Zunächst Neubergers Schildhalter

Dass Braun, der seine Karriere in der Sportverwaltung Anfang der siebziger Jahre beim Fußballverband Mittelrhein begann, einmal Neuberger an der Spitze beerben würde, war zunächst nicht abzusehen. Sein Rückblick: "Als ich 1977 zum DFB-Schatzmeister gewählt wurde, galt ich keineswegs als Wunschkandidat des damaligen Präsidiums. Für Hermann Neuberger und mich brachte die Zeit nach der Weltmeisterschaft 1982 in Spanien ein Schlüsselerlebnis. Nach diesem wenig erfreulichen Turnier forderte ich die Bereitschaft zu interner, harter Selbstkritik. Dies wurde zunächst missverstanden. Doch als ich Neuberger deutlich machte, dass nicht die Kritik an Personen gemeint war, dass ich im Gegenteil mein eigenes Schicksal mit seinem verbinden würde, war dies die Wurzel unserer vertrauensvollen Gemeinsamkeit."

Neuberger und sein "Schildhalter" Braun, sie bildeten zusammen ein starkes Team. Gemeinsam bewältigten sie die Anfeindungen im Vorfeld des Europameisterschaftsturniers 1988 in Deutschland, gemeinsam feierten sie den deutschen WM-Triumph 1990 in Italien, gemeinsam managten sie die Gewinn-Maximierung im TV-Millionenpoker um die Übertragungsrechte der Bundesliga, der Länderspiele und der großen internationalen Turniere. Braun sah sich nach dem Tod seines Freundes und Vorgängers ständig steigendem Druck ausgesetzt, dem Pay-TV für die Fußball-WM 2002 und 2006 unter ausschließlich kommerziellen Gesichtspunkten die Tore zu öffnen. Ein solches Ansinnen ging ans Eingemachte. "Nicht für eine Milliarde Mark", beschied er die Antragsteller, werde er zulassen, "dass den Fußballfans ihre Nationalelf verschlüsselt wird. Das wird es unter mir nicht geben."

Ebenso kraftvoll setzte sich Egidius Braun für die deutsche WM-Bewerbung ein. Dies, so Braun mit Inbrunst, sei eine optimale Chance, sich als "neues Deutschland im Herzen Europas" darzustellen. Aber nicht ohne zwei Stadien in den neuen Bundesländern. Die Vergabe der Ausrichtung der WM 2006 an Deutschland im Sommer 2000 bleibt also massgeblich mit der Arbeit von Egidius Braun verbunden. Braun, ein Freund der schönen Künste, der als Delegationsleiter des deutschen Teams in Mexiko (WM 1986) am Flügel für Stimmung sorgte und als Sportdiplomat in der Bonner guten Stube des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker aufspielte, wirkte in der Öffentlichkeit außerordentlich liebenswürdig und zugänglich. Zweifellos verstand er es in seiner verbindlichen Art, Menschen zu sich ins Boot zu ziehen. Er zeigte Gefühl, auch wenn ihn Kameras beobachten. Die Tränen, die Braun nach der schrecklichen Handlung deutscher Krimineller am französischen Polizisten David Nivel im WM-Spielort Lens vergossen hat, rührten Zuschauer in aller Welt an, weil sie ehrlicher Ausdruck seiner Erschütterung waren. "Das war die schwärzeste Stunde meines Lebens", gestand er und verwarf trotzdem den vorübergehenden Gedanken, als Ausdruck der Trauer die Nationalmannschaft aus dem laufenden Turnier zurückzuziehen: "Wir hätten vor dem Ungeist und dem Verbrechen kapituliert."