Männer-Nationalmannschaft

WM-Topcorer Undav: "Ich genieße es, ich nehme es mit"

22.06.2026
Deniz Undav: "Selbst in Toronto wird mein Name gerufen, nicht nur in Stuttgart" Foto: GES

Dass große Namen des Fußballs in Meppen Station machen, ist zwar kein völlig neues Phänomen - bereits 1982 führte der erste Auftritt von Diego Armando Maradona im Trikot des FC Barcelona ins Emsland. Der spätere Weltstar gastierte damals mit den Katalanen beim SV Meppen, seinerzeit Oberligist. Heute aber sorgt ein anderer Name für ähnlich erstaunte Blicke: Deniz Undav.

Dass der Nationalstürmer noch vor sechs Jahren im Trikot des SV Meppen auflief, wirkt angesichts seiner Entwicklung mit jedem Länderspiel und jedem WM-Tor bemerkenswerter. "Ich habe keine Zeit, darüber nachzudenken, wo ich vor sechs Jahren war", sagte Undav am Samstagabend in den Stadionkatakomben von Toronto, nachdem er die deutsche Nationalmannschaft mit zwei Toren gegen die Elfenbeinküste zum Gruppensieg und ins Sechzehntelfinale am Montag, 29. Juni (ab 22.30 Uhr MESZ, live bei MagentaTV und im ZDF), geschossen hatte.

"Nach der WM, wenn ich am Strand liege, ist dafür vielleicht Zeit - jetzt liegt der volle Fokus auf dem Turnier", sagte Undav und nahm wenig später die Trophäe für den besten Spieler des Spiels aus den Händen von Leon Draisaitl entgegen - einem der besten Eishockeyspieler der Welt, der Kölner verdient mittlerweile bei den Edmonton Oilers in Kanada sein Geld.

"Ich freue mich übertrieben"

"Ich freue mich übertrieben", sagte Undav nach seinem Doppelpack, der den elften deutschen Sieg in Folge besiegelte. Neun Treffer in seinen letzten acht Länderspielen, ein Tor und zwei Assists beim 7:1 gegen Curacao, insgesamt drei Tore in zwei WM-Partien als Joker, dazu zwei Vorlagen, eine Torbeteiligung alle elf Minuten, für einen eigenen Treffer benötigt er aktuell 52,4 Spielminuten - Undav ist der Mann der Stunde und aktuell WM-Topscorer. "Ich musste wieder lachen, selbst in Toronto wird mein Name gerufen, nicht nur in Stuttgart", sagte der Stürmer des VfB Stuttgart und schwärmte: "Ich genieße es, ich nehme es mit."

Auch seine Teamkollegen und der Bundestrainer gerieten in Toronto ins Schwärmen. "Deniz ist ein absoluter Killer vor dem Tor", sagte Nadiem Amiri, der Deniz Undav den Treffer zum 1:1 perfekt aufgelegt hatte. "Was Deniz besonders macht? Dass er nicht viel nachdenkt", sagte Antonio Rüdiger. "Er kommt, macht seinen Job und geht wieder." Bundestrainer Julian Nagelsmann urteilte: "Viel mehr Entscheider als er kann man nicht sein. Er ist einfach ein Vollblutstürmer."

"Ich habe es über Umwege geschafft"

"Ich habe schon damals gesagt: Egal, wo ich spielen werde, ich werde immer meine Tore machen", erinnerte sich Undav unlängst an seinen besonderen Weg. "Da wurde ich belächelt, aber jetzt habe ich es geschafft. Ich habe überall getroffen, wo ich war. Das gibt mir eine Art Genugtuung." Denn er spielte nicht nur in Meppen in der 3. Liga, sondern auch schon viertklassig. Vor seinem Wechsel ins Emsland stürmte Undav für den TSV Havelse und die zweite Mannschaft von Eintracht Braunschweig in der Regionalliga Nord. Und hätte seine Karriere fast beendet, bevor sie überhaupt Fahrt aufnahm.

Neben dem Fußball absolvierte Undav einst eine Ausbildung zum Maschinenbauer. "Das hat mich geprägt", sagte Undav. "Während der Ausbildung musste ich um 4.30 Uhr aufstehen, bin dann mit dem Bus gefahren - und musste von der Haltestelle dort nochmal 40 Minuten zu Fuß zur Arbeit gehen. Den gleichen Weg musste ich nach der Arbeit um 14.30 Uhr natürlich noch mal gehen. Mit dem Bus bin ich dann direkt zum Training gefahren, habe mir zwischenzeitlich einen Döner oder Nudeln geholt. Ich war um 21 Uhr zu Hause, habe eine Stunde entspannt und bin schlafen gegangen. Und das Ganze habe ich zwei Jahre durchgezogen."

Undav traf und trifft überall

In Meppen, in Maradonas Meppen, zog dann aber auch Undavs Karriere an. Mit Royale Union Saint-Gilloise stieg er anschließend in die erste belgische Liga auf und wurde Torschützenkönig, wechselte zu Brighton & Hove Albion in die englische Premier League und schaffte es im Trikot des VfB Stuttgart in die Bundesliga und die Champions League. Denn egal, wo: Undav traf und traf und traf. Und hat bis heute nicht aufgehört. "Ich habe es über Umwege geschafft, das ist ein überragendes Gefühl", so Undav, der mit dem VfB Stuttgart 2025 den DFB-Pokal gewann. "Auch die Negativerlebnisse haben mich zu dem Mann gemacht, der ich heute bin."

Heute, mit 29 Jahren, ist Deniz Undav nicht nur Nationalspieler und gestandener Bundesligaprofi, sondern ein echter Typ. Kommunikativ, offen, authentisch, geerdet. Der schon mal mit der Mülltüte über der Schulter zur Nationalmannschaft angereist ist. Und der, das glaubt man ihm auf Anhieb, auch mit seinem Leben zufrieden wäre, hätte sein Weg damals in Meppen einen anderen Verlauf genommen. "Ja, das wäre auch okay", sagte Undav in den Tagen von Winston-Salem der FAZ. "Natürlich ist das hier besser, aber der eine lebt so, der andere so. Was mir aber wichtig ist: Ich hätte Deutschland absolut supportet."

Kategorien: Männer-Nationalmannschaft, WM 2026

Autor: al