DFB-Pokal
Amos Pieper und Werder: "Man sollte uns nie abschreiben"

Für Amos Pieper vom SV Werder Bremen bedeutet das Gastspiel bei Borussia Dortmund in der zweiten DFB-Pokalrunde am Dienstag (ab 20.45 Uhr, live im ZDF, bei Sky und RTL+) auch die Rückkehr zu einem seiner ehemaligen Vereine. Mit DFB.de spricht der 28 Jahre alte Innenverteidiger über seine prägende Zeit beim BVB, die Bremer Comeback-Qualitäten und Torjäger Niclas Füllkrug.
DFB.de: Herr Pieper, Werder hat beim jüngsten Aufeinandertreffen mit Borussia Dortmund nach einem 0:2-Rückstand noch ein 2:2 erreicht. Fahren Sie nach diesem Comeback mit besonders viel Selbstvertrauen zum Pokalspiel nach Dortmund?
Amos Pieper: Ich glaube, generell nehmen wir aus den letzten Spielen einiges mit. Natürlich darf so ein Spiel auch mal eher in unsere Richtung laufen. Wir müssen nicht jedesmal in Rückstand geraten, denn es ist nicht einfach, dann wieder zurückzukommen. Aber wir können aus der bisherigen Saison mitnehmen, dass man uns nie abschreiben sollte. Das hilft in jedem Spiel - egal, gegen wen und wo.
DFB.de: Im August 2022 gewannen Sie mit Werder bei Borussia Dortmund nach einem 0:2-Rückstand noch mit 3:2 - mit drei Toren ab der 89. Minute. War das das verrückteste Spiel Ihrer Karriere?
Pieper: Ja, auf jeden Fall die verrücktesten sechs Minuten, würde ich sagen.
DFB.de: Was ist der Schlüssel für diese Comeback-Qualitäten: Ist es vor allem eine Frage der Mentalität?
Pieper: Definitiv. Aber ich glaube, Fülle (Niclas Füllkrug, Anm. d. Red.) hat es kürzlich richtig gesagt: Es ist nicht so, dass immer erst ein Rückstand etwas mit uns macht. Wir hatten auch vorher unsere Chancen und genug Gelegenheiten, selbst in Führung zu gehen. Wir hätten also gar nicht erst in diese Situation kommen müssen.
DFB.de: Sehen Sie solche Spiele als Innenverteidiger kritischer? Emotional ist ein Comeback großartig, aber die Gegentore hätten Sie sich sicherlich gerne erspart.
Pieper: Genau das ist der Punkt. Wir gehen ja nicht in ein Spiel und sagen, dass wir erst einmal zwei Gegentore abwarten, bevor wir selbst zuschlagen. Gerade wenn du das zweite Gegentor kassierst, wird es für den Gegner einfacher. Er kann tiefer stehen, und für uns wird es sowohl mental als auch taktisch schwieriger zurückzukommen.
DFB.de: Was macht Borussia Dortmund besonders gefährlich, worauf müssen Sie achten?
Pieper: Die enorme individuelle Qualität. Dortmund hat Offensivspieler, die ein Spiel jederzeit aus dem Nichts entscheiden können. Beim letzten Aufeinandertreffen hat man auch gesehen, dass sie sehr geduldig und kontrolliert spielen und defensiv ziemlich stabil sind. Für uns war es lange schwierig. Dortmund ist geduldig geblieben, und das hat sich ausgezahlt, als sie spät ihre beiden Tore gemacht haben. Nur haben sie dann nicht mit unseren letzten zehn Minuten gerechnet.
DFB.de: Niclas Füllkrug ist seit seiner Rückkehr ein Schlüsselfaktor bei Werder. Sie kennen ihn aus Ihrer ersten gemeinsamen Zeit in Bremen. Was hat seine Rückkehr beim Verein ausgelöst?
Pieper: Ich glaube, er hat einen ordentlichen Ruck durch ganz Bremen, durch ganz Werder gehen lassen. Ihr seht die Ergebnisse, die Tore, dass ihm sehr viel gelingt. Aber auch generell, was er dem Verein gibt: an Professionalität und an Erfahrungen, die er in den vergangenen Jahren auf noch höherem Niveau gesammelt hat. Er geht einfach voran. Dazu kommen seine Leistung, seine Gier und seine Disziplin. Da lebt er unfassbar viele Dinge vor. Ich glaube, dass die Mannschaft und der Verein da teilweise bewusst und teilweise unbewusst mitgehen. Fülle gibt uns sehr, sehr viel.
DFB.de: Sie haben die Erfahrungen angesprochen, die Füllkrug in den vergangenen Jahren sammelte. Er hat eine Heim-EM erlebt und bei Borussia Dortmund sowie AC Mailand gespielt. Ist er dadurch eine andere Persönlichkeit geworden?
Pieper: Nein, eigentlich ist er der Gleiche geblieben, auch von seiner Art her. Was du ihm anmerkst, ist, dass er noch mehr Geschichten erzählen kann und mehr Erfahrungen gesammelt hat. Er hat auf einem viel höheren Niveau Spiele bestritten, von denen viele von uns bislang weit entfernt waren. Ein Champions-League-Finale oder eine Heim-EM zum Beispiel. Er hat dort seine Klasse nachgewiesen und kann dadurch noch mehr Ratschläge geben.
DFB.de: Was macht den DFB-Pokal für Sie besonders? Ist das Kribbeln vor einem Pokalabend ein anderes als vor einem Bundesligaspiel?
Pieper: Auf jeden Fall. Man merkt auch, was der Pokal mit den Fans macht. Wir hatten uns vor der Saison darüber ausgetauscht, dass dieser Wettbewerb für uns immer etwas Besonderes war. Vor zwei Jahren sind wir ein bisschen weiter gekommen, wir sind aber auch schon in der ersten oder zweiten Runde ausgeschieden. Jetzt haben wir in der zweiten Runde einen richtig starken Gegner. Es ist immer etwas Schönes, im Pokal zu spielen. Du kannst mit relativ wenigen Spielen einen Titel gewinnen. In jedem Spiel ist alles möglich. Wir wissen, dass wir immer zurückkommen können - egal, wie das Spiel läuft. Das kann uns im Pokal helfen.
DFB.de: Ist ein K.-o.-Spiel für Sie als Verteidiger auch mental eine andere Herausforderung? Ein Stellungsfehler kann schließlich das Ausscheiden bedeuten.
Pieper: Das gilt doch eigentlich für jedes Spiel. Wir wollen jedes Spiel gewinnen. Der Unterschied ist, dass es im Pokal bei einem Unentschieden eine Verlängerung gibt. Dann stellt sich vielleicht die Frage, wie sehr man noch ins Risiko geht, um das Spiel in 90 Minuten zu entscheiden. Denn das kann auch nach hinten losgehen. Ansonsten ist die Herangehensweise ziemlich ähnlich.
DFB.de: Sind Spiele gegen Borussia Dortmund für Sie noch immer besonders, weil Sie dort in der Jugend ausgebildet wurden und später bei den Profis mittrainiert haben?
Pieper: Schon, weil das Stadion und die Spiele dort generell besonders sind. Dass ich dort früher gespielt habe und aus der Region komme, macht es noch spezieller. Andererseits ist es inzwischen schon mein x-tes Auswärtsspiel in Dortmund. Es ist nicht mehr wie beim ersten Mal, als meine Vergangenheit beim BVB noch eine größere Rolle gespielt hat. Heute sind es eher das Spiel und das Stadion, die es besonders machen.
DFB.de: 2017 wurden Sie mit der Dortmunder U 19 Deutscher A-Junioren-Meister. Im Finale gegen Bayern München im Signal Iduna Park verwandelten Sie im Elfmeterschießen einen entscheidenden Versuch. Wie sehr hat Sie dieses Erlebnis geprägt?
Pieper: Das werde ich immer in positiver Erinnerung behalten, genauso wie die gesamte Zeit in der Jugend beim BVB. Das war sehr, sehr besonders. Wir konnten einige Titel holen, und es war für mich ein super Abschluss.
DFB.de: Falls es gegen Dortmund zum Elfmeterschießen kommt: Würden Sie wieder antreten?
Pieper: Na ja, ich war beim damaligen Finale Schütze Nummer acht oder neun. (lacht) Ich weiß nicht, wann das bei uns zum Thema wird. Ich glaube, wer sich gut fühlt, sollte schießen. Ich würde mich nicht in erster Linie aufdrängen, mich aber auch nicht davor scheuen.
DFB.de: Im Dezember 2018 standen Sie unter Lucien Favre erstmals im Bundesligakader des BVB. Wie nah waren Sie damals an den Profis dran?
Pieper: In dem halben Jahr war ich bei einigen Testspielen, in der Vorbereitung und bei Trainingseinheiten dabei. Ich glaube, ohne dieses halbe Jahr wäre ich heute nicht da, wo ich bin. Die erste Mannschaft war damals auf einem extrem hohen Niveau unterwegs. Wir sind mit sechs Punkten Vorsprung als Herbstmeister in die Winterpause gegangen. Das war ein halbes Jahr, das mir sehr gutgetan hat.
DFB.de: Von welchen Spielern haben Sie damals im Training bei Borussia Dortmund besonders viel gelernt?
Pieper: Das waren eigentlich alle. Damals waren noch Verteidiger wie Manuel Akanji und Ömer Toprak da. Aber vor allem auch die Offensivspieler, gegen die du trainiert hast: Das war ein ganz anderes Niveau. Jadon Sancho war damals unfassbar gut drauf, Marco Reus sowieso, um nur ein paar zu nennen. Die haben mich ordentlich gefordert.
DFB.de: Ist es für einen jungen Spieler hilfreich, bei einem Spitzenverein wie Dortmund zu sein, obwohl der Sprung in die erste Mannschaft besonders groß ist?
Pieper: Die hohe Qualität im Training hilft. Aber ich bin direkt nach meiner ersten Kadernominierung nach Bielefeld gewechselt. Das war vermeintlich ein Schritt zurück in die zweite Liga, aber ich glaube, dass es der nachhaltigere Weg war. Es gibt viele Jungs, die in Dortmund lange als absolute Toptalente gelten. Gerade die hohe Qualität macht es schwierig, den Sprung direkt zu schaffen. Für mich war der Weg, den ich gegangen bin, genau richtig.
DFB.de: Ist es Ihnen schwergefallen, den Traum aufzugeben, als Profi für Borussia Dortmund aufzulaufen?
Pieper: Der Traum war ja vor allem immer, in der Bundesliga zu spielen. Dieser Traum ging bei Arminia Bielefeld weiter. Es hat sich für mich überhaupt nicht so angefühlt, als würde ich einen Traum aufgeben. Vielmehr ging es darum, wo ich meine nächsten Schritte machen kann.
DFB.de: Was ist für erfolgreiche Jugendspieler die größte Herausforderung beim Übergang in den Profifußball?
Pieper: Vielleicht genau das: auf genügend Spielminuten zu kommen. Wenn man eine erfolgreiche Jugendzeit hatte, erwartet man relativ schnell, dass es für eine bestimmte Liga reichen müsste. Aber der Seniorenfußball ist noch einmal ein ganz anderer Schritt. Man muss Geduld mitbringen und die richtigen Entscheidungen treffen, um auf Spielminuten zu kommen. Ob in einer zweiten Mannschaft in der vierten Liga oder, wie bei mir, in Bielefeld. Man muss akzeptieren, dass es viel wichtiger ist, regelmäßig zu spielen, als sich an den erweiterten Profikader zu klammern.
Kategorien: DFB-Pokal
Autor: oj

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