Männer-Nationalmannschaft

WM-Held und Rekordnationalspieler: Lothar Matthäus wird 65

21.03.2026
Andreas Brehme, Pierre Littbarski und Lothar Matthäus in der Stunde ihres größten Triumphes mit dem WM-PokalAndreas Brehme Pierre Littbarski and Lothar Matthew in the Hour her largest Triumph with the World Cup Cup
Führt Deutschland als Kapitän zum WM-Titel 1990 in Rom: Lothar Matthäus imago

Auch dreieinhalb Jahrzehnte nach seinem Karriereende ist Lothar Matthäus keiner für die bei Zeitschriften beliebte Rubrik "Was macht eigentlich…?". Denn er ist ja immer noch da, wenn irgendwo der Ball in einem Spiel von Bedeutung rollt. Kein TV-Sender möchte auf ihn verzichten, auch wenn er nicht allen dienen kann. So kommen derzeit nur die Zuschauer von Sky am Bundesligasamstag und die von RTL unter der Woche in der  Europa League auf ihre Kosten. Noch immer redet er als Experte und Co-Kommentator Klartext und weil außer Lionel Messi keiner auf der Welt mehr WM-Spiele und kein Deutscher mehr Länderspiele absolviert hat, hat es höchste Glaubwürdigkeit. Er schreibt auch Kolumnen, gibt bereitwillig Interviews und spielt natürlich auch im gerade in die Kinos gekommenen Film zum deutschen WM-Sommer von 1990 keine Nebenrolle. Der Doppelpass mit den Medien gehört immer noch zu seinen besten Spielzügen und alle Seiten haben etwas davon. Er hat einfach zu viel zu erzählen, der "Loddar".

Lothar Matthäus wird heute 65  Jahre jung und schaut auf eine Karriere mit sagenhaften 150 Länderspielen zurück. Weltweit ist er damit auch aufgrund global ausufernder Spielansetzungen zwar "nur" noch die Nummer 45, aber in Deutschland firmiert er seit 1993 als Rekordnationalspieler. Seine Profikarriere begann 1979 in Mönchengladbach. Es wurde eine mit seltsamen Rundungen. Von seinem Probetraining sprechen sie in Mönchengladbach zuweilen noch. Da senste er gleich mal den alternden Weltmeister Berti Vogts zu Fall und als der sich wieder aufrappelte, rief er: "Schickt sofort einen zu Manager Grashoff, den Vertrag fertig machen. Das wird mal ein Großer." So begann es mit dem 18-jährigen Lothar Matthäus aus Herzogenaurach. Sein damaliger Trainer Jupp Heynckes muss immer noch lachen, wenn er daran denkt: "Gleich beim ersten Training hat er den Arrivierten bei uns so auf die Socken gehauen, dass die gar nicht mehr wussten, was Sache war. Als sie ihn zusammenstauchen wollten, sagte der Lothar nur: 'Mensch, was wollt ihr denn? Ihr müsst doch gleich sehen, dass ich jetzt da bin.'"

Da war er also. Zum Glück für den deutschen Fußball und für jede Mannschaft, in der er spielte, trotz mancher Nebengeräusche. Seine Borussen, gleich zweimal der FC Bayern, dann Inter Mailand und zum Ausklang die New York Metro Stars. 
19 Vereinstitel gewann er, darunter zweimal den Uefa-Cup und siebenmal die Deutsche Meisterschaft. 464-mal hat Matthäus in der Bundesliga gespielt, nur dreimal wurde er eingewechselt. Das erste Mal mit 18, das letzte Mal mit 38. Zu Bayern ging er 1984, um endlich Titel gewinnen – und er gewann Titel: Meister 1985, 1986, 1987, Pokalsieger 1986. Mit Deutschland hatte er da schon einen. Nach seiner ersten Profisaison durfte er sich bereits Europameister nennen. Bundestrainer Jupp Derwall nahm den Neunzehnjährigen 1980 ohne jegliche Länderspieleinsatz mit nach Italien und Kapitän Bernard Dietz schenkte ihm sein erstes Länderspiel. Beim Stand von 3:0 gegen die Holländer dachte er, in 17 Minuten könne nicht mehr viel passieren und ging freiwillig raus. Prompt verschuldete Matthäus einen Elfmeter und am Ende hieß es 3:2. Man verzieh ihm, das Foul war außerhalb des Strafraums.

Die WM 1990: Das Turnier seines Lebens

Es verging dennoch mehr als ein Jahr bis zu seinem zweiten Einsatz im DFB-Dress. Aber fortan war Matthäus für jeden Bundestrainer, ob er nun Derwall, Beckenbauer, Vogts oder Ribbeck hieß, unverzichtbar. Es sei denn, es gab atmosphärische Störungen. Die diversen Pausen in seiner Länderspielkarriere waren selten sportlicher Natur und er nahm an allen ihm möglichen WM-Turnieren ab 1982 teil – bis 1998. Unter seinem väterlichen Freund Franz Beckenbauer wurde er 1990 Weltmeister und spielte das Turnier seines Lebens. Das 4:1 in Mailand gegen Jugoslawien war das wohl beste Länderspiel seines Lebens – und eine runde Sache, es war die Nummer 75. Matthäus: "Ich habe einige gute Spiele gemacht, doch ich glaube, das Eröffnungsspiel bei der WM 1990 steht über allem." Sein 3:1 mit einem Sprint übers halbe Feld wurde zum Tor des Jahres gewählt und prägend für seine Karriere. Seine hervorstechenden Tugenden, Dynamik und Schusskraft, vereinte dieser Moment von San Siro in faszinierender Weise. Am 8. Juli 1990 durfte er als dritter DFB-Kapitän den Weltpokal in den Himmel strecken, damals in Rom. Der Moment "diesen Pokal hochhalten zu dürfen, als erster für die Mannschaft, für das Land – einfach einmalig".

Kapitän war er genau 75-mal – noch so ein runder DFB-Rekord. 1990 gewann Matthäus alle Wahlen, die anstanden: Er wurde der beste Fußballer Deutschlands, Europas und zur Krönung auch der Welt – als erster und einziger Deutscher überhaupt. 1991 verteidigte er diesen Titel sogar. Die Auszeichnungen fielen in seine Mailänder Zeit, in der er zum nahezu kompletten Fußballer avancierte. Er konnte kämpfen und spielen, verteidigen und stürmen, dribbeln und Traumpässe schlagen und trotz 173 Zentimetern Körpergröße scheute er keinen Kopfball.   

Mit Toren tat sich der Elfmeter- und Freistoßspezialist im Nationaldress anfangs schwer. Erst im 33. Einsatz brach der Bann, 23 Tore wurden es insgesamt. Jenes 5:1 im April 1985 in Prag "war der Wendepunkt in der Karriere des Lothar Matthäus", sagte Lothar Matthäus, als diese noch gar nicht vorbei war. Der Mitläufer wurde zum Führungsspieler. In der Ära Beckenbauer (1984-1990) machte Matthäus seine besten Spiele, wenn auch nicht immer auf dem richtigen Posten. Dass er im verlorenen WM-Finale 1986 auf Diego Maradona angesetzt wurde und so für den Aufbau ausfiel, hat der Kaiser noch oft bedauert.

Ribbeck überredete Matthäus zum Weitermachen

Vier Jahre später in Rom, wieder gegen Argentinien, gab es zum Glück ein Happy End. Diesmal gab Guido Buchwald den Wachhund für Maradona, Matthäus war Chef einer Weltklassemannschaft und bereitete den Elfmeter vor, der den Sieg brachte. Dass er ihn wegen einer gebrochenen Schuhsohle lieber Andy Brehme überließ, sprach für seinen Teamgeist.

Er war auf dem Gipfel, damals in Rom. Es konnte also nur bergab gehen. Matthäus spielte danach noch zwei weniger erfolgreiche WM-Turniere, beide endeten im  Viertelfinale, unter Berti Vogts, der ihn 1998 kurz vor Meldeschluss reaktivierte. 
Der alte Streit war begraben, der Ende 1995 aufgekommen war als Matthäus mutmaßte, Mitspieler wären gegen seine Rückkehr. Vogts holte ihn doch – zunächst als Reservist, ab der zweiten Hälfte des zweiten Spiels als Libero, den er auf seine alten Tage gab. Damit wurde er WM-Rekordspieler, mit runden 25 Einsätzen, ehe ihn Lionel Messi 2022 ablöste. 

1998 trat er zurück, aber Vogts-Nachfolger Erich Ribbeck überredete den 37-jährigen zum Weitermachen. Er brauchte ihn für die EM und wenn einer was von ihm will, hat er oft Glück. "Lothar ist zu gut für diese Welt", sagten schon die Kiebitze beim Bayern-Training, wenn er im strömenden Regen auch dem letzten Fan noch ein Autogramm gab, während alle anderen schon duschten.  Als Nationalspieler hätte er gewiss ein besseres Ende verdient als mit 39 Jahren (auch DFB-Rekord) das Waterloo von "de Kuip" am 20. Juni 2000 zu Rotterdam, als man Portugal 0:3 unterlag und schon nach der Vorrunde heimfuhr. "Dieses Jubiläumsspiel würde ich am liebsten aus meiner Karriere streichen", sagte Matthäus, der damals aus New York angereist kam. Er ist damit der einzige Deutsche, der jemals als US-Profi ein Länderspiel bestritt – auch eine Art Rekord. Und wird es je wieder eine Karriere geben, die mit einem EM-Spiel begann und endet? Noch so eine Matthäus-Spezialität.

"Bei mir will man immer nur das Schlechte sehen"

Seine letzte Begegnung mit der Nationalelf war es übrigens doch nicht: Im Juni 2004 stand er allerdings auf der Gegenseite und schlug als Auswahltrainer Ungarns in Kaiserslautern das Team seines Weltmeisterfreundes Rudi Völler 2:0. 
Kaum zu glauben eigentlich, dass dieser Mann auf 150 Länderspiele kam, obwohl er zwei Europameisterschaften verpasst hat. Vor 1992 erlitt er in Italien einen Kreuzbandriss, vor 1996 riss die Achillessehne bei einem Testkick der Bayern, zu denen er 1992 (bis 2000) zurückkehrte. Er kam immer wieder auf die Beine.

Der Fußballer Matthäus war Weltklasse, der Mensch schillernd und für den Boulevard allzeit interessant: Fünf Ehen, fünf Scheidungen, vier Kinder. So einer polarisiert, ist interessant. Seine offene Art kostete ihn einst einige Sympathien im Kollegenkreis und ein gutes Dutzend Länderspiele. Mit Bayern-Manager Uli Hoeneß verkrachte er sich vor 25 Jahren wegen der Abrechnung für sein Abschiedsspiel und provozierte den legendären Spruch, er werde "nicht mal Greenkeeper beim FC Bayern". Zum 60. Geburtstag hatten sie sich längst versöhnt und auf dem Titel des Vereinsmagazins sah man Matthäus in der Allianz Arena einen Rasenmäher fahren. Nur für das Foto, aber immerhin. 

Was ihn schmerzt im Rückblick? Dass sein Wunsch, im Rahmen seiner Trainerkarriere (sieben Stationen in sieben Ländern) in der Bundesliga zu arbeiten, nicht erfüllt wurde. "Man will immer nur das sehen, was man sehen will. Und bei mir will man immer nur das Schlechte sehen", sagte er 2009 der FAZ. Das mag in seiner subjektiven Sicht so sein, ist aber nur ein Teil der Wahrheit. Deutschland ist auch ganz schön stolz auf seinen Ehrenspielführer und dessen runde Karriere. Und so mancher fühlt mit ihm, wenn er im neuen Kinofilm um seinen Freund Andi Brehme und den Mentor Franz Beckenbauer weint.

Kategorien: Männer-Nationalmannschaft

Autor: um