"Hölle des Nordens": Lothar Matthäus' Freistoß zum Sieg

Im Sommer nimmt Deutschland zum 19. Mal an einer WM-Endrunde teil. DFB.de dokumentiert in einer 106-teiligen Serie alle Spiele seit 1934. Sie enthält die obligatorischen Daten und Fakten, eine kurze Übersicht zur jeweiligen Ausgangslage und den Spielbericht. Darüber hinaus finden sich in der Rubrik "Stimmen zum Spiel" Zitate, die das unmittelbar danach Gesagte oder Geschriebene festhalten und das Ereignis wieder aufleben lassen.

17. Juni 1986 in San Nicolás de los Garza - Achtelfinale: Deutschland - Marokko 1:0

Vor dem Spiel:

Als Gruppenzweiter musste Deutschland nun reisen – in den heißesten WM-Ort Monterrey, der "Hölle des Nordens". In der Wüstenstadt herrschte eine Luftfeuchtigkeit von 80 Prozent und die Einwohner durften nur zwischen 12 und 15 Uhr duschen, denn Wasser war rationiert. Die Deutschen brachten ihr eigenes Wasser aus Queretaro mit (40 Liter), das eine "Unbedenklichkeits-Bescheinigung" eines vom DFB angeheuerten Experten erhielt. Das Wasser wurde in VW-Bussen transportiert. Der Tross nahm für die 800 Kilometer zwei 19-sitzige Militärmaschinen. Das Klima musste den Marokkanern eher liegen, zumal hatte man bei WM-Turnieren schlechte Erfahrungen mit Afrikanern gemacht (Algerien, Tunesien, Marokko). Es gab also keinen Grund zum Übermut.

Endlich spielte Rummenigge, obwohl er noch einen Schüttelfrost bekämpfen musste, auch Briegel und Magath kehrten zurück – Brehme, Herget und Rolff mussten weichen. Beckenbauer bot erstmals drei Stürmer auf, das Signal war deutlich. In der K.o.-Runde zählten nur noch Siege. Ersatztorwart war diesmal der Dortmunder Eike Immel, Stein hatte sich nach erneuter Kritik an Beckenbauer nun einen Tribünenplatz eingebrockt.

Von Marokko, in dessen erster Elf vier Legionäre (zwei Wahl-Schweizer und zwei Wahl-Franzosen) wusste man wenig. Das schien den Gruppengegnern nicht anders zu ergehen, keiner konnte sie schlagen, und nach zwei Remis gegen Polen und England und einem 3:1 gegen Portugal wurden sie überraschend Erster, womit erstmals ein Land aus Afrika die Vorrunde überstand. Und Trainer Jose Faria sagte selbstbewusst vor dem Spiel: "Das ist kein Gegner, den wir fürchten müssen." Andy Brehme, der bei Olympia 1984 gegen Marokko spielte: "Die Marokkaner darf man nicht ins Spiel kommen lassen, sonst ist's vorbei."



Im Sommer nimmt Deutschland zum 19. Mal an einer WM-Endrunde teil. DFB.de dokumentiert in einer 106-teiligen Serie alle Spiele seit 1934. Sie enthält die obligatorischen Daten und Fakten, eine kurze Übersicht zur jeweiligen Ausgangslage und den Spielbericht. Darüber hinaus finden sich in der Rubrik "Stimmen zum Spiel" Zitate, die das unmittelbar danach Gesagte oder Geschriebene festhalten und das Ereignis wieder aufleben lassen.

17. Juni 1986 in San Nicolás de los Garza - Achtelfinale: Deutschland - Marokko 1:0

Vor dem Spiel:

Als Gruppenzweiter musste Deutschland nun reisen – in den heißesten WM-Ort Monterrey, der "Hölle des Nordens". In der Wüstenstadt herrschte eine Luftfeuchtigkeit von 80 Prozent und die Einwohner durften nur zwischen 12 und 15 Uhr duschen, denn Wasser war rationiert. Die Deutschen brachten ihr eigenes Wasser aus Queretaro mit (40 Liter), das eine "Unbedenklichkeits-Bescheinigung" eines vom DFB angeheuerten Experten erhielt. Das Wasser wurde in VW-Bussen transportiert. Der Tross nahm für die 800 Kilometer zwei 19-sitzige Militärmaschinen. Das Klima musste den Marokkanern eher liegen, zumal hatte man bei WM-Turnieren schlechte Erfahrungen mit Afrikanern gemacht (Algerien, Tunesien, Marokko). Es gab also keinen Grund zum Übermut.

Endlich spielte Rummenigge, obwohl er noch einen Schüttelfrost bekämpfen musste, auch Briegel und Magath kehrten zurück – Brehme, Herget und Rolff mussten weichen. Beckenbauer bot erstmals drei Stürmer auf, das Signal war deutlich. In der K.o.-Runde zählten nur noch Siege. Ersatztorwart war diesmal der Dortmunder Eike Immel, Stein hatte sich nach erneuter Kritik an Beckenbauer nun einen Tribünenplatz eingebrockt.

Von Marokko, in dessen erster Elf vier Legionäre (zwei Wahl-Schweizer und zwei Wahl-Franzosen) wusste man wenig. Das schien den Gruppengegnern nicht anders zu ergehen, keiner konnte sie schlagen, und nach zwei Remis gegen Polen und England und einem 3:1 gegen Portugal wurden sie überraschend Erster, womit erstmals ein Land aus Afrika die Vorrunde überstand. Und Trainer Jose Faria sagte selbstbewusst vor dem Spiel: "Das ist kein Gegner, den wir fürchten müssen." Andy Brehme, der bei Olympia 1984 gegen Marokko spielte: "Die Marokkaner darf man nicht ins Spiel kommen lassen, sonst ist's vorbei."

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Matthäus macht Versprechen wahr

Spielbericht:

Die Mannschaft muss sich umstellen, endlich spielt sie wieder zu einer normalen Zeit (16 Uhr). Für die Heimat bedeutet das eine Nachtschicht, in Deutschland wird um Mitternacht angepfiffen, es ist der Übergang vom Montag zum Dienstag, und es ist auch an ARD-Kommentator Wilfried Luchtenberg, die Deutschen wach zu halten. Eine schwierige Aufgabe, denn das Spiel wird zur harten Geduldsprobe. Was auch an den Marokkanern liegt, die keineswegs so frech aufspielen wie in der Vorrunde und die Deutschen erstmal kommen lassen wollen. Mit Abdelkarim Merry bieten sie nur einen Stürmer auf, um den sich Förster in bewährter Manier kümmert.

Auch wenn Marokkos El-Hadoui Schumacher in der dritten Minute aus 30 Metern prüft – es ist keineswegs der Startschuss für ein Spektakel. Was schon die drückende Schwüle und Hitze (40 Grad im Schatten) nicht erlaubt. Der neue Abwehrchef Jakobs hat die erste deutsche Chance, Torwart Badou hält. Dann passiert lange nichts, ein "Höhepunkt" ist die hart verdiente Gelbe Karte für Linksverteidiger Lamriss, der Berthold binnen Kürze dreimal foult. In der 44. Minute die Riesenchance für Kapitän Rummenigge, den Allofs mustergültig bedient – doch der Mailänder bekommt den Ball aus vier Metern nicht am glänzenden Keeper vorbei. "Es war vielleicht die beste Tat eines Torhüters bis dahin in Mexiko", lobt Beckenbauer in seinem WM-Tagebuch. Mit 0:0 geht es in die Halbzeit und der Kaiser wechselt: Littbarski für Völler, der wieder eine Oberschenkelzerrung erleiden muss. Luchtenberg kommentiert: "Des Kaisers neue Kleider werden zwar ständig geändert. Aber Maßanzüge sind es deshalb noch lange nicht."

Für den diesmal nicht enttäuschenden Rummenigge heißt der Wechsel: Er spielt sehr wahrscheinlich durch. In der 50. Minute setzt er zu einem Fallrückzieher an – übers Tor. Das Spiel geht nur noch in eine Richtung. Beckenbauer: "Die Marokkaner schienen es bereits Mitte der zweiten Halbzeit darauf anzulegen, torlos in die Verlängerung zu kommen, als sie sich immer wieder nur den Ball zuschoben." Kalifa legt Matthäus um, auch er sieht Gelb. Magath schießt aus günstiger Position weit hinaus auf die hintersten Ränge, gefährdet aber niemanden – denn das Stadion ist halbleer. Der Allofs-Schuss nach 70 Minuten hat mehr Qualität, Badou meistert ihn und zeigt erneut, warum er schon 101 Länderspiele auf dem Konto hat.

In der 75. Minute bekommt Schumacher erstmals in der zweiten Hälfte etwas zu tun und hält einen Freistoß von Bouderbala glänzend. Dann drängen wieder die Deutschen, die die Verlängerung unbedingt vermeiden wollen. Rummenigge bleibt das Pech treu, auch mit dem Kopf trifft er nicht. In der 86. Minute muss das 1:0 fallen. Lothar Matthäus taucht frei vor Badou auf, Luchtenberg meldet schon "und Toooor", doch der Torwart kommt heraus und zwingt den Münchner, übereilt mit dem schwachen Linken abzuschließen. Wieder nichts. Dabei hat Matthäus vor dem Spiel angekündigt: "Das eine oder andere Tor will ich in Mexiko noch schießen."

Weshalb er sich zwei Minuten später Ball zum Freistoß, den Rummenigge herausholt, zurechtlegt. Es sind 30 Meter zum Tor und die Marokkaner scheinen nicht mit einem Direktschuss zu rechnen. Sie bilden eine der kuriosesten Mauern der WM-Geschichte. Drei vorne, zwei dahinter. Hätten alle fünf eine Reihe gebildet, wäre es in Deutschland wohl eine noch längere Fußballnacht geworden. So aber passiert es: Matthäus zirkelt den Ball mit der Innenseite rechts an der Mauer vorbei. Kurz vor der Linie springt der Ball noch einmal auf – und drin ist er! 1:0! Das ist der Sieg, das ist das Viertelfinale – an gleicher Stelle, nun gegen den Gastgeber. Luchtenberg verabschiedet sich so: "Es war zwar nichts Prachtvolles: Aber immerhin, es ist vollbracht!"

Aufstellung: Schumacher – Berthold, Jakobs, Kh. Förster, Briegel – Matthäus, Eder, Magath – Rummenigge, Völler (46. Littbarski), Allofs.

Tore: 1:0 Matthäus (88.)

Zuschauer: 19.800

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"Die wollten uns ausbluten und jagen"

Stimmen zum Spiel:

Franz Beckenbauer: "Wir wollten ein gutes Spiel liefern, doch dazu gehören immer zwei. Die Marokkaner ließen es nicht zu, weil sie immer mehr rückwärts als vorwärts spielten. Die wollten uns ausbluten und jagen. Es war das, was man wohl einen Arbeitssieg nennt. Man atmet auf und denkt: Gewonnen ist gewonnen."

Jose Faria (Trainer Algeriens): "Nur zwei Minuten fehlten uns gegen die müden Deutschen – und bei dieser WM überhaupt. Sie mussten uns attackieren und das haben sie kaum getan. Ich bin sehr glücklich, wir haben uns gut aus der Affäre gezogen. Die Gluthitze war vor allem für die Deutschen ein schwerwiegender Faktor, an dem sie beinahe gescheitert wären. Das ist auch die Erklärung, warum ihre Profis gegen unsere Amateure so schlecht aussahen."

Klaus Allofs: "Wir sind die erste Mannschaft, die Marokko geschlagen hat und wir sind eine Runde weiter."

Lothar Matthäus: "Ich habe die Lücke gesehen und gedacht: 'Hau drauf, mit etwas Glück ist er drin.' Ich musste dem Ball ein wenig Effet geben. Aus einer Entfernung von 25 Metern ist das gut möglich. Dennoch hatte ich damit gerechnet, dass der Torhüter noch dran kam. Erst als der Ball das Netz berührte, war ich mir ganz sicher. Ich verspürte ein wunderbares Glücksgefühl. Gerade mir musste der Treffer gelingen. Ich glaube, dass er auch in der öffentlichen Meinung meinen Blackout gegen Uruguay vergessen macht."

Hassan III. (König von Algerien/per Telefon): "Ich bin stolz auf Euch. Diese knappe 0:1-Niederlage gegen das große Fußball-Deutschland ist keine Schande. Ihr habt in Mexiko ruhmreich für Marokko gespielt."

Ezaki Badou (Algeriens Torwart): "Ich habe den Ball viel zu spät gesehen. Unsere Abwehrmauer hat sich im Augenblick des Schusses falsch bewegt – und dann war das noch so ein tückischer Aufsetzer."

"Selten ist wohl ein Tor so als Erlösung empfunden worden, wie das von Lothar Matthäus in der 88. Minute gegen Marokko… Wieder spielte sie so zaghaft, schien alle im Training sichtbare Spritzigkeit wie weggewischt. Mitunter mußte man meinen, Franz Beckenbauer habe seinen Stürmern unter Androhung hoher Geldbußen verboten, in den gegnerischen Strafraum einzudringen." (kicker)

"Das war das schlechteste der 42 Spiele, die bisher während der WM stattfanden. Die Deutschen zeigten sich machtlos. Nicht eine einzige Torchance, nichts Sehenswertes, nichts Unterhaltsames, reine Ohnmacht." (El Pais/Spanien)

"Der Stolz der Deutschen wurde zwei Minuten vor Schluss durch ein Tor von Matthäus gerettet. Von Anfang an waren die Westdeutschen durch den Würgegriff der marokkanischen Verteidiger frustriert." (The Times/England)

"Deutschland leidet unter der Sonne Marokkos – erst mit einem Freistoß 2:34 Minuten vor Spielende fischten die Deutschen den Jolly, der sie ins Viertelfinale bringt." (Corriere delle Sera/Italien)

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