Männer-Nationalmannschaft

Ghanas Köhn: "Habe die deutsche Mentalität in mir"

29.03.2026
Ghanas Derrick Köhn vor dem Spiel gegen Deutschland: "Es ist ein bisschen surreal, aber die Vorfreude ist riesig" Foto: IMAGO

Ghanas Nationalspieler Derrick Köhn wurde in Hamburg geboren und ist im deutschen Fußball groß geworden. Ein Gespräch mit DFB.de über zwei Seelen in einer Brust.

Für Derrick Köhn kommt es am Montag zu einem Fußballspiel, das er in dieser Form vielleicht nur einmal erleben wird. Der Hamburger spielt für das Heimatland seiner Eltern, Ghana, gegen die Auswahl seines Geburtslandes. Was das in ihm auslöst, darüber hat der 27 Jahre alte Profi von Union Berlin mit dem DFB ebenso gesprochen, wie über Debütantentänze, Hamburger Schnack mit seinem Nationaltrainer und deutsche Angewohnheiten.

DFB.de: Herr Köhn, am Montag spielen Sie für das Land ihrer Eltern gegen die Auswahl Ihres Geburtslandes. Wie fühlt sich das an?

Derrick Köhn: Es ist ein bisschen surreal, aber die Vorfreude ist riesig. Ich bin in Hamburg geboren und groß geworden, bin dort zur Schule gegangen und habe auch die deutsche Mentalität in mir. Gleichzeitig fühle ich mich Ghana durch meine Eltern sehr verbunden, es ist in besonderem Sinn mein Mutter- und mein Vaterland.

DFB.de: "Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust"?

Köhn: (lacht) Genau so. Es ist ja nicht nur für mich speziell, sondern auch für meine Familie.

DFB.de: Die alle nach Stuttgart kommen?

Köhn: Nicht nur die. Es kommen jede Menge Freunde und Bekannte.

DFB.de: Was an sich nehmen Sie als deutsch wahr?

Köhn: Ich bin der Erste im Essensraum, der Erste beim Training, steige pünktlich in den Flieger (lacht). Solche Sachen.

DFB.de: Wie heimisch sind Sie mit diesen Eigenschaften in Ghanas Nationalelf?

Köhn: Die Abläufe sind kaum anders als bei uns. Der Umgang damit ist teilweise anders. Es stimmt schon, dass in Afrika mit solchen Themen auf eine eigene Weise umgegangen wird. Lockerer, würde ich sagen. Das hat sein Gutes und manchmal auch Schattenseiten. Ich muss mich ein wenig umstellen, habe das aber auch in mir.

DFB.de: Was zum Beispiel?

Köhn: Mir gefällt, dass es nicht immer Drama bedeutet, wenn Dinge mal nicht nach Plan funktionieren. Gleichzeitig ist das immer eine Frage des Maßes. Manchmal muss ich mich anpassen, das kommt dann nicht einfach so aus mir heraus.

DFB.de: Sie sind 27 Jahre alt. Das ist für eine erst zweite Berufung in ein Nationalteam relativ. Es hat früher schon mal Versuche gegeben, Sie für Ghanas Nationalelf zu gewinnen. Was hat Sie aufgehalten?

Köhn: Es schien nicht so passend. Jetzt ist Otto Addo Trainer, er kommt ja auch aus Hamburg, ist ein Kind der Bundesliga. Die Gespräche mit ihm haben eine entscheidende Rolle gespielt. Für mich war die Frage, ob ich mich nicht nur als Fußballer, sondern auch persönlich wohlfühle, und ob ich wirklich gebraucht werde. Der Coach konnte mir dieses Gefühl vermitteln.

DFB.de: Wie viel Hamburg steckt in der Beziehung zu ihrem Nationaltrainer?

Köhn: (lacht) Oh, viel, sehr, sehr viel. Ich weiß noch, ich war U 15-Spieler beim Hamburger SV und Otto war bei der U 19 Trainer: Wir haben uns oft zwischen den Trainingsplätzen gesehen und viel gesprochen. Weil er ja auch Deutsch-Ghanaer ist, war die Verbindung besonders. Ich war sehr inspiriert von ihm.

DFB.de: Sagen Sie Moin zueinander, wenn Sie sich begegnen?

Köhn: (lacht) Es gibt schon ein bisschen Hamburger Schnack im Nationalteam, wir sind ja außerdem nicht die einzigen mit deutschen Wurzeln. Wenn wir Einzelgespräche haben, sprechen wir natürlich Deutsch. Bei meinem ersten Länderspiel gegen Japan hat er mir die Anweisungen auch auf Deutsch gegeben.

DFB.de: Sie sind zusammen mit dem Trainer gerade fünf. Was denken Ihre Teamkollegen darüber, die keinen deutschen Hintergrund haben?

Köhn: Die stört das nicht. Wir sind für die die deutsche Gang. Es gibt ja mittlerweile viele Spieler, die Kinder ausgewanderter Eltern sind. In unserer Generation ist das nichts Besonderes. Grundsätzlich spricht der Trainer aber auf Englisch bzw. in unserer eigentlichen Sprache in Ghana, Twi.

DFB.de: Wie präsent war die Heimat Ihrer Eltern bei Ihnen zu Hause?

Köhn: Sehr präsent. Vor allem durch das Essen meiner Mutter.

DFB.de: Ihr Lieblingsgericht?

Köhn: Schwer zu sagen. Aber vermutlich Jollof-Reis: sehr scharf, sehr würzig. Und natürlich ganz klassisch Fufu. Meine Mutter hat zu Hause nur Twi gesprochen und in der Gegend in Hamburg, in der ich aufgewachsen bin, war ich nicht der Einzige mit ghanaischem Background. Ich habe Ghana in mir.

DFB.de: Ein klassisches Thema für Migrationskinder ist oft, dass Sie nirgendwo richtig zu Hause sind. Wie ist das bei Ihnen?

Köhn: Ich nehme das anders an mir wahr. Ich habe zwei Heimaten. Ich bin deutsch durch und durch, und ich bin Ghana durch und durch. Ich fühle mich in beiden Kulturen wohl. Ich erinnere, dass ich bei meiner ersten Berufung für die Nationalmannschaft tanzen musste. Das war das Aufnahmeritual.

DFB.de: Sie haben offensichtlich bestanden.

Köhn: (lacht) Ich habe mich ganz achtbar geschlagen. Der Tanz, der von mir gefordert wurde, war der Azonto. Den kann in Ghana jeder. Ich kann ihn auch, leidlich allerdings, muss ich gestehen. Wir haben in unserer Gegend viel ghanaische Musik gehört und auch danach getanzt.

DFB.de: Wie ist das eigentlich, Nationalspieler zu sein?

Köhn: Das ist etwas sehr, sehr Großes. Wenn du in Ghana ankommst als Nationalspieler, wirst du gefeiert wie ein Held. Es ist unglaublich. Vor allem die Familie ist unglaublich stolz. Ich habe mittlerweile Familienmitglieder kennengelernt, von denen ich nicht so genau wusste, dass es sie gibt. Es ist wirklich etwas Besonderes und erfüllt mich mit viel Stolz.

DFB.de: Wenn Sie für einen Augenblick die Augen schließen und kurz an das Gruppenspiel bei der WM gegen England denken, kein Allerweltsspiel bei der gemeinsamen Geschichte beider Länder. Und Sie stehen eventuell auf dem Platz und die halbe Welt schaut zu. Was geht da in Ihnen vor?

Köhn: Da kriege ich auf der Stelle Gänsehaut. Ich habe einen großen Bruder, mit dem habe ich immer im Kinderzimmer rumgebolzt. Unser Lieblingsspiel war: letzte Minute im WM-Finale, wer schießt das Tor - du oder ich? Und jetzt so ein Duell. Wahnsinn – und wirklich ein echter Kindheitstraum.

Kategorien: Männer-Nationalmannschaft

Autor: mh