Männer-Nationalmannschaft
Uwe Seeler wäre 90 geworden: Die Legende, die alle liebten

Er wäre heute 90 geworden, was ihm das Schicksal nicht vergönnte. 85 Jahre aber durfte DFB-Ehrenspielführer Uwe Seeler (1936 bis 2022) auf dieser Welt leben, und nur wenige, die diese Marke erreichten, konnten von sich sagen, dass sie nur zwei große Lieben kannten. In seinem Fall waren es Ehefrau Ilka, mit der er seit 1959 verheiratet war, und der HSV - sogar schon ab 1946 sein Verein. Seeler war in vielerlei Hinsicht ein Vorbild für die Menschen im Nachkriegsdeutschland - ein Idol, das nie eines sein wollte. Was schlicht der Grund für seine unsterbliche Popularität ist. Bekannt war er natürlich auch dadurch, wie er Fußball spielte und lebte.
Dass er nicht zu den 89 Weltmeistern im Land gehört, ändert daran nichts. Auch Europameister wurde er nie. Sein Titel war: "Uns Uwe". Und er war Kapitän der beiden populärsten Mannschaften, die nicht Weltmeister wurden (1966 und 1970). Auch 1958 und 1962 war Seeler dabei. Nur zwei Deutsche haben mehr WM-Teilnahmen: Lothar Matthäus und Manuel Neuer. Uwe Seeler bestritt 72 Länderspiele und war sogar einmal "der Bomber der Nation". So taufte ihn die Bild-Zeitung im Juni 1968, als er amtierender Rekordtorjäger war. Bis ihn dann der ein Jahr vor ihm verstorbene Gerd Müller ablöste, mit dem man diesen Titel stärker verbindet.
"Ihn lieben alle deutschen Fußballfans"
Seeler wurde am 5. November 1936 in eine Fußballerfamilie geboren. Vater Erwin und sein fünf Jahre älterer Bruder spielten auch beim HSV - Uwe und Dieter waren 1963 das erste Brüderpaar der Bundesligahistorie. Bis dahin war es ein langer Weg. Klein-Uwe kickte zunächst auf der Straße, was damals noch ohne Weiteres ging, und nach einer Serie von ungezählten zerschossenen Scheiben und zerschlissenen Schuhen wurde er am 1. April 1946 beim HSV angemeldet. "Ich glaube, mit dem Ausweis bin ich auf Anhieb zehn Zentimeter gewachsen", schrieb er in seiner Autobiografie "Danke, Fußball".
So nahm eine der grandiosesten Mittelstürmer-Karrieren des deutschen Fußballs ihren Lauf. Das Phänomenale an Uwe Seeler war seine am Kopfballpendel gezüchtete Kopfballstärke, obwohl er "nur" 170 Zentimeter maß. 1961 gegen Dänemark glückten ihm drei Kopfballtore, und sein Hinterkopftor 1970 in Mexiko im WM-Viertelfinale gegen England ist ein Stück deutsher Kulturgeschichte.
Der Instinktfußballer Gerd Müller schoss fraglos noch ein paar Tore mehr als Uwe Seeler, dem Statistiker allein im Seniorenbereich 764 nachgewiesen haben (Müller lag über 800 Treffern). Doch "Uns Uwes" Popularität war noch ein Stück größer. Seeler war der vielleicht volkstümlichste Fußballer der DFB-Historie überhaupt. "Ihn kann man auch in Bayern, im Westen und in Schwaben verkaufen", sagte einst Toni Turek, Torwart der Weltmeister von 1954. "Ich glaube, hier liegt das ganze Geheimnis seines Erfolgs. Ihn lieben alle deutschen Fußballfans."
"Ein Star ohne Allüren"
Vor dem Volksparkstadion steht zwar ein Gipsabdruck seines Fußes in Übergröße, aber er war nicht nur der "Uns Uwe" der Hamburger. Das ganze Land wollte ihn zu seinen besten Zeiten vereinnahmen. Einer zum Anfassen. Wegen seiner Tore gewiss, aber vor allem wegen seiner Tugenden. Der Kicker schrieb zu seinem 70. Geburtstag: "Ob Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit, ob Redlichkeit und Treue, ob Fairness und Sportsgeist, ob Wille und Ausdauer oder Leidenschaft - Uwe verkörpert alle positiven Charaktereigenschaften in seiner Person: Er ist ein Star ohne Allüren."
So wurde er auch zu Deutschlands Uwe. Als die Vizeweltmeister 1966 in Frankfurt am Main empfangen wurden, riefen die Massen nicht etwa "Deutschland", sondern "Uwe, Uwe". Ein einziges Mal nur wurde er vom Platz gestellt: 1957 in der Oberliga gegen Wilhelmshaven. Die Entscheidung war so ungerecht, dass HSV-Fans den Platz stürmten. "Da war nichts", sagte Seeler noch 2021 einem Journalisten. "Ich könnte es doch jetzt zugeben. Ich wurde getreten, ich wollte auch treten, machte es aber nicht. Ganz ehrlich."
Bundestrainer Sepp Herberger, der ihn schon mit 17 im Oktober 1954 gegen Frankreich debütieren ließ, gab seinem Mittelstürmer bereits mit 25 die Spielführerbinde. 40-mal trug Seeler sie, unter anderem in zwei der größten WM-Dramen der DFB-Geschichte: 1966 im legendären Wembley-Finale und 1970 im Spiel des Jahrhunderts gegen Italien hatte Deutschland viel Grund zur Klage über den Schiedsrichter. Es war unter anderem Seelers Verdienst, dass die Mannschaft die Fehlentscheidungen sportlich hinnahm und erst schimpfte, als die Kameras aus waren.
"Koffer mit einer Million": Angebot aus Mailand
Uwe Seeler trat am 9. September 1970 als damaliger Rekordnationalspieler ab: 72 Länderspiele, 43 Tore - und das Bundesverdienstkreuz um den Hals. Dreimal war er Fußballer des Jahres geworden. Am 1. Mai 1972 beendete Seeler auch seine Karriere beim HSV, mit dem er 1960 Deutscher Meister geworden war und für den er allein 404 Punktspieltore erzielte. Und den er nie verlassen hat, was Teil seiner ungeheuren Popularität ist - trotz jenes verführerischen Angebots im Frühling 1961.
Der große Helenio Herrera, Trainer von Europacupsieger Inter Mailand, war dafür extra nach Hamburg gekommen. "Signore Seeler, wir wollen Sie kaufen - Sie sind der beste Mittelstürmer, den es zurzeit gibt", schmeichelte er ihm. Herrera griff nach einem Koffer und lockte: "Diesen Koffer füllen wir sofort mit einer Million Mark, netto, bar, versteht sich. Das ist Ihr Handgeld, wenn Sie für fünf Jahre nach Mailand kommen."
Seeler schwankte. Er verdiente damals beim HSV 500 Mark brutto. Er bat um Bedenkzeit, und als er heimkam zu seiner Ilka, mit der er drei Töchter hatte, sagte er: "Du kannst schon mal Italienisch lernen." Doch ein abendliches Telefonat mit Sepp Herberger brachte die Wende. Also sprach der Chef: "Bleiben Sie hier, Sie sind kein Typ, den man ins Ausland schicken kann. Zum Fremdenlegionär muss man geboren sein." Das spürte Seeler selbst, und so sagte er Herrera, der sich eine Woche lang im feinen Atlantic-Hotel an der Alster einquartiert hatte, ab: "Es ist nicht das Geld, es ist mein Gefühl. Für alle ist es besser, wenn ich in Hamburg bleibe."
Für immer "Uns Uwe"
Da lebte Uwe Seeler bis zu seinem Tode am 21. Juli 2022, ab 2003 gar als Ehrenbürger der Hansestadt. Beinahe bis zuletzt ging er zu seinem HSV, dessen Präsident er von 1995 bis 1998 war - was er bereute. Das Spiel hinter den Kulissen war für ihn nicht annähernd so einfach zu entschlüsseln wie das auf dem Platz, auch weil sich die Fußballwelt geändert hatte. Noch im hohen Alter mahnte er: "Der Ball darf nicht in den Hintergrund und ins Abseits rollen. Er muss immer die Nummer eins bleiben."
So wie er immer "Uns Uwe" bleiben wird.
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Autor: um

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