DFB-All-Stars
Rückblick: Große Frauen-Turniere in Deutschland

Die Entscheidung ist gefallen. Zum dritten Mal darf der DFB eine Frauen-Europameisterschaft austragen, zum vierten Mal ein großes Turnier. Wir freuen uns auf die WE 29 und blicken zurück auf die großen Frauen-Turniere in Deutschland.
1989
Aller Anfang war schwer – oder zumindest bescheiden. Nur sechs Tage dauerte das Turnier, das einen Meilenstein auf dem Weg zur Etablierung des Frauenfußballs in Deutschland setzte. Plötzlich gab es ein öffentliches Interesse: 100 Journalisten wurden akkreditiert, das Fernsehen bezahlte 400.000 DM und Bundeskanzler Helmut Kohl schrieb ein Grußwort. Gespielt wurde in Siegen, Lüdenscheid und Osnabrück, wo das große und das kleine Finale stattfanden.
Das Turnier war die dritte Ausgabe einer Frauen-EM, 1984 hatte Schweden triumphiert, 1987 Norwegen. Beide Teams aus Skandinavien hatten sich auch für 1989 qualifiziert, genauso wie Italien und Deutschland, das Gastgeber des Turniers wurde. In den Halbfinals standen sich Deutschland und Italien sowie Schweden und Norwegen gegenüber.
Das Spiel gegen Italien wurde live übertragen – als erstes Frauen-Länderspiel überhaupt. In Siegen schlug die DFB-Elf Italien und freute sich über vier Millionen TV-Zuschauer. Geboten wurde ein Krimi. Nach Toren von Silvia Neid (57.) und Elisabetta Vignotto (72.) mussten die Siegerinnen im Elfmeterschießen gefunden werden. "Kein Zweifel: Zum ersten Mal haben die Damen gestern die ganze Nation vom Stuhl gerissen und begeistert", schrieb die Neue Osnabrücker Zeitung. Plötzlich kannte Deutschland die Torfrau Marion Isbert: Sie hielt drei Elfmeter und verwandelte den entscheidenden zum 5:4-Sieg. Der deutsche Erfolg war eine Überraschung damals, beinahe eine Sensation – ins Spiel gegangen war das Team von Bundestrainer Gero Bisanz als krasser Außenseiter.
Finale an der ausverkauften Bremer Brücke
Die Euphorie, die dieses Fußballdrama mit Happy End schuf, führte zu einem EM-Rekord am Finaltag, dem 2. Juli. Gegen Norwegen wurde das Stadion an der Bremer Brücke regelrecht überrannt, 22.500 Menschen füllten es bis auf den letzten Platz. Das Spiel war ausverkauft, überausverkauft. Es war so voll, dass die Zuschauer*innen über Lautsprecher gebeten wurden, näher zusammenzurücken, damit noch mehr Fans auf den Tribünen Platz finden konnten. Nun kam das schon um elf Uhr angepfiffene Spiel nur zeitversetzt in den Dritten Programmen. So jubelten Millionen erst mit drei Stunden Verspätung über den grandiosen 4:1-Sieg gegen die Titelverteidigerinnen. Für den verdienten Lohn sorgte in hervorragender Weise eine Spielerin namens Uschi Lohn – sie schoss die ersten beiden Tore der Elf von Gero Bisanz. Die weiteren Treffer markierten Heidi Mohr (45.) und 4:1 Angelika Fehrmann (73.), die nach dem 1:3 von Sissel Grude (54.) endgültig alles klar machte.
Es war der erste Titel für die deutschen Frauen und der Beginn einer der großen Rivalitäten im Frauenfußball: der zwischen Deutschland und Norwegen.
2001
2001 gab es das erste "richtige" Turnier im eigenen Land. Allmählich kam System in den Modus. 1995 noch hatte Deutschland zwar auch den Titel zuhause geholt, doch es gab nach einer langen Qualifikation mit Hin- und Rückspielen nur ein Endspiel mit Heimvorteil – in Kaiserslautern (3:2 gegen Schweden) vor 8.500 Zuschauern.
2001 wurde alles anders. Gespielt wurde weiterhin mit acht Teams – in Erfurt, Jena, Ulm, Aalen und Reutlingen. In der Gruppenphase traf Deutschland auf Schweden, Russland und England. Wie zu erwarten, erwiesen sich die Schwedinnen als stärkste Gegnerinnen. Hanna Ljungberg sorgte in der 11. Minute für Sorgenfalten bei Tina Theune-Meyer, entspannter wurde der Gesichtsausdruck der Bundestrainerin erst als Claudia Müller (44., 65.) und Maren Meinert das Spiel drehten (78.). Im Spiel gegen Russland dauerte es eine Weile bis zum ersten Treffer, danach aber folgte ein Schützenfest. Der Spielfilm der Partie im Steigerwaldstadion in Erfurt: 1:0 Bettina Wiegmann (43.), 2:0 Birgit Prinz (50.), 3:0 Maren Meinert (69.), 4:0 Sandra Smisek (73.), 5:0 Sandra Smisek (89.). Ein ähnliches Muster hatte das dritte Gruppenspiel, das im Ernst-Abbe-Sportfeld in Jena ausgetragen wurde. In der 57. Minute brachte Petra Wimbersky Deutschland in Führung, zehn Minuten später war alles klar: Bettina Wiegmann (65.) und Renate Lingor (67.) markierten die Treffer zum 2:0 und 3:0.
Wiedersehen mit den Schwedinnen
Zum Halbfinale ging es nach Ulm und gegen die Norwegerinnen, die sich nur wegen der besseren Tordifferenz vor den Italienerinnen den zweiten Platz gesichert hatten. Im Donaustadion sahen die Fans eine ausgeglichene und spannende Partie. Tina Theune-Meyer nahm einige Änderungen vor. Kerstin Stegemann kehrte für Ariane Hingst in die Abwehr zurück. Maren Meinert spielte für Claudia Müller im Angriff. Das Tor des Tages erzielte Sandra Smisek in der 57. Minute durch einen Flugkopfball – das Finale war erreicht.
Im Finale traf man vor 18.000 Zuschauer*innen in Ulm erneut auf die Schwedinnen. In der regulären Spielzeit fielen diesmal keine Tore, es war also eine Verlängerung nötig, die Claudia Müller in der 98. Minute per Golden Goal jäh beendete und in Jubel auflöste. Trainerin Tina Theune-Meyer geriet ins Schwärmen: "Wir haben in der Bevölkerung sehr viele Freunde gewonnen. Diese Mannschaft ist die beste, die es je gegeben hat."
2011
Einmal bekam Deutschland auch eine Frauen-WM. Am 30. Oktober 2007 fiel die Entscheidung für das Turnier 2011, eine 1.212-seitige Bewerbung überzeugte die FIFA. DFB-Präsident Theo Zwanziger war nicht überrascht, denn „vielen ist die WM 2006 noch in bester Erinnerung: die tolle Atmosphäre, die schönen Stadien, das fröhliche Miteinander der Fans.“ Deutschland wollte der Fußballwelt ein zweites Sommermärchen schenken – und Deutschland sollte der Fußballwelt ein neues Sommermärchen schenken. In neun Stadien zog die WM ein, die sich über drei Wochen erstreckte – vom 26. Juni bis 17. Juli 2011. In vier WM-Städten (Frankfurt, Bochum, Augsburg und Wolfsburg) wurde Public Viewing angeboten – ein Novum für den Frauenfußball.
2011 blieb es letztmals beim Modus der vier Vierergruppen, für die Günter Netzer am 29. November 2010 in Frankfurt die Lose zog. Das Turnier startete im ausverkauften Stadion von Sinsheim mit der Partie Nigeria – Frankreich (0:1). Das Eröffnungsspiel mit entsprechendem Vorprogramm fand erst drei Stunden später im Berliner Olympiastadion statt, wo 73.680 Menschen einen 2:1-Sieg der Deutschen gegen Kanada sahen. Kerstin Garefrekes traf in der 10. Minute zum 1:0, Célia Šašić erhöhte in der 42. Minute, ehe Christine Sinclair die Partie in der 82. Minute noch einmal spannend machte.
Spiel zwei führte die Mannschaft von Bundestrainerin Silvia Neid nach Frankfurt und gegen Nigeria. 48.817 Zuschauer im ausverkauften Stadion sahen ein 1:0 durch einen Treffer von Simone Laudehr (54.) und damit den vorzeitigen Einzug ins Viertelfinale. Im Gruppenfinale gegen Frankreich ging es für beide Teams nur noch um den Gruppensieg, da Frankreich nach Erfolgen gegen Kanada (4:0) und Nigeria (1:0) wie Deutschland mindestens den zweiten Platz schon sicher hatte. In Mönchengladbach entwickelte sich vor 45.867 Zuschauenden ein offenes Spiel mit dem besseren Ende für Deutschland. Kerstin Garefrekes (25.), Inka Grings (32., 68.) und Célia Šašić (89.) markierten beim 4:2 die deutschen Tore.
Aus im Viertelfinale
Für die größte Aufregung in den anderen Gruppen sorgte Nordkorea. Nachdem zwei Spielerinnen des Dopings überführt wurden, verlangte die FIFA von allen anderen eine Dopingprobe, der sich die Delegation mit einer allzu hastigen Abreise entzog. Sportlich überraschte Gruppe D am meisten. Australien warf Norwegen nach 0:1-Rückstand raus (2:1). Erstmals musste der Weltmeister von 1995 nach der Vorrunde abreisen.
Schon am ersten Tag des Viertelfinals wurde die allgemeine Freude über das bis dahin begeisternde Turnier gedämpft, denn: Gastgeber Deutschland schied in Wolfsburg gegen Japan aus.
Vor dem Treffen in Wolfsburg stellte sich noch hoher Besuch im Teamhotel ein. Die Bundeskanzlerin gratulierte zum Viertelfinaleinzug und war beim Abendessen dabei. Als Glücksbringerin ging Angela Merkel definitiv nicht in die Geschichte des deutschen Frauenfußballs ein. Denn in Wolfsburg war der Weg der DFB-Elf zu Ende. Nach 15 WM-Partien ohne Niederlage, davon 14 Siegen, gab es zum Entsetzen der 26.067 Menschen im Stadion und 17 Millionen an den Bildschirmen ein bitteres 0:1 in der Verlängerung gegen disziplinierte Japanerinnen.
Woran es lag, ist auch in der Rückschau nur schwer auszumachen. Vielleicht daran: Mit den Erfolgen der Vergangenheit hatte die Mannschaft Geister gerufen, die nicht mehr vertrieben werden konnten. Nach zwei WM-Triumphen auf fremden Erdteilen war Deutschland als Gastgeber Favorit, die Erwartungshaltung war uferlos, der Druck übergroß. Für Bundestrainerin Silvia Neid war dies ein Faktor. "Ich weiß noch, wie die Diskussion vor dem Viertelfinale gegen Japan lief, die Frage war nur, ob wir 3:0 oder 5:0 gewinnen. Ich habe versucht darauf hinzuweisen, dass Japan nicht irgendwer ist, sondern eine technisch versierte Mannschaft, die taktisch sehr gut ausgebildet ist. Aber das wollte keiner hören."
Überraschungssiegerinnen im Finale
Auch für England war Schluss, die Frauen setzten die Männertradition fort und verloren ein Elfmeterschießen – gegen Frankreich. Das benötigten am nächsten Tag auch die USA, um Brasilien auszuschalten. Torhüterin Hope Solo war Amerikas Heldin, sie hielt einen Elfmeter, während ihre Kolleginnen alle fünf verwandelten. Die andere Heldin hieß Abby Wambach, die in der Nachspielzeit der Verlängerung mit ihrem Tor zum 2:2 das Elfmeterschießen erst möglich machte. Wieder musste die damals wohl beste Fußballerin der Welt, Marta (die beide Tore erzielte), ungekrönt abreisen. Nur die Schwedinnen kamen während der regulären Spielzeit zum Sieg – 3:1 gegen Australien.
Frankreich und Schweden hatten sich mit dem Halbfinaleinzug zugleich Olympiatickets gesichert, mehr Grund zur Freude stellte sich dann nicht mehr ein. Beide Europäer blieben auf der Strecke: Frankreich unterlag den USA ebenso mit 1:3 wie Schweden Japan, das erstmals in ein WM-Finale einzog.
Am Sonntag, den 17. Juli, sah Frankfurt das Finale, das niemand auf dem Zettel hatte: USA gegen Japan. Auch den Sieger hatten die wenigsten vorhergesehen, er wurde am Elfmeterpunkt ermittelt. Nach 120 packenden Minuten, in denen Japan zwei US-Führungen ausglich, zeigten die Favoritinnen Nerven. Die USA verschossen drei Elfmeter, Japan nur einen – und so ging der WM-Pokal erstmals ins Land der aufgehenden Sonne.
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Autor: sl

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