Körbel wird 60: "Der treue Charly geht mir auf den Geist"

Karl-Heinz Körbel hat lange, lange Zeit die Eintracht geprägt, vor allen: Er hat – bis auf die Meisterschaft 1959 und die Europapokal-Auftritte danach – alle größeren Erfolge der jüngeren Eintracht-Geschichte als Spieler miterlebt, überhaupt erst möglich gemacht. Er ist ja nicht nur viermal DFB-Pokalsieger geworden (1974, 1975, 1981 und 1988) und Europameister mit der Amateurnationalmannschaft (1974), er hat ja auch den UEFA-Cup gewonnen, 1980 im Finale gegen Borussia Mönchengladbach, er hat kein Endspiel verloren und keine Relegation.

Sein wichtigstes Tor hat er, wie er selbst sagt, 1988 geschossen, am letzten Spieltag das 1:1 gegen Hannover, womit sich die Eintracht ins Relegationsspiel rettete. Mit ihm ist der Klub nie abgestiegen. Mit ihm war der Klub immer erstklassig. Er war immer da, ein Garant, ein Fels an Beständigkeit.

Erfolgreicher Zweikämpfer gegen Gerd Müller und Co.

Nur einmal wollte er ernsthaft weg, nachdem die drei Ikonen Bernd Hölzenbein, Jürgen Grabowski und Bernd Nickel nicht mehr spielten, da hat der Charly gekündigt – ohne woanders unterschrieben zu haben. Ernst Branco Zebec, ohnehin einer der größten Trainer in Frankfurt (Körbel: "Er hat bei uns die Raumdeckung eigeführt, ohne dass wir es merkten"), hat ihn zum Bleiben überredet.

Keiner kann zählen, wie viele Zweikämpfe er in fast 20 Jahren Bundesliga geführt hat, 2000 dürften es gewesen sein. Er hat sie alle ausgeschaltet, die ganz großen Stürmer, die Knipser, die Bomber, Gerd Müller, gleich in seinem allerersten Bundesligaspiel am 14. Oktober 1972 als 17-Jähriger, Georg Volkert, Willi Reimann, Willi Lippens, Dieter Müller, Hennes Löhr, Klaus Fischer, Allan Simonson, Ulric Le Fevre, Karl-Heinz Granitzka, Dieter Eckstein und wie sie alle hießen.

Nur einen Zweikampf wäre er besser aus dem Weg gegangen. Es war 1991 im vorletzten Spiel beim FC St. Pauli. Dieser Zweikampf brachte ihm die vierte Gelbe Karte ein, woraufhin man seinerzeit gesperrt war. Es war Körbels 602. Spiel in der Liga, und eigentlich wollte er sich im letzten Spiel der Saison 1990/1991 zu Hause gegen den VfB Stuttgart verabschieden. Doch Schiedsrichter Michael Prengel kannte keine Gnade und zückte Gelb, der Aufschrei war in der ganzen Republik zu hören. Heute, viele Jahre danach, sagt Körbel, jenes Foul damals hätte nie eine Gelbe Karte verdient gehabt – "er hätte mir Rot zeigen müssen".



Für die Nationalmannschaft hat Karl-Heinz Körbel "nur" sechs Länderspiele absolviert. Eigentlich verwunderlich, kommt die Frankfurter Legende in der Bundesliga doch auf die hundertfache Anzahl. Heute wird der "treue Charly" 60 Jahre alt, DFB.de gratuliert zum Geburtstag.

Es hat nicht viel gefehlt, und Karl-Heinz Körbel, diese Ikone und Integrationsfigur von Eintracht Frankfurt in Personalunion, hätte seine 602 Spiele in der Bundesliga nicht für die Hessen gemacht, sondern für den Hamburger SV. Möglich hätte es sein können. Und das kam so: Der junge Karl-Heinz, 16 Lenze damals jung und schon ein ordentlicher Kicker beim FC Dossenheim, besuchte mit seinem Vater erstmals ein Spiel der Eintracht im Waldstadion. Der Karlsruher SC war zu Gast, und als die 90 Minuten vorbei waren, hatte die Eintracht 0:7 verloren – bis heute die höchste Niederlage vor eigenem Publikum. "Zu so einem Verein gehe ich nicht", sagte Klein-Charly zum Herrn Papa. Dann kam das Angebot vom HSV.

Nicht für die erste Mannschaft, das nicht, in der A-Jugend sollte der vielfache Jugendnationalspieler spielen, doch als Körbel Junior, Anno 1970 beim Probetraining vorspielen sollte, stand auf einmal Uwe Seeler vor ihm "mit Zipfelmütze", wie sich Körbel erinnert. "Und ich musste mit ihm über eine Stunde eins gegen eins spielen." Der Karl-Heinz muss sich da ganz geschickt angestellt haben, denn der HSV wollte den Jungspund sofort verpflichten, lockte gleich mit einem Zweijahresvertrag. "Dann habe ich Muffe gekriegt."

Aus Dossenheim zum Bundesliga-Rekordspieler

Körbel blieb noch ein Jahr beim FC Dossenheim, um dann doch dem Werben der Frankfurter Eintracht zu folgen. Eine Entscheidung, die Karl-Heinz Körbel bis auf den heutigen Tag nie bereut hat, eine Entscheidung, die sein ganzes weiteres Leben beeinflusst und geprägt hat, eine Entscheidung, die goldrichtig war – trotz aller Höhen und den paar Tiefen. "Das, was ich heute bin, habe ich bei der Eintracht gelernt", hat der Stopper unlängst in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau gesagt. Eintracht Frankfurt – "das ist mein Leben."

Nun wird Karl-Heinz Körbel 60 Jahre alt. Man glaubt es nicht. Man glaubt es nicht, wenn man den Karl-Heinz in einem der vielen, vielen Partien der Eintracht-Traditionsmannschaft spielen sieht, wie immer mit heruntergerollten Stutzen, ohne Schienbeinschoner, man glaubt es nicht, wenn man ihn inmitten einer fröhlichen Kinderschar sieht, die neue Tricks und Kniffe lernen wollen bei ihm in der Fussballschule, und man glaubt es nicht, wenn man ihm im persönlichen Gespräch gegenübertritt: So jugendlich, so dynamisch, so kraftvoll, so offen wirken nicht viele 60-Jährige, so mit sich im Reinen, so zufrieden und ausgeglichen. "So, wie ich damals als Spieler war, bin ich heute auch noch. Ich habe mich nicht groß verändert", sagt der Jubilar.

Es wird ein großes Hallo geben zu seiner Geburtstagsparty. Körbel hat eingeladen in den großräumigen VIP-Bereich im Stadion, seinem Stadion, 60, 70 ehemalige Eintracht-Spieler, mit denen er zusammengekickt hat, hat er eingeladen, Weggefährten, einstige Gegner, die längst zu Freunden geworden sind, werden da sein.

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Ikone, Institution und Integrationsfigur bei der Eintracht

Heribert Bruchhagen, Vorstandsvorsitzender von Eintracht Frankfurt, hat den Karl-Heinz, der als Berater des Vorstandes noch immer Einfluss auf die Geschicke des Klubs nimmt, einmal treffend so charakterisiert: "Er musste als Spieler nicht nach einem Tor den Adler küssen oder drei Mal mit der Hand auf die Brust schlagen, um eine Identifikation mit der Eintracht vorzugaukeln." Körbel hat die Loyalität zum Klub gelebt und verinnerlicht, und er ist immer noch dank seiner enormen Popularität eine integrative Kraft. Körbel ist Eintracht Frankfurt.

Wo immer er hinkommt, öffnen sich Türen. Er war nie ein abgehobener Star, nie einer, der die Bodenhaftung verloren hätte, er war authentisch, ehrlich, unkompliziert. Und er genoss überall höchste Anerkennung, auch bei Journalisten. Unvergessen etwa jene Pressekonferenz am 30. März 1996, einem schwarzen Tag im Leben des Karl-Heinz Körbel. Körbel, damals Trainer der ersten Mannschaft, wurde nach einer Heimniederlage von Präsident Matthias Ohms und Manager Bernd Hölzenbein nur Minuten nach dem Schlusspfiff entlassen. In der anschließenden Pressekonferenz konnte der damalige HR-Reporter Joachim Böttcher nicht mehr an sich halten: "Ihr seid die größten Schweine, so etwas zu machen. Das wird euch noch Leid tun." Darauf applaudierten der Saal minutenlang.

Bernd Hölzenbein sagte später, dass es Jahre gedauert hatte, ehe er seinem Freund Körbel wieder in die Augen hatte sehen können. "Ich wusste im Moment der Entlassung, dass ich die Geschichte des Klubs verändere." Danach versuchte Körbel sein Glück als Trainer beim VfB Lübeck und dem FSV Zwickau, ehe er vier Jahre später und auf Vermittlung des damaligen Coaches Felix Magath zurückgeholt wurde an den Riederwald. Und man versöhnte sich wieder.

"Ich sage ganz klar meine Meinung"

Schnell ist er in die Schublade "treuer Charly" gesteckt worden, das hat ihm gar nicht gepasst. "Der treue Charly – das geht mir auf den Geist. Treue ist ja nichts Schlimmes. Aber es impliziert, lieb, nett, duldsam zu sein. Das bin ich klar, aber wer mich kennt, der weiß, dass ich auch ganz anders sein kann, ganz klar meine Meinung habe", sagt er.

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Karl-Heinz Körbel hat lange, lange Zeit die Eintracht geprägt, vor allen: Er hat – bis auf die Meisterschaft 1959 und die Europapokal-Auftritte danach – alle größeren Erfolge der jüngeren Eintracht-Geschichte als Spieler miterlebt, überhaupt erst möglich gemacht. Er ist ja nicht nur viermal DFB-Pokalsieger geworden (1974, 1975, 1981 und 1988) und Europameister mit der Amateurnationalmannschaft (1974), er hat ja auch den UEFA-Cup gewonnen, 1980 im Finale gegen Borussia Mönchengladbach, er hat kein Endspiel verloren und keine Relegation.

Sein wichtigstes Tor hat er, wie er selbst sagt, 1988 geschossen, am letzten Spieltag das 1:1 gegen Hannover, womit sich die Eintracht ins Relegationsspiel rettete. Mit ihm ist der Klub nie abgestiegen. Mit ihm war der Klub immer erstklassig. Er war immer da, ein Garant, ein Fels an Beständigkeit.

Erfolgreicher Zweikämpfer gegen Gerd Müller und Co.

Nur einmal wollte er ernsthaft weg, nachdem die drei Ikonen Bernd Hölzenbein, Jürgen Grabowski und Bernd Nickel nicht mehr spielten, da hat der Charly gekündigt – ohne woanders unterschrieben zu haben. Ernst Branco Zebec, ohnehin einer der größten Trainer in Frankfurt (Körbel: "Er hat bei uns die Raumdeckung eigeführt, ohne dass wir es merkten"), hat ihn zum Bleiben überredet.

Keiner kann zählen, wie viele Zweikämpfe er in fast 20 Jahren Bundesliga geführt hat, 2000 dürften es gewesen sein. Er hat sie alle ausgeschaltet, die ganz großen Stürmer, die Knipser, die Bomber, Gerd Müller, gleich in seinem allerersten Bundesligaspiel am 14. Oktober 1972 als 17-Jähriger, Georg Volkert, Willi Reimann, Willi Lippens, Dieter Müller, Hennes Löhr, Klaus Fischer, Allan Simonson, Ulric Le Fevre, Karl-Heinz Granitzka, Dieter Eckstein und wie sie alle hießen.

Nur einen Zweikampf wäre er besser aus dem Weg gegangen. Es war 1991 im vorletzten Spiel beim FC St. Pauli. Dieser Zweikampf brachte ihm die vierte Gelbe Karte ein, woraufhin man seinerzeit gesperrt war. Es war Körbels 602. Spiel in der Liga, und eigentlich wollte er sich im letzten Spiel der Saison 1990/1991 zu Hause gegen den VfB Stuttgart verabschieden. Doch Schiedsrichter Michael Prengel kannte keine Gnade und zückte Gelb, der Aufschrei war in der ganzen Republik zu hören. Heute, viele Jahre danach, sagt Körbel, jenes Foul damals hätte nie eine Gelbe Karte verdient gehabt – "er hätte mir Rot zeigen müssen".

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"Ich habe meinen Körper gepflegt wie ein Auto"

Was sich denn im Vergleich zu früher geändert hätte, ist Körbel immer mal wieder gefragt worden. "Alles", hat er gesagt. Alles ist größer, greller, schriller, öffentlicher geworden, heute kommen die Spieler "mit Kulturbeutel und Kopfhörer zum Spiel", von den teilweise ins astronomisch gestiegenen Gehältern mal ganz abgesehen. Körbel hat in seinem ersten Jahr 800 Mark netto Grundgehalt verdient und zur Massage durfte er erst, wenn alle Stars durchgeknetet waren.

Und doch hat er seine außergewöhnliche Karriere bis auf einen Schien- und Wadenbeinbruch praktisch verletzungsfrei bestreiten können. "Gute Gene", ein Gefühl für seinen Körper, eine vernünftige Ernährung, für die Gattin Margarethe gesorgt hatte, seien die Gründe dafür gewesen, sagt er. "Ich habe meinen Körper gepflegt wie ein Auto." Regelmäßig reiste er in den Fußballpausen nach Ischia in die Heilquellen. Dazu hat er immer vorbildlich gelebt. Axel Kruse, sein Mitspieler, hat ihn deshalb auch "Streber" genannt. Und doch fehlt ihm einiges in seiner Karriere: Er hätte gerne ein paar mehr Länderspiele bestreiten wollen als nur die sechs. Aber gegen Katsche Schwarzenbeck und Franz Beckenbauer kam er nicht an.

Und Deutscher Meister wäre er gerne mal geworden. Die Chance dazu hat ihm Dragoslav Stepanovic genommen. Und das kam so: Körbel war 1991/1992 Assistent von Stepi, und vier Wochen vor dem letzten Spieltag hat Körbel, 1991 zurückgetreten, wieder das Training aufgenommen. Der Geheimplan war: Ihn im letzten Spiel in Rostock 1992 einzusetzen. "Ich war fit. Doch im letzten Moment hatte Stepi kalte Füße bekommen, er wäre aus der Stadt gejagt worden, wenn das schiefgegangen wäre." Aber noch heute ist Karl-Heinz Körbel mit seinen 60 Jahren felsenfest überzeugt: "Mit mir wären wir damals Deutscher Meister geworden."