DFB-All-Stars

Angerer: "Wir konnten nur im Kollektiv gewinnen"

28.04.2026
Nadine Angerer (vorne mit Pokal): "Jede war für die andere da – von der ersten Minute bis zum erlösenden Schlusspfiff" Foto: imago

146-mal hat Nadine Angerer für Deutschland zwischen den Pfosten gestanden. Sie hat unzählige gute Länderspiele gemacht – viele sehr gute und auch einige, in denen sie schlicht herausragend gewesen ist. Im EM-Finale 2013 etwa parierte sie beim 1:0 gegen Norwegen zwei Elfmeter. Für die Serie "Mein bestes Länderspiel" lässt sie allerdings den Gedanken zu, dass es ein Spiel gab, in dem sie noch besser gewesen ist. Im Newsletter der DFB-All Stars spricht die 47‑Jährige über das WM-Finale 2007 gegen Brasilien – und darüber, warum sie nach dem Schlusspfiff, als frischgebackene Weltmeisterin, erst einmal stinksauer war.

DFB.de: Frau Angerer, die Serie heißt "Mein bestes Länderspiel". Stimmen Sie zu, dass das WM-Finale 2007 gegen Brasilien Ihr bestes Länderspiel war?

Nadine Angerer: Es war auf jeden Fall eine der wichtigsten Begegnungen in meinem Leben. Und ja, ich habe da auch gut gehalten.

DFB.de: Nicht so bescheiden: Sie haben einen entscheidenden Elfmeter von Marta gehalten und auch sonst die Brasilianerinnen verzweifeln lassen.

Angerer: Mehr als das ist mir in Erinnerung geblieben, wie unfassbar emotional das Spiel war. Ich weiß noch, dass ich nach drei Minuten das erste Mal auf die Uhr geschaut habe. Und dann habe ich überlegt, wie ich das jetzt noch 87 Minuten durchhalten soll, wenn schon der Start so intensiv ist.

DFB.de: Was hat es so intensiv gemacht?

Angerer: Es war ein WM-Finale gegen die damals wahrscheinlich beste Mannschaft der Welt. Das Tempo war auch schon für die damalige Zeit unfassbar hoch. Es ging hin und her. Wir waren die klaren Außenseiterinnen. Die Brasilianerinnen waren eine Übermacht und individuell besser besetzt. Wir wussten, dass wir es nur im Kollektiv gewinnen können. Und das haben wir dann auch geschafft. Mit unserer Teamleistung haben wir es gewuppt.

DFB.de: Zur Pause stand es 0:0. Nach 52 Minuten hat Birgit Prinz die deutsche Mannschaft in Führung gebracht …

Angerer: … und dann ging die Abwehrschlacht erst so richtig los. Silvia Neid hatte uns wunderbar auf das Spiel eingestellt und uns vorgewarnt. Sie meinte, dass es nicht reichen würde, wenn wir einfach nur verteidigen. Wir mussten immer Überzahl schaffen, auch in den einzelnen Duellen. Eine Marta war einfach nicht alleine zu stoppen. Diese Anweisung haben wir als Mannschaft extrem gut umgesetzt. Jede war für die andere da – von der ersten Minute bis zum erlösenden Schlusspfiff. Wir haben unfassbar gut verteidigt.

DFB.de: Und trotzdem wurde es brenzlig. In der 64. Minute bekamen die Brasilianerinnen einen Elfmeter zugesprochen, zu dem Marta angetreten ist. Wissen Sie noch, was Ihnen da durch den Kopf gegangen ist?

Angerer: Wahrscheinlich gar nichts. Ich weiß noch, dass Renate Lingor zu mir gekommen ist und gesagt hat: „Den hältst du aber!“ Ich habe nur gedacht: „Ja, ja, klar. Ich habe ja sonst gerade nichts zu tun.“

DFB.de: Renate Lingor sollte recht behalten.

Angerer: Absolut. Das war zweifellos ein wichtiger Augenblick in diesem Finale. Danach war das Momentum auf unserer Seite. Aber letztendlich war es auch nur eine entscheidende Szene von vielen in diesen nervenaufreibenden 90 Minuten. Ich will meine Rolle gar nicht zu wichtig machen. Es war wirklich so, dass jede einzelne Spielerin und alle Beteiligten ihren Teil zum Erfolg beigetragen haben. Das war keine Nadine‑Angerer‑Show.

DFB.de: Sie sind bei jenem Elfmeter in Ihre rechte Ecke gesprungen – in die Marta auch geschossen hat. Hatten Sie sich darauf vorbereitet oder war es Intuition?

Angerer: Es gibt Millionen Theorien, wie man sich als Torhüterin oder Torhüter auf einen Elfmeter vorbereiten sollte. Für mich war keine einzige davon relevant. Ich habe mir vorher nie Gedanken gemacht, welche Ecke die Schützin wählen könnte. Ich kannte auch keine Statistiken über Lieblingsecken. Mir war das alles egal, davon wollte ich nichts hören. Ich habe mich einzig und allein auf meine Intuition verlassen. Ich wusste bei einem Elfmeter bis eine Millisekunde vorher nie, in welche Ecke ich springen würde. Ich habe das spontan entschieden. Hopp oder top – und an diesem Tag war es zum Glück top.

DFB.de: Und danach waren immer noch fast 30 Minuten zu spielen.

Angerer: Es kam mir vor wie zwei Stunden. Die Zeit ist einfach nicht vergangen. Das war Wahnsinn. Es war fürchterlich.

DFB.de: War das 2:0 durch Simone Laudehr in der 86. Minute dann die Erlösung?

Angerer: Nein, selbst danach blieb es dramatisch. Ich wusste, dass ein Tor der Brasilianerinnen alles verändert hätte. Ich habe von hinten nur geschrien: „Weitermachen! Weitermachen!“

DFB.de: Aber mal im Ernst: Wie sollten die Brasilianerinnen ein Tor machen? Niemand hatte es während des gesamten Turniers geschafft, Sie zu bezwingen.

Angerer: Es ist schön, dass dieser Rekord bis heute Bestand hat. Irgendwann wird jemand kommen, dem oder der das auch gelingt. Aber das ist nicht schlimm. Für mich zählt, dass wir damals als Mannschaft ein überragendes Turnier gespielt haben. Ich hatte sicher meinen Anteil daran. Aber niemand wird Weltmeister wegen einer starken Torhüterin. Dafür ist viel mehr nötig. Wir hatten einen unfassbaren Teamspirit. Nur so ist Erfolg möglich.

DFB.de: Dann erfolgte irgendwann der Abpfiff. Und dann?

Angerer: Dann war ich stinksauer, weil ich zur Dopingkontrolle musste. Alle haben gefeiert, und ich war irgendwo in den Katakomben. Ich habe nicht viel mitbekommen. Und zu allem Überfluss hat es ewig gedauert, bis ich endlich fertig war. Die anderen waren schon voll in Partylaune und hatten bereits ein paar Bier intus. Ich musste diesen Rückstand ziemlich schnell aufholen.

DFB.de: Haben Sie sich das Spiel hinterher noch einmal angeschaut?

Angerer: Nein, das interessiert mich nicht. Ich bin nicht der Typ, der bei YouTube „Nadine Angerer WM 2007“ eingibt und sich noch einmal anschaut, wie toll die Leistung damals war. Da bin ich raus. Ich habe irgendwann später zufällig auf Instagram ein paar Szenen gesehen – unter anderem, dass es danach ein großes Feuerwerk gab. Davon wusste ich zum Beispiel gar nichts. Vermutlich saß ich zu diesem Zeitpunkt irgendwo in dem kleinen Raum und habe versucht, die Dopingprobe abzugeben.

DFB.de: Es war ja nicht nur wegen des späteren Titelgewinns ein besonderes Turnier für Sie, sondern auch, weil Sie erstmals als Nummer eins in eine WM gegangen sind.

Angerer: Ich hatte Anfang 2007 meine Abschlussprüfung zur Physiotherapeutin und war deshalb drei Monate raus. Deshalb konnte ich auch nicht mit nach China zum Vier‑Nationen‑Turnier. Dann hat sich Silke Rottenberg verletzt – und plötzlich stand ich im Tor. Eigentlich wollte ich nach der WM 2007 aufhören, weil ich mit meinem Bus von Berlin nach Kapstadt fahren wollte. Das hatte sich dann erst einmal erledigt, weil ich doch noch ein paar Jahre weitergemacht habe.

DFB.de: Haben Sie die Tour mittlerweile gemacht?

Angerer: Nein, immer noch nicht. Weil ständig irgendetwas dazwischenkommt. Eigentlich wollte ich im vergangenen Jahr eine Auszeit nehmen, um die Tour zu starten. Aber es kam wie so oft alles anders, denn plötzlich hat mich der Schweizer Fußball-Verband angerufen.

DFB.de: Seitdem sind Sie Torwarttrainerin der Schweizer Frauen‑Nationalmannschaft.

Angerer: Diese Aufgabe macht mir unfassbar viel Spaß. Wir haben ein tolles Team und wollen es unbedingt zur Weltmeisterschaft im kommenden Jahr nach Brasilien schaffen. Aber der Weg dorthin ist weit und kompliziert. Ich bin dennoch davon überzeugt, dass wir es schaffen können. Meine Kapstadt‑Tour muss also noch etwas warten. Aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben. Irgendwann kommt der Moment, an dem es passt.

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Autor: sl