Männer-Nationalmannschaft

Nur der DFB-Pokal fehlt: Titelgarant Stefan Reuter wird 60

16.10.2026
36 Jahre nach dem WM-Titel in Rom: Stefan Reuter feiert 60. Geburtstag Foto: imago

Vor 26 Jahren beendete Stefan Reuter seine Spielerkarriere, dem Fußball ist er trotzdem bis heute treu geblieben. Erst als Manager, dann als Geschäftsführer, nun als Berater von Vereinen - mit eigener Agentur. Aus guten Gründen ist er am Ball geblieben, denn "es ist ein wahnsinniges Geschenk, sein Hobby zum Beruf machen zu können." So sagte er es jetzt im Vereinsmagazin von Bayern München. Zumal wenn der Weg mit Erfolgen gepflastert ist.

Die Liste der Titel, die der Mann aus dem fränkischen Dinkelsbühl, der heute 60 Jahre jung wird, gewonnen hat, ist weit länger als die, die er nie gewann. Grund genug, all das noch einmal in Erinnerung zu rufen. Stefan Reuter war ein Multitalent, das auch ohne Ball Pokale und Urkunden gewann. Als Teenager war er bayerischer Meister im Crosslauf. In ganz Dinkelsbühl, wo er mit fünf dem örtlichen Fußballklub TSV beitrat, kannten sie den kleinen Stefan, der schneller laufen und weiter springen konnte als alle anderen. Seine 100-Meter-Zeit: 11,2 Sekunden. Schon mit zwölf durfte er sich Bezirksmeister im Weitsprung nennen, aber wer als Bub in den Goldenen Siebzigern aufwuchs, der hatte meist den großen Traum, Fußballer zu werden. Reuter erfüllte ihn sich.

Mit 16 wechselte er zum 1. FC Nürnberg, mit 17 war er das erste Mal Europameister. Bei der U 16-EM 1984 stand er im Kader der Mannschaft von Berti Vogts, die in Böblingen die Sowjetunion 2:0 bezwang. Reuter saß 69 Minuten auf der Bank, doch kaum war er auf dem Platz, da fiel das 2:0. Nur zwei der Europameister wurden A-Nationalspieler: Bodo Illgner und er. Sechs Jahre später wurden sie in Rom Weltmeister.

Bis dahin hatte Reuter noch manche Prüfung zu bestehen, nur das Abitur nicht. Er verließ in der Hoffnung auf eine Profikarriere 18 Monate vorher das Gymnasium, nicht gerade zur Freude seiner Eltern. Doch sie durften schon bald feststellen, dass der Sohn auch ohne Hochschulreife seinen Weg gehen würde. Glückliche Umstände standen ihn am Anfang zur Seite. Als im Oktober 1984 beim "Club" eine Revolution gegen Trainer Heinz Höher ausbrach, stellte sich der Verein auf die Seite Höhers und warf die Rädelsführer raus. Reuter, der als einer von nur fünf Spielern das Training nicht boykottiert hatte, wurde also mit gerade 18 ins Zweitliga-Feuer geworfen und betonte stets: "Heinz Höher brachte mir bei, worauf es im bezahlten Fußball ankommt."

Vom Amateur zum Stamm- und Nationalspieler

Auf dem Aachener Tivoli gab er am 2. November noch als Amateur sein Debüt in der 1. Mannschaft und bestritt bis Saisonende 25 Spiele von Anfang an. Die Jungen Wilden rollten das Feld von hinten auf und so stürmte Reuter auf Anhieb in die Bundesliga, wo der "Club" weiter Furore machte. Es kam, was für Fachleute kommen musste: Die Einladung in die Nationalmannschaft. Am 18. April 1987 wechselte ihn Teamchef Franz Beckenbauer in Köln gegen Italien für Wolfgang Rolff ein, denn neue Männer brauchte das Land für die EM 1988.

An der durfte Reuter zu seiner Enttäuschung nicht teilnehmen, obwohl er im Dezember 1987 in Brasilien sein erstes Länderspieltor geschossen und in der Saison 1987/1988 kein Spiel verpasst hatte. Es warf den "Turbo aus Dinkelsbühl" nicht um. Gleich nach dem EM-Sommer wechselte er nach 100 Bundesligaspielen, alle in der Startelf, gemeinsam mit Roland Grahammer zu den Bayern und wurde auf Anhieb Stammspieler. Er saß in drei Jahren nie auf der Bank und feierte unter Trainer Jupp Heynckes zwei Meisterschaften. "Die Meisterfeiern auf dem Marienplatz waren das Größte", gestand er nun auf die Frage nach seinen schönsten Erinnerungen an die Bayern-Zeit.

Und der Kaiser rief ihn alsbald zurück zu seinen Fahnen. In Italien gehörte er zum großen Bayern-Block im Weltmeisterkader von 1990. In den ersten vier Spielen verpasste er keine Sekunde, nach seinem Außenristpass im Jugoslawien-Spiel auf Lothar Matthäus fiel das erste deutsche Tor bei dieser WM. Dann stellte Beckenbauer um und Reuter verpasste das Viertelfinale gegen die Tschechen. Da war er geknickt: "Es fiel mir sehr schwer, mich mit der Entscheidung von Beckenbauer abzufinden". Immerhin musste er sich bei dessen legendärem Wutanfall nach dem Spiel in der Kabine nicht angebrüllt fühlen.

Im Halbfinale gegen England wurde er dann ebenso eingewechselt wie im Finale gegen die Argentinier. Mit sechs Einsätzen darf er sich also als vollwertiger Weltmeister fühlen. Der Weltmeisterglanz strahlte auch auf ihn ab und so kamen selbst Außenverteidiger für Italiens Topklubs in Frage. Fast alle Weltmeister hatten aus dem Gastgeberland Angebote erhalten, Reuter eines von Juventus Turin. Im März 1991 schoss er in Hamburg noch das Tor des Monats, dann verabschiedete er sich gemeinsam mit Jürgen Kohler gen Italien. Die Bayern freuten sich über 5,8 Millionen DM Ablöse.

Größte Erfolge im Vereinsfußball mit dem BVB

Schon 1992 kehrte er zurück, nach 28 Einsätzen in der Serie A. Das begründete er so: "Juventus kaufte willkürlich ein – plötzlich waren wir fünf Ausländer. Mit so einem System kann ich mich nicht identifizieren, da bist Du nicht mehr Mensch, nur noch Ware“. Damals durften pro Team immer nur zwei Ausländer spielen. Dennoch sei die Zeit in Turin "ein Traum" gewesen.

Nun ging er nach Dortmund und blieb dort zwölf Jahre (1992 bis 2004). Er erlebte die goldene Hitzfeld-Ära mit, stand 1993 im UEFA-Cup-Finale, gewann die Meisterschaften 1995 und 1996 und stand in der Elf, die am 29. Mai 1997 in München die Champions League gewann. Reuter: "Der absolute Höhepunkt meiner Karriere als Klubspieler." Am Jahresende kam der Weltpokal hinzu. Nur mit dem DFB-Pokal hatte er nie etwas zu tun, obwohl er bei zwei der erfolgreichsten deutschen Klubs spielte, stand er nie im Finale von Berlin. Ein kleiner Makel angesichts all der Meriten...

Die Nationalelfkarriere verlief nicht so geradlinig weiter. 1992 stand er noch im verlorenen EM-Finale gegen Dänemark, aber als einziger nicht zurückgetretener Weltmeister, der in Rom auf dem Feld stand, durfte er 1994 nicht mit zur USA-WM. Was auch an Verletzungen lag, 1993 bestritt er kein Länderspiel. 1996 in England war er dann wieder dabei, als Deutschland Europameister wurde. Nur nicht im Finale, denn er hatte sich im Halbfinale gegen die Engländer eine Gelb-Sperre eingehandelt. Immerhin zählte er zu den Elfmeterschützen, die das Team ins Finale schossen. Reuter: "Ich habe einfach für mich beschlossen, dass mein persönliches Endspiel das Halbfinale gegen England in Wembley war. Das war einfach ein unfassbar emotionales Duell mit einem dramatischen Elfmeterschießen als krönender Abschluss."

Nach der WM 1998 in Frankreich trat er mit knapp 32 zurück, nur im Eröffnungsspiel gegen die USA war die defensive Allzweckwaffe zum Einsatz gekommen. 69 A-Länderspiele stehen in den Chroniken ("Jedes war ein Höhepunkt für mich"), bei 19 weiteren stand er im Kader. Nur zwei Tore sind verzeichnet – aber das war ja nicht sein Metier, wenngleich ihm Jupp Heynckes einmal sagte, er kenne keinen Spieler mit einem besseren Abschluss. Doch wer in den hinteren Regionen oder auf dem Flügel spielen muss, kommt eben seltener dazu als andere.

502 Einsätze in der Bundesliga

Reuter ist einer von 17 männlichen deutschen Nationalspielern, die sich Welt- und Europameister nennen können, das ist Grund genug, stolz zu sein. Ebenso wie der Fakt, dass in der Bundesliga nur acht Feldspieler auf mehr Einsätze kommen als er er. 502 sind es geworden, über 530 hätten es werden können, doch 2000 fiel er wegen eines Knorpelschadens monatelang aus. 496-mal stand er in der Startelf, auf einen Leader wie ihn wollte kein Trainer verzichten.

Auch unter Matthias Sammer, ein Jahr jünger als er, war er 2002 noch mal Deutscher Meister geworden. Reuters fünfte Meisterfeier erlebte er schon in Begleitung seiner beiden Töchter Jessica und Jennifer. Dass sie, wie der Jubilar sagte, "beide Sportskanonen" mit richtig schnellen Beinen sind, das verwundert nicht wirklich.

Nach dem letzten Abpfiff hatte er drei Stationen im Management von Bundesligisten. Nach Borussia Dortmund und 1860 München wirkte er 13 Jahre als Sportgeschäftsführer und Berater beim FC Augsburg und hatte großen Anteil daran, dass sich der Klub in der Bundesliga etablierte und sogar an der Anfield Road in Liverpool antreten durfte. "Er war der Architekt jenes Kaders, der bewies, dass man auch mit begrenzten Mitteln gegen die Großen der Welt mithalten kann", schrieb die Augsburger Allgemeine zum Abschied in diesem Mai. Abschied vom Fußball aber nimmt er, so er gesund bleibt, noch lange nicht.

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Autor: um