Wissenschaft
Mediziner Nicol van Dyk: "Macht die Nordic-Hamstring-Übung!"

Sie ist die Mutter aller Fußballverletzungen, die am häufigsten vorkommende Blessur im Sport. Die Rede ist - selbstverständlich - von der Oberschenkelzerrung. Dr. Nicol van Dyk hat Studien der vergangenen 30 Jahre über den "hamstring sprain" gesammelt und ausgewertet, die kontextuellen Faktoren des Verletzungsrisikos definiert und die wirksamsten Methoden der Prävention zusammengestellt. Der Leiter Medizinische Studien des Irischen Rugby-Verbandes hat seine Forschungsergebnisse nun auf dem 8. Medizinischen Symposium der UEFA in Frankfurt präsentiert, das noch bis Donnerstag mit 384 Teilnehmenden aus 55 Ländern auf dem DFB Campus stattfindet. Im DFB.de-Interview spricht der irische Sportmediziner darüber.
DFB.de: Dr. van Dyk, hat es Sie angesichts der Häufigkeit der Oberschenkelzerrung überrascht, wie wenig die Sportmedizin bis heute darüber weiß?
Nicol van Dyk: In der Tat, es ist so eine hochfrequente Verletzung, das Forschungsvolumen ist beachtlich, und doch haben wir gerade mit Blick auf die Prävention nicht genug Fortschritte erzielt. Der Fußball stellt heute höhere Ansprüche als früher. Von Spielern wird heute deutlich mehr abgefordert als in der Vergangenheit. Und das Spiel ist schneller geworden. Selbst auf Amateurniveau leisten die Spieler heute mehr. Dadurch erhöht sich das Risiko. Wir müssen als Sportmediziner auf diese Entwicklungen reagieren. Wir sollten nicht weiterhin davon ausgehen, dass es nie zu einer Verletzung kommt. Stattdessen sollten wir unseren Athleten befähigen, so konstant wie möglich zu spielen.
DFB.de: Erklären Sie bitte für einen Nicht-Mediziner, was genau eine Oberschenkelzerrung ist?
Van Dyk: Es handelt sich um einen Riss oder eine Verletzung der Muskulatur am hinteren Oberschenkel. Der verletzte Spieler oder die Spielerin spürt einen kurzen scharfen Schmerz. Der Hamstring besteht aus drei verschiedenen Muskelgruppen, die Verletzung ereignet sich in einem dieser Muskel. Häufig ereilt einen die Verletzung bei einem Sprint oder einem Richtungswechsel. Oder wenn man sich mit kontrahierter Hüfte nach vorne bewegt. Die Verletzungspause beträgt in der Regel zwei bis drei Wochen.
DFB.de: Ein typischer Abend auf einem Amateurplatz in Deutschland: Der 35 Jahre alte Spieler geht ohne irgendeine Spur von Aufwärmen auf den Platz und versucht, aus 30 Metern die Latte zu treffen. Und dann passiert es. Ins Positive gedreht, was mache ich als Amateurfußballer, um einer Oberschenkelzerrung vorzubeugen?
Van Dyk: Ich meine, irgendwann in den 80er-Jahren belegte die Studie eines schwedischen Arztes, dass Aufwärmen gar nicht so eine schlechte Idee ist. (lacht) Was sich auch nie verändern wird ist: Kraft ist wichtig, gerade auch mit Blick auf die Prävention von Verletzungen. Jeder Fußballer und jede Fußballerin sollte neben dem Training auf dem Platz Übungen zur Stärkung des Ober- und Unterkörpers durchführen.
DFB.de: Sie empfehlen ganz besonders eine Übung, die in Fachkreisen als "Nordic Hamstring Exercise" genannt wird.
Van Dyk: Das stimmt. Unsere Forschungsergebnisse belegen die hohe Wirksamkeit der Übung, um den Oberschenkel und die Wade zu kräftigen. Sekundäreffekte wie eine Steigerung bei der Sprintschnelligkeit kommen hinzu. Selbst wer nicht anfällig für Oberschenkelzerrungen ist, sollte diese Übung regelmäßig machen. Wie eine Impfung reduziert die Nordic-Hamstring-Übung die Risiken einer Erkrankung. Man kann wirklich nur empfehlen: Macht die Nordic-Hamstring-Übung! Selbst wenn man nur einmal die Woche zwei bis vier Sätze an Wiederholungen schafft, wird ein wirksamer Effekt erzielt.
DFB.de: Steigt das Risiko mit voranschreitender Spieldauer?
Van Dyk: Mehrere Studien belegen, dass man während der zweiten Halbzeit oder zum Spielende hin verletzungsanfälliger ist. Müdigkeit führt sehr direkt zu einem erhöhten Risiko, sich den Oberschenkel zu zerren. Im Moment wach zu sein, ist auch mit Blick auf die Prävention so ungeheuer wichtig. Der plötzliche Spannungsabfall ist ein Moment hoher Verletzungsanfälligkeit. Um es zusammenzufassen: Fokussiertes Training sowie ein Fokus auf Sprinteinheiten und Krafttraining führt zu einer deutlichen Senkung des Verletzungsrisikos.
Kategorien: Wissenschaft, DER DFB, DFB-Akademie, DFB-Campus
Autor: th

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