Verrückte Reise: Deutsche Fans in Tallinn

Mit dem Auto, der Bahn, dem Wohnmobil oder dem Schiff: Nicht alle deutschen Fans setzten bei der Anreise zum Länderspiel in Tallinn auf das Flugzeug. Einige Anhänger des DFB-Teams waren so mehrere Tage, teilweise sogar Wochen, unterwegs - und oftmals nicht gerade luxuriös. Dabei hätte es so einfach sein können. Mit dem Flieger wären es gerade mal zwei Stunden bis in die Hauptstadt Estlands gewesen.

Donnerstagfrüh um 6.30 Uhr klingelt nach nur dreieinhalb Stunden Schlaf Paul Süß' Wecker. Früher ist er aus Dortmund nach dem Argentinien-Spiel nicht nach Hause gekommen. Noch über 86 Stunden bis zum Anpfiff in Tallinn - und trotzdem müssen er und seine zwei Mitstreiter schon weiter. Sein weißer VW Golf ist bereits gepackt. Der 21-Jährige dreht das Zündschloss. Von Neustadt an der Orla, einer Kleinstadt im Osten Thüringens, sind es noch 1800 Kilometer bis in die estnische Hafenstadt. Das Abenteuer beginnt. "Es war einfach an der Zeit, mal was Neues zu machen", erklärt er.

Samstagabend haben die drei Freunde ihr Ziel erreicht. Schlagkaputt, aber glücklich. 25 Stunden haben sie im Auto verbracht, vier Länder durchquert. "War doch ein geiler Trip", sagt Paul und lacht. Das junge Fan Club-Mitglied ist bei weitem kein Einzelfall. Viele deutsche Fans verbinden die Auswärtsspiele der Nationalmannschaft mit abenteuerlichen Trips quer durch Europa.

Flugangst zwingt zur Improvisation

Ein echter Wiederholungstäter ist Christian Gräber. Der 37-Jährige hat Flugangst, meidet die mit Kerosin betankten Riesen so gut es geht. Unter diesen Voraussetzungen werden Auswärtsreisen mit der Nationalmannschaft automatisch zum Erlebnis. Fast eine Woche dauert seine Route nach Tallinn. Von Wolfsburg mit dem Zug 17 Stunden nach Stockholm, dann nochmal 17 Stunden weiter mit dem Schiff nach Riga. In Lettlands Hauptstadt wechselt er zurück auf Schienen und verbringt nochmal sieben Stunden in der Bahn bis er sein Ziel in Estland erreicht.

Doch damit nicht genug. Die Route für den Rückweg ist nicht weniger beschwerlich und verläuft über Turku, wo er sich noch das EM-Qualifikationsspiel zwischen Finnland und Armenien anschaut. Über Schweden geht es mit dem Zug zurück nach Deutschland, wo er planmäßig nächsten Sonntag, ankommt. "Ich genieße die langen Reisen", sagt er und freut sich über sein zweiwöchiges Abenteuer, "so lerne ich Land und Leute kennen. Solche intensiven Begegnungen hätte ich im Flieger nicht."

Drei Wochen im Wohnmobil durch Nordeuropa

Noch länger unterwegs ist Daniel Jäger. Insgesamt drei Wochen reist er mit zwei Freunden im Wohnmobil von Neumünster durch den Norden Europas. Sieben Länder stehen auf ihrer Route. Mit dem Schiff geht es zunächst von Kiel nach Klaipėda in Litauen, dann weiter durch Lettland nach Tallinn, wo sie Samstag nach 32 Stunden angekommen sind.

Fast eine Kurzstrecke, wenn man bedenkt, was sie im Anschluss noch erwartet. Von der estnischen Hauptstadt reisen sie nämlich über Finnland bis an das Nordkap nach Norwegen und durch Dänemark zurück nach Deutschland. "Ans Nordkap wollten wir schon immer mal", erklärt der 37-Jährige. "Als Estland bei der Auslosung als Gegner feststand, war für uns klar, dass wir das Spiel in Tallinn als Startpunkt für unsere Tour auswählen."

Zwei Länderspiele - 5000 Kilometer

Länderspiele mit einem Urlaub verbinden, das dachte sich auch Anette Eid aus Otterbach bei Kaiserslautern. Die 55-Jährige ist mit ihrem Lebensgefährten bereits seit vergangenem Mittwoch unterwegs, als sie das Argentinien-Länderspiel in Dortmund als Startschuss für ihren Roadtrip herausgesucht haben.

Ihr treuer Begleiter ist ein grauer Skoda Octavia, der ganz unverhofft dazu kam, die insgesamt rund 5000 Kilometer lange Reise zu bestreiten. Denn eigentlich wollten die beiden mit ihrem VW Eos Cabrio loslegen, doch "wegen des Wetters haben wir dann doch umdisponiert", erklärt Anette. "Wir nutzen solche Trips total gerne zum Sightseeing."

Die Begeisterung, Länderspiele mit außergewöhnlichen Anreisen miteinander zu kombinieren, hat nun auch Paul gepackt, der sonst eher konservativ mit dem Flugzeug unterwegs war. "Es macht einfach Bock und man erlebt viel mehr", sagt er und ergänzt: "Wenn man dann noch wie hier mit einem Auswärtssieg belohnt wird, macht die Rückreise doppelt so viel Spaß." 1800 Kilometer zurück nach Neustadt an der Orla ist da doch nur ein Katzensprung.

[jh]

Mit dem Auto, der Bahn, dem Wohnmobil oder dem Schiff: Nicht alle deutschen Fans setzten bei der Anreise zum Länderspiel in Tallinn auf das Flugzeug. Einige Anhänger des DFB-Teams waren so mehrere Tage, teilweise sogar Wochen, unterwegs - und oftmals nicht gerade luxuriös. Dabei hätte es so einfach sein können. Mit dem Flieger wären es gerade mal zwei Stunden bis in die Hauptstadt Estlands gewesen.

Donnerstagfrüh um 6.30 Uhr klingelt nach nur dreieinhalb Stunden Schlaf Paul Süß' Wecker. Früher ist er aus Dortmund nach dem Argentinien-Spiel nicht nach Hause gekommen. Noch über 86 Stunden bis zum Anpfiff in Tallinn - und trotzdem müssen er und seine zwei Mitstreiter schon weiter. Sein weißer VW Golf ist bereits gepackt. Der 21-Jährige dreht das Zündschloss. Von Neustadt an der Orla, einer Kleinstadt im Osten Thüringens, sind es noch 1800 Kilometer bis in die estnische Hafenstadt. Das Abenteuer beginnt. "Es war einfach an der Zeit, mal was Neues zu machen", erklärt er.

Samstagabend haben die drei Freunde ihr Ziel erreicht. Schlagkaputt, aber glücklich. 25 Stunden haben sie im Auto verbracht, vier Länder durchquert. "War doch ein geiler Trip", sagt Paul und lacht. Das junge Fan Club-Mitglied ist bei weitem kein Einzelfall. Viele deutsche Fans verbinden die Auswärtsspiele der Nationalmannschaft mit abenteuerlichen Trips quer durch Europa.

Flugangst zwingt zur Improvisation

Ein echter Wiederholungstäter ist Christian Gräber. Der 37-Jährige hat Flugangst, meidet die mit Kerosin betankten Riesen so gut es geht. Unter diesen Voraussetzungen werden Auswärtsreisen mit der Nationalmannschaft automatisch zum Erlebnis. Fast eine Woche dauert seine Route nach Tallinn. Von Wolfsburg mit dem Zug 17 Stunden nach Stockholm, dann nochmal 17 Stunden weiter mit dem Schiff nach Riga. In Lettlands Hauptstadt wechselt er zurück auf Schienen und verbringt nochmal sieben Stunden in der Bahn bis er sein Ziel in Estland erreicht.

Doch damit nicht genug. Die Route für den Rückweg ist nicht weniger beschwerlich und verläuft über Turku, wo er sich noch das EM-Qualifikationsspiel zwischen Finnland und Armenien anschaut. Über Schweden geht es mit dem Zug zurück nach Deutschland, wo er planmäßig nächsten Sonntag, ankommt. "Ich genieße die langen Reisen", sagt er und freut sich über sein zweiwöchiges Abenteuer, "so lerne ich Land und Leute kennen. Solche intensiven Begegnungen hätte ich im Flieger nicht."

Drei Wochen im Wohnmobil durch Nordeuropa

Noch länger unterwegs ist Daniel Jäger. Insgesamt drei Wochen reist er mit zwei Freunden im Wohnmobil von Neumünster durch den Norden Europas. Sieben Länder stehen auf ihrer Route. Mit dem Schiff geht es zunächst von Kiel nach Klaipėda in Litauen, dann weiter durch Lettland nach Tallinn, wo sie Samstag nach 32 Stunden angekommen sind.

Fast eine Kurzstrecke, wenn man bedenkt, was sie im Anschluss noch erwartet. Von der estnischen Hauptstadt reisen sie nämlich über Finnland bis an das Nordkap nach Norwegen und durch Dänemark zurück nach Deutschland. "Ans Nordkap wollten wir schon immer mal", erklärt der 37-Jährige. "Als Estland bei der Auslosung als Gegner feststand, war für uns klar, dass wir das Spiel in Tallinn als Startpunkt für unsere Tour auswählen."

Zwei Länderspiele - 5000 Kilometer

Länderspiele mit einem Urlaub verbinden, das dachte sich auch Anette Eid aus Otterbach bei Kaiserslautern. Die 55-Jährige ist mit ihrem Lebensgefährten bereits seit vergangenem Mittwoch unterwegs, als sie das Argentinien-Länderspiel in Dortmund als Startschuss für ihren Roadtrip herausgesucht haben.

Ihr treuer Begleiter ist ein grauer Skoda Octavia, der ganz unverhofft dazu kam, die insgesamt rund 5000 Kilometer lange Reise zu bestreiten. Denn eigentlich wollten die beiden mit ihrem VW Eos Cabrio loslegen, doch "wegen des Wetters haben wir dann doch umdisponiert", erklärt Anette. "Wir nutzen solche Trips total gerne zum Sightseeing."

Die Begeisterung, Länderspiele mit außergewöhnlichen Anreisen miteinander zu kombinieren, hat nun auch Paul gepackt, der sonst eher konservativ mit dem Flugzeug unterwegs war. "Es macht einfach Bock und man erlebt viel mehr", sagt er und ergänzt: "Wenn man dann noch wie hier mit einem Auswärtssieg belohnt wird, macht die Rückreise doppelt so viel Spaß." 1800 Kilometer zurück nach Neustadt an der Orla ist da doch nur ein Katzensprung.

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