DFB-Pokal der Frauen

Minge: "Jena Letzter? Das spielt in einem Halbfinale keine Rolle"

03.04.2026
Foto: imago

Vom Feld plötzlich ins Tor - und jetzt kommt das Halbfinale im DFB-Pokal: Janina Minge, 26 Jahre alte Nationalspielerin des VfL Wolfsburg, spricht vor dem Duell beim FC Carl Zeiss Jena am Sonntag (ab 16.15 Uhr, live in der ARD und bei Sky) im DFB.de-Interview über ihre verrückte Premiere, den Traum vom Titel und die schwere Aufgabe in Thüringen.

DFB.de: Janina Minge, nachdem Sie im vergangenen Jahr erstmals seit langer Zeit nicht beim Finale in Köln dabei war, fehlt nun nur noch ein Schritt. Wie gehen Sie die Aufgabe bei Carl Zeiss Jena an?

Janina Minge: Wir wissen, dass die Chance riesig ist. Wir wissen aber auch, dass uns eine schwere Aufgabe bevorsteht. Und wir lassen uns auch nicht davon blenden, dass Jena im Moment Letzter in der Bundesliga ist. Das spielt in einem Halbfinale im DFB-Pokal überhaupt keine Rolle. Natürlich sind wir in der Favoritenrolle und nehmen diese auch an. Aber wir sind gewarnt und sind darauf vorbereitet, dass es kompliziert werden kann.

DFB.de: Wieso?

Minge: Das zeigt die Erfahrung. In Jena zu spielen ist nie einfach. Die haben ein enges Stadion und werden von den Zuschauerinnen und Zuschauern nach vorne getrieben. Hinzu kommt, dass die überhaupt nichts zu verlieren haben. Die werden 200 Prozent geben, um sich ihren Traum zu erfüllen und nach Köln zu fahren.

DFB.de: In der Google Pixel Frauen-Bundesliga haben Sie in dieser Saison 2:0 und 3:1 gegen Jena gewonnen…

Minge: … und das waren keinesfalls leichte Siege. Jena steht in der Abwehr sehr gut. Wir müssen diese Defensive erstmal knacken. In beiden Spielen mussten wir viel Geduld haben. Wir müssen das Bollwerk durchbrechen und ein Tor schießen – gerne auch möglichst früh. Das würde es wahrscheinlich deutlich leichter machen. Aber ich gehe von einem Spiel aus, das eklig für uns werden kann.

DFB.de: Der VfL Wolfsburg kann abgesehen vom vergangenen Jahr auf eine überragende Bilanz im DFB-Pokal verweisen.

Minge: Die wir natürlich sehr gerne fortsetzen würden. Der VfL Wolfsburg und der DFB-Pokal haben ihre eigene Geschichte. Diese wurde im vergangenen Jahr unterbrochen, weil wir im Viertelfinale in Hoffenheim ausgeschieden sind. Davor hat Wolfsburg den DFB-Pokal zehnmal hintereinander gewonnen. Daran wollen wir anknüpfen. Der DFB-Pokal ist der kürzeste Weg zu einem Titel. Und wir sind alle hier, um Titel zu gewinnen. Die Chance dazu ist riesig, wir wollen sie nutzen.

DFB.de: Sie waren mit dem SC Freiburg zweimal in Köln dabei. Wie haben Sie den Finaltag erlebt?

Minge: Es ist ja nicht nur der Finaltag an sich. Es ist das ganze Event, das dieses Finale so besonders macht. Das fängt schon mit der Anreise und dem Tag vorher in der Stadt an. Die Stimmung in Köln ist einzigartig. Man merkt, dass die Kölnerinnen und Kölnern dieses DFB-Pokalfinale der Frauen wichtig ist. Das Stadion ist seit Jahren immer ausverkauft. Das ist einfach sehr besonders. Schon der Gedanke daran, löst in mir ein extremes Kribbeln aus. Köln ist für uns Fußballerinnen immer wieder ein einzigartiges Erlebnis. Ich war zweimal dabei und habe zweimal verloren – jeweils gegen den VfL Wolfsburg. In diesem Jahr möchte ich den Titel holen.

DFB.de: Der VfL Wolfsburg spielt bislang eine sehr wechselhafte Saison. Überragenden Leistungen folgen schwächere Auftritte. Wie ist das zu erklären?

Minge: Unser Programm ist brutal. Wir haben total viele Spiele und sind in allen Wettbewerben dabei. Das darf man nicht vergessen. Hinzu kommt, dass unser Kader auch durch Verletzungen nicht extrem breit aufgestellt ist. Vor diesem Hintergrund können wir bislang sehr zufrieden sein. Ich glaube zum Beispiel nicht, dass viele damit gerechnet haben, dass wir international so weit kommen. Aber klar, zu Wahrheit gehört auch, dass wir einige nicht so gute Spiele dabei hatten. Meist konnten wir aber zeigen, was in uns steckt. Wir haben einige große Begegnungen für uns entschieden. Das darf nicht vergessen werden.

DFB.de: Beeindruckend sind vor allem die Comeback-Qualitäten – zuletzt deutlich beim 3:3 gegen Union Berlin sichtbar, als Sie in Unterzahl bereits 1:3 zurücklagen.

Minge: Unsere Moral ist einfach überragend. Das Spiel gegen Union Berlin steht dafür symbolisch, das sehe ich genauso. Selbst als wir ganz spät in Unterzahl das 3:3 gemacht haben, haben wir nicht aufgehört. Wir haben weitergemacht und wollten unbedingt noch den Siegtreffer erzielen. Auch mit einer Spielerin weniger.

DFB.de: Und mit Ihnen im Tor.

Minge: Seit diesem Spiel kann ich wirklich behaupten, dass ich alle Positionen schon einmal gespielt habe. Vom Tor bis zum Sturm.

DFB.de: Wie kam es dazu?

Minge: Unsere Torhüterin Stina Johannes hat kurz vor Schluss die Rote Karte gesehen.

DFB.de: Und Sie konnten nicht mehr wechseln.

Minge: Das war mir in diesem Moment gar nicht bewusst. Irgendjemand hat dann von der Bank meinen Namen gerufen. Ich dachte zuerst, dass ich für unsere Ersatztorhüterin Martina Tufekovic ausgewechselt werden soll. Aber dann hat mir jemand ihr Torwarttrikot entgegengehalten. Erst da war mir klar, was jetzt kommt. Es war irgendwie wie im Film.

DFB.de: Was kam dann?

Minge: Ich musste die letzten Minuten ins Tor. Und dann gab es auch noch zehn Minuten Nachspielzeit. Lustigerweise hatte ich mich vor ein paar Tagen noch mit Alexandra Popp unterhalten, was wohl geschehen würde, wenn solch ein Fall eintritt.

DFB.de: Jetzt kennen Sie die Antwort.

Minge: Es war ein extrem wildes Szenario. Aber es war kein Problem für mich. Ich war allerdings auch ganz froh, dass ich als Torhüterin nicht mehr ernsthaft geprüft wurde. Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn ein Ball aufs Tor gekommen wäre.

DFB.de: Dann hätten Sie ihn gehalten.

Minge: Ja, vielleicht. Ich habe auf jeden Fall keine Angst vor dem Ball und hätte alles getan, um das Gegentor zu verhindern.

DFB.de: Waren Sie vorher schon mal im Tor?

Minge: Früher als Kind ein paar Mal. Oder auch wenn ich mit meinen Brüdern kicken gehe, dann stelle ich mich auch ab und an ins Tor. In einem Pflichtspiel war es definitiv eine Premiere.

DFB.de: Die Saison geht nun auf die Zielgerade. Durchatmen ist jetzt nicht mehr.

Minge: Nein, jetzt müssen wir es durchziehen. Ein Topspiel folgt dem nächsten. Und Jena zähle ich da selbstverständlich auch zu. Nun ist alles eine Mentalitätsfrage.  Ab sofort wird vieles im Kopf entschieden. Wenn wir da frisch sind und es wieder schaffen, über unsere Grenzen zu gehen, bin ich sehr optimistisch, dass wir uns in Köln wiedersehen werden.

Kategorien: DFB-Pokal der Frauen, Google Pixel Frauen-Bundesliga

Autor: sw