DFB-All-Stars

Ein Job für Mister X

27.04.2026
David Odonkor: Diskussionen verstummten nach seiner Vorlage gegen Polen Foto: Picture Alliance/Pressefoto Ulmer/Michael Kienzler

Nominierungen für große Turniere sind auch deswegen so spannend, weil sie nie komplett vorhersehbar sind. Überraschungen gibt es fast immer, Diskussionen im Anschluss ohnehin. Hat der es verdient? Warum ist der nicht dabei? 84 Millionen Bundestrainer sind erfahrungsgemäß meinungsstark und bestens im Bilde. Doch mit diesen WM-Teilnehmern hätte vermutlich keiner gerechnet. Heute sind auch sie und ihre Geschichten Teil der deutschen WM-Historie.

Für das größte Abenteuer seines Lebens musste Reinhold Münzenberg früh aufstehen. Ausgesprochen früh. Der erste deutsche Nationalspieler, der per Flugzeug zu einer WM reiste, musste am 1. Juni 1934 schon um 5.20 Uhr in der Frühe an Bord sein um in das Land zu gelangen, in das seine Mitspieler noch mit dem Zug gefahren waren. Doch es musste ja schnell gehen, schon am nächsten Tag war das Halbfinale gegen die Tschechoslowakei und dem Reichstrainer Dr. Otto Nerz waren die Verteidiger ausgegangen. Für genau diesen Fall war „der Eiserne“, wie man den Stopper, der für Alemannia Aachen spielte, auf Abruf nominiert wurden. Womit andererseits nicht unbedingt zu rechnen war. Da aber der Frankfurter Rudolf Gramlich "aus geschäftlichen Gründen", wie es hieß, abreisen musste und Bayerns Sigmund Haringer erkrankt war, war der Notfall eingetreten. Dumm nur, dass Münzenberg eigentlich im Juni seine Maria, geborene Herbst, heiraten und anschließend mit ihr in die Flitterwochen reisen wollte. Das musste nun alles wegen der Chance, eine WM zu spielen, verschoben werden.

Dem lokalen "Aachener Anzeiger" war das eine Titelgeschichte wert. "Münzenberg nach Rom berufen", hieß es am 1. Juni 1934 auf Seite 1, er sei "als Mittelläufer gegen die Tschechoslowakei ausersehen - Im Flugzeug von Köln nach Rom". Weiter hieß es im Text: "Die feste Zusicherung, dass Münzenberg bestimmt spielen wird, liegt nicht vor; man darf aber wohl annehmen, dass man ihn nicht diese überstützte Reise im Flugzeug antreten ließe, wenn man ihn nicht auch aufstellen wollte." Damit lag der Redakteur falsch, Nerz baute doch auf Haringer, der mit Fieber spielte und nach der 1:3-Niederlage in Ungnade fiel. So kam Münzenberg immerhin noch im Spiel um Platz 3 gegen Österreich (3:2) zum Einsatz - dabei bot er eine überragende Leistung - und danach zu hohen Ehren. Weil der Sieg der blütenreinen Amateure aus Deutschland gegen die Wiener Profis als großer Erfolg gefeiert wurde, wurden alle Spieler, schon als der Zug in Singen erstmals auf deutschem Boden hielt, mit dem "Bundeskreuz des deutschen Sports" ausgezeichnet.

Zurück in Aachen, wurde er am Hauptbahnhof von einer begeisterten Menge empfangen. Wir lesen: "Dem jungen Internationalen flimmerte noch vor lauter Reiseeindrücken der Kopf, unmöglich konnte er alle Fragen beantworten." Ob seine Maria auch am Bahnsteig stand, hat die Lokalzeitung nicht überliefert. Gewartet hat sie auf ihn sicher, denn am 18. Juli wurde im "Aachener Anzeiger" die vollzogene Hochzeit inseriert. Münzenberg kam auf 41 Länderspiele und war Mittelläufer der mythischen "Breslau-Elf", auch dem WM-Kader von 1938 gehörte er an (ohne Einsatz). Als er 1974 seinen 65. Geburtstag feierte, sagte er dem "kicker": "Jedes Länderspiel war für mich ein besonderes Erlebnis. Vielleicht war der aufsehenerregende dritte Platz bei der Weltmeisterschaft 1934 der spektakulärste Erfolg." Seine unverhoffte Teilnahme verdiente dieses Prädikat auf alle Fälle.

WM-Fahrer aus purem Zufall

Und doch stand sie im Schatten eines anderen WM-Fahrers von 1934. Paul Zielinski war einer von drei Spielern ohne Länderspielerfahrung, die Nerz nach Italien mitnahm. was seiner Überzeugung geschuldet war, ein neues System am besten auch mit neuen Spielern einüben zu können. Keiner aber war neuer als der Hamborner Zielinski. Während die anderen schon am Vorbereitungslehrgang und Testspielen teilnahmen, wurde Zielinski ein WM-Fahrer aus purem Zufall. Er spielte nicht mal beim stärksten örtlichen Klub Hamborn 07, sondern bei der zweitklassigen Mannschaft von Union. Der Zufall wollte es nun, dass Nerz im April 1934 in der Sportschule Wedau ein Testspiel seines Kaders gegen eine Hamborner Auswahl ansetzte. Prompt schlug "Hamborn United" Deutschland A mit 4:2 und der wütende Nerz strich einige Kandidaten aus dem 38er-Aufgebot und suchte sich neue. Einer war der Mittelläufer von Union, der die Chance des Lebens nutzte und vom Sparringspartner zum WM-Teilnehmer wurde. 1961 erzählte er dem "Sport Magazin": "Ich stand noch unter der Brause, als Nerz und Herberger ankamen. Nerz fragte nur: 'Können Sie Montag in den Lehrgang kommen? Haben Sie Zeit?' - Ich hatte Zeit, oder besser: ich nahm sie mir." In Italien kam er in allen vier Begegnungen zum Einsatz und brachte es auf insgesamt 15 Länderspiele. Vom Traualter oder aus der Dusche zur WM - so etwas ging nur in Zeiten, als Nationalspieler noch Amateure waren.

Helmut Rahn war zwar auch kein Profi, aber schon ein großer Star, als ihn Sepp Herberger 1958 mit nach Schweden nahm. Schließlich hatte er mit zwei Treffern im Finale 1954 das "Wunder von Bern" ermöglicht. Dass ihm das etwas zu Kopf gestiegen war, ist keine allzu kühne Behauptung. In den Essener Kneipen musste er immer wieder vom dritten Tor erzählen und nur selten etwas bezahlen. Was zuweilen unangenehme Folgen hatte, beinahe auch für die Schweden-WM. Zu der holte ihn Sepp Herberger sozusagen aus dem Gefängnis.

Das war auch wieder so eine Rahn-Geschichte: 14 Tage musste der WM-Held in seiner Heimatstadt absitzen wegen "Widerstands gegen die Staatsgewalt", hinzu kamen 100 D-Mark Strafe. Warum? Nach einer Trunkenheitsfahrt in eine Baugrube hatte er am 17. Dezember 1957 einem Streifenpolizisten, der ihm Handschellen anlegen wollte, die Mütze vom Kopf geschlagen. Im März 1958 kam er dafür vor Gericht und der Saal platzte aus allen Nähten. Neugier, Mitleid und die spezielle deutsche Lust, einen Helden fallen zu sehen, spielten gleichermaßen mit hinein. Nach dem Urteil durfte er noch mal nach Hause und das "Einrücken" fiel ihm schwerer als jedes andere ihm bekannte Auswärtsspiel. Also mussten sie ihn holen. Die Beamten klingelten morgens um sechs und weil "der Boss" wusste, was sie wollten, floh er durch die Hintertür.

Dreimal wiederholte sich das seltsame Schauspiel, dann erst gab der Held von Bern auf. Den Strafantrittsbefehl, den der Pförtner ordnungsgemäß sehen wollte, hatte er zwar nicht dabei, aber die Gefängnistore öffneten sich für ihn dennoch: "Wir kennen sie ja auch so". In der Tat. Dauernd öffneten Wärter "irrtümlich" die Tür. Rahn: "Jeder wollte den Sünder Rahn in seiner Zelle sehen. Es war mir wirklich ekelhaft, hier als eine Art Unikum begafft zu werden." Und doch blieb die Sache weitgehend unter der Decke. Selbst Bundestrainer Sepp Herberger wusste nichts von seiner Haft, was in Zeiten weit vor Smartphones und Social Media noch möglich war. Rahn gestand ihm aber anlässlich eines Testspiels in Basel Ende März, für das er Ausgang erhielt, seine Haft und der zunächst entsetzte Herberger sagte väterlich: "So, so, dann gehen Sie mal morgen brav wieder rein und bringen es hinter sich." Hätte der DFB, der Rahn schon wegen des Vorfalls an sich bis Februar zunächst gesperrt hatte, von der Haft erfahren - wer weiß? Schon in der Liga vom Feld gestellte Spieler wurden für Turniere ausgeschlossen, wie noch 1974 der Schalker Erwin Kremers. Herberger nahm den Vorbestraften trotz aller moralischen Bedenken mit zur WM nach Schweden -  wo Rahn sogar zwei Tore mehr schoss als in der Schweiz.

Als Zweitligaspieler auf die Weltbühne

Die Nominierung des Wolfgang Fahrian zur WM 1962 in Chile war kein Skandal, sondern eine Sensation. Zum ersten und bisher einzigen Mal hütete ein Zweitligaspieler das deutsche Tor bei einer WM. Fahrian war Herbergers Zuträgern bei Spielen seiner TSG Ulm 1846 aufgefallen, deren Tor er erst seit September 1960 hütete. Vorher spielte er als Verteidiger und kam in die süddeutsche Auswahl, aber dann verletzte sich der Ulmer Torwart und sie nahmen eben ihn. So entdeckte er mit 19 sein Faible für das Bällefangen. Fahrian machte das so gut, dass er nach nur einem Junioren-Länderspiel 1961 schon eine Einladung zum letzten WM-Test gegen Uruguay in Hamburg (3:0) erhielt, einen Monat vor seinem 21. Geburtstag. Er bekam gute Kritiken und für den "Kicker" war "das Torwartproblem gelöst".

Fahrian erinnerte sich noch 2017 im Gespräch mit DFB.de an die Ausgangslage: "Meine Konkurrenten waren Hans Tilkowski und Günter Sawitzki, die waren ein Stück älter als ich. Aber mein Vorteil war gerade die Erfahrung als Feldspieler. Man weiß, wie die Stürmer ticken und harmoniert besser mit den Verteidigern, wenn man selbst einer war." Für die Öffentlichkeit aber war Tilkowski der Favorit. Dann kam der 31. Mai, Fahrians 21. Geburtstag. Zum Auftakt gegen Italien schenkte ihm Herberger sein erstes WM-Spiel. Fahrian beteuerte: "Das war ein schönes Geburtstagsgeschenk, aber glauben Sie mir: Es ging streng nach Leistung." An ihm lag es auch nicht, dass Deutschland im Viertelfinale ausschied. Auch weil Tilkowski vorläufig erbost zurücktrat, kam Fahrian bis 1964 auf zehn Länderspiele, alle als Spieler des Zweitligisten TSG Ulm 1846.

Zweitligaspieler hat nach Einführung der Bundesliga kein Nationaltrainer mehr mit zu einer WM genommen und dass jemand bei einem solchen Großereignis sein Länderspieldebüt geben würde wie zuletzt 1938, schien auch undenkbar. Bis 1978, dem Jahr, als der 1. FC Köln das Nonplusultra des deutschen Fußballs war und das "Double" gewann. Entsprechend groß war die Fraktion der Kölner bei der WM in Argentinien (fünf Spieler), von denen nur Verteidiger Harald Konopka noch nie den Adler getragen hatte. Doch im wichtigen Zwischenrundenspiel gegen Italien (0:0) schlug nach 54 Minuten seine halbe Stunde, da löste er den Klubkameraden Herbert Zimmermann ab. Zuvor hatte er bei der WM einmal auf der Bank und zweimal auf der Tribüne gesessen. Seine Hoffnung, nun durchstarten zu können, erfüllte sich nicht für den Mann mit dem schwarzen Oberlippenbart. Laut "kicker" war er "viel zu nervös, um sich auch nur einmal zu einem seiner gefürchteten Flankenläufe aufzuraffen." Wer konnte es ihm verdenken? Er landete wieder auf der Tribüne. Einmal spielte er noch für Deutschland (1979 auf Malta). Konopka war der bis dato letzte Debütant bei einer WM, aber gewiss nicht die letzte große Überraschung.

Die Mutter aller unverhofften Nominierungen

Die Mutter aller unverhofften Nominierungen ereignete sich 2006: Am 15. Mai jenes Jahres klingelte das Handy von David Odonkor. Horst Hrubesch war dran, der U 21-Trainer des DFB. Er teilte ihm mit: "Du bist bei der U 21-EM nicht dabei." Eine Enttäuschung für den formstarken Dortmunder, der schon kurz davor war aufzulegen, als Hrubesch hinterherschob, dafür werde er die WM spielen. Jürgen Klinsmann werde ihn gleich anrufen. Odonkor fragte nach, ob das ein Scherz sei, ob Hrubesch ihn auf den Arm nehmen wolle. Der verneinte. Und kurz danach rief der Teamchef tatsächlich an. Man kannte sich nicht, Odonkor war zuvor noch nie für die A-Nationalmannschaft nominiert worden. Klinsmann erklärte der erstaunten Öffentlichkeit später die Gründe: Nach dem verletzungsbedingten Ausfall von Sebastian Deisler könne Odonkor dem Team auf der Position im rechten Mittelfeld weiterhelfen. Seine Stärken: "Frechheit, Schnelligkeit und Unbekümmertheit". Kapitän Michael Ballack sprang Klinsmann zur Seite. Odonkor könne "eine Geheimwaffe sein, weil er enorm schnell ist." Die 100 Meter, so hieß es, laufe er unter elf Sekunden. In Fußballschuhen.

Beide hatten recht, Klinsmann und Ballack. Odonkor schrieb ein wesentliches Kapitel des Sommermärchens mit, den Moment, in dem sich eine Euphorie Bahn brach, die über den gesamten Turnierzeitraum anhielt. Zweites Gruppenspiel, Deutschland gegen Polen in Dortmund. Das deutsche Team ging generös mit seinen Chancen um und vergab sie in Serie. Klinsmann wechselte offensiv, brachte für Verteidiger Arne Friedrich den mit 27 Minuten Länderspiel-Erfahrung ausgestatteten Odonkor. Die Nachspielzeit lief, als Odonkor über den rechten Flügel den Sprint anzog. Aufhalten konnte ihn niemand, er gab den Ball in die Mitte und von dort lenkte Oliver Neuville den Ball ins Tor. Das Stadion bebte, und Odonkor hatte mit einer herausragenden Aktion seine Berufung gerechtfertigt. Seit jetzt 20 Jahren wird vor jeder Nominierung die Frage gestellt: "Wer wird der neue Odonkor?" Nach dessen Ansicht: niemand. 2018 sagte er der "WAZ": "Ich kam aus dem Nichts. Niemand hatte mich auf der Rechnung. Einen zweiten Odonkor wird es nicht geben."

Wirklich? Aber wer wusste 2014 schon, wer Shkodran Mustafi war? Mit ihm hatte vor der Zusammenstellung des Kaders für die WM in Brasilien tatsächlich niemand gerechnet, außer dem Bundestrainer natürlich. Im Mai hatte er im Hamburger "Reservistenball" gegen Polen, in dem fast ausschließlich Ergänzungsspieler und Neulinge zum Einsatz kamen, in der Abwehr debütiert. Natürlich kannte ihn der Trainerstab, immerhin hatte er für alle U-Mannschaften des DFB gespielt und war mit der U 17 schon 2009 Europameister geworden. Er spielte zunächst für den HSV, ging aber schon als Jugendlicher nach England (FC Everton) und seine sieben U 21-Einsätze bestritt er bereits im Dienste von Sampdoria Genua. Bundesliga hatte er nie gespielt.

Joachim Löw strich den damals 22-Jährigen aus dem vorläufigen Aufgebot, was keinen überraschte. In einer "kicker"-Umfrage zum Thema "Wen hätten sie gestrichen?", erhielt Mustafi die meisten Stimmen (73,9 Prozent). Aber als sich Marco Reus verletzte, rückte kein Stürmer nach - sondern Mustafi. Zur allgemeinen Überraschung. "Selten waren deutsche Nationalspieler so unbekannt wie der junge Mann, dessen Eltern aus Albanien stammen", hieß es auf "Spiegel Online". "In Italien bin ich ein bisschen der Fanliebling, in Deutschland Mister Unbekannt", sagte er selbst. Und zum wohl ersten Mal in der deutschen WM-Geschichte musste ein DFB-Kapitän zugeben, einen Mitspieler nicht zu kennen. Nicht nur Philipp Lahm erging es so mit dem Mann, der dann sogar auf dem Abwehrposten, der einst Lahms war, zu drei Einsätzen im Team des Weltmeisters kam. Da er sich gegen Algerien verletzte, wurden es in Brasilien nicht mehr, aber ein Turnier bekam er noch. Mit der richtigen Antwort auf die Frage "Wer erzielte das erste Tor bei der EM 2016?" könnte man wohl reich werden. Als Co-Trainer der deutschen U 21 und TV-Experte ist Mustafi heute wohl präsenter als der einstige WM-Spieler. Verrückt.

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Autor: um