Männer-Nationalmannschaft

"Der Liebling des Volkes": Zum 75. Todestag von Fritz Balogh

14.01.2026
Absolvierte ein Länderspiel für Deutschland: Fritz Balogh (l.) Foto: picture alliance / KEYSTONE | Keystone

Wenn bekannte Persönlichkeiten sterben, ist die Anteilnahme gewöhnlich groß. Besonders bei populären Fußballern. Den Angehörigen mag das ebenso ein kleiner Trost sein wie die Gewissheit, dass der oder die Verstorbene ein erfülltes Leben geführt hat. Wie etwa ein Franz Beckenbauer. Etwas anderes ist es freilich, wenn der Tod allzu früh kommt. Zu den ganz seltenen Fällen, dass ein aktueller Nationalspieler aus dem Leben gerissen wurde, zählt der von Fritz Balogh, der heute vor 75 Jahren aus einem fahrenden Zug fiel.

Wenn Sylvia Dobler-Balogh am Grab ihres Vaters steht, findet sie zuweilen Blumen vor, von denen sie nicht weiß, wer sie gebracht hat. Ihr Vater hat auch 75 Jahre nach seinem tragischen Tod, der sich am 14. Januar 1951 ereignete, noch stille Verehrer. Tausende sollen vier Tage später zu seiner Beerdigung im Mannheimer Ortsteil Neckarau gekommen sein, trotz ekligen Dauerregens. Auch Bundestrainer Sepp Herberger stand am frischen Grab, daneben Fritz und Ottmar Walter, zwei zukünftige Helden von Bern. Balogh, obwohl schon 30, wäre womöglich auch Weltmeister geworden. Denn er stand am 22. November 1950 in der ersten Nationalmannschaftself nach dem Krieg – beim 1:0 gegen die Schweiz in Stuttgart.

Das Sport Magazin schrieb damals: "Er war der Schuß-Pechvogel von Stuttgart. Sein zu langes Ballhalten störte oft den Spielfluß. Der Ex-Preßburger kämpfte dennoch 90 Minuten lang unverdrossen." Es blieben seine einzigen Minuten im DFB-Dress und er blieb der einzige Nationalspieler des VfL Neckarau, der von 1946 bis 1948 und 1950 bis 1952 in der Oberliga Süd spielte.

VfL Neckarau statt Inter Mailand

Die größte Zeit des Klubs begann mit dem Sudetendeutschen Balogh, der 1945 aus britischer Kriegsgefangenschaft kam, nicht nach Pressburg zurück konnte, seine Anneliese kennenlernte und in Neckarau heimisch zu werden versuchte. 1947 kam Tochter Sylvia zur Welt. Den VfL schoss der zuvor schon für Hertha BSC aktive elegante Halbstürmer auf Anhieb in die Oberliga, wo er 1946/1947 stolze 32 Tore erzielte. Der schmale Bursche war eine Sensation, der Mannheimer Journalist Hans Pfosch notierte: "Es konnte schon passieren, dass auch dem Berichterstatter mal der Bleistift zu Boden rollte, wenn der Balogh-Fritz wieder mal in die tiefsten Ecken seiner Zauberkiste griff."

Auch nach dem Abstieg 1948 blieb Balogh dem VfL treu, trotz lukrativer Angebote, darunter eines von Inter Mailand im Sommer 1950. Balogh lehnte es ab, der damalige Inter-Trainer Lajos Czeisler war verblüfft: "Er hat mir gesagt, er werde seinen Verein nicht im Stich lassen und in Deutschland bleiben – das hat mir sehr imponiert." Er hätte das Vielfache von dem verdienen können, was der Fußball und die Toto-Lotto-Annahmestelle, die bis heute von der Familie in dritter Generation fortgeführt wird, in Neckarau eingebracht haben. Das macht den Teil seines Mythos aus. Der Pfarrer sprach bei der Beerdigung von einem "Liebling des Volkes". Unsterblich aber machte ihn die Geschichte seines mysteriösen Todes.

Sein VfL spielte am 14. Januar 1951 in München. Normal wäre man mit dem Bus oder in privaten Pkws angereist, aber wegen vereister Straßen wählten sie den Zug. Sie verloren bei den Bayern mit 3:5 und die letzte Kritik im Leben des Fritz Balogh fiel eher bescheiden aus: "… während Nationalspieler Fritz Balogh nicht die tragende Rolle spielte, die man ihm anderswo nachrühmt", hieß es im Sport Magazin, das auf dem Titel der gleichen Ausgabe seinen Tod vermelden musste.

Was war geschehen? Balogh war auf der Rückfahrt des FD 107, ein Fernschnellzug, auf Toilette gegangen – und kam nie wieder. Warum, weiß niemand, auch wenn in der Presse kurz danach vermeintlich Klarheit geschaffen wurde - beim Toten, der bei Nersingen, elf Kilometer vor Ulm, um 21.26 Uhr aus dem Zug gestürzt war. Als er nach zehn Minuten nicht wieder im Speisewagen war, alarmierten die Mitspieler das Zugpersonal. Die Leitstelle in Stuttgart gab die Vermisstenmeldung an alle Zugführer, die auf der Strecke fuhren, weiter und so wurde Balogh vom Personal eines Güterzuges am Montag um 0.50 Uhr aufgefunden – er lag auf den Schienen. Bei ihm lag das geöffnete Taschenmesser, das die Nationalspieler im November 1950 geschenkt bekommen hatten. Damit habe er sich gern die Nägel gefeilt, wusste sein Trainer zu berichten. Das habe er vermutlich auch nach Verlassen der Toilette gemacht, sich dabei mit dem Rücken an die Waggontür gelehnt und sei bei einer scharfen Linkskurve aus dem Zug geflogen. Wieso aber ging davon die Tür auf? In der Tagespresse wurde vermutet, sie sei "nicht richtig geschlossen gewesen".

Todesursache bis heute ungeklärt

Die Bahn, wusste Sylvia Baloghs Mann Wolfgang Dobler noch 2021 zu berichten, hat den Waggon kurz danach verschrottet und die Familie mit einer kleinen Abfindung ruhig gestellt. "Man weiß bis heute nichts", sagte die Tochter der Neuen Osnabrücker Zeitung 2021. 1951 war sie vier Jahre jung gewesen und verstand die Zusammenhänge erst recht nicht. Auch nicht, was der Verlust für so viele Menschen bedeutete.

DFB-Präsident Peco Bauwens sagte auf der Beerdigung: "Nicht nur Neckarau trauert um Fritz Balogh, sondern auch 1,5 Millionen Jugendfußballspieler und ganz Fußball-Deutschland stehen erschüttert an der Bahre." Von Sepp Herberger gab es am Grab eine letzte Einzelkritik: "Du hast ein gutes Spiel in der Länderelf gemacht. Du warst ein guter Sportsmann und Kamerad." Die Oberliga Süd legte am Spieltag darauf 15 Minuten nach Anpfiff eine Gedenkminute ein und beim nächsten Länderspiel im April 1951, wieder gegen die Schweiz, trug die deutsche Mannschaft Trauerflor. So gedachten sie Fritz Balogh.

Als der erste Schock gewichen war, setzte im Mannheimer Stadtteil eine lebendige Erinnerungskultur ein. In Neckarau wurde 1951 ein Fritz-Balogh-Turnier für Jugendmannschaften eingeführt, es gibt dort einen Baloghweg und bis heute die Lottoannahmestelle Dobler/Balogh. Denn den Namen ihres Vaters hat die Tochter nie abgelegt.

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Autor: um