DFB-Pokal

Norbert Dickel übers Pokalfinale 1989: "Nummer eins in meinem Ranking"

26.10.2026
Dickel über den Pokalsieg 1989: "Man spürte, dass es der Aufbruch in bessere Zeiten gewesen sein könnte" Foto: IMAGO

Das DFB-Pokalfinale 1989 zwischen Borussia Dortmund und Werder Bremen gilt als eines der besten in der Geschichte. Das 4:1 des BVB stand stark im Zeichen eines Mannes: Anlässlich der nächsten Auflage dieser Paarung in der zweiten DFB-Pokalrunde an diesem Dienstag (ab 20.45 Uhr, live im ZDF und bei Sky) spricht Norbert Dickel, heute Stadionsprecher des BVB, noch einmal über das Spiel seines Lebens. DFB.de erreichte den inzwischen 65 Jahre alten Ex-Stürmer am Telefon, dessen Nummer hauptsächlich aus den Ziffern 0 und 9 besteht. Klarer Fall von echter Liebe zum BVB 09.

DFB.de: Herr Dickel, würden Sie auch nach 37 Jahren noch zustimmen, dass das Finale 1989 das Spiel Ihres Lebens war?

Norbert Dickel: Ja, es steht an Nummer eins in meinem Ranking. Ich glaube, es hat ganz selten ein Spiel gegeben, das von einer Person so stark beeinträchtigt worden ist wie dieses.

DFB.de: Nämlich durch Sie. Bevor wir zu den Anekdoten und Legenden kommen: Können Sie den Verlauf noch mal kurz skizzieren?

Dickel: Die favorisierten Bremer, die im Vorjahr noch Meister geworden waren, gingen durch Kalle Riedle in Führung. Das Tor glich dem Siegtor der Holländer durch Marco van Basten im EM-Halbfinale 1988 gegen Deutschland. Im Rutschen lenkte er den Ball ins Tor, und ich dachte nur: "Schöne Sch..."

DFB.de: Aber dann...

Dickel: ... trat zum Glück Rune Bratseth am Ball vorbei, den Franky Mill von links flach vors Tor flankte, und ich drückte ihn mit rechts rein. Das war der große Wendepunkt in diesem Spiel. Mit 1:1 ging es in die Kabinen, und wir sagten uns in der Halbzeit: "Hey, die packen wir heute!"

DFB.de: So kam es. Ein Kopfballtor vom eher kleinen Mill, ihr sagenhafter Volleyschuss nach Mills Flanke und noch ein Jokertor von Michael Lusch schraubten das Resultat binnen 16 Minuten auf 4:1. Entsprach das wirklich dem Spielverlauf?

Dickel: Was soll ich jetzt sagen? Wir haben ein Superspiel gemacht, aber okay, vielleicht war es ein Tor zu hoch.

DFB.de: Die überlegene Mannschaft war der BVB auf jeden Fall. Überlegen auch auf den Rängen, es war quasi ein Heimspiel in Berlin, oder?

Dickel: 40.000 Dortmunder waren da, das war irre. Es gab ja noch die DDR, es war das letzte Finale vor dem Mauerfall und noch immer erzählt man sich die Geschichten, die die Fans mit den Schupos an der Grenze erlebten. Aber sie nahmen das auf sich für dieses Spiel.

DFB.de: Damit kommen wir zu den Anekdoten. Auch Sie nahmen einiges auf sich. Sechs Wochen zuvor waren Sie am Meniskus operiert worden, es war ihr erstes Spiel nach der OP. Stimmt es, dass Sie gar nicht spielen wollten?

Dickel: Ich hatte Zweifel, ob ich 90 Minuten spielen kann - und Trainer Horst Köppel, ob er mich von Anfang an bringen konnte. Die Alternative hieß, mit Bernd Storck die Defensive zu stärken. Aber dann rieten Präsident Gerd Niebaum, Manager Klaus Gerster und Kapitän Michael Zorc Köppel dazu, mich von Anfang an zu bringen. Das wurde mir alles erst hinterher erzählt.

DFB.de: Nächste Anekdote: Sie spielten mit kaputten Schuhen!

Dickel: Nicht ganz. Zeugwart Bomber Wiegand hat sie ja wieder zusammengeflickt, eigentlich sollte er sie wegschmeißen. Die stellte er mir neben meinen neuen in die Kabine und sagte mir, ich solle doch die alten nehmen, mit denen hätte ich acht Monate vorher so viele Tore geschossen.

DFB.de: Fußballer und Aberglaube - da ist offenbar wirklich was dran.

Dickel: Irgendwo schon, ich nahm sie. Dabei konnte ich in denen nicht mal mehr richtig laufen. Heute stehen sie bei mir im Wohnzimmer. Unglaublich, wie die aussehen!

DFB.de: Aber sie haben Ihnen Glück gebracht und den einzigen Vereinstitel Ihrer Karriere. Sie waren der Mann des Tages. Wie viele Interviews mussten Sie geben?

Dickel: Zahllose, es ging im Prinzip den ganzen Abend über.

DFB.de: Nächste Anekdote: Es soll Ihnen sogar ein Journalist aufs Klo gefolgt sein.

Dickel: Stimmt auch, ich stand am Pissoir, und da hielt mir einer ein Mikrofon unter die Nase. Den habe ich dann weggejagt, irgendwann war es auch mal genug. Wobei das mit den Interviews zu diesem Finale ja nie aufgehört hat, wie man sieht... (lacht)

DFB.de: Nächste Anekdote: Sie hatten auf dem Bankett nur einen Stehplatz, aber dafür einen prominenten Gesprächspartner aus der Politik.

Dickel: Eigentlich war es gut organisiert, aber es kamen damals so viele Leute rein, dass die Mannschaft keinen Tisch für sich hatte. Ich stand dann irgendwann an der Theke und neben mir der damalige Arbeitsminister Norbert Blüm, ein großer BVB-Fan. Einen Satz habe ich mir gemerkt: "Wir Norberts sind doch die Besten!"

DFB.de: Nächste Ankedote: Der Rückflug soll turbulent und für einige weniger schön gewesen sein.

Dickel: Das stimmt. Man durfte nur einen Kilometer über DDR-Gebiet fliegen, und da gab es einige Turbulenzen. Einer fing an, sich zu übergeben, was natürlich auch am Restalkohol lag. Das war wohl ansteckend, es gab eine richtige Kettenreaktion. Mich hat es zum Glück nicht erwischt.

DFB.de: Wie war der Empfang in der Heimat?

Dickel: Da waren unfassbar viele Menschen unterwegs. Ich habe später noch viele BVB-Feiern erlebt, aber so viele wie 1989 waren es nie mehr (angeblich 200.000 Fans, Anm. d. Red.). Der Verein hatte ja auch 23 Jahre nichts gewonnen, war zwischenzeitlich in der zweiten Liga und stand noch 1986 kurz vor dem nächsten Abstieg. Man spürte, dass es der Aufbruch in bessere Zeiten gewesen sein könnte.

DFB.de: So war es auch. Die Neunziger schimmerten golden beim BVB. Sie spielten zwar nicht mehr mit, aber sind seit 1992 als Stadionsprecher dabei. Spielte das Finale von 1989 dabei eine Rolle? Immerhin sangen die Fans damals schon über Sie: "Ein jeder kennt ihn, den Held von Berlin!"

Dickel: Ich weiß nur, dass ich einen Anruf von Dr. Niebaum bekam, der fragte, ob ich mir das vorstellen könne. Die Stelle sei gerade frei geworden. Ich erwiderte, ich hätte noch nie ein Mikrofon gehalten, aber er meinte nur: "Oh, jetzt kommt ein Anruf rein. Wir sehen uns am Samstag!" So begann es, und ich liebe es bis heute, diesen Job machen zu dürfen.

DFB.de: Schlussfrage: Sie sind auf dem "Walk of Fame" der Pokallegenden in Berlin verewigt und kennen sich also in dem Wettbewerb bestens aus. Damals waren Sie Außenseiter gegen Bremen, am Dienstag nun Favorit. Warnen Sie vor den eigenen Pokalgesetzen?

Dickel: Absolut. Es hat einfach viel zu viele Spiele gegeben, in denen der nominell Schwächere den Stärkeren geschlagen hat. Da treffen am Dienstag 22 Profis aufeinander, und das Spiel kann immer in beide Richtungen kippen.

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Autor: um