spielformen, enge Räume, viele 1-gegen-1- und 2-gegen-2-Situationen – und die Freiheit, verschiedene Positionen und Lösungen auszuprobieren.

In Belgien und auch in den Niederlanden stellt Beck immer wieder fest, dass dort viel Wert darauf gelegt wird, dass die Jugendmannschaften von möglichst vielen Trainer*innen betreut werden. "Ich sehe das sogar beim Training meiner Söhne. An manchen Tagen stehen da vier Betreuer auf dem Platz", sagt Beck. "Mir ist klar, dass das für viele Amateurvereine nicht umsetzbar ist. Aber in Belgien wird es oft so gehandhabt, dass der Cheftrainer die Einheit plant und dabei von Eltern unterstützt wird, die ohnehin vor Ort sind. So kann man größere Gruppen in kleinere Spielformen aufteilen – im besten Fall angepasst an Entwicklungsstand, Spielniveau oder Trainingsziel."

Schule rückt immer mehr in den Mittelpunkt

Und genau das sind auch die Maßnahmen, die die Trainingsphilosophie Deutschland prägen und die Hannes Wolf immer und überall hervorhebt: Freude, Intensität, Wiederholungen. Das sind die Basics, darauf beruht alles, damit fängt alles an. Fußball sollte in möglichst kleinen Gruppen gespielt werden, besser zweimal im 2-gegen-2 als einmal im 4-gegen-4. Und dann sagt Beck diesen einen Satz nochmal, weil ihm dessen Aussage so wichtig ist: "Wir müssen die Straße simulieren – und im organisierten Training Bedingungen schaffen, in denen Kinder wieder mehr selbst ausprobieren, entscheiden, spielen und Lösungen gegen Widerstände finden können." Ist das tatsächlich das Geheimnis, nach dem alle suchen?

Beck weiß, wovon er spricht. Er hat seine Ausbildung im (Sport-)Management nach seiner aktiven Karriere im Rahmen des hoch angesagten UEFA MIP (Executive Master for International Players) absolviert und eine Thesis über Multiclub Ownership geschrieben. Im Zuge dessen beschäftigte er sich intensiv mit internationalen Fußballstrukturen und Talententwicklung – unter anderem standen Reisen durch Europa, Brasilien und die USA auf dem Programm. Er wollte persönlich erleben, wie der Nachwuchs- und Elitefußball dort organisiert wird. "In Japan beeindruckt mich besonders, wie viel Wert auf die technische Ausbildung gelegt wird. Dass das funktioniert, kann man heute auch bei den japanischen Profis sehen. Wie filigran und technisch versiert die mit dem Ball umgehen, ist wirklich beachtlich", sagt er. Die Brasilianer hingegen verfolgen ein etwas anderes Konzept, hat Beck festgestellt: "Dort sind die Lebensumstände und der Spaß am Fußball ein entscheidender Faktor. So klischeehaft es klingen mag: Viele Kinder sammeln dort ihre Fußballerfahrungen am Strand im Beachsoccer und auf der Straße im Futsal-Stil, bevor die Talente von dort in den geregelten Trainingsmodus meist erst im Teenageralter übergehen."

Aus seinen Reisen durch Europa hat Beck hingegen mitgenommen, dass die Schule immer mehr in den Mittelpunkt rückt. Viele Kinder sind bis nachmittags in den Lerneinrichtungen, entsprechend werden die Möglichkeiten geringer, in der Freizeit Fußball zu spielen. Wie soll das auch funktionieren, wenn die Schule bis 15.30 Uhr oder manchmal noch länger geht? "Hier sind Kooperationen zwischen Schulen und Vereinen eine hervorragende Möglichkeit, von der alle Beteiligten profitieren. In erster Linie natürlich die Kinder, weil Bewegung für sie einfach super wichtig ist", betont Beck. "Aber selbstverständlich auch die Schule und die Vereine, die den Kindern ein attraktives Angebot machen können, wenn diese in AGs oder im Sportunterricht den Spaß am Fußball gefunden haben. Wichtig ist, dass wir aus den Silos rauskommen und das Thema Sport und Bewegung ganzheitlich angehen."

"Player-first Approach"

Da passt es gut ins Konzept, dass der DFB und seine Landesverbände das "Jahr der Schule" ausgerufen haben. Ziel der bundesweiten Initiative ist es, mehr Bewegung und Sport in den Schulalltag zu bringen. Das "Jahr der Schule" will neue Impulse setzen, um Kinder und Jugendliche nachhaltig für körperliche Aktivität zu begeistern und Schulen als zentrale Orte für Bildung und Teilhabe zu stärken. Dabei geht es um mehr als nur um Fußball. "Auch in Österreich wird dieses Thema stark vorangetrieben. Seit Ralf Rangnick dort in der Verantwortung ist und das Ausbildungskonzept von Konstantin Breuer weiterentwickelt wurde, haben die dort große Schritte in die richtige Richtung gemacht", sagt Beck. Es werde großer Wert auf eine ganzheitliche Ausbildung gelegt. Technische, taktische, physische und mentale Elemente werden miteinander verknüpft.

Das Leitbild dahinter ist klar formuliert: den dynamischen, mutigen Kicker zu entwickeln. Beck bringt diesen Gedanken auf den Punkt: "Ich und mein Ball, ich und mein Gegner, ich und mein Körper, ich und meine Mitspieler und über allem: ich und mein Team." Das hat nichts mit Egoismus zu tun. Aber in der Ausbildung im Kinderfußball geht der Trend nicht nur in Österreich eindeutig dahin, dass es im ersten Schritt um das Individuum geht – der "Player-first Approach" – und erst im zweiten um das Team, das letztlich von diesem Ansatz profitiert. Eine Win-Win-Situation also für alle Beteiligten.

Ein paar Stunden später, im Laufe des Nachmittags, kommen Becks Kinder aus der Schule zurück. Dann geht es ziemlich schnell in den Garten. Dort wird gekickt. Auf die beiden Tore, die dort stehen. Kinder, die einfach spielen. Ohne Druck, ohne taktische Anweisungen, mit Spaß am Spiel, mit vielen Ballaktionen. Ist das die Antwort auf all die Fragen? Vielleicht ist die Lösung manchmal tatsächlich im eigenen Garten zu finden.

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Kategorien: Talentförderung

Autor: sw