DFB-Pokal
Von Eppingen bis Saarbrücken: Sensationen der zweiten Pokalrunde

Immer wieder sorgt die zweite Runde im DFB-Pokal für zum Teil große Überraschungen. Die Partie zwischen dem VfB Eppingen und dem Hamburger SV im Jahr 1974 etwa gilt als "Mutter aller Pokalsensationen". DFB.de hat die Top Fünf der zweiten Pokalrunde aufgelistet. Auch zwischen zwei Teams, die in der bevorstehenden zweiten Runde aufeinandertreffen, gab es vor 26 Jahren einen Sensationserfolg: Die Nacht im Jahr 2000, in der der FC Magdeburg den großen FC Bayern München mit 4:2 im Elfmeterschießen stürzte.
1974: VfB Eppingen - Hamburger SV 2:1
Die Mutter aller Pokalsensationen wird dem Dorfklub VfB Eppingen zugeschrieben, der am 26. Oktober 1974 den HSV aus dem Pokal warf. Dessen Nationalspieler Georg Volkert tönte vorher noch: "Die Eppinger sind doch blutige Amateure. Die Zuschauer werden in Zukunft schön zu Hause bleiben, wenn sie sehen, mit welcher Packung ihre Truppe in die Kabinen marschiert." Frecher Konter von VfB-Trainer Harald Meichelbeck: "Wir spielen auf Unentschieden, damit es ein Wiederholungsspiel gibt. Denn in Hamburg waren wir noch nie."
Doch weder gab es eine Packung für die Eppinger noch mussten sie die Reisekoffer packen. Der Drittligist, der 1980/1981 ein Jahr in der 2. Bundesliga Süd erleben durfte, gewann sensationell mit 2:1. Beide Tore erzielte der Student Gerd Störzer. Er war den HSV-Cracks ebenso unbekannt wie der ganze nordbadische Dorfklub mit seinem holprigen Platz, dessen Anhänger an jenem Tag direkt hinter dem Tor von Rudi Kargus standen und nach Störzers Treffern das Feld stürmten. Ganz Fußball-Deutschland lachte über die HSV-Blamage, die das Anschlusstor von Horst Bertl nicht mehr abwenden konnte. Tor-Held Störzer immerhin kam noch zu seiner Reise - wenn auch nur zum ZDF nach Mainz. Denn am Abend hatte er einen Sportstudio-Auftritt und gestand im Gespräch mit Moderator Dieter Kürten: "Unter der Woche haben wir noch geflachst, wer wohl ins Sportstudio muss am Samstag."
1978: FC Bayern München - VfL Osnabrück 4:5
Am 23. September 1978 hielt es Sepp Maier nicht mehr in seinem Kasten. Wenn schon der Torwart aufs Tor schießt, dann muss die Verzweiflung groß sein. War sie auch beim FC Bayern, der im Olympiastadion gegen den Zweitligisten VfL Osnabrück einen rabenschwarzen Tag erwischte. 4:5 stand am Ende auf der Anzeigetafel - eine Blamage für die Ewigkeit.
Selbst drei Tore von Gerd Müller, der seine letzte Bayern-Saison erlebte, reichten nicht aus, denn auch der VfL hatte einen Dreifachschützen: Den 21-jährigen Stürmer Andreas Wagner hatte die Bayern-Abwehr nicht auf der Rechnung. Sein Tor zum 4:5 (71.) entschied die turbulente Partie, in die in den letzten Minuten der fast schon invalide Uli Hoeneß (auch er spielte seine letzte Saison) eingewechselt wurde. Doch alle Maßnahmen von Trainer Gyula Lorant fruchteten nicht an diesem denkwürdigen Nachmittag. Der war den ohnehin nur 8500 anwesenden Bayern-Fans ebenso verdorben wie der "Wiesn"-Auftakt.
1993: Borussia Dortmund - Carl Zeiss Jena 0:1
Im Mai standen die Dortmunder noch im UEFA-Pokalfinale gegen Juventus Turin, und in der Bundesliga zählten sie in der Ära Ottmar Hitzfeld immer zu den Topfavoriten. Aber im DFB-Pokal sollte es in den Neunzigern einfach nicht sein beim BVB. So auch in der zweiten Runde 1993/1994. Das Los schien es gut gemeint zu haben, mit Carl Zeiss Jena kam ein keineswegs Furcht einflößender Zweitligist, der am Saisonende absteigen würde. Außerdem hatte man Heimvorteil im damals allerdings noch kleinerem Westfalenstadion. Das war wegen der vermeintlichen Einseitigkeit des Kicks und der Urlaubszeit am 24. August 1993 nur zu einem Drittel gefüllt. Man zählte 17.462 Zuschauer. Hitzfeld nahm die Partie absolut ernst. Mit allen Stars - Matthias Sammer, Steffen Freund, Stefan Reuter, Frank Mill oder Stephane Chapuisat - ging die Elf ins Rennen. Ein anderer Name stand aber nach diesem Spiel im Blickpunkt, und der schrieb Jenenser Vereinsgeschichte. Den passenden Namen hatte er: Olaf Schreiber schoss das Tor des Tages schon in der elften Minute gegen Stefan Klos. Mehr Treffer ließen die Keeper auf beiden Seiten nicht mehr zu, der einstige DDR-Nationaltorwart Perry Bräutigam hielt den Kasten des Außenseiters sauber.
Die Kritiker fielen über die Verlierer her. Im Kicker las man: "Keiner krempelt die Ärmel auf, wenn es mal nicht läuft." BVB-Präsident Gerd Niebaum: "Ich kann 0:3 gegen Jena verlieren, aber ich muss mir die Lunge aus dem Hals rennen. Gästecoach Uwe Erkenbrecher hatte dagegen nichts zu monieren und war vom eigenen Team überrascht: "Ich wusste, dass wir stark genug sein würden uns nicht zu blamieren. Dass wir auch stark genug sein würden, zu gewinnen, wusste ich nicht." Weshalb sie auch kein Bier an Bord hatten, doch dass ließ sich in der Brauereistadt Dortmund vor der Abfahrt des Busses noch schnell organisieren.
1997: Eintracht Trier - FC Schalke 04 1:0
Das Trierer Moselstadion war restlos ausverkauft, als am 23. September 1997 der FC Schalke 04 dem Drittligisten einen Besuch abstattete. 16.500 Zuschauer witterten die Sensation - und selbst wenn nicht, dann wollten sie doch zumindest den amtierenden UEFA-Pokalsieger mal gesehen haben. So oft kam die große Fußballwelt ja nicht vorbei in der ältesten Stadt Deutschlands. An diesem Dienstag sahen nun die Gäste aus Gelsenkirchen ziemlich alt aus, vergeblich rannten sie gegen das Trierer Bollwerk an. Beide Mannschaften hatten Personalsorgen, bei den Schalkern fehlten unter anderem Olaf Thon und Jiri Nemec. Der Kicker aber urteilte: "Die Umstellungen waren nicht entscheidend, sondern die Einstellungen beider Teams."
Für den letzten Kick bei den Trierern sorgte Trainer Karl-Heinz Emig, der ein Plakat in die Kabine hängte: "Nur wer an den Sieg glaubt, kann auch gewinnen." Wenn es immer so einfach wäre. Diesmal war es so. Als Schalkes Johan de Kock nach 71 Minuten eine Tätlichkeit beging, hatte Trier Überzahl und bekam Oberwasser. Fünf Minuten später traf Stürmer Rudi Thömmes gegen Jens Lehmann zum Tor des Tages. Thömmes jubelte: "Das ist der schönste Tag meines Lebens." Dabei, bekannte er, sei er ja eigentlich Schalke-Fan. Bei den Schalkern war der Frust groß, ein Spieler trat ein großes Loch in die Kabinentür, Trainer Huub Stevens witzelte: "Ist doch schön, da hat man immer frische Luft in der Kabine."
2023: 1. FC Saarbrücken - Bayern München 2:1
Als es vorbei war, regierte pure Fassungslosigkeit im Ludwigspark. Saarbrückens Sportdirektor Jürgen Luginger sagte überwältigt: "Es ist sensationell, ich kann es kaum fassen. Man hatte natürlich das Fünkchen Hoffnung, nun ist es eingetreten. Das ist phänomenal." Marcel Gaus, der Held des Tages, gab zu: "Wenn du realistisch bist, gewinnst du von solchen Spielen eines von hundert." Ganz Saarbrücken war nach dem Sieg gegen die vermeintlich Unbesiegbaren im Schwebezustand der Euphorie.
Man schrieb den 1. November 2023. Serienmeister Bayern München war ins Saarland gekommen, um beim Drittligisten die nächste Hürde nach Berlin zu nehmen - und sollte straucheln wie nach ihm noch zwei Bundesligisten. Erst im Halbfinale war Schluss für die Blau-Schwarzen, die an diesem Tag zunächst programmgemäß in Rückstand gerieten. Weltmeister Thomas Müller zog aus 22 Metern ab und setzte die Kugel links unten ins Eck (16.). Saarbrücken resignierte nie und wurde kurz vor der Halbzeit belohnt: Simon Stehle steckte nach einem hohen Ballgewinn durch auf Lukas Boeder, der legte quer und Patrick Sontheimer (45.+1) schob zum Ausgleich ein. Das 1:1 bedeutete auch den da schon sensationellen Pausenstand.
Nach der Halbzeit verteidigte Saarbrücken leidenschaftlich mit Glück und Geschick. Einen Distanzschuss von Leroy Sané wehrte Keeper Tim Schreiber zur Seite ab. In der 75. Minute versuchte es Kingsley Coman von der Strafraumkante, Tim Schreiber lenkte den Ball über die Latte. Dann nahm die Sensation ihren Lauf: Einen flachen Pass in den Rückraum nahm Marcel Gaus in der sechsten Minute der Nachspielzeit direkt und traf zur Führung für den Drittligisten, kurz darauf war Schluss und der DFB-Pokal um eine Sensation reicher. Bayern-Trainer Thomas Tuchel, der für den Einsatz von vier Reservisten und die Schonung von Harry Kane und Jamal Musiala kritisiert wurde, sagte: "Es gibt entweder 100 Erklärungen oder keine schlaue. Jeder, der sagt, wir mussten das Spiel gewinnen, hat recht. Wir sind jetzt leider auf der falschen Seite der Pokalsensation."
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Autor: um

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