Männer-Nationalmannschaft
Weltmeister und "Rebell": Paul Breitner wird 75

Weltmeister, Europameister, Europapokalsieger, Deutscher Meister, DFB-Pokalsieger, Fußballer des Jahres und Mitglied der Hall of Fame des deutschen Fußballs: Paul Breitner hat als Fußballer so gut wie alles erreicht. Heute feiert der 48-malige Nationalspieler seinen 75. Geburtstag, DFB.de gratuliert.
Deutschland im Endspiel um die Fußball-Weltmeisterschaft - und keiner weiß, wer die Elfmeter schießen soll. Klingt unglaublich, entsprach aber durchaus den Tatsachen an jenem 7. Juli 1974. Der eher antiautoritäre Führungsstil des bei seinen Spielern sehr beliebten Bundestrainers Helmut Schön hatte zuweilen seine Nachteile - und das offenbarte sich vor 52 Jahren in München, als Deutschland gegen die Niederlande den zweiten WM-Titel errang.
Im letzten Zwischenrundenspiel vier Tage zuvor hatte Uli Hoeneß gegen die Polen einen Strafstoß verschossen, Gerd Müller in jenen Tagen eine verheerende Trefferquote vom Kreidepunkt und auch der "Kaiser" Franz Beckenbauer andere Stärken. Mit Beckenbauer hatte Schön also verabredet, dass man dann noch "mal reden" werde, sollte es gegen die Niederlande einen Elfmeter geben. Es gab ihn, in Minute 25, beim Stand von 0:1 - und viel Gerede gab es nicht. Paul Breitner, mit damals 22 einer der Jüngsten, nahm sich den Ball.
"Erzähl' mir noch mal die Geschichte vom Elfmeter!"
Angeblich zunächst nur, "weil ich höflich bin, und einer musste ihn ja holen". Es kam ihm aber keiner entgegen zur Abnahme, auch kein Wolfgang Overath, der schon seine dritte WM spielte. Der Kölner allerdings fragte ihn leicht verwundert, ob er den jetzt etwa selbst schießen wolle - und der nicht gerade an Selbstzweifeln leidende Bayern-Kicker will ihm entgegnet haben: "Logisch, den hau ich rein jetzt - basta!"
Er hielt Wort. Erst am nächsten Tag, als er sich vor dem TV die Wiederholung ansah, wurde er nervös und bekam Schweißausbrüche. Was habe ich da getan, ich Depp, will er sich in etwa gefragt haben. Ein Anführer, von seiner eigenen Courage überwältigt. Dieses Elfmetertor, da ist sich Breitner sicher, werde ihn noch auf dem Totenbett verfolgen. Selbst da werde sicher noch einer kommen und ihn bitten: "Erzähl' mir noch mal die Geschichte vom Elfmeter!" So lesen wir es im Interview mit dem aktuellen Magazin des FC Bayern, "Säbener 51", das sein Sohn Max leitet.
Drei Kinder hat Breitner aus seiner mittlerweile 55-jährigen Ehe mit seiner Hilde, keines kam an die Popularität des Vaters heran. Nicht schlimm. "Sie haben alle ihren vernünftigen Weg zur Selbstständigkeit gefunden", sagte Paul Breitner schon vor vielen Jahren und war nicht unglücklich darüber, dass sie keine Promis wurden, "so haben sie es leichter." Da sprach einer, mit dem es auch nie leicht war, aus Erfahrung.
Mit zehn bei den 14-Jährigen gespielt
Paul Breitner, am 5. September 1951 in Kolbermoor bei Rosenheim zur Welt gekommen, war eine Persönlichkeit, an der sich die Menschen rieben. Er sei zwar "nicht zum Helden geboren", fühlte sich aber schon früh als Anführer. Mit elf (!) sagte er seinen beruflich stark eingespannten Eltern, sie bräuchten sich nicht mehr um ihn zu kümmern, er käme schon klar im Leben. "Ich hab meine Sachen im Griff - Freizeit, Schule, egal", heißt es im Buch "Deutschlands Traumelf" aus dem Jahr 1999.
Er hielt Wort und war selbst sein strengster Ausbilder. Weil er schon mit zehn bei den 14-Jährigen des SV DJK Kolbermoor mitspielte, beschloss er, etwas aus seinem Talent zu machen, und mit 13 fing er an, täglich zu trainieren. All das, was Fußballer hassen, machte er freiwillig: Dauerläufe, Steigerungsläufe, Kopfballpendel, Sprungkraftübungen auf Stehterrassen - und nebenbei sein Abitur, das in ein Studium der Psychologie mündete.
Mit 15 ging Breitner zum ESV Freilassing, wo ihn sein Vater trainierte, und traf erstmals auf und gegen den FC Bayern. Der ESV schlug die Altersgenossen aus München mit 4:1, und von da an hatten sie "den Paule" an der Säbener Straße im Visier. Andere auch, wer in 101 Jugendspielen 464 Tore erzielt und 16-mal in der deutschen Jugendnationalmannschaft spielt, der muss ja auffallen.
Länderspielpause nach Madrid-Wechsel
1970 hatte er schon fast den gerade abgestiegenen Münchner Löwen zugesagt, da funkten die Bayern noch dazwischen. Denn deren neuer Trainer Udo Lattek hatte Breitner in der DFB-Auswahl betreut und dessen Spezi Uli Hoeneß auch. Zusammen kamen sie im Sommer nach der Mexiko-WM nach München, bezogen eine WG und wurden Protagonisten der ersten großen Bayern-Ära. Mit Breitner gab es drei Meisterschaften in Folge, 1971 den DFB-Pokal und 1974 erstmals den Europapokal der Landesmeister.
Da war er schon längst Nationalspieler - und ein "Rebell". Nach seinem Debüt in Norwegen am 22. Juni 1971 musste er drei Partien aussetzen, weil sie es beim DFB nicht lustig fanden, dass ihn die Nationalhymne bei der Konzentration gestört hätte. Aber mittelfristig konnten sie auf den Verteidiger, der seinen Job ganz anders interpretierte und nicht an der Mittellinie stoppte, nicht verzichten. Schon ein Jahr später wurde Breitner Europameister. Beim ersten Sieg in Wembley war er ebenso dabei wie bei der Endrunde in Belgien. Nun war er gesetzt.
Bei der WM 1974 verhinderte er einen Fehlstart und schoss das einzige Tor gegen Chile, auch gegen Jugoslawien war ein Breitner-Fernschuss der "Dosenöffner". So wurde der linke Verteidiger Breitner zweitbester deutscher Turnier-Torschütze nach Gerd Müller. Dann aber wechselte Breitner zu Real Madrid und sagte im ZDF-Sportstudio im Herbst 1974, er werde erst wieder für Deutschland spielen, "wenn sich im DFB-Vorstand etwas ändert". Nachwehen des Prämienkrachs von Malente, in dem Bundestrainer Helmut Schön und er - und damit zwei grundverschiedene Ansichten über Kapitalismus im Fußball - aneinandergeraten waren.
1982: Wieder trifft Breitner im WM-Finale
Erschwerend kam hinzu, dass der DFB damals ungern Legionäre nominierte, weil es mit den Vereinen immer Theater um die Freigabe gab. "Brauchen wir die Spanier noch?" fragte 1975 der Kicker in Bezug auf Paul Breitner und Günter Netzer. Man kam überein, dass man einander nicht mehr brauchte, und sechs Jahre fehlte der Name Breitner in den Aufstellungen.
In Madrid erlebte er "mit der Familie die schönsten drei Jahre meines Lebens" und wurde zweimal Meister. Den wichtigsten Europacup aber gewann weiterhin sein Ex-Klub, und nach einer unerquicklichen Stippvisite bei Eintracht Braunschweig (1977/1978) kehrte der verlorene Saison heim. Es begann die zweite Erfolgsära der Bayern in der Bundesliga, mit Paul Breitner und Karl-Heinz Rummenigge als Säulen kam die Schale wieder zurück nach München (1980 und 1981).
1981 wurde Bayern-Kapitän Breitner Fußballer des Jahres. Längst spielte er im Mittelfeld, was seinem Charakter am besten entsprach. Bayerns Ex-Trainer Dettmar Cramer sagte: "Paul Breitner konnte ganz alleine selbst eine vom Misserfolg gehemmte Mannschaft mitreißen." Im April 1981 holte ihn dann Bundestrainer Jupp Derwall zurück, und Anführer Breitner führte die Mannschaft ins WM-Finale 1982 in Madrid, wo er beim 1:3 gegen Italien wie schon 1974 in München gegen die Niederlande traf. Als einziger Deutscher Tore in zwei WM-Endspielen - außer ihm glückte das weltweit nur den Brasilianern Vava und Pelé sowie den Franzosen Zinédine Zidane und Kylian Mbappé.
"Bei Paul weiß ich stets, woran ich bin"
Breitner ging mit 48 Länderspielen in die DFB-Chronik ein. Nur 48. Viermal saß er noch auf der Bank, mehr als 70 verpasste er wegen seines Rückzugs, den er auch seinem Sturkopf verdankte. Schon die Tante, bei der aufwuchs, hatte ihn angeleitet, "alles zu hinterfragen" und seine Meinung zu sagen. Immer. Das kostete Breitner nicht nur Länderspiele, sondern auch den Bundestrainer-Job, den er im September 1998 für 17 Stunden schon zu haben glaubte. Ehe ein kritisches Interview am DFB-Vorstand alles zunichte machte - Nachfolger des zurückgetretenen Berti Vogts wurde stattdessen Erich Ribbeck. DFB-Präsident Egidius Braun erklärte den Verzicht auf Paul Breitner so: "Ich kann doch keinen holen, der mich weg haben will."
Auch manche Freundschaft litt unter Breitners Meinungsfreude, die ihn in seiner Zeit als Kolumnist und Experte auszeichnete. Die mit Uli Hoeneß ruhte gar 23 Jahre, dann rauften sie sich wieder zusammen, weil sie aneinander eines bei allem Groll schätzten: dass sie stets offenes Visier trugen. Wie sagte doch Karl-Heinz Rummenigge: "Bei Paul weiß ich stets, woran ich bin."
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Autor: um

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