U 19-Frauen

Nia Künzer: "Wir sind auf einem sehr guten Weg"

26.06.2026
Nia Künzer vor dem Turnierstart: "Mit den besten Teams Europas messen" Foto: imago

Kurz vor dem Start der U 19-Europameisterschaft in Bosnien und Herzegowina am Samstag (ab 17 Uhr, live auf DFB.TV und RTL+) spricht DFB-Sportdirektorin Nia Künzer über die Chancen des Teams, die Entwicklung im weiblichen Nachwuchsbereich und die Bedeutung internationaler Turniere für junge Spielerinnen. Außerdem blickt sie auf die Entwicklung der Frauen-Nationalmannschaft unter Bundestrainer Christian Wück, die erfolgreiche WM-Qualifikation und die enge Verzahnung zwischen U 19, U 23 und Frauen-Nationalmannschaft.

DFB.de: Frau Künzer, die U 19-Europameisterschaft in Bosnien und Herzegowina steht bevor, und Sie werden selbst vor Ort sein. Mit welchen Erwartungen reisen Sie zu diesem Turnier?

Nia Künzer: Zunächst freuen wir uns sehr, dass wir uns für die Europameisterschaft qualifiziert haben. Das ist aufgrund des anspruchsvollen Modus mit zwei Qualifikationsrunden keineswegs selbstverständlich. Umso schöner ist es, dass sowohl die U 17 als auch die U 19 in diesem Jahr bei einer Endrunde dabei sind. Die U 17 kehrte sogar als Europameister vom Turnier zurück und sicherte sich darüber hinaus die Qualifikation für die Weltmeisterschaft. Jetzt wollen wir auch mit der U 19 die Chance nutzen, uns mit den besten Teams Europas zu messen. Gerade das Auftaktspiel gegen Gastgeber Bosnien und Herzegowina wird wichtig sein, um eine gute Ausgangsposition im Kampf um das Halbfinale zu schaffen. Wenn die Mannschaft ihre Leistungen aus der Qualifikation bestätigt, traue ich ihr zu, eine wichtige Rolle im Turnier zu spielen.

DFB.de: Sie haben die Entwicklung der Mannschaft bereits angesprochen. Welche Fortschritte stimmen Sie besonders optimistisch?

Künzer: Die Entwicklung der Mannschaft in den vergangenen Monaten stimmt mich sehr positiv. Viele Spielerinnen haben sich individuell weiterentwickelt, gleichzeitig ist das Team als Einheit gewachsen. Das Trainer*innenteam um Melanie Behringer arbeitet inzwischen über einen längeren Zeitraum mit der Mannschaft zusammen und hat wichtige Impulse gesetzt. Natürlich schmerzen Ausfälle wie die von Rosa Rückert sowie Lotta Wrede und Jonna Wrede. Gleichzeitig bieten solche Situationen anderen Spielerinnen die Chance in den Kader zu rücken und Verantwortung zu übernehmen. Meine Erfahrung zeigt, dass Spielerinnen in solchen Momenten oft über sich hinauswachsen. Wenn es gelingt, Ausfälle nahtlos aufzufangen, stärkt das die gesamte Mannschaft und zeigt, wie wichtig jede einzelne Spielerin ist. Darüber hinaus ist eine Europameisterschaft für jede Spielerin etwas Besonderes. Solche Turniere prägen, stärken das Selbstvertrauen und fördern die Überzeugung, auf höchstem Niveau bestehen zu können. Auch deshalb sind diese Erfahrungen für die weitere Entwicklung wertvoll.

DFB.de: Welche Rolle spielen internationale Turniere für die Entwicklung junger Spielerinnen auf dem Weg in die U 23 und die Frauen-Nationalmannschaft?

Künzer: Internationale Turniere sind für die Entwicklung junger Spielerinnen enorm wichtig. Sie sammeln Erfahrungen unter Druck, erleben besondere Situationen und lernen, auf höchstem Niveau zu bestehen. Viele aktuelle und ehemalige A-Nationalspielerinnen haben bereits im Nachwuchsbereich Europameisterschaften oder Weltmeisterschaften gespielt oder sogar gewonnen. Solche Erlebnisse prägen Karrieren und fördern das Selbstverständnis, erfolgreich sein zu können. Diese Erfahrungen bleiben den Spielerinnen oft ein Leben lang in Erinnerung.

DFB.de: Die U 17 hat zuletzt den EM-Titel gewonnen, die U 19 steht ebenfalls in einer Endrunde. Was sagen diese Erfolge über die Entwicklung des weiblichen Nachwuchsfußballs in Deutschland aus?

Künzer: Die Entwicklung ist sehr positiv. Dabei ist entscheidend, dass die Zusammenarbeit zwischen den Nachwuchsteams immer enger und besser wird. Mit neuen Impulsen in der Trainer*innenentwicklung und Talentförderung sowie dem starken Engagement der Vereine in den DFB-Leistungs- und Talentförderzentren weiblich haben wir gute Voraussetzungen geschaffen, um diesen Weg fortzusetzen. Unser Anspruch bleibt, regelmäßig bei Endrunden vertreten zu sein und Spielerinnen für die Frauen-Nationalmannschaft zu entwickeln. Mit Blick auf die Heim-EM 2029 können die aktuellen Jahrgänge dabei eine wichtige Rolle spielen.

DFB.de: Die positiven Entwicklungen zeigen sich nicht nur im Nachwuchsbereich. Auch die Frauen-Nationalmannschaft hat zuletzt wichtige Schritte gemacht und sich für die WM 2027 qualifiziert. Wie fällt Ihr Fazit der bisherigen Entwicklung unter Christian Wück aus?

Künzer: Die vergangenen Monate waren insgesamt sehr positiv. Das Trainer*innenteam hat trotz einiger Herausforderungen wichtige Impulse gesetzt. Nach dem Karriereende einiger verdienter Spielerinnen und mehreren Verletzungsausfällen mussten viele Dinge neu gestaltet werden. Gleichzeitig ist es gelungen, eine klare Spielidee zu entwickeln und zahlreiche junge Spielerinnen erfolgreich zu integrieren. Besonders beeindruckt mich dabei der Mut des Trainer*innenteams, diesen Spielerinnen früh Verantwortung zu übertragen. Der Weg von der U 23 in die Frauen-Nationalmannschaft kann inzwischen sehr kurz sein, wenn Leistung und Entwicklung stimmen. Dass sich dieses Vertrauen auszahlt, sehen wir an vielen Beispielen. Insgesamt zeigt sich, dass die Verzahnung zwischen U 23 und Frauen-Nationalmannschaft sehr gut funktioniert. Gleichzeitig wissen wir, dass wir noch Entwicklungspotenzial haben und weiter an uns arbeiten müssen. Aber die Richtung stimmt, und das macht mich für die kommenden Aufgaben sehr zuversichtlich.

DFB.de: Ein wichtiger Baustein dieser Entwicklung ist auch das Trainer*innenteam mit Christian Wück, Maren Meinert und Saskia Bartusiak. Die Entscheidung für diese Konstellation war damals durchaus mutig. Wie bewerten Sie diese Wahl heute mit etwas Abstand?

Künzer: Die Idee war, unterschiedliche Perspektiven und Kompetenzen zusammenzubringen. Christian bringt eine langjährige Erfahrung als Trainer im Juniorenbereich mit und hatte die U 17 gerade zum Weltmeistertitel geführt, Maren verfügt über eine große und sehr erfolgreiche Expertise in der Entwicklung junger Spielerinnen und Saskia hat selbst als Spielerin viele Jahre erfolgreich auf dem Platz gestanden, Sportwissenschaft studiert und als Spielanalystin gearbeitet. Natürlich gibt es bei einer solchen Konstellation nie eine Garantie, dass alles sofort funktioniert. Umso erfreulicher ist es, wie offen und vertrauensvoll die Zusammenarbeit von Beginn an war. Besonders beeindruckt mich, dass alle Beteiligten trotz der bisherigen Erfolge weiterhin sehr ambitioniert sind. Sie wissen, woran noch gearbeitet werden muss, und haben einen klaren Plan für die kommenden Aufgaben. Ich sehe uns auf einem sehr guten Weg und bin überzeugt, dass in dieser Konstellation noch weiteres Potenzial steckt.

DFB.de: Welche Rolle nehmen Sie in der Zusammenarbeit mit dem Trainer*innenteam ein?

Künzer: Ich verstehe mich als Ansprechpartnerin, Sparringspartnerin und Impulsgeberin. Dabei schätze ich die große Offenheit im Austausch und bringe mich dort ein, wo es sinnvoll ist – ohne in die täglichen sportlichen Entscheidungen einzugreifen. Gleichzeitig ist es mir wichtig, dem Team den Rücken freizuhalten und für größtmögliche Ruhe zu sorgen. Mir ist wichtig, dass sich das Trainerteam und Spielerinnen voll auf ihre Arbeit konzentrieren können und dabei die notwendige Unterstützung sowie das volle Vertrauen spüren.

DFB.de: Welche Bedeutung hat die erfolgreiche WM-Qualifikation für die weitere Entwicklung der Mannschaft?

Künzer: Die direkte Qualifikation ist eine wichtige Bestätigung unseres Weges. Die Mannschaft hat gezeigt, dass sie auch mit Drucksituationen umgehen kann. Nach dem Spiel gegen Österreich stand sie vor einer Herausforderung und hat darauf die richtige Antwort gegeben. Statt weiterer Playoff-Spiele haben wir Planungssicherheit und können die kommenden Monate nun gezielt für die Weiterentwicklung nutzen, um uns auch auf höchstem internationalem Niveau weiter zu verbessern.

DFB.de: Sie haben den Umgang mit Drucksituationen angesprochen. Wie eng begleiten Sie die Mannschaft in Phasen mit besonderem Druck oder sportlichen Herausforderungen?

Künzer: Der Austausch mit der Mannschaft und dem Mannschaftsrat ist regelmäßig und offen. Dabei geht es vor allem darum, mögliche Themen frühzeitig zu erkennen und aus dem Weg zu räumen, damit der Fokus vollständig auf dem Sportlichen liegen kann. Wir wollen ein Umfeld schaffen, das Selbstvertrauen und Überzeugung fördert. Mein Eindruck war, dass die Mannschaft von Beginn an sehr fokussiert und geschlossen aufgetreten ist. Trotz des Remis gegen Österreich blieb die Stimmung positiv und von großer Überzeugung geprägt. Die Mannschaft hat die Herausforderung angenommen, ihre erste Chance genutzt und sich am Ende verdient und ungeschlagen für die Weltmeisterschaft qualifiziert.

DFB.de: Die erfolgreiche Entwicklung zeigt sich nicht zuletzt an den vielen Spielerinnen, die in den vergangenen Monaten den Sprung in die Frauen-Nationalmannschaft geschafft haben. Wenn ich Ihnen die Namen Carlotta Wamser, Jella Veit, Marie Müller oder Larissa Mühlhaus nenne – welcher Gedanke kommt Ihnen dabei als Erstes?

Künzer: Mich freut besonders, wie erfolgreich wir in den vergangenen Monaten Spielerinnen aus der U 23 an die Frauen-Nationalmannschaft heranführen konnten. Das zeigt, wie gut die Zusammenarbeit der Trainer*innenteams funktioniert und wie wichtig die U 23 als Bindeglied auf dem Weg zur Frauen-Nationalmannschaft ist. Viele Talente haben die Chancen, die sich ihnen geboten haben, eindrucksvoll genutzt. Das wird mit Blick auf die kommenden Jahre und die Heim-EM 2029 ein wichtiger Faktor sein.

DFB.de: Hinter diesen Entwicklungen steht auch die enge Verzahnung der verschiedenen Nationalmannschaften. Welche Bedeutung hat diese Zusammenarbeit für die Entwicklung der Spielerinnen?

Künzer: Sie ist ein entscheidender Erfolgsfaktor. Unser Ziel ist es, die Trainer*innenteams von der U 19 bis zur Frauen-Nationalmannschaft als Einheit zu verstehen. Der regelmäßige Austausch über Spielerinnen und deren Entwicklung sorgt dafür, dass Talente optimal begleitet werden. Ich bin als Sportdirektorin unmittelbar für die Frauen-Nationalmannschaft, die U 23 und die U 19 zuständig, aber natürlich sind wir auch im engen Austausch mit dem Bereich der U 15 bis U 17. Alles baut aufeinander auf. Die Wege sind kürzer geworden, die Abstimmung enger, und genau das hilft uns bei der Entwicklung der Spielerinnen. Davon profitieren alle Mannschaften – und langfristig die Frauen-Nationalmannschaft.

DFB.de: Wenn Sie die vergangenen Monate insgesamt betrachten – von den Erfolgen im Nachwuchsbereich bis zur WM-Qualifikation der Frauen-Nationalmannschaft: Welche Bilanz ziehen Sie aus den vergangenen Monaten?

Künzer: Vor allem eine Bilanz geprägt von der Entwicklung und des Zusammenwachsens. Die U 17 ist Europameister geworden, die U 19 hat sich für die Europameisterschaft qualifiziert und die Frauen-Nationalmannschaft für die Weltmeisterschaft in Brasilien. Gleichzeitig sind die Verbindungen zwischen den Teams enger geworden, und viele Spielerinnen haben wichtige Entwicklungsschritte gemacht. Das sind starke Signale für die Zukunft. Gleichzeitig wissen wir, dass die Arbeit nicht abgeschlossen ist. Mit Blick auf die kommenden Turniere und die Heim-EM 2029 liegen spannende Jahre vor uns, auf die wir uns alle freuen.

Kategorien: U 19-Frauen, Frauen im Fußball, U 23-Frauen

Autor: ag