Männer-Nationalmannschaft

Vereinslegende und Weltmeister: Olaf Thon wird 60

01.05.2026
Auf Schultern getragen: Olaf Thon traf beim Pokalspiel 1984 gegen die Bayern dreimal Foto: imago

Als die hochdekorierten Experten von Amazon Prime nach dem Halbfinalhinspiel der Champions League zwischen Paris SG und Bayern München (5:4) nach Worten und Präzedenzfällen suchten, da fiel ihnen nichts ein. Hätte dort statt Mats Hummels oder Christoph Kramer ein gewisser Olaf Thon gestanden, hätte der schon ein Beispiel für ein noch irreres und torreicheres Spiel gefunden. Denn wie kein anderer steht er für eine legendäre Partie, die seine Karriere wesentlich beeinflusste.

Der nur 1,69 Meter kleine Mann, der heute seinen 60. Geburtstag feiert, schoss sich einen Tag nach seinem 18. Geburtstag ins Rampenlicht. Der 2. Mai 1984 sah das wohl unglaublichste Spiel der deutschen Pokalgeschichte. Es regnete vom Himmel an diesem Mittwoch - und es regnete Tore. Schalke 04 gegen Bayern München, 2. Liga gegen 1. Liga. Damals war der Unterschied noch nicht so groß, dass der Sieger schon vor Anpfiff feststand und so kamen 70.000 Zuschauer hoffnungsfroh ins Parkstadion.

Das ZDF übertrug live und so kam es, dass am nächsten Tag die halbe Fußball-Welt wusste, wer Olaf Thon ist. Das Spiel endete 6:6 - nach Verlängerung - und der 18-jährige Thon schoss und köpfte drei Tore. Das letzte quasi mit Abpfiff in der 120. Minute. Die Fans stürmten den Platz und umringten den Helden des Abends. Jeder suchte seine Nähe, wollte den neuen Ernst Kuzorra anfassen und hochleben lassen.

Schlafen in Bayern-Bettwäsche

Im legendären Interview mit Reporter Rolf Töpperwien gestand Olaf, dass er noch in Bayern-Bettwäsche schlafe, aber selbst das konnte seiner Beliebtheit keinen Abbruch tun. Trotzdem schickte ihm eine 60 Jahre alte Lehrerin aus Gelsenkirchen Schalke-Bettwäsche, damit er in den richtigen Farben träumen möge. Zwei Wochentage später war Schalke 04 aufgestiegen, nichts sehnlicher wünscht er sich auch in diesen Tagen, schon am Wochenende kann die Leidenszeit der königsblauen Fangemeinde ein vorläufiges Ende haben. 

Die Liebe zu ihrem Klub dürfte zeitlos sein. Olaf Thon spielte in einer anderen Ära des Fußballs, vieles können wir heute kaum glauben. Sein erstes Länderspiel wurde nur im Radio übertragen, sein Abschiedsspiel kam live auf Sat.1. Für seinen ersten Sieg bekam er noch zwei Punkte, für seinen letzten drei. Sein Debüt gab er in einem Stadion, seinen Abschied in einer Arena.

Olaf Thon war 19 Jahre Profi und hat an vielen Kapiteln der deutschen Fußballgeschichte mitgeschrieben. Als er als 17-Jähriger in der 2. Liga für Schalke 04 debütierte, verschwendete noch niemand einen Gedanken daran, diese Spiele im Unterhaus live zu übertragen. Es waren magere Zeiten. Der große Fußballboom kam zu Beginn der Neunziger durch drei Faktoren: die deutsche Wiedervereinigung, der WM-Triumph von Rom und das Aufkommen der Privatsender.

Teuerster Transfer der Bundesligageschichte

Thon war Teil dieses Booms und er hatte Anteil daran, dass der Fußball trotz allem nicht alle seine Werte verlor. Seine Karriere war typisch für die neue Zeit und auch wieder nicht. Wie viele Jungstars, die in kleinen Vereinen den Unterschied machten, wechselte er zu den Bayern. Damals, nach Schalkes drittem Abstieg 1988, war er mit 3,8 Millionen D-Mark der teuerste Transfer der Bundesligageschichte.

Aber im Herzen blieb der in Gelsenkirchen geborene Sohn eines Oberligafußballers immer Schalker. Vereinstreue war für ihn kein leerer Wahn und so kehrte er nach sechs Jahren zu dem Verein zurück, dessen Repräsentant er ist und in dessen Traditionsmannschaft er noch gelegentlich spielt. Als ihr Leiter ist er vor allem organisatorisch tätig.

Schalke und Bayern, Bayern und Schalke  - das waren die Fixpunkte seiner Karriere. Es war nicht die schlechteste, Weltmeister darf er sich nennen, Deutscher Meister, UEFA-Pokalsieger und DFB-Pokalsieger. Nach seinem größten Glück gefragt, antwortete er in der Woche vor seinem Abschiedsspiel: "Dass ich trotz meiner vielen Verletzungen 19 Jahre Profi sein durfte."

Nur seltsam, dass der größte Tag gleich am Anfang seiner Karriere kam, "danach hätte ich eigentlich aufhören müssen, besser ging es nicht", hat er später halb im Spaß und halb im Ernst gesagt. Gut, dass er noch ein bisschen weiter spielte. Für das 6:6 gab es keinen Pokal und nicht mal einen Finaleinzug, im Wiederholungsspiel schieden sie aus (2:3). Thon aber sammelte fleißig Titel und Meriten.

Länderspieldebüt nach 16 Bundesligaspielen

Nach nur 16 Bundesligaeinsätzen beförderte ihn Franz Beckenbauer zum Nationalspieler. Damals auf Malta, als das Fernsehen nicht live übertragen durfte. 45 Minuten währte sein Debüt, er war mit 18 Jahren und sieben Monaten der jüngste Debütant nach dem Krieg - nach Uwe Seeler. Deutschland gewann das WM-Qualifikationsspiel in La Valetta mühsam mit 3:2 und der Kaiser fand nur für einen lobende Worte: "Das Positive an diesem Spiel ist das glänzende Debüt von Olaf Thon."

Zur WM nach Mexiko nahm er ihn mit, aber verletzungsbedingt kam er nicht zum Einsatz und reiste früher ab. Dafür handelte er sich von Torwart Toni Schumacher Kritik ein, er hätte doch etwas lernen und Erfahrungen sammeln können, nach denen sich andere sehnten.

Thon aber ging immer seinen eigenen Weg und hatte seinen eigenen Kopf. Er reifte früher als andere. "Er redet schon wie ein Alter", schrieb der renommierte Autor Peter Stützer nach einem Interviewtermin mit dem damals 21-Jährigen in der "Sport Illustrierten". Als er nach 1988 zu den Bayern ging, nannten sie ihn alsbald "Professor", zu viel der Ehre für einen Mann mit einer abgebrochenen Schlosserlehre. Uli Hoeneß beeindruckte eine andere Eigenschaft: "Der Olaf ist ein ganz kühler Rechner."

Verletzungen bremsen die Nationalmannschaftskarriere

Womit jeder Fußballer rechnen muss, aber mit Unbekannten, waren Verletzungen. Allein drei Bänderrisse zwischen Oktober 1989 und Juli 1990, drei Operationen - drei längere Pausen. Das hatte Konsequenzen für den vielseitigen Kicker, der auf Schalke stürmte, bei den Bayern im Mittelfeld begann und als Libero endet. Von 163 möglichen Länderspielen zwischen seinem Debüt und seinem Ausstand bei der WM 1998 bestritt er 52 - nur jedes dritte.

Sein erstes Turnier, an dem er aktiv teilnahm, war die EM 1988 im eigenen Land, noch als Schalker. In Gelsenkirchen schoss er ein Tor gegen die Dänen und freute sich doppelt, es war der passende Abschied von diesem Stadion, wie er fand. Das 1:2 im Halbfinale von Hamburg gegen die Holländer bezeichnete er als "meine schlimmste Niederlage, denn ich konnte den entscheidenden Pass auf Marco van Basten nicht verhindern." Dann wischte auch noch ein Niederländer mit seinem getauschten Trikot symbolisch den Hintern ab.

1990, in Italien, gab es eine weitere bittere Enttäuschung. Im Aufstellungspoker um die offensiven Plätze im deutschen Mittelfeld - zwei aus vier - hatte Thon bis zum Halbfinale gegen England schlechte Karten gehabt. Zwei Minuten gegen Kolumbien, das war seine WM gewesen. Dann plötzlich nominierte ihn der Kaiser statt Pierre Littbarski und er enttäuschte ihn nicht, behielt auch im Elfmeterschießen die Nerven. Aber im Finale saß er wieder auf der Bank. "Wenn ich da noch gespielt hätte, hätte ich als Fußballer alles erreicht", fand er. Weltmeister darf er sich trotzdem nennen. Verteidigen durfte er den Titel nicht, die WM 1994 verpasste Thon ebenso wie die EM-Endrunden 1992 und 1996.

Kapitän der Euro-Fighter

Aber auf seine alten Tage erlebte er auf Schalke seinen dritten Frühling, war Kapitän der "Euro-Fighter", die 1997 in Mailand sensationell den UEFA-Pokal gewannen. Weil Berti Vogts nach der vorläufigen Verbannung von Lothar Matthäus keinen Libero hatte, holte er Thon nach vierjähriger Pause 1997 zurück. Das Abenteuer Frankreich endete mit einem Missklang, nach dem letzten Vorrundenspiel gegen den Iran, das für Thon zur Pause beendet war, hatte er seinen Posten an Platzhirsch Matthäus verloren. "Ich habe mich für den Bayern-Block entschieden", begründete Vogts.

Wieder spielten die Bayern Schicksal für Olaf Thon, nun weil er kein Münchner mehr war. Mit 52 Länderspielen ging er in die DFB-Annalen ein, doppelt so viele hätten es sein können. Das Talent hatte er. "Wegen der Verletzungen hat es letztlich nicht zu der Weltkarriere eines Lothar Matthäus gereicht", stellte er sachlich fest. Aber zum Schalker Klubidol sehr wohl, beim Abschiedsspiel war die Veltins-Arena mit 60.672 Besuchern ausverkauft - nicht nur, weil die Bayern kamen.

Später war er im Schalker Aufsichtsrat und hatte sogar eine Anstellung im Marketingbereich. Dann zog es ihn zurück auf den Rasen, 2010-11 trainierte er den VfB Hüls. Privat umgibt ihn eher ein Frauenteam. Mit Gemahlin Andrea, die er schon über 40 Jahre kennt und liebt, hat er zwei Töchter.

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Autor: um