England: Endlich erfolgreich?

Kaum eine andere Nation dürfte so sehnsüchtig auf einen Titel warten wie das Mutterland des Fußballs. Seit dem Gewinn der Weltmeisterschaft 1966 dauert die Durststrecke der ‘Three Lions’ nun an, und die Bilanz der jüngeren Vergangenheit verleitet wirklich niemanden zum Träumen. Dem Aus in der Vorrunde bei der WM 2014 in Brasilien folgte bei der EM 2016 in Frankreich das Scheitern im Achtelfinale gegen den vermeintlichen Fußballzwerg Island. Niederlagen, die dem Selbstverständnis der großen Fußballnation mit der wohl stärksten Liga der Welt Schaden zufügten. Bei der WM 2018 in Russland steht das Team von Trainer Gareth Southgate nun im Halbfinale und hat die Chance, den großen Traum doch kurzfristig wahrzumachen. Mut dafür macht seit dem vergangenem Jahr der Nachwuchs. 2017 räumte man gleich drei Titel ab und erreichte bei den anderen Turnieren ebenfalls mindestens das Halbfinale. Doch taugen die jungen Talente wirklich schon jetzt zu Hoffnungsträgern? Und was hat sich eigentlich in der Jugendarbeit Englands getan?


England - der Faktencheck

  • Einwohner: 53 Millionen
  • Gründung des Fußballverbandes: 1863
  • FIFA Weltrangliste: 15. Platz
  • WM-Teilnahmen: 14
  • Größter Erfolg: Weltmeister 1968
  • Rekordspieler: Peter Shilton (125)
  • Rekordtorschütze: Wayne Rooney (53)
  • Nationaltrainer: Gareth Southgate


Englands Weg nach Russland

Acht Siege, zwei Unentschieden, keine Niederlage. Die Qualifikation zur WM 2018 stellte für die Three Lions keine große Herausforderung dar. Mit nur drei Gegentoren stach besonders die stabile Defensive heraus. Bester Torschütze war Stürmerstar Harry Kane von den Tottenham Hotspurs mit fünf Treffern. Trainer Gareth Southgate übernahm das Team vor dem zweiten Spieltag der Qualifikation und setzte meist auf ein 4-2-3-1-System. In den Freundschaftsspielen gegen die Topteams aus Frankreich, Deutschland oder Brasilien testete er auch eine 3-5-2-Formation. Der frühere Nationalspieler arbeitet seit 2011 im Verband und coachte unter anderem die U21.


Eine neue 'goldene Generation'?

Am 11.06.2017 war es endlich soweit – England ist Weltmeister! Zum ersten Mal seit 1966 holte eine englische Mannschaft den wichtigsten Titel, den eine Nation gewinnen kann. Zwar ging es hier nur um die U20-Weltmeisterschaft, dennoch löste dieser Erfolg etwas aus im englischen Fußball. Mit ihm einher gingen im vergangenem Jahr der Gewinn der U17 WM sowie der Sieg bei der U19- Europameisterschaft. In Kombination mit der souveränen Qualifikation der Nationalmannschaft für die WM 2018 keimte zum ersten mal seit Langem so etwas wie Optimismus im Mutterland des Fußballs auf. Neben den Mannschaftserfolgen räumten die englischen Talente auch zahlreiche individuelle Auszeichnungen ab: Phil Foden (Manchester City) bester Spieler und Rhian Brewster (FC Liverpool) bester Torschütze der U17-WM, Dominic Solanke (FC Liverpool) bester Spieler und Freddie Woodmann bester Torhüter (Newcastle United) der U20-WM – seit der ‘goldenen Generation’ um Beckham, Scholes oder Gerrard hatte es keine Fülle an solch vielversprechenden Talenten mehr gegeben. Die Hoffnung, dass diese Generation schafft, was die ‘Goldene’ vor ihr nicht erreicht hat, und einen Titel gewinnt, ist groß.


Die 'Stunde Null'

Der aktuelle Erfolg ist weniger dem Zufall und einigen wenigen außergewöhnlichen Jahrgängen geschuldet, sondern vielmehr das Resultat von Umstrukturierungen, die der Verband in der Nachwuchsarbeit durchgesetzt hat. Sollte sich der momentane Höhenflug fortsetzen und bis in die A-Nationalmannschaft auswirken, wird vermutlich das Jahr 2012 als der entscheidende Wendepunkt erinnert werden. Die anhaltende Erfolglosigkeit hatte zu einem Umdenken geführt und Prozesse angeschoben, welche die Nachwuchsarbeit in den Blickpunkt rückten.

Ein Beispiel hierfür ist der St. George's Park. Ein gigantisches Zuhause für alle Nationalteams der Frauen und Männer, das in jeder Hinsicht hochmodern ausgestattet ist und an dem alle Fäden zentralisiert zusammenlaufen – ganz nach dem französischem Vorbild Clairefontaine. Ein Ort der Kommunikation, an dem alles Wissen gebündelt und weitergegeben werden soll. Und die Maßnahme zeigt Wirkung. Seitdem St. George’s eröffnet wurde, nehmen mehr Trainer die Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen wahr. Die Zahl der hochlizenzierten Trainer wächst und die Vereine beschäftigen auch für den Jugendbereich immer mehr Verantwortliche in Vollzeit, sodass noch mehr Zeit in die Ausbildung der Spieler investiert und sie weiter professionalisiert werden kann. Auch die Kommunikation zwischen dem Verband und den Vereinen soll auf diese Weise verstärkt und vorangetrieben werden.


Die England-DNA

Ein Beispiel hierfür ist die Entwicklung der England-DNA, die für viele Experten einen ebenso zukunftsweisenden Schritt darstellt. Sie ist ein vom englischen Fußballverband initiiertes Programm, das gemeinsam von den Trainern aller Nationalteams erarbeitet und in enger Absprache mit Vertretern aus den unterschiedlichen Profiligen auf den Punkt gebracht wurde. Es folgt dem einfachen Ziel, den A-Nationalmannschaften der Männer und Frauen durch nachhaltige Nachwuchsarbeit zum Erfolg zu verhelfen. Dieses Ziel baut im Grunde auf zwei Prinzipien auf: Auf der einen Seite steht das Vermitteln einer Siegermentalität im Vordergrund. Auch die Junioren sollen darauf gepolt werden, Turniere zu gewinnen. Auf der anderen Seite und letztendlich noch höher einzustufen ist die individuelle Förderung. Englische Nationalteams sollen sich nicht in erster Linie über die Taktik, sondern über die individuellen Qualitäten der Spieler definieren. Um diese weiterzuentwickeln, werden auch Rückschläge in den Spielergebnissen akzeptiert. Das Programm der England-DNA ist also eine Art Leitfaden, der die Richtung in der Nachwuchsarbeit vorgibt und sich in fünf Elemente unterteilt:

Jeder Spieler, Trainer oder Betreuer soll Werte wie Beständigkeit, Integrität, Stolz, Arbeits- und Entwicklungslust verkörpern.

Die Spielweise als das Element, das die DNA am stärksten repräsentiert. Es gibt keine konkrete System-Vorgabe außer die der Flexibilität. Die Spielweise soll sich an den Fähigkeiten der Spieler und den Anforderungen des jeweiligen Spiels orientieren.

Das Ziel ist es, künftige Nationalspieler für England auszubilden. Die FA hat dafür ein ‘four corner player development model’ entwickelt, das sich auf die Säulen Technik/Taktik, Physis, Mentalität und soziale Fähigkeiten beruft.

Die Trainingsphilosophie und das Coachingverhalten im Spiel basieren beide auf dem Plan-Do-Review-Konzept. Die Reflexion der Inhalte und des Geleisteten hat einen großen Stellenwert.

Auch auf allen Gebieten außerhalb des Platzes werden eine absolute Professionalisierung und die bestmögliche Unterstützung der Spieler angestrebt.

In der WM-Reihe der DFB-Trainerzeitschriften Fußballtraining und Fußballtraining Junior werden weitere Teilnehmer des Turniers in Russland vorgestellt. Verschiedene Interviews und vorgestellte Trainingsformen geben einen Einblick in den Fußball des jeweiligen Landes. Weitere Informationen zu Fußballtraining und Fußballtraining Junior sind unter 'Themenverwandte Links' zusammengestellt.