Wissenschaft
Optenberg: "Wir haben Standards gesetzt"

Marc Optenberg hat in den U-Nationalmannschaften des DFB echte Pionierarbeit geleistet. Seit 2007 hat er den physiotherapeutischen Bereich aufgebaut und immer weiter professionalisiert. Im DFB.de-Interview spricht der 62-Jährige darüber, wie er Herausforderungen auf diesem Weg gemeistert hat – und was er sich für die Zukunft des heute etablierten Bereichs wünscht, dem schon Sportdirektor Matthias Sammer eine immense Wichtigkeit bescheinigt hatte.
DFB.de: Herr Optenberg, wie kam Ihr erster Kontakt zum DFB zustande?
Marc Optenberg: Mein Einstieg war 2006 bei der Heim-WM. Über eine Hilfsinitiative durfte ich die Nationalmannschaft Togos, damals mit Spielern wie Emanuel Adebayor, physiotherapeutisch betreuen – ein absolutes Highlight. Danach folgte die U 17-WM in Südkorea. Über diese Einsätze entstand der Kontakt zum DFB und wenig später die Anfrage, ob ich auch für die deutschen U-Nationalmannschaften tätig sein möchte.
DFB.de: Knapp 20 Jahre später haben Sie den physiotherapeutischen Bereich im DFB-Nachwuchs aufgebaut und etabliert. Lehrgänge ohne Therapeut*innen sind nicht mehr denkbar. Was hat sich in dieser Zeit verändert?
Optenberg: Als ich begann, war vieles noch nicht professionalisiert. Teilweise sind wir ohne Mannschaftsarzt in Lehrgänge gegangen. Gemeinsam mit den Verantwortlichen, ich möchte Matthias Sammer, Joti Chatzialexiou, Kai Krüger und Patrick Reifenscheidt nennen, haben wir gut zusammengearbeitet und heute fest etablierte Strukturen geschaffen: feste Ärzte und Physiotherapeut*innen in allen Teams, klare Qualitätsstandards, regelmäßige Weiterbildungen und vor allem ein Leitbild für die Physiotherapie im DFB-Nachwuchs. Das war ein großer Schritt.
DFB.de: Worauf sind Sie neben der Einführung eben jenes Leitbild besonders stolz?
Optenberg: Auf das Vertrauen meiner Kolleg*innen und darauf, dass wir gemeinsam den physiotherapeutischen Bereich professionalisiert haben. Wir haben Standards gesetzt – von der personellen Besetzung über die Ausstattung, dabei denke ich in der ersten Zeit an höhenverstellbare Liegen und später innovative Regenerationsgeräte bis hin zur fachlichen Weiterentwicklung. Und wir haben es geschafft, dass die Physiotherapie heute ein fester, anerkannter Bestandteil des Funktionsteams ist. Auch wenn der ein oder andere Trainer bei der Behandlung von Muskelverletzungen mitreden wollte, wird in den allermeisten Fällen auf unsere Expertise vertraut (lacht).
DFB.de: Welche Herausforderungen gab es für Sie?
Optenberg: Ein Beispiel für eine schwierige Situation war, als die Spieler nach einer langen Saison völlig erschöpft ins Trainingslager vor einem großen Turnier kamen und die Belastung in der Vorbereitung trotzdem extrem hoch war. Da wusste ich: Das wird nicht gut ausgehen – und so kam es auch. In solchen Momenten merkt man, wie schwierig die Balance zwischen leistungsorientierter Vorbereitung und der Gesundheit der Spieler sein kann. Man fühlt sich doch mitverantwortlich und möchte die Spieler bestmöglich schützen. Ein Satz von Matthias Sammer hat mich immer begleitet: "Bitte denkt an die Details – sie entscheiden über den Erfolg." Dieser Anspruch hat unsere Arbeit geprägt. Wir mussten alles tun, damit Athleten sich nicht in Ausreden flüchten können, sondern auf dem Platz ihre Leistung bringen. Das war für mich eine Leitlinie in jedem Lehrgang.
DFB.de: Warum haben Sie im vergangenen Sommer den Entschluss gefasst, beim Verband aufzuhören?
Optenberg: Nach fast 18 Jahren war es für mich an der Zeit, den Staffelstab weiterzugeben. Mit 62 wollte ich mehr Zeit für meine Partnerin und für mich persönlich haben. Trotz so mancher intensiver Diskussion mit den Verantwortlichen – dabei ging es mir immer nur um die Sache – bin ich dem DFB sehr dankbar: All die Jahre haben mich geprägt. Ich habe unglaublich viel gelernt und tolle Menschen kennengelernt. Ohne diese Erfahrungen wäre mein Leben nicht so spannend und bereichernd gewesen.
DFB.de: Wie geht es nun für Sie beruflich weiter?
Optenberg: Ich betreibe weiterhin meine Praxis im Allgäu, habe aber vor einigen Jahren einen Juniorchef eingebunden, der viel Verantwortung übernommen hat. Mein Schwerpunkt liegt inzwischen auf der Lehrtätigkeit: Ich bilde Physiotherapeut*innen für den Leistungssport aus, unter anderem im Lehrstab des Deutschen Olympischen Sportbundes. Junge Menschen für diesen Beruf zu begeistern, macht mir große Freude.
DFB.de: Lassen Sie uns zum Schluss vorausschauen: Was wünschen Sie sich für die Physiotherapie im Fußball?
Optenberg: Mein großer Wunsch ist eine bessere Aus- und Weiterbildung für Physiotherapeut*innen in den Leistungszentren und ab der Oberliga. Wobei das weniger ein Wunsch und mehr eine Notwendigkeit ist. Wir verlieren zu viele Talente durch Bagatellverletzungen, die nicht optimal betreut werden. Hier können Sportverbände Standards setzen – zum Beispiel durch einen Zertifikatslehrgang. Dabei könnten junge Therapeut*innen fachliches Wissen vertiefen und gleichzeitig die Besonderheiten im Umgang mit Leistungssportler*innen kennenlernen. Physiotherapeut*innen sind oft wichtige Bezugspersonen für die Talente. Diese Rolle muss professionell ausgefüllt werden. Dann rufen mich künftig vielleicht weniger LZ-Leiter an und fragen nach gutem Personal (lacht).
Kategorien: Wissenschaft, U 15-Junioren, U 16-Junioren, U 17-Junioren, U 18-Junioren, U 19-Junioren, U 20-Männer, U 21-Männer, DER DFB
Autor: jf

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