Blindenfußball – Außergewöhnlich und spektakulär

Schließen Sie doch einmal für einen Moment die Augen und versuchen Sie, ein paar Schritte zu gehen. Oder gar zu rennen. Schnell merken Sie, wie schwer uns die Orientierung ohne Sehfähigkeit fällt. Wer sich einmal diesem Selbstversuch unterzieht, wird umso mehr Respekt vor den Menschen haben, die blind Fußball spielen!

Blindenfußball – das ist eine außergewöhnliche, spektakuläre und in Deutschland stetig mehr Anhänger findende Sportart. Während etwa in Spanien bereits seit mehr als 20 Jahren mit dem Rasselballgespielt wird und in Brasilien sogar Tausende von Zuschauern mitfiebern, ist der Blindenfußball bei uns noch eine junge Sportart, und gerade erst auf dem Weg, sich zu etablieren. Die 2008 gegründete Blindenfußball-Bundesliga, die Städte-Spieltage oder das Engagement der DFB-Stiftung Sepp Herberger sind Belege dafür, dass sich in den vergangenen Jahren viel getan hat. Mit dem FC Schalke 04, dem FC St. Pauli, dem Chemnitzer FC und Eintracht Braunschweig sind inzwischen auch prominente Klubs in der Blindenfußball-Bundesliga am Start. Ein guter Anfang ist geglückt.

Blinde Fußballerinnen und Fußballer spielen nach Gehör. Die Feldspieler sind blind oder verfügen lediglich über einen geringen Sehrest. Die Akteure müssen sich deshalb allein auf ihre Ohren verlassen. Daher ist der Ball nicht nur rund, sondern eingebaute Rasseln führen die Spieler dorthin, wo sich das Leder gerade befindet.

Blindenfußball ist anspruchsvoll

Auch wichtig neben einem exzellenten Gehör: Orientierungssinn, Konzentrationsfähigkeit, Intuition und Körperbeherrschung. Blindenfußball ist schnell, actionreich und körperbetont. Blinde Fußballer führen den Ball eng am Fuß, so kann der Ball ständig taktil wahrgenommen werden. Durch eine spezielle Lauftechnik scheint der Ball am Fuß zu kleben. Es ist faszinierend zu sehen, wie Spieler im Blindenfußball den Gegner ausdribbeln und präzise Pässe spielen. Oder den Torhüter, der als einziger sehen darf, mit einem knallharten platzierten Schuss überwinden.

Wenn's nicht nur im Kasten klingelt

Blindenfußball auf hohem Niveau kann fast genauso rasant und ebenso mitreißend sein wie das Spiel Sehender. Es gibt dabei einige Unterschiede. Der Ball ist beim Blindenfußball etwas kleiner und vor allem deutlich schwerer als der normale Fußball (vergleichbar mit einem Futsal-Ball). Der Grund: In das Spielgerät sind mehrere Metallplätchen eingebaut, kleine Kügelchen sorgen für einen rasselnden Sound. Außerdem soll der Ball möglichst nicht so hoch springen, damit er besser geortet und kontrolliert werden kann.

Kleiner ist auch das Spielfeld: 20 x 40 Meter misst es. Ähnlich wie beim traditionellen Hallenfußball sind die Längsseiten durch Banden begrenzt und werden ins Spiel aktiv einbezogen. Die Spieldauer beträgt 2 x 25 Minuten reine Spielzeit. Bei Unterbrechungen wird die Uhr angehalten.

Hier wie dort muss das Runde ins Eckige. Das Tor beim Blindenfußball aber entspricht dem Handballtor, zwei mal drei Meter misst es.

Blindenfußball ist inklusiv

Eine Mannschaft besteht aus vier Feldspielern und einem Torwart. Die Feldspieler müssen vollblind sein oder, wenn sie noch einen Rest Sehvermögen haben, diesen Vorteil durch das Tragen von Eyepads und Dunkelbrillen ausgleichen. International darf übrigens nur spielen, wer die Hand vor den Augen nicht sehen kann (B1). Der Torwart hingegen darf sehen können und muss seine Augen nicht bedecken. Er darf dafür seinen kleinen Torraum nicht verlassen und nur dort den Ball aufnehmen. Sehende Guides dirigieren die Spieler auf dem Platz. Blindenfußball funktioniert somit wie vielleicht keine andere Sportart inklusiv und ist ein faszinierendes Zusammenspiel von Menschen mit und ohne Behinderung. Alle Spieler tragen zu ihrer Sicherheit einen Kopfschutz. In manchen Teams spielen übrigens auch Männer und Frauen zusammen.

Statt nur eines Schiedsrichters gibt es beim Blindenfußball zwei. Genau genommen sogar drei: Ein dritter Schiedsrichter sitzt am Spielfeldrand, fungiert unter anderem als Zeitnehmer und schreibt den Spielbericht. Außerdem nimmt er die Auszeiten und Auswechslungswünsche der Trainer entgegen.

Kommunikation ist das A und O

Kommunikation auf und neben dem Feld ist enorm wichtig. Die Feldspieler einer Mannschaft erhalten Zurufe von außen: Der Torhüter dirigiert die Abwehr, der Trainer, der an der Längsseite steht, das Mittelfeld, und ein "Guide" hinter dem gegnerischen Tor unterstützt den Stürmer. Das führt auf den ersten "Blick" zu seltsam anmutenden Zurufen wie "10-1" oder "Wechsel". Die jeweiligen Feldspieler wissen dann: "Es sind noch zehn Meter bis zum Tor und noch ein Gegenspieler ist dazwischen" oder "Den Ball auf die andere Seite spielen".

Das Signalwort "Voy"

Am häufigsten aber hört man das spanische Wort "Voy". Es heißt "Ich komme". Jeder Verteidiger, der sich dem ballführenden Akteur nähert, muss dieses Wort immer wieder laut rufen. Wird dieser Ruf vergessen, erhält das ballführende Team vom Schiedsrichter einen Freistoß.

Was Blindenfußball mit Tennis gemeinsam hat

Für die Zuschauer ist ebenfalls so manches anders: Damit die Spieler die Anweisungen und den Ball hören können, ist Anfeuern und Zurufen während des laufenden Spiels – ähnlich wie beim Tennis – tabu. Nach einem Tor oder bei Spielunterbrechungen darf aber selbstverständlich kräftig gejubelt werden.

An einem Spieltag der Blindenfußball-Bundesliga tragen einige Fans Kopfhörer. Das Spiel wird nämlich von zwei Reportern live, ähnlich wie bei einer Rundfunkreportage, kommentiert. Damit nicht nur blinde Zuschauer wissen, was sich auf dem Platz tut, sondern auch die Auswechselspieler. Die Reportage wird per Livestream auch im Internet übertragen, so dass daheim Gebliebene ebenfalls die Spiele verfolgen können.

Blindenfußball ist also eine faszinierende Facette des Fußballs. Wenn es der Liga gelingt, weiter zu wachsen und der Nationalmannschaft bei einem großen Turnier auch mal der Finaleinzug glückt, sollte es gelingen, den Schub der Anfangsjahre auch ins zweite Jahrzehnt Blindenfußball in Deutschland mitnehmen zu können.

Weitere Informationen zum Blindenfußball gibt es hier und hier.