WM 2026
Klinsmann: "Für vier Wochen ein Standort der Emotionen"

Jürgen Klinsmann ist einer der Botschafter für das "German House of Soccer" (GHOS) zur FIFA Weltmeisterschaft 2026 in den USA, Kanada und Mexiko. Im DFB.de-Interview spricht der Ex-Bundestrainer, Welt- und Europameister über das GHOS, den Fußball zwischen Deutschland und den USA und seine Erwartungen an das WM-Turnier in Nordamerika.
DFB.de: Herr Klinsmann, wenn Sie an die Kombination WM-Sommer, New York und German House of Soccer denken: Was geht Ihnen spontan durch den Kopf?
Jürgen Klinsmann: Spontan kommt mir der Begriff Begegnungsstätte in den Sinn. Dass dort Menschen von verschiedenen Kontinenten zusammenkommen, Spaß haben und den ganzen Tag lang über Fußball reden. So entsteht ein faszinierender kultureller Austausch. Der Standort New York allein ist schon eine absolute Faszination, und Fußball in den USA wird immer größer, er wächst und wächst und wächst. Wir passen dort als fußballverrücktes Deutschland, das jetzt in den USA eine gute WM spielen will, gut hin.
DFB.de: Sie haben einen großen Teil Ihres Lebens zwischen verschiedenen Fußballkulturen verbracht. Was hat Sie daran gereizt, dieses Projekt als Botschafter zu begleiten?
Klinsmann: Es ehrt mich, Botschafter dieses tollen Projekts sein zu dürfen. Ich habe meine ganze Karriere über für Deutschland gespielt, lebe jetzt aber seit fast 30 Jahren in den USA und meine Familie ist amerikanisch-deutsch gemischt. Es gibt also viele Anknüpfungspunkte, zu denen ich ein bisschen was beitragen kann. Das ist eine spannende Rolle für mich. Ich freue mich riesig darauf, dass die Menschen sich dort begegnen und sicher nicht nur über Fußball diskutieren werden, aber wahrscheinlich doch hauptsächlich.
DFB.de: Sie sind 1990 Weltmeister geworden. Sie haben Weltmeisterschaften aber nicht nur als Spieler erlebt, sondern auch als Trainer und Beobachter. Was macht dieses Turnier für Sie auch heute noch so besonders?
Klinsmann: Eine WM ist das Allergrößte, das du als Fußballer erleben kannst. Wer wie ich in einer Fußballnation wie Deutschland aufwächst, hat in seiner Kindheit diesen Traum, mal eine WM spielen zu dürfen. Und wenn du sie dann spielst, sie dann vielleicht auch gewinnen zu können. Hinzu kommt, dass du nur alle vier Jahre als Fußballer die Chance bekommst, eine WM zu spielen. Ich durfte drei Weltmeisterschaften spielen und zwei als Trainer erleben. Da kommen in wenigen Wochen sehr geballt viele Erlebnisse zusammen, die so intensiv und lehrreich sind, dass sie dich für den Rest deines Lebens begleiten. Ob du möchtest oder nicht, ob positiv oder negativ - das sind Emotionen pur. Diese Erfahrung nimmst du mit in dein weiteres Leben - egal, wie weit du am Ende im Turnier kommst.
DFB.de: Sie sprechen es an: Sie haben als Spieler und Trainer unterschiedlich erfolgreiche Phasen erlebt. Gibt es einen Moment in Ihrer Karriere, der Sie besonders geprägt hat?
Klinsmann: Man erinnert sich natürlich am liebsten an die Momente, die erfolgreich waren. Wenn du also eine Weltmeisterschaft gewinnst, ist das unvergesslich, und dieses Erlebnis nimmst du für immer mit. Aber auch die Momente, in denen es nicht so lief, prägen dich. Ich denke da vor allem auch an die WM 1994 in den USA. Persönlich war ich damals fast auf dem Höhepunkt meiner Karriere, ich hatte bis zum Viertelfinale schon fünf Treffer erzielt und daran gedacht, vielleicht Torschützenkönig des Turniers zu werden - und plötzlich bekommst du in New York eine Lektion von Bulgarien verpasst und fliegst nach Hause. Das war eine brutale Enttäuschung. Auch diese Momente vergisst du nie. Der Gegensatz zwischen Erfolg und Misserfolg, dieses emotionale Hoch und Tief, ist Bestandteil des Sports, vor allem auch des Fußballs. Er lehrt dich viele Dinge.
DFB.de: Macht auch das den Fußball so besonders?
Klinsmann: Der Fußball lebt von diesen Gegensätzen. Von den Momenten, in denen man Schönes erlebt, und auch von den Momenten, in denen es Niederlagen zu verdauen gibt. Sepp Herberger, unser Bundestrainer der Weltmeistermannschaft von 1954, hat die berühmte Weisheit geprägt: "Nach dem Spiel ist vor dem Spiel." Das habe ich immer im Hinterkopf gehabt. Die Weltmeisterschaft jetzt im Sommer wird erstmals mit 48 Mannschaften ausgetragen, geht fünfeinhalb Wochen, das wird ein Marathon. Gerade dann musst du es schaffen, dich immer wieder auf das nächste Spiel zu konzentrieren. Das Spiel, das du gerade gespielt hast, ist schon Vergangenheit, das ist alt - egal, wie es ausgegangen ist. Das wird in diesem Jahr für alle Mannschaften eine ganz, ganz große Aufgabe.
DFB.de: Sie haben die Nationalmannschaften Deutschlands und der USA trainiert. Welche Perspektive haben Sie auf dieses Turnier?
Klinsmann: Für mich hat jedes Land eine eigene Sportkultur. Eine Nationalmannschaft spiegelt das Bild eines Landes wider, davon bin ich überzeugt. Wie wir aktuell in Deutschland leben, wie wir mit Herausforderungen und Problemen umgehen, wird sich also in der Mannschaft widerspiegeln, die in den USA diese Weltmeisterschaft spielt. Wenn die Stimmung in der Mannschaft positiv und sie fähig ist, alles zu geben, was in ihr steckt, spiegelt sich das dann wiederum in der Gesellschaft wider. Das ist ein Zusammenspiel zwischen einem fußballverrückten Land wie Deutschland und seiner Nationalmannschaft. In Amerika hat der Fußball noch nicht diese Anerkennung und Bedeutung wie in Deutschland, sie haben historisch bedingt eher die großen Sportarten American Football, Baseball, Basketball. Und dennoch streben die Amerikaner nach mehr, sie wollen auf die Landkarte des Weltfußballs. Sie sind enorm ehrgeizig und bereit, für ihr Ziel ans Limit zu gehen.
DFB.de: Mit was für einem Turnier rechnen Sie?
Klinsmann: Ich rechne mit einem Turnier der Überraschungen. Einige Nationen werden früh nach Hause fahren müssen, obwohl sie große Namen in der Mannschaft haben. Aber möglicherweise können sie nicht mit dieser besonderen Konstellation von fünfeinhalb Turnierwochen umgehen. Ich bin sehr gespannt darauf, wie stark sich dieses Turnier durch die erstmalige Teilnahme von 48 Mannschaften neu definieren wird.
DFB.de: Das German House of Soccer ist in New York. Warum ist das der ideale Standort für ein internationales Fußballfest?
Klinsmann: New York ist der ideale Standort für das German House of Soccer, weil diese Stadt alles widerspiegelt, was Amerika ausstrahlt. Das Multikulturelle zum Beispiel, New York ist die Einwanderungsstadt schlechthin. Jeder, der aus Europa, Asien oder Afrika kommt, will einmal New York erleben. Dort trifft sich die Welt. In der Stadt herrscht eine unglaubliche Energie, es ist die Stadt der Begegnungen, die Menschen möchten miteinander in Kontakt kommen, sie gehen aufeinander zu, überall kommst du mit Menschen ins Gespräch. Das ist eine sehr neugierige Stadt, die Menschen möchten wissen, woher du kommst und was du machst. Alle wünschen sich gegenseitig nur das Beste. Deshalb ist New York ideal für das German House of Soccer - daran habe ich gar keine Zweifel.
DFB.de: Begegnungen ist ein gutes Stichwort: Welche Rolle können Orte wie das German House of Soccer dabei spielen, Menschen, auch über kulturelle Grenzen hinweg, durch den Fußball miteinander ins Gespräch zu bringen?
Klinsmann: Es gibt kaum ein besseres Transportmittel für gesellschaftliche Belange als den Fußball. Mit ihm haben wir ein gemeinsames Thema, mit dem wir aufeinander zugehen und diskutieren können. So spüren wir die Emotionen unseres Gegenübers und können uns mit ihnen auseinandersetzen. Über den Fußball findet man immer eine gemeinsame Diskussionsgrundlage, auch wenn man einen ganz anderen kulturellen Hintergrund hat. Das macht ihn so wertvoll. Und damit auch eine Begegnungsstätte wie das German House of Soccer, das es so zuvor noch nie gegeben hat. Denn hier kommen alle zusammen: Menschen aus der Wirtschaft, der Politik, dem Medienbereich, Fans. Als Fan anderer Nationen kann ich hier mal reinschnuppern und schauen, was die Deutschen so machen. Genau diese Offenheit zu leben, ist das Ziel: egal, wo jemand herkommt, egal, zu welcher Mannschaft er hält. Hier können alle Fans an einem Ort zusammen Fußball schauen. Es wird für vier Wochen ein Standort der Emotionen.
DFB.de: Zum Abschluss ein Blick in die Zukunft: Die WM ist gespielt, das German House of Soccer geschlossen. Was muss bis dahin passiert sein, damit Sie sagen können: Das war ein voller Erfolg?
Klinsmann: Wenn Menschen aus verschiedenen Ländern dort eine schöne Zeit hatten, wenn sie Spaß hatten. Wenn wir alle aber auch sagen können, dass wir voneinander gelernt haben, wenn ich mein Gegenüber jetzt besser verstehe. Wenn neue Kontakte entstanden sind, die auch später noch Bestand haben. Und das alles bei ein bisschen deutscher Kultur, bei deutschem Essen und Trinken. Der Fußball ist ideal dafür, um diese Ziele zu erreichen.
Kategorien: WM 2026, Männer-Nationalmannschaft
Autor: sal/al

WM-Test gegen Finnland in Mainz live im ZDF
Im letzten Spiel vor der Abreise in die USA trifft die Nationalmannschaft am Sonntag in Mainz auf Finnland. Es ist der vorletzte Test für die Auswahl von Bundestrainer Julian Nagelsmann vor der WM. DFB.de beantwortet die wichtigsten Fragen im FAQ.

Ticker: Gegen Finnland in Blau
Der WM-Countdown läuft. Mit einem Trainingslager in Herzogenaurach startet die DFB-Auswahl in die Vorbereitung auf das Turnier in den USA, Kanada und Mexiko. Der DFB.de-Team-Ticker hält Fans mit neuesten Infos auf dem Laufenden.

WM 1974: Der Triumph im eigenen Land
Am 11. Juni beginnt die WM in den USA, Kanada und Mexiko. Deutschland nimmt zum bereits 21. Mal an einer WM-Endrunde teil. In einer Serie blickt DFB.de auf die deutsche WM-Geschichte zurück, von Turnier zu Turnier. Heute: die WM 1974 in Deutschland.