Kinderfußball in Brasilien: Trotz WM-Aus lebt die Hoffnung!

Viele der großen Favoriten dieser Fußball-WM haben früh die Segel gestrichen. Eine der letzten Nationen, der dieses Missgeschick widerfahren ist, ist Brasilien. Doch wie auch bei den anderen Ländern ist nach einem Wochenende der Reflexion auch in Brasilien nicht alles schlecht. Eine Unmenge fußballspielender Kinder gibt dem Land Hoffnung auf weitere glorreiche Generationen! In unserer Trainerzeitschrift Fußballtraining Junior haben wir den Kinderfußball am Zuckerhut näher beleuchtet.

Der Ball am Fuß ist Sinnbild für die brasilianische Fußballerseele. Merkmale wie Freiheit, Kreativität und Spontaneität spiegeln sich nicht nur in der Gesellschaft des Landes, sondern auch in der Methodik und den Inhalten des Kinderfußballtrainings wider.

Der Kinderfußball in Brasilien

Die brasilianische Gesellschaft ist vergleichsweise jung. Kinder stellen einen Großteil der Bevölkerung – knapp 25 Prozent der etwa 205 Millionen Einwohner sind unter 15 Jahre. So wundert es nicht, dass der Kinderfußball in Brasilien einen hohen Stellenwert hat und über seine Bedeutung und Entwicklung derzeit viel diskutiert wird. Um beides zu verstehen, muss man sich die soziale, geografische und kulturelle Vielfalt des Landes vor Augen führen, deren Eigenheiten und Probleme sich unmittelbar auf den Kinderfußball auswirken. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist groß, den riesigen Metropolen wie Sao Paulo (ca. 20 Millionen Einwohner), Rio de Janeiro (ca. 11 Millionen), Belo Horizonte oder Porto Alegre (beide ca. 4 Millionen) mit

ihren ausgedehnten Armensiedlungen (Favelas) und guter Infrastruktur stehen die schwer zugänglichen Regionen des Regenwaldes gegenüber.

Kicken auf Sand, Beton und Gras

Kinder in Brasilien wachsen in vielen unterschiedlichen Umgebungen auf, in denen sie das Fußballspielen lernen. Sie spielen auf der Straße, auf Sandplätzen, in Parks, am Strand, auf Sportplätzen von Schulen und gemeinnützigen Organisationen. Hier können sie frei spielen, ohne ein Trainingsprogramm und ohne Trainer. Durch die Ausbreitung des urbanen Raums und den Bau neuer Wohnhäuser geht in den großen Städten die Anzahl der Straßen und Sandplätze, auf denen Fußball gespielt werden kann, jedoch mehr und mehr zurück. Dadurch ist die Zeit, die brasilianische Kinder mit Ballspielen verbringen, in den letzten Jahren deutlich gesunken.

Futsal als populärer Nationalsport

Darüber hinaus gibt es sogenannte ‚Society- und Futsal-Schulen‘, in denen die Kinder frei im 7 gegen 7 bzw. 5 gegen 5 spielen. Von diesen Schulen werden technisch starke Spieler an die Vereine vermittelt. Außerdem gibt es Futsal-Trainingsteams.

Futsal ist in Brasilien sehr populär. Im ganzen Land finden regelmäßig Futsal-Wettbewerbe statt, an denen Kinder ab einem Alter von sieben Jahren teilnehmen. Futsal gilt als Hauptquelle für Talente, die von den professionellen Jugendakademien gescoutet werden.

Organisierter Trainings- und Spielbetrieb für Jungen und Mädchen wird in einem Sportverein erst ab einem Alter von zehn Jahren angeboten. Die größten Vereine des Landes beginnen ab der U 11, wettbewerbsfähige Teams zu bilden, wobei Kinder mit einem hohen technischen Potenzial zumeist direkt in die U 14 wechseln.

Der Verband hält sich raus

Der nationale Fußballverband in Brasilien (Confederação Brasileira de Futebol – CBF), der für die Organisation des Spielbetriebs im Land verantwortlich ist, hat keine Richtlinien für den Kinderfußball herausgegeben. Training und Spielbetrieb sind den regionalen Gegebenheiten und den Vereinen überlassen.

Die Hauptwettkämpfe der Vereine beginnen erst auf U 17-Ebene. Der fehlende Gestaltungswille der CBF führt immer wieder zu organisatorischen Problemen, deren Auswirkungen auf die Entwicklung der Spieler kritisch diskutiert wird. Beispielsweise werden die meisten Turniere von U 9- bis U 11-Junioren auf großen Feldern im 11 gegen 11 gespielt. Eine übergeordnete Einflussnahme des Verbandes findet auch in Bezug auf die Trainingsarbeit nicht statt. Alle Klubs und Trainer organisieren sie eigenverantwortlich. Seit Kurzem gibt es aber Bestrebungen der Trainer, sich auf dem Webportal Universidade do Futebol auszutauschen.

Qualität und Methodik der Lerninhalte sind letztlich also allein vom verantwortlichen Trainer abhängig. Um so wichtiger ist, dass dieser eine Vielzahl von Fähigkeiten und Kenntnissen mitbringt, um die Kinder in ihrem sportlichen Entwicklungsprozess zu fördern: Trainingssystematik, Führungspersönlichkeit, Ethik, Spielkultur der brasilianischen Kinder, Straßenpädagogik und Spielinhalte sind hier nur als beispielhafte Stichwörter zu nennen.

©

Freie Kontakte mit dem Ball

Generell dominiert im brasilianischen Kinderfußball die unangeleitete Praxis. Die Kinder werden von Beginn an zum freien und spontanen Kontakt mit dem Ball ermutigt. Freiheit, Kreativität, Spontaneität und Improvisation sind Merkmale der brasilianischen Gesellschaft und spiegeln sich im Kinderfußball wider. Nicht zuletzt dadurch entwickeln viele bereits in jungen Jahren ein außergewöhnliches Ballgefühl und eine feine Technik. Der Ball am Fuß ist Ausdruck der brasilianischen Seele. Diese Einstellung dient dem Zweck, nach und nach die Essenz des brasilianischen Spiels zu vermitteln: offensiv, kreativ, beweglich und technisch hochklassig.

Wissen und Kreativität nutzen

Unter klarer Zielsetzung technischer Schwerpunkte werden die Kinder einer Reihe von Problemsituationen ausgesetzt, die immer mit dem Fußballspiel zusammenhängen. Diese Situationen sollen möglichst spiel- und realitätsnah sein. Während der Übungen verändert der Trainer stets beeinflussende Faktoren des Spiels, beispielsweise das Zeitlimit, die Feldgröße oder die Anzahl der Spieler. Dadurch werden neue Situationen geschaffen, in denen die Spieler permanent Entscheidungen treffen und entsprechend handeln müssen. Bei diesen Spielsituationen zeigt und erklärt der Trainer den Kindern unter dem Gesichtspunkt des Trainingsschwerpunkts bestimmte, sich wiederholende Probleme, ohne die Handlungsmöglichkeiten der Spieler zu beschränken. Sie sollen selbst Lösungen erarbeiten und dabei ihre Fähigkeiten, ihr Wissen und ihre Kreativität nutzen. Nicht der Trainer gibt die Antwort, sondern die Kinder finden sie selbst heraus – möglichst frei und mit wenigen Vorgaben.

Struktur der Trainingseinheiten

Der grundsätzliche Ablauf einer Trainingseinheit ist in Brasilien wie folgt organisiert:

  • Einführungsgespräch: Erinnerung an die letzte und Einführung in die Inhalte der aktuellen Trainingseinheit.
  • Anfangsaktivität (Aufwärmen): Übungen mit geringerer Komplexität, aber mit Elementen des Tagesschwerpunktes.
  • Hauptaktivität: Schwerpunktübungen mit höherer Komplexität, in denen der Trainingsschwerpunkt geschult wird.
  • Spielnahe Aktivität: Spielformen entsprechend dem Schwerpunkt mit bestimmten Regeln, mit oder ohne Anpassung an die Spieleranzahl, Zeit und Feldgröße.
  • Abschlussgespräch: Der Trainer holt die Kinder zusammen und bespricht mit ihnen den Tagesinhalt der Trainingseinheit und die Abläufe. Die Kinder dürfen ihre eigenen Eindrücke und Vorstellungen äußern. In jedem Feedback werden die Spieler angeregt, über ihre Handlungen, Probleme und Lösungsmöglichkeiten nachzudenken.

Trainingspraxis aus Brasilien in Fußballtraining Junior

In seiner Ausgabe von Ende 2017 hat die DFB-Trainerzeitschrift Fußballtraining Junior zudem umfassende Trainingspraxis des Coritiba FC, einem der 20 größten Fußballvereine des gesamten Landes veröffentlicht. Spieler wie Rafinha (FC Bayern München), Adriano (u. a. FC Barcelona, jetzt Besiktas Istanbul) und Dida (u. a. AC Mailand, jetzt Karriereende) durchliefen die Coritiba-Nachwuchsschule. Weitere Informationen zu Fußballtraining und zu Fußballtraining Junior haben wir unter 'Themenverwandte Links' für Sie zusammengestellt. Hier haben Sie außerdem die Gelegenheit, die Zeitschriften zu bestellen.