Männer-Nationalmannschaft
Ganz vorne im Verzeichnis der Nationalspieler: Abramczik wird 70

Im Verzeichnis der deutschen A-Nationalspieler steht er seit einem halben Jahrhundert ganz vorn. So leicht wird wohl auch keiner mehr an Rüdiger Abramczik, der 1977 den Koblenzer Torhüter Karl Adam ablöste, vorbeikommen. Im Alphabet, wohlgemerkt. Wo man ihn rein sportlich einordnen soll, fällt schwerer zu beantworten. Ganz vorne sicher nicht. 19 Länderspiele, zwei Tore und eine WM-Teilnahme - das kann sich dennoch sicherlich sehen lassen. Einerseits. Andererseits war die DFB-Karriere des heute 70 Jahre jung werdenden klassischen Rechtsaußen schon eine Woche nach seinem 23. Geburtstag zu Ende. Dann also, wenn die meisten Karrieren erst beginnen.
Weil dem so war, widmete der Kicker ihm 1989 in einem Artikel über "Die verschenkten Superstars" ein paar Absätze, ließ ihn aber auch zu Wort kommen. Da las man also: "Ich war und bin nie traurig, dass nicht mehr als 19 Länderspiele herausgekommen sind. Warum auch? Ich habe mein Geld mit Fußball verdient. Eine Färberei, ein Sportgeschäft - finanziell habe ich keine Schwierigkeiten."
Heute lässt er es langsamer angehen und ist dem Fußball als Schalke-Repräsentant, der sich von der Jugend bis zu den Profis alle Spiele der Königsblauen anschaut, nahe geblieben. Den Geburtstag feiert Abramczik mit jenen, die ihn einst "Abi" riefen - seine Mitspieler von Schalke 04. Allen voran mit Klaus Fischer, den er seinen Freund nennt.
Bundesligadebüt mit 17
Es hat im Fußball der Siebziger einige unzertrennliche Paare gegebenen, die im Verein so gut harmonierten, dass die Bundestrainer sie am liebsten auch gleich im Doppelpack nahmen. Das galt für Franz Beckenbauer und Katsche Schwarzenbeck, für Günter Netzer und "Hacki" Wimmer und auch für Klaus Fischer und Rüdiger Abramczik. Der Mittelstürmer Fischer war 1971 durch eine Dummheit in den Bundesligaskandal geraten und wurde wie alle darin verstrickten Schalker für Länderspiele gesperrt. Im Frühjahr 1977 hob der DFB den Bann auf und da die Schalker damals eine besonders starke Saison spielten, nominiert Helmut Schön drei von ihnen für den Test gegen Nordirland in Köln: die Skandalsünder Fischer und Rolf Rüssmann und den 21-jährigen Abramczik, der mit der ganzen Sache nichts zu tun gehabt hatte. Allerdings verstand er sich mit Fischer auch deshalb so gut, weil der nach dessen Sperre (auch für Vereinsspiele) sich bei der Schalker A-Jugend fit hielt. Dort spielte "Abi", der als Zehnjähriger vom Gelsenkirchener Stadtteilverein Erle 08 zu den Königsblauen wechselte, schon auf auffällig hohem Niveau.
Fischer wusste seine Fähigkeiten zu wuchtigen Flanken aus vollem Lauf zu nutzen und legte mit ihm nach dem Training Sonderschichten ein. "Wir sind dann immer noch länger draußen geblieben, haben Puppen aufgestellt und geübt", erzählte es Abramczik dem Kicker nun anlässlich seines Geburtstages.
Es dauerte nicht lange, da durfte Abramczik Fischer schon in der Bundesliga bedienen, zu deren bis dahin jüngster Spieler er am 11. August 1973 wurde, als er mit 17 Jahren debütierte.
Abramczik: "Die große Entdeckung"
Sein Trainer Friedel Rausch sah in ihm "eine Mischung aus Rahn und Libuda". 1976/1977 war der nahezu komplette Stürmer längst Stammspieler und auch beim DFB kein Unbekannter (23 Jugendländerspiele) mehr, Helmut Schön lobte ihn im März 1977: "Er bringt viele Voraussetzungen mit. Jetzt liegt es an ihm, ob er den Sprung schafft."
Der Sprung zum Nationalspieler war ihm, wie es scheint, ein Leichtes. Sehr zu seiner Genugtuung, hatte Schalke-Trainer Max Merkel doch in einer Kolumne gelästert: "Ehe der Nationalspieler wird, singe ich an der Metropolitan Opera".
Gegen Nordirland, im Spiel eins nach Franz Beckenbauer, spielte er am 29. April 1977 groß auf, kreierte Chancen und servierte Fischer das Tor zum 4:0. Der Kicker widmete ihm die Schlagzeile auf dem Titelblatt: "5:0! Abramczik riss die deutsche Elf mit". DFB-Präsident Hermann Neuberger schwärmte: "Die große Entdeckung ist der junge Abramczik, der ein ganz hervorragender Fußballer ist." Von denen es im deutschen Fußball ein Jahr vor der WM in Argentinien, wo es den Titel zu verteidigen galt, damals nicht genug gab – jedenfalls nicht auf den Flügeln. Abramczik stellte über Nacht eine Option dar, die in Konkurrenz zum kaum älteren Münchner Shootingstar Karl-Heinz Rummenigge ging. Schön nahm beide mit auf die Südamerikareise 1977 und wusste sich auch danach nicht zu entscheiden. Dann kam der 16. November 1977 und das Spiel gegen die Schweiz in Stuttgart. Rummenigge war nach einem Platzverweis im Münchner Lokalderby gesperrt und es spielte der Schalker Sturm.
Vorlage zum "Tor des Jahrhunderts"
Es wurde ein historisches Spiel: Man schreibt die 60. Minute im Neckar-Stadion. Es steht 3:1. Da eilt der Mann mit der Nummer sieben auf rechts seinen Verteidigern davon, während der mit der Nummer neun sich auf Höhe des langen Pfostens am Fünf-Meter-Raum postiert. Beide spielen sie für Schalke 04. Die Sieben ist Rüdiger Abramczik, die Neun Klaus Fischer. Knapp vor der Eckfahne schlägt Abramczik den Ball mit Wucht und hoch vors Tor. Zu hoch für einen 1,82-Meter-Mann, eigentlich. Das wird er jedenfalls später immer sagen, um den Kollegen aufzuziehen.
Doch Klaus Fischer macht Tore eben nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit Köpfchen. Er legt sich waagerecht in die Luft, mit dem Kopf zum Tor und trifft den Ball mit dem rechten Fuß volley. Ohne zu sehen, wohin er schießt. Der Schuss überwindet den verdutzten Schweizer Torhüter Burgener, über dessen Kopf der Ball einschlägt.
Das Publikum rast, der Treffer gewinnt alle möglichen Wahlen, angefangen vom Tor des Monats und endend mit dem Tor des Jahrhunderts. Ohne Abramczik wäre es nicht gefallen. Heute sagt der Mann, den sie im Pott auch "Flankengott" nannten: "Der Klaus hat die schon im Training immer gemacht, für mich war das nichts Neues."
WM-Teilnahme in Argentinien
Aber es war für beide die Fahrkarte nach Argentinien, wo das Schalker Duo im Eröffnungsspiel gegen Polen auf dem Platz stand. Es war ein furchtbares 0:0 und hinterher baute Schön um. "Abi" landete dort, wo gegen Polen Rummenigge saß - auf der Tribüne. Dreimal in Folge sah er den Kollegen beim Spielen zu, dann begnadigte ihn Schön und stellte ihn gegen die Niederlande (2:2) sogar auf. An der Seite von Rummenigge, dafür fehlte der glücklose Freund Fischer. Im besten WM-Spiel in Argentinien köpfte "Abi" schon nach drei Minuten das 1:0, es war sein erstes Länderspieltor. Auch die Schmach von Cordoba, das 2:3 gegen Österreich, erlebte er danach von Anfang bis Ende auf dem Rasen. Danach trat Schön ab und mit ihm so mancher Spieler, "Abi" aber schien die Zukunft zu gehören. Doch es kamen nur noch vier Länderspiele hinzu.
Nach dem peinlichen 0:0 auf Malta im Februar 1979 leistete er sich einen Disput mit Präsident Neuberger, dessen Kritik er nicht auf sich sitzen lassen wollte. Der neue Bundestrainer Jupp Derwall nominierte den Mann, der im September 1978 beim 4:3 in Prag das erste Tor seiner Ära erzielte, nie mehr.
Abramczik machte dennoch eine mehr als passable Karriere, kickte vorwiegend bei Traditionsklubs, verließ Schalke und kehrte über Dortmund und Nürnberg 1987 dorthin zurück. 316 Bundesligaspiele stehen in den Annalen (77 Tore) und im Gedächtnis blieb er allen, die ihn spielen sahen, als "Flankengott" in einer Zeit, als es noch echte Flügelstürmer gab.
Seine einzigen Mannschaftstitel holte er übrigens im Ausland. 1985 mit Galatasaray Istanbul (Türkischer Meister) und 2009 - als Trainer - mit Metalurgs Liepaja (Lettischer Meister). Zu alt für ein nächstes Kapitel fühlt er sich übrigens nicht: "Bei uns in der Regionalliga oder in der 3. Liga - das würde ich sofort machen. Und die Leute würden sehen: Der kann das."
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Autor: um

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