U 19-Junioren
Christian Wörns: "Die Haltung hat gestimmt"

Die deutschen U 19-Junioren kehren als Vize-Europameister von der EM in Wales zurück. Am Samstag unterlag die Mannschaft von Christian Wörns Spanien im Endspiel mit 0:2 (0:1). Auf DFB.de zieht der Cheftrainer nun wenige Tage nach der Finalniederlage seine Turnierbilanz.
DFB.de: Christian Wörns, das Finale liegt ein paar Tage zurück. Was überwiegt mittlerweile: die Enttäuschung über die Niederlage oder der Stolz auf die Leistung Ihrer Mannschaft?
Christian Wörns: Beides. Die Niederlage konnte ich auch direkt nach dem Spiel schon ganz gut einordnen. Natürlich bin ich stolz darauf, dass wir das Finale einer Europameisterschaft erreicht haben. Das ist ein toller Erfolg, den nicht jeder schafft. Aber wenn man einmal dort steht, möchte man natürlich lieber gewinnen als verlieren. Ich glaube, das ist jedem klar.
DFB.de: Ihre Mannschaft hat bis zum Schluss alles investiert – gegen einen wirklich überragenden Gegner. Was hat Ihnen an der Leistung Ihrer Spieler im Finale besonders gefallen?
Wörns: Dass sie nie aufgehört haben. Das ist das Wichtigste. Die Haltung hat gestimmt, sie haben bis zum Ende alles herausgehauen und alles versucht. Ich hätte mir natürlich gewünscht, dass wir noch den Anschlusstreffer erzielen – selbst wenn dann nur noch fünf Minuten zu spielen gewesen wären. Dann wird der Gegner nervös, die Moral in der eigenen Mannschaft steigt und vielleicht werden noch einmal zusätzliche Kräfte freigesetzt. Dann wäre vielleicht sogar noch etwas möglich gewesen. Das 0:2 kurz nach der Halbzeit war natürlich sehr unglücklich, zumal es nach einer Standardsituation gefallen ist. Das hätten wir vermeiden müssen. Trotzdem hatten wir unsere Chancen und hätten auf jeden Fall ein Tor erzielen können.
DFB.de: Spanien hat das Turnier ohne Gegentor gewonnen und sich erneut als außergewöhnlich starke Mannschaft präsentiert. Was hat im Finale letztlich den Unterschied ausgemacht?
Wörns: Sie waren in den entscheidenden Situationen einfach effektiver. Ich finde aber, dass wir das insgesamt gut gemacht haben. Die Torschussstatistik aufs Tor lautet sogar 5:4 für uns. Das zeigt schon ein Stück weit, dass wir nicht chancenlos waren.
DFB.de: Was können Deutschland und auch andere Nationen von Spanien lernen?
Wörns: Diese Kreativität, das Bespielen der Räume, der erste Kontakt und die Entscheidungsfindung sind außergewöhnlich. Gleichzeitig spielen sie aber auch manchmal ganz einfachen Fußball. Wenn etwas nicht funktioniert, schlagen sie auch einmal einen langen Ball, halten ihn vorne fest und spielen von dort weiter. Die Spanier setzen in Perfektion um, was wir in unserer Philosophie offensiv und defensiv ebenfalls implementieren. Uns fehlt allerdings noch diese absolute Konstanz.
DFB.de: Das Turnier bot spektakuläre Spiele gegen Dänemark und Wales sowie den dramatischen Halbfinalsieg gegen die Ukraine in letzter Minute. Gibt es ein Spiel oder einen Moment, der Ihnen besonders in Erinnerung bleiben wird?
Wörns: Vor allem das Spiel gegen die Ukraine hat mich sehr beeindruckt. Wir haben vorher gesagt, dass die Ukraine eine absolute Top-Mannschaft ist, vergleichbar mit Spanien. Das meine ich auch genauso. Umso beeindruckender war es, dass wir sie über weite Strecken des Spiels beherrscht haben. Natürlich hätten wir uns das Leben auch dort etwas leichter machen können, aber insgesamt war das eine Weltklasse-Leistung.
DFB.de: Wenn Sie auf das gesamte Turnier und die beiden Qualifikationsphasen zurückblicken: Was macht Sie als Trainer am meisten stolz?
Wörns: Die Ergebnisse, aber vor allem auch die Art und Weise, wie wir Fußball gespielt haben. Wir haben uns nicht hinten hineingestellt und auf Konter gelauert, wie es andere Nationen teilweise machen, sondern wir wollten aktiv Fußball spielen. Natürlich gibt es gegen starke Gegner auch Phasen, in denen man einmal hinten hineingedrückt wird. Ich finde aber, dass wir diese Phasen insgesamt gut verteidigt haben. Wir haben über das gesamte Turnier hinweg nicht viele Torchancen zugelassen. Trotzdem müssen wir noch konstanter werden und diese leichten Fehler abstellen, die am Ende zu Gegentoren führen.
DFB.de: Erstmals seit 2014 hat wieder eine deutsche U 19 das Finale einer Europameisterschaft erreicht. Welche Aussagekraft hat dieser Erfolg für den deutschen Nachwuchsfußball?
Wörns: Wenn man das in Verbindung mit dem vergangenen Jahr sieht, als der 2006er-Jahrgang ebenfalls das Halbfinale erreicht und dort tolle Spiele gemacht hat, ist das eine sehr positive Entwicklung. Man sieht, dass wir über herausragende Talente verfügen. Trotzdem brauchen wir noch mehr Effizienz, Konstanz und Breite.
DFB.de: Mit dem Halbfinaleinzug hat sich die Mannschaft auch für die U 20-Weltmeisterschaft inAserbaidschan und Usbekistan im kommenden Jahr qualifiziert. Welche Bedeutung kann ein solches Turnier für die Entwicklung eines Jahrgangs haben?
Wörns: Natürlich eine große. Das Problem ist leider, dass die U 20-Weltmeisterschaft nicht in einer offiziellen Abstellungsperiode stattfindet. Deshalb wird entscheidend sein, welche Spieler überhaupt zur Verfügung stehen. Wir hoffen natürlich, dass es durch einen engen Austausch mit den Vereinen vielen Spielern ermöglicht wird, an der WM teilzunehmen. Dann kann dieses Turnier für unsere Spieler ein enorm wertvollerErfahrungswert werden. Genau darum sollte es im Nachwuchsbereich immer in erster Linie gehen.
DFB.de: Sie haben den Jahrgang bereits als U 18 übernommen und die Mannschaft nun zwei Jahre lang begleitet. Wie würden Sie die Entwicklung des Teams beschreiben?
Wörns: Sie war atemberaubend. Das macht mich wirklich stolz. Im U 18-Bereich geht es zunächst viel darum, Dinge auszuprobieren und zu beobachten: Wie entwickeln sich die Spieler? Auf wen können wir uns verlassen? Wer bringt das Potenzial mit, später vielleicht den Sprung in die U 21 oder sogar in die A-Nationalmannschaft zu schaffen? Das müssen wir als Trainerteam immer im Blick haben. Ab der U 19 steht die Ausbildung weiterhin im Mittelpunkt – gerade auch in Freundschaftsspielen –, gleichzeitig geht es aber auch darum, Erfolge zu erzielen, Europameisterschaften und Weltmeisterschaften zu erreichen. Genau dafür machen wir das alles: um den Spielern die Möglichkeit zu geben, sich weiterzuentwickeln. Und dazu gehören eben auch solche Erfahrungen auf höchstem internationalen Niveau.
DFB.de: Gab es in den vergangenen beiden Jahren einen Moment, in dem Sie gespürt haben: Diese Mannschaft hat das Potenzial, etwas Besonderes zu erreichen?
Wörns: Da denke ich vor allem an das Qualifikationsspiel im März gegen Griechenland. Zuvor hatten wir gegen Schweden in der letzten Minute noch den Ausgleich zum 2:2 nach einem unnötigen Freistoß kassiert. Da stand man schon unter enormem Druck. In solchen Situationen braucht man Ruhe und auch den Mut, den nächsten Schritt zu gehen. Genau in dieser Phase hat die Mannschaft gezeigt, dass sie richtig guten Fußball spielen und mit solchen Rückschlägen umgehen kann. Das hat mich schon stolz gemacht.
DFB.de: Was hat diesen Jahrgang 2007 aus Ihrer Sicht ausgezeichnet – sportlich, aber auch menschlich? Woran soll man sich später erinnern?
Wörns: Man hat immer gesehen, dass dort eine Mannschaft auf dem Platz stand. Das fand ich wirklich bemerkenswert. Jeder war für den anderen da. Nach der Niederlage im Gruppenspiel gegen Spanien musste die Mannschaft lernen, dass auch dazu gehört, Rückschläge wegzustecken, solche Spiele anzunehmen und das eigene Ego hintanzustellen.
DFB.de: Welche Erkenntnisse nehmen Sie als Trainer aus den vergangenen zwei Jahren mit?
Wörns: Es gibt auf jeden Fall einige Ansätze, über die ich mir bereits Gedanken gemacht habe. Ich möchte die vergangenen beiden Jahre und die einzelnen Spiele aber zunächst noch einmal in Ruhe Revue passieren lassen. Man beschäftigt sich auch mit Spezialfragen. Zum Beispiel, wie man am besten mit Spielern umgeht, die nach einer Verletzung zur Nationalmannschaft zurückkehren. Wir müssen stets gewährleisten, dass jeder Spieler, der zur Nationalmannschaft reist, im körperlichen Bereich ideale Voraussetzungen mitbringt. Natürlich schaut man sich auch bei anderen Nationalmannschaften etwas ab – sowohl bei der Herangehensweise als auch bei der Spielweise. In Deutschland neigen wir manchmal dazu, alles bis ins kleinste Detail durchzutakten. Einige Mannschaften haben ganz einfachen Fußball gespielt, das aber mit viel Durchsetzungsvermögen. Vielleicht können wir manche Dinge künftig etwas einfacher gestalten. So beeindruckend Spanien bei dieser Europameisterschaft auch Fußball gespielt hat – die Herangehensweise ist häufig erstaunlich klar und einfach.
DFB.de: Viele Spieler stehen nun vor dem nächsten Schritt im Profifußball oder in höheren Nationalmannschaften. Was wünschen Sie Ihren Spielern für ihren weiteren Weg? Und gibt es eine Botschaft, die Sie ihnen mitgeben möchten?
Wörns: Jetzt geht es darum, gut in die Vorbereitung bei den Vereinen zu starten, sich dort durchzusetzen und den Weg konsequent weiterzugehen, den die meisten bereits eingeschlagen haben. Das aber immer mit Demut. Fußballerisches Können haben alle 21 Spieler zweifelsohne. Vielmehr wird es darauf ankommen, wie sie mit den Anforderungen auf Top-Niveau umgehen.
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