DFB-Pokal

Deutsche Meister im Pokalfinale: Genau so hungrig wie der Gegner?

22.05.2026
Doppelpack beim ersten Nachkriegsdouble: Gerd Müller jubelt 1969 mit dem FC Bayern Foto: imago

Die Rollen vor dem DFB-Pokalfinale 2026 am Samstag (ab 20 Uhr, live in der ARD und bei Sky) sind verteilt. Wie zu fast allen Zeiten gilt: Wenn der FC Bayern München dabei ist, ist er der Favorit. Das ist auch gegen den VfB Stuttgart, immerhin Vierter der Bundesliga, so. Für die Schwaben wäre die Titelverteidigung die Krönung der Saison, während die Bayern schon beinahe traditionell die Meisterschaft gewonnen haben. Könnte darin vielleicht eine Chance für den VfB liegen? Ist ein frisch gekürter Meister vielleicht etwas weniger hungrig als ein Finalist, der noch keine neue Trophäe in der Vitrine hat? Die Pokalgeschichte antwortet darauf mit einem klaren Jein, denn es kam mal so und mal so. DFB.de schaut in die Historie.

Der erste amtierende Meister, der ein Pokalfinale bestritt, war Schalke 04. Die Königsblauen standen im Dezember 1935 im allerersten Finale und unterlagen dem 1. FC Nürnberg 1:2. Weil aber damals ein halbes Jahr zwischen den Titelentscheidungen lag, ist ein Vergleich nicht statthaft. Eine allzu ausgiebige Meisterschaftsfeier konnte da schlecht noch als Ausrede herhalten. Das gilt auch für die Schalker Endspiele 1937 (gewonnen) und 1942 (verloren).

Immerhin sechs Wochen und eine kurze Sommerpause lagen 1963 zwischen Meisterschaftsfinish und Pokalfinale, als sich Borussia Dortmund anschickte, das Double zu gewinnen. Gegner war der HSV, und der witterte in der Konstellation seine Chance. Uwe Seeler sollte recht behalten: "Die fühlen sich viel zu sicher, denken bestimmt dass sie uns im Vorbeigehen schlagen können." Der Stürmer selbst verhinderte das mit einem beinahe lupenreinen Hattrick zum fast sensationellen 3:0-Endstand. BVB-Trainer Hermann Eppenhoff bestätigte: "Wir waren uns unserer Sache wohl zu sicher." Ein kleiner Trost kam vom Bundestrainer, Sepp Herberger fand, der BVB sei "spielerisch besser" gewesen.

Bayern erster Doublesieger nach dem Krieg

Mit Einführung der Bundesliga lagen Meisterschaftsende und Pokalfinale nur noch wenige Wochen beieinander. Der erste Doublesieger nach dem Krieg wurden 1969 die Bayern, die das auch unbedingt wollten. "Das haben zuletzt die 1937 die Schalker geschafft, es wird Zeit, dass es jetzt mal einer anderen Mannschaft gelingt", forderte der strenge Bayern-Trainer Branko Zebec gegen eben diese Schalker vollen Einsatz ein. Und so kam es. Drei Wochen nach der Meisterschaft - und eine nach Saisonende - kam der Pokal dazu, aber es war ein hartes Stück Arbeit. Ohne Gerd Müllers Torinstinkt wäre es vielleicht anders gekommen, der "Bomber" traf beim 2:1 doppelt.

Bis 1986 (!) ließ sich dann kein Meister mehr im Pokalfinale blicken, abgesehen von den Bayern 1982 - aber sie waren nur ein amtierender und noch kein neuer Meister, bereits vom HSV quasi abgelöst. 1986 aber kam es zu der kuriosen Situation, an die dieser Tage wieder erinnert wird: Das erste Finale zwischen den Bayern und dem VfB Stuttgart, dem sie sieben Tage zuvor die Meisterschaft zu verdanken gehabt hatten, weil er Konkurrent Werder Bremen geschlagen hatte. Durchaus mit Sympathie für den Gegner und ohne "den ganz großen Hunger", wie der damalige Münchner Dieter Hoeneß heute noch betont, gingen die Bayern in dieses Finale - und gewannen doch locker mit 5:2.

Bremen verhindert Bayern-Double 1999

Noch neunmal waren sie bis heute in der Situation, quasi von der Meisterfeier nach Berlin zu fahren und siebenmal erwies sich das nicht als Nachteil. Umso denkwürdiger waren die Ausnahmen: 1999 hatten sie die Schale schon am 9. Mai gewonnen, dann warteten noch zwei Endspiele auf die Mannschaft von Ottmar Hitzfeld. Auf dramatische Weise verlor sie das in der Champions League gegen Manchester United (1:2) und ging entsprechend frustriert ins Pokalfinale gegen Werder Bremen. "David gegen Goliath" titelte der Kicker, doch der biblische Gigant hatte gewiss bessere Laune als diese Bayern. Hitzfeld hatte Mühe, die Mannschaft nach dieser Enttäuschung noch einmal aufzurichten vor dem Sommerurlaub. Nicht alle tickten so wie Torwart Oliver Kahn, der da glaubte: "Zwei, drei Tage braucht man, um solch ein Spiel zu verdauen." Aber die Verlierer von Barcelona hatten die Köpfe nicht frei und trugen zu einem nicht sonderlich ansehnlichen, aber dramatischem Spiel bei.

Schon nach vier Minuten ging Werder durch den Russen Juri Maximow in Führung, Carsten Jancker glich noch mit dem Pausenpfiff aus. Mehr Tore gab es nicht, auch nicht in der Verlängerung, in der Bayerns Mario Basler vom Platz flog. Damit fiel er als Elfmeterschütze aus, und das sollte sich rächen. Denn in dem grausamen Nachspiel vom Kreidepunkt verloren zwei weitere Leistungsträger die Nerven: Stefan Effenberg schoss den vorletzten Ball übers Tor, und auch Lothar Matthäus scheiterte schon zum dritten Mal in einem Pokalfinale - nun am Bremer Torwart Frank Rost, der zuvor selbst zum 5:4 verwandelt hatte und zum Helden des Tages wurde. Das Ganze war ein Fest für Werder-Manager Willi Lemke, der spottete: "Wir sind mit einem Käfer gegen einen Ferrari angetreten, und der Ferrari hatte zwei Ausfälle." Er meinte die beiden Fehlschützen.

Während die Bremer 2004 ihre Doublechance gegen einen "David", Zweitligist Alemannia Aachen, nutzten (3:2), passierte den Bayern noch einmal ein Malheur: Am 19. Mai 2018 verloren sie gegen Eintracht Frankfurt und ihren künftigen Trainer Niko Kovac, dessen Wechsel an die Isar schon feststand, mit 1:3 - weshalb die große Karriere seines Kollegen Jupp Heynckes mit einer Niederlage in einem Pokalfinale endete.

Nürnberg überrascht den VfB

Dazwischen lag noch der Ausrutscher des VfB Stuttgart, dem Überraschungsmeister von 2007. Es fehlte nicht an Warnungen vor dem Treffen mit dem 1. FC Nürnberg unter Coach Hans Meyer. Giovane Elber, der  einst das Finale 1997 mit zwei Toren für den VfB gegen Energie Cottbus entschieden hatt, ließ in seiner Kicker-Kolumne wissen: "Sie sollten nicht durchdrehen und meinen, dass sie der große Favorit sind: die Chancen stehen 50:50. Entscheiden wird letztlich die Tagesform."

Wie wahr. Wobei, in Form waren sie beide. In einem hochklassigen Finale gab es gegen den 1. FC Nürnberg nach Verlängerung ein 2:3, das garantiert nicht auf fehlende Motivation zu schieben war. Es war vielmehr so, dass der übermotivierte Ex-Nürnberger Cacau einen frühen Platzverweis erhielt und sich zehn Stuttgarter 90 Minuten lang gegen elf Nürnberger wacker schlugen. Hans Meyer, der stets den Schalk im Nacken hat, war zum Scherzen aufgelegt und tröstete seinen Kollegen: "Armin Veh ist ein junger Trainer. Hätte er auch den Pokal geholt - welche Motivation hätte er noch gehabt?"

Ob Vorjahressieger Sebastian Hoeneß das wohl auch am Samstag über Vincent Kompany sagen wird? Die Statistik spricht eher dagegen, in 13 von 17 Fällen war der Titelhunger des Meisters noch groß genug.

Neuer Meister im Pokalfinale*

1963 Borussia Dortmund – Hamburger SV 0:3

1969 Bayern München – Schalke 04 2:1

1986 Bayern München – VfB Stuttgart 5:2

1999 Bayern München – Werder Bremen 4:5 i. Elfmeterschießen

2003 Bayern München – 1. FC Kaiserslautern 3:1

2004 Werder Bremen – Alemannia Aachen 3:2

2005 Bayern München – Schalke 04 2:1

2007 VfB Stuttgart – 1. FC Nürnberg 2:3 n.V.

2010 Bayern München – Werder Bremen 4:0

2012 Borussia Dortmund – Bayern München 5:2

2013 Bayern München – VfB Stuttgart 3:2

2014 Bayern München – Borussia Dortmund 2:0 n.V.

2016 Bayern München – Borussia Dortmund 4:3 i.E.

2018 Bayern München – Eintracht Frankfurt 1:3

2019 Bayern München – RB Leipzig 3:0

2020 Bayern München – Bayer Leverkusen 4:2

2024 Bayer Leverkusen – 1. FC Kaiserslautern 1:0

*Meister immer zuerst genannt

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Autor: um