Männer-Nationalmannschaft
Kronenberg: "Es konzentriert sich nicht alles nur auf die Nummer eins"

Wenn Oliver Baumann oder Alexander Nübel im Trikot der deutschen Nationalmannschaft Topleistungen bringen, ist das auch ein Verdienst von Andreas Kronenberg. Seit 2021 ist der Schweizer als Torwarttrainer des DFB-Teams tätig. Im DFB.de-Interview spricht der 51 Jahre alte Kronenberg über seine Arbeit mit der DFB-Auswahl, die Veränderungen im Torwartspiel in den vergangenen Jahren und seinen ganz persönlichen Traumjob.
DFB.de: Herr Kronenberg, wie sieht Ihr Arbeitsalltag als Torwarttrainer der Nationalmannschaft aus?
Andreas Kronenberg: Abseits von Länderspielmaßnahmen und Workshops beginnt meine klassische Arbeitswoche am Wochenende. Das ist die Zeit, in der ich möglichst viele Spiele komplett am Stück schaue. Teilweise auf der Tribüne im Stadion, aber gerne auch am Fernsehgerät, denn ich schaffe einfach mehr Spiele, wenn die Fahrtzeit wegfällt. Von Montag bis Donnerstag geht es dann vor allem darum, die Szenen aller Torhüter, die wir im Blick haben, zusammenzuschneiden, anzuschauen und zu analysieren. Mein Alltag ist also eine Mischung aus Livebeobachtung und Videostudium im Detail.
DFB.de: Wie viele Torhüter beobachten Sie denn?
Kronenberg: Ich habe drei Rubriken, in die ich die Torhüter einteile. In der Spitze ist es die Rubrik "aktuelle Lehrgänge", in der aber schon mehr als die drei oder vier Torhüter drin sind, die zuletzt bei der Nationalmannschaft dabei waren. Dann folgen die Rubriken "Blickfeld" und "Perspektive". Von allen Torhütern schaue ich mir die Szenen vom Wochenende an. Das mache ich, weil es mich interessiert, vor allem aber auch, damit ich im Trainerteam die Diskussion über die Torhüter führen kann. Julian Nagelsmann hat unlängst mal gesagt, dass ich in diesen Diskussionen den Hut aufhabe. Klar, das ist ja auch mein Job als Torwarttrainer.
DFB.de: Wie sieht dann der Entscheidungsprozess aus?
Kronenberg: Unsere Aufgabe und Verantwortung im Trainerteam ist es, alle Szenarien durchzuspielen - wirklich alle. Wir machen die Tür zu und dann wird diskutiert - detailliert und kontrovers. Wir gehen sehr kritisch miteinander um. Das kostet Zeit und Energie, aber das ist wichtig. Und ich bin der festen Überzeugung, dass nur dieser Prozess am Ende die Wahrscheinlichkeit maximiert, dass es eine gute Entscheidung wird. Eine Garantie hast du nie, aber ich versuche Julian bei seiner Entscheidungsfindung so zu unterstützen, dass er am Ende ein gutes Gefühl hat. Das ist auch im Hinblick auf die Torhüter wichtig. Sie spüren das.
DFB.de: Wenn es darum geht, diese Entscheidungen zu kommunizieren, halten Sie sich in der Öffentlichkeit bewusst zurück. Warum?
Kronenberg: Mein Job ist in höchstem Maße mit einem Vertrauensverhältnis zu meinen Torhütern verbunden. Und je mehr ich in der Öffentlichkeit über sie spreche, desto schwerer wird meine interne Kommunikation mit ihnen. Wenn die Spieler mich vor der Kamera sehen, wie ich über Inhalte unserer Gespräche rede: Da würde ich mir das nächste Mal auch überlegen, ob ich mich wieder so öffnen kann. Bitte nicht missverstehen: Ich habe volles Verständnis für das Interesse der Öffentlichkeit an Statements. Aber als Torwarttrainer bin ich Co-Trainer, der im Hintergrund arbeitet. Der hinter verschlossener Tür im Trainerteam und mit den Torhütern sehr viel diskutiert, kontrovers und kritisch. Aber wenn es etwas zu verkünden gibt, dann haben wir einen Bundestrainer, und der geht an die Öffentlichkeit.
DFB.de: Was lieben Sie an Ihrem Job?
Kronenberg: Ich liebe den Fußball und auch die Position des Torwarts, obwohl ich die am Anfang gar nicht so mochte. Als Kind wurde ich eher gezwungen, ins Tor zu gehen. Aber mittlerweile fasziniert mich das Torwartspiel. Die Position des Torwarts ist eine, die ganz viele Anforderungen mit sich bringt und gleichzeitig viel mit der Persönlichkeit zu tun hat. Das begeistert mich. Über allem steht natürlich die persönliche Beziehung zu meinen Torhütern und zum Trainerteam. Das ist das, was mich auch schwierige Phasen überstehen lässt. Die Arbeit mit Menschen macht mir am meisten Spaß. Mir kommen aber auch spontan Dinge in den Sinn, die ich an meinem Job nicht liebe.
DFB.de: Welche sind das?
Kronenberg: Torhüter enttäuschen zu müssen, die Woche für Woche hervorragende Leistungen bringen. Das ist furchtbar, das kannst du hundertmal machen - und beim 101. Mal ist es nicht angenehmer. Diese Gespräche sind aber alternativlos. Die Jungs haben es verdient, dass man ehrlich mit ihnen ist und ihnen die Gründe erläutert. Das schafft zumindest die Voraussetzung dafür, dass die Beziehung zu ihnen intakt bleibt.
DFB.de: Torhütern, die in ihren Vereinen die klare Nummer eins sind, dann zu erklären, dass sie in der Nationalmannschaft Nummer zwei oder drei sind, ist sicher auch nicht angenehm.
Kronenberg: Diese Situation ist wirklich nicht einfach. Aber es ist unsere Aufgabe im Trainerteam, die Torhüter damit zu konfrontieren, in welcher Rolle wir sie sehen. Diese Klarheit in der Kommunikation muss sein. Wenn wir das nicht machen würden, hätten wir keine Chance zu sehen, ob der Spieler die Rolle auch erfüllen kann. Denn wenn nicht, ist es schade, weil wir ihn ja dabeihaben wollen, aber es wäre auch okay. Gerade die Rolle der Nummer zwei und drei im Tor mit Leben zu füllen, mit Energie, mit Training, als gäbe es kein Morgen, mit guter Laune - und das alles unter dem Aspekt, dass ich eigentlich den Anspruch habe, die Nummer eins zu sein -, ist eine große Aufgabe. Dafür brauchst du große Persönlichkeiten. Und die haben wir zum Glück aktuell auch. Wir haben hervorragende Torhüter, die mit ihren unterschiedlichen Rollen sehr gut umgehen.
DFB.de: Warum ist die Aufgabe so groß?
Kronenberg: Die Rollen der Nummer zwei und drei sind wahnsinnig wichtig für uns. Es konzentriert sich nicht alles nur auf die Nummer eins im Kader, was man mit dem Blick von außen denken könnte. Wenn die Nummer zwei und drei ihre Rollen nicht so interpretieren, wie wir das brauchen, dann wird es auch für die Nummer eins schwierig. Wenn sich während eines Turniers Nummer zwei und drei im Training vorbildlich verhalten, alles geben, auch die Nummer 12 und 13 der Feldspieler mal in den Arm nehmen, obwohl die Nummer zwei im Tor mit großer Wahrscheinlichkeit nicht zum Einsatz kommen wird, die Nummer drei erst recht nicht, dann wird sich jeder Feldspieler, der auf seinen Einsatz wartet, dreimal überlegen, wie er sich verhält. Und es ist wichtig, wenn Tag X denn kommen sollte, sofort da zu sein und zu performen. Das ist mental und von der Persönlichkeit her eine große Aufgabe.
DFB.de: Auf welche Fähigkeiten legen Sie bei einem Torwart Wert?
Kronenberg: Ich kann viel von einem Torhüter wollen und an ihm gut finden, aber alles beginnt mit der Frage: Wie ist die Spielidee des Trainers? Denn die Spielidee des Trainers oder auch des Vereins gibt mir ein Anforderungsprofil vor. Was brauche ich vom Torwart? Wenn ich vorne draufgehe, brauche ich logischerweise einen Torwart, der gegen den Ball in den Räumen aktiv ist. Der Situationen erkennt und löst, bevor es vorm Tor gefährlich wird. Ich brauche aber auch einen Torwart, der erkennt, wenn er Situationen nicht im Raum lösen kann, der diese Entscheidungsfindung verinnerlicht hat und dann im Eins-gegen-Eins oder in der Torverteidigung gut ist. Im Ballbesitz will Julian Nagelsmann hinten rausspielen, das passt gut, weil ich das auch favorisiere. Darauf muss ich dann in meinem Scouting achten.
DFB.de: Wie sehr haben sich die Anforderungen an einen Torwart verändert in den vergangenen Jahrzehnten?
Kronenberg: Das Spiel ist athletischer und schneller geworden. Dadurch hast du im Strafraum oft gar nicht mehr die Zeit für Zwischenschritte, um ein Beispiel zu nennen. Körperlichkeit, Reichweite ist also ein Aspekt. Trotzdem schlagen die meisten Bälle ja relativ körpernah ein. Hat da jemand, der 1,90 Meter groß ist, nicht sogar eher Nachteile, schnell am Boden zu sein? Es geht mir manchmal zu schnell, dass wir einem Torhüter Weltklassepotenzial absprechen, weil er vielleicht nur 1,83 Meter groß ist. Es gibt schon eine Untergrenze, ich plädiere aber dafür, genauer hinzuschauen. Was immer eine Veränderung des Spiels nach sich zieht, sind Regeländerungen und Anpassungen der Spielweise.
DFB.de: Woran denken Sie?
Kronenberg: Heute geht der Trend dahin, dass du höher verteidigst. Wenn du höher verteidigst, ist der Raum, der unmittelbar vor dem Torhüter liegt, größer. Den muss er beherrschen, das ist eine Anforderung. Dann hat er aber auch die Aufgabe zu erkennen, wenn er etwas im Raum nicht lösen kann, um dann schnell in die Torverteidigung oder ins Eins-gegen-Eins umzuschalten. Das ist schon ein Unterschied zu früheren Zeiten, du bist heute als Torwart stärker in die Mannschaftstaktik eingebunden. Die Mannschaften früher waren defensiver ausgerichtet, du hattest als Torwart weniger Raum vor dir und mehr Aktionen auf der Linie. Aber ich will gar nicht das eine gegen das andere ausspielen. Der andere wesentliche Aspekt ist die Spieleröffnung.
DFB.de: Der Torwart als elfter Feldspieler?
Kronenberg: Viele Trainer wollen Spielkontrolle durch Ballbesitz, da geht es für einen Torhüter nicht nur darum, technisch gut zu sein, sondern auch das Spiel zu verstehen. Bei jedem Pass eine Idee zu haben. Wenn ich einen Ball von A nach B spiele, dann muss bei B die Spielfortsetzung möglich sein. Ist diese nicht möglich, geht es manchmal auch darum, Bälle zu spielen, die zwar keine Spielfortsetzung bezwecken, durch die aber neue Räume aufgehen, durch die ich den Gegner bewege. Wenn auch das nicht geht, muss ich als Torhüter imstande sein, Ebenen zu überspielen, das heißt in den Zwischenraum, der groß genug sein muss, dass meine Mitspieler reinlaufen können oder dann auch hinter die Kette in die Schnittstellen. Das ist schon sehr komplex und hat sich in den vergangenen 20 Jahren grundlegend verändert.
DFB.de: Gibt es denn auch etwas, dass sich nicht verändert hat?
Kronenberg: Das Kerngeschäft des Torwarts besteht in meinen Augen weiterhin darin, seiner Mannschaft ein Rückhalt zu sein, Sicherheit zu geben, durch Konstanz und Seriosität. Mit Ausschlägen nach oben, die Mannschaft mit Paraden im Spiel zu halten. Das ist meine feste Überzeugung. Sonst könnte ich auch einen Feldspieler hinten reinstellen, der würde das mit dem Ball am Fuß wahrscheinlich auch sensationell gut machen. Aber das Kerngeschäft des Torwarts wäre wahrscheinlich schwierig für ihn, da brauchen wir Verlässlichkeit.
DFB.de: Wie können Sie die Entwicklung der Torhüter oder des Torwarttrainings vom DFB-Campus aus beeinflussen?
Kronenberg: Die Hauptpersonen sind immer die Torhüter selbst. Arbeitsethos, Beharrlichkeit - das muss der Torwart mitbringen. Von innen heraus, das können wir nicht von außen beeinflussen. Das ist am Ende das, was sie dort hinbringt, wo sie hinwollen. Wichtig ist, dass du einen talentierten Torhüter erkennst und dann einen Plan hast, den du mit ihm besprichst. Spielzeit ist der wichtigste Aspekt. Wenn ein Torwart aus der Jugend rauskommt, und oben ist der Weg versperrt, dann musst du den Plan haben, ihn auch mal auszuleihen. Denn am Ende ist es die Spielzeit, die ihre Entwicklung vorantreibt, nicht nur das Ausbildungskonzept. Da scheinen unsere Vereine in Deutschland vieles richtig zu machen.
DFB.de: Wie funktioniert Ihr Austausch mit den Vereinen?
Kronenberg: Wichtig ist mir die Botschaft: Wir können mal einen Impuls mitgeben, aber die Förderung der Torhüter findet in den Vereinen statt. Wenn ich von Vereinen spreche, dann nicht nur von Nachwuchsleistungszentren, sondern auch von Stützpunkten, von kleineren Vereinen. Denn ich bin felsenfest davon überzeugt: Wenn wir die Basis stärken, werden wir automatisch auch in der Spitze breiter. Deswegen war es mir ein Anliegen, ein Basisprogramm zu erstellen für Stützpunkte und Amateurvereine. In kurzen Clips können sie sehen, was man alles mit Talenten im Tor machen kann, um sie zu fördern. Im Fußball ist es im Moment ein bisschen wie in der Gesellschaft: Wir wollen die Spitze optimieren und vergessen dabei die Breite. Aber dort wachsen die Jungs auf. Da können wir als DFB sehr viel tun. Außerdem bilden wir die Torwarttrainer der Vereine aus, das ist der Bereich von Marc Ziegler.
DFB.de: Wie sehr hilft Ihnen Ihre eigene Karriere als Torwart, die Sie bis in die 2. Bundesliga geführt hat?
Kronenberg: Ich würde in meinem Fall nicht von einer Karriere sprechen, sondern von einer Laufbahn. Die mich über die 3. Liga irgendwie in die 2. Bundesliga gespült hat, aber ich war kein Zweitligatorwart. Um in einer Liga anzukommen, brauchst du mindestens 50 Einsätze, und die hatte ich bei weitem nicht. Es war trotzdem spannend und hilft mir, mich in mein Gegenüber hineinzuversetzen. Punktuell hilft es mir zu sagen: "Das habe ich auch schon mal erlebt, wenn auch auf einem anderen Level."
DFB.de: Wie sind Sie überhaupt Torwarttrainer geworden?
Kronenberg: Als ich noch aktiv gespielt habe, habe ich, wenn es die Zeit zuließ, immer gerne auch die Torhüter in der Jugend trainiert. Das hat mir immer schon wahnsinnig viel Spaß gemacht. In Erfurt musste ich dann nach dem dritten Kreuzbandriss aufhören, und der damalige Trainer Rene Müller hat mich überredet, den Posten des Torwarttrainers zu übernehmen, der war vorher unbesetzt. Nach seiner Entlassung und nachdem im Verein niemand auf mich zugekommen war, war mir klar: Diese Abhängigkeit möchte ich nicht mehr. Also habe ich umgeschult, in Freiburg Pädagogik studiert und über ein Praktikum die Fußballschule des SC Freiburg kennengelernt. Der damalige Leiter der Fußballschule hat mich gefragt, ob ich nach dem Praktikum nicht auch noch das Torwarttraining leiten kann. So bin ich reingerutscht, so ist eins zum anderen gekommen. Aber ursprünglich wollte ich nicht mehr in diesem Bereich arbeiten. Ich bin froh, dass es anders gekommen ist.
Kategorien: Männer-Nationalmannschaft
Autor: dfb

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