Belgien: Längst kein Geheimfavorit mehr

Wer mit seinem Welt- oder Europameistertipp ins Risiko gehen wollte, der entschied sich in der Vergangenheit gerne einmal für Belgien. Für das kleine Land, das zwischen 2002 und 2014 bei jedem großen Turnier fehlte und das sich in dieser Zeit aber klammheimlich eine spannende Generation von hochveranlagten Spielern ausbildete. Eine Generation, die noch stärker ist, als die 'Red Devils' der 80er und 90er Jahre, die einst unter Mittelfeldstratege Enzo Scifo keine Weltmeisterschaft ausließen und 1986 in Mexiko sogar bis ins Halbfinale stürmten. Der heutigen Mannschaft, gespickt mit Spielern von internationalen Topvereinen, wird noch einiges mehr zugetraut. Der Geheimfavorit der letzten Jahre hat sich entwickelt. Geheim ist mittlerweile nur noch, wann die Belgier ihr erstes Finale bei einem großen Turnier erreichen.

In Russland soll es endlich klappen. Das Viertelfinale gegen Brasilien wird zur Reifeprüfung. Aber wie gelang es dem kleinen Land, sich eine derart spielstarke Mannschaft aufzubauen, die mit Kevin de Bruyne, Romelu Lukaku oder Eden Hazard von Weltklassespielern angeführt wird? Benoît Thans arbeitete 2012 und 2013 als Technischer Direktor beim Verband und hat den Aufschwung des belgischen Fußballs miterlebt. Vor der WM sprach Thans darüber im Interview mit Fußballtraining.

DFB.de: Benoît Thans, was macht das belgische Team so stark?

Benoît Thans: Wir haben eine Generation mit vielen talentierten Spielern, die schon früh in der französischen Ligue 1 oder der englischen Premier League spielen. So messen sie sich somit auch früh auf hohem Niveau. Aktuell haben wir circa 30 sehr gute Spieler.

DFB.de: Mittlerweile kommen einige Spieler auf Weltklasse-Niveau aus dem 11-Millionen-Einwohner-Land. Wie schafft es Belgien, so viele talentierte Spieler zu entwickeln?

Benoît Thans: 95 Prozent der belgischen Nationalspieler spielen in ausländischen Klubs. Sie wechseln mittlerweile mit 15, 16 Jahren schon sehr früh in andere Länder. Bis zur U14 sind unsere Nachwuchsteams auch im internationalen Vergleich sehr erfolgreich. Danach wird es allerdings immer schwieriger, auch weil die Trainer von der U14 bis zur U16 keine Vollzeittrainer sind. Das macht sich in der Ausbildung bemerkbar.

DFB.de: Wie würden Sie die belgische Trainingsphilosophie beschreiben? Gibt es einen speziellen Fokus auf die Technik?

Benoît Thans: Als ich vor fünf Jahren Technischer Direktor des Verbands wurde, habe ich viele Ex-Profis in den U-Nationalteams installiert. Wir hatten das vorher nicht so wie beispielsweise in Deutschland, Frankreich oder Italien. Im technischen Bereich gibt es sicherlich Entwicklungspotenzial, der Fokus liegt mehr im taktischen Bereich. Was die Einstellung zur Physis betrifft, gab es einen Wandel von kräftigen Spielern hin zu kleinen explosiven wie z. B. Hazard oder Mertens.

DFB.de: Worin liegen die strukturellen Unterschiede in der Talentausbildung zwischen Deutschland und Belgien?

Benoît Thans: Deutschland ist finanziell deutlich überlegen, was sich speziell in den Strukturen der Nachwuchsleistungszentren und der Trainerstäbe widerspiegelt. Es ist in den meisten Fällen professioneller als bei uns. Außerdem sind die Nachwuchsligen in Deutschland besser organisiert. Bei uns sollen zur nächsten Saison die U17- und U19- Ligen eingestellt und stattdessen U18- und U21-Meisterschaften eingeführt werden. Das könnte bedeuten, dass ca. 7800 Nachwuchsspieler nächste Saison Probleme bekommen dürften, einen Verein zu finden. Zudem gibt es keine zweiten Mannschaften. Das Problem in Belgien liegt darin, dass die französische und flämische Fraktion im Verband jeweils unterschiedliche Visionen und Ausbildungsansätze haben.

DFB.de: Nach der EM 2016 übernahm mit Roberto Martinez überraschend ein Spanier das Nationalteam. Inwiefern hat er die Spielidee beeinflusst?

Benoît Thans: Der vorherige Nationaltrainer Mark Wilmots hat immer in einem 4-3-3 spielen lassen, Martinez hingegen setzt auf ein 3-4-2-1. Außerdem veränderte er die gesamte Trainingsarbeit. Er legt z. B. großen Wert auf Standardsituationen. Zudem stellt er das Team in den Vordergrund, sieht es als den Star an und nicht sich selbst. Ein weiterer großer Unterschied ist seine Präsenz im Verbandszentrum in Tubize. Er ist jeden Tag vor Ort und steht im ständigen Austausch mit den U-Nationaltrainern. Das ist eine riesige Veränderung für alle.

In der WM-Reihe der DFB-Trainerzeitschriften Fußballtraining und Fußballtraining Junior werden weitere Teilnehmer des Turniers in Russland vorgestellt. Verschiedene Interviews und Ausbildungskonzepte geben einen Einblick in den Fußball des jeweiligen Landes. Weitere Informationen zu Fußballtraining und Fußballtraining Junior sind unter 'Themenverwandte Links' zusammengestellt.