Gräfe vor 250. Bundesligaeinsatz: "Ich bin schon ein wenig stolz"

Am heutigen Sonntag (ab 15.30 Uhr, live bei Sky) leitet DFB-Schiedsrichter Manuel Gräfe die Partie Werder Bremen gegen FC Augsburg - es ist seine 250. in der Bundesliga. Im DFB.de-Interview spricht der Jubilar mit Redakteur Arthur Ril über diese bemerkenswerte Marke, die Platzwahl als größte Herausforderung und sein bestehendes Ritual aus E-Jugend-Zeiten.

DFB.de: Herr Gräfe, wissen Sie ungefähr, wie viele Bundesligaspiele Sie bisher geleitet haben?

Manuel Gräfe: Ja, das weiß ich sogar sehr genau. Aber nur durch einen Zufall. Bei meiner letzten Spielleitung war Mike Pickel als Assistent dabei. Er hat bei der Partie Dortmund gegen Hannover seinen 350. Einsatz an der Linie gefeiert und mir gesagt, dass ich bald auch dran bin. Ich wusste erst nicht, wovon er spricht, aber dann hat er mir gesagt, dass ich vor meinem 250. Bundesligaeinsatz stehe.

DFB.de: Sie haben Sport- und Geschichtswissenschaften studiert. Ihre eigene Statistik kannten sie aber nicht in- und auswendig?

Gräfe: Nein, diese Statistiken haben mich noch nie interessiert. Es ist schön, dass ich wieder eine runde Zahl und dieses Jubiläum erreiche, aber wenn mich niemand darauf aufmerksam gemacht hätte, hätte ich es wahrscheinlich gar nicht mitbekommen.

DFB.de: Was bedeutet Ihnen denn diese Leistung?

Gräfe: Ich bin schon ein wenig stolz darauf, dass ich mich mit meiner direkten Art so lange im Fußballgeschäft behaupten konnte. Wie hat Miroslav Klose mal gesagt: "Noch tragen mich ja meine Beine. Ich schleppe meinen Kadaver noch ein bisschen durch." Dass ich schon so lange dabei bin, wird mir eigentlich immer nur dann bewusst, wenn ich mit anderen Jungs zusammen Fußball spiele. Das mache ich zwei- bis dreimal in der Woche. Und wenn dann neue Leute dazukommen, die zwischen 20 und 30 Jahre alt sind, höre ich oft: "Seitdem ich Fußball schaue, bist du schon Schiedsrichter." Das finde ich dann schon krass. Man erlebt Spielzeit für Spielzeit, ohne sich wirklich bewusst zu machen, wie schnell die Zeit eigentlich vergeht.

DFB.de: 250 Begegnungen in der Bundesliga geleitet zu haben, das haben bisher erst vier Schiedsrichter vor Ihnen geschafft. Wolfgang Stark, Markus Merk, Florian Meyer, Dr. Felix Brych - und bald auch Manuel Gräfe. Wie fühlt es sich an, in dieser Top fünf genannt zu werden?

Gräfe: Das hängt von so vielen Faktoren ab: Wie verletzungsfrei kommt jemand durch die Karriere? Wie früh kommt jemand in die Bundesliga? Die aufgezählten Namen waren und sind sicherlich sehr gute Schiedsrichter und es ist auch schön, mit ihnen in einem Atemzug genannt zu werden. Was uns alle gemeinsam auszeichnet, ist, dass wir so lange und konstant auf sehr hohem Niveau dabei waren. Es gab allerdings sehr viele andere sehr gute Kollegen, die aus verschiedenen Gründen nicht diese Zahl erreicht haben. Früher gab es für Unparteiische weniger Spiele pro Saison, meist acht bis zehn, und man kam deutlich später in die Bundesliga - auch das spielt eine Rolle. Vielleicht werden unsere Zahlen in der Zukunft ebenso relativiert, wer weiß das schon. Deshalb haben sie für mich nur einen statistischen Wert.

DFB.de: War diese bemerkenswerte Marke für den jungen Schiedsrichteranwärter Manuel Gräfe überhaupt vorstellbar? Oder hatten Sie nie den Traum beziehungsweise das Ziel, in der Bundesliga pfeifen zu dürfen?

Gräfe: Ganz ehrlich, ich konnte mir früher nicht vorstellen, Schiedsrichter zu werden. Ich war auf dem Platz auch eher einer, der als Spieler ein bisschen rumgemault hat. Nur weil ich beim Fußball dabeibleiben wollte, habe ich mit der B-Lizenz einen Trainerschein sowie den Schiedsrichterausweis gemacht. Ich hätte als 18-Jähriger 3. Liga - damals Amateuroberliga genannt - spielen können, und irgendwann habe ich mir dieses Ziel als Schiedsrichter gesetzt. Als es dann relativ schnell vorwärts ging, haben sich auch meine Ziele entsprechend verschoben. Als ich die 3. Liga als Unparteiischer erreicht hatte, war es mein Traum, DFB-Schiedsrichter zu werden. Und dann wollte ich gerne als Assistent in der Bundesliga dabei sein.

DFB.de: Welche Erinnerungen haben Sie an Ihren ersten Bundesligaeinsatz?

Gräfe: Das war Hannover gegen Freiburg (am 12. September 2004, Anm. d. R.) und ein gutes Einsteigerspiel für mich. An diesem Tag war ich allerdings nicht so aufgeregt wie vor meinem ersten Einsatz überhaupt in der Bundesliga. Das Spiel Gladbach gegen Schalke als Assistent von Lutz Michael Fröhlich im August 2001 war schon ein sehr beeindruckender Moment für mich.

DFB.de: Was war so besonders daran?

Gräfe: Damals habe ich mich immer auf die Sportschau am Samstag gefreut, auch um den Bundesligaschiedsrichtern zuzuschauen, und plötzlich war ich ein Teil des Ganzen. Ich werde es auch nie vergessen, wie Kommentator Tom Bayer mich vor dem Spiel auf dem Bökelberg mit: "Ach, Sie sind der Neue" begrüßte. Dann steht man schon unter einem Leistungsdruck, weil man zeigen will, dass man es zu Recht in die Bundesliga geschafft hat.

DFB.de: Wie hat sich die Bundesliga aus Ihrer Sicht in den letzten 15 Jahren verändert? Vermissen Sie etwas aus Ihrer Anfangszeit?

Gräfe: Es gab viele alte Stadien mit einem eigenen Charme. Heute sind die Stadien sehr ähnlich, dafür jedoch sehr modern. Der Fußball hat sich sicherlich weiterentwickelt und ist schneller geworden. Aber auch man selbst muss sich weiterentwickeln, sonst verliert man den Anschluss.

DFB.de: Was unterscheidet den "Manuel Gräfe 2004" vom "Manuel Gräfe 2019"?

Gräfe: Ich war immer jemand, der das Spiel hat laufen lassen. Bei den persönlichen Strafen bin ich adäquat zur Spielleitung etwas großzügiger geworden. Da war ich früher aus Sorge, das Spiel vielleicht nicht unter Kontrolle zu behalten, oder weil ich befürchtete, der Beobachter könnte mir Punkte abziehen, etwas stringenter. Irgendwann entwickelt man sich dann weiter, dazu braucht man jedoch erst Erfahrung, Sicherheit und Akzeptanz in der Bundesliga.

DFB.de: Ist es für Sie nicht schwierig, nach so vielen Spielleitungen jede Ansetzung als neue Herausforderung anzusehen?

Gräfe: Nein, denn wenn man glaubt, man könnte das mit seiner Erfahrung schon hinbekommen, dann geht man schnell baden. Mein höchstes Ziel war immer und ist es nach wie vor, dass alle Akteure beider Mannschaften zufrieden aus dem Spiel gehen. Dann habe ich meinen Job gut erledigt und kann einen Haken dahinter machen.

DFB.de: Sie sind seit fast 20 Jahren DFB-Schiedsrichter. Dafür muss man doch sicher ein Erfolgsrezept haben. Was sollten Nachwuchsschiedsrichter beherzigen?

Gräfe: Man sollte authentisch bleiben und versuchen, sich ständig mit der Entwicklung des Fußballs zu beschäftigen. Jeder hat seine eigene Art, seine eigene Linie und kommt unterschiedlich bei Spielern an. Wenn alle gleich sind, wird es schwierig, denn es gibt Begegnungen, die brauchen ihren eigenen Schiedsrichtertypen. Wenn man authentisch, gradlinig und ehrlich ist, erreicht man die Spieler am besten. Man sollte sich selbst vertrauen und in erster Linie nicht an den eigenen Erfolg denken, sondern daran, was man dem Sport geben kann.

DFB.de: In 249 Einsätzen haben Sie 974-mal Gelb gezeigt. Ihr Schiedsrichterkollege Dr. Felix Brych hat in 258 Spielen lediglich 923 Gelbe Karten verteilt. Dafür haben Sie nur 56 Strafstöße gegeben, Brych immerhin 72. Sind das nur Zahlenspiele oder lässt sich für Sie aus diesen Statistiken etwas ableiten?

Gräfe: Eher nicht. Es hängt doch sehr davon ab, welches Spiel man pfeift und welche Situationen dabei entstehen. Nach so vielen Jahren wegen ein paar Gelben Karten und Strafstößen einen Unterschied ausmachen zu wollen, ist wirklich nur Zahlenspielerei.

DFB.de: Welche Spielleitung in der Bundesliga bleibt nach diesen bald 250 Einsätzen für Sie unvergessen?

Gräfe: Natürlich sind mir sehr viele Begegnungen im Gedächtnis geblieben. Ich durfte Spiele leiten, in denen es gegen den Abstieg ging, um Champions-League-Plätze und sogar Meisterschaften. Da gibt es einige Partien, die man hervorheben könnte. In der jüngsten Vergangenheit war es sicher Borussia Dortmund gegen Bayern München, weil es ein außergewöhnlich gutes Fußballspiel von beiden Mannschaften war. Offener Schlagabtausch, Führungswechsel, hohe Intensität - das war Werbung für den deutschen Fußball. Sowas freut mich dann auch als Schiedsrichter.

DFB.de: Und welchen Moment genießen Sie bei Spielen am meisten?

Gräfe: Den Schlusspfiff. Wenn ich weiß, dass alle zufrieden sind, sowohl Gewinner als auch Verlierer, dann freue ich mich, dass meine Assistenten Guido Kleve, Markus Sinn und ich einen guten Job gemacht haben. In der Vorbereitung bin ich ein lockerer Typ, aber ab dem Spielertunnel bin ich dann fokussiert. Manchmal ist die Platzwahl für mich die größte Herausforderung, da müssen meine Assistenten gut aufpassen. Ich bin dann gedanklich nämlich schon bei den anstehenden Zweikämpfen und der Bewertung von Spielsituationen (lacht).

DFB.de: Haben Sie einen Aberglauben oder besondere Rituale rund um Ihre Einsätze?

Gräfe: Ich habe noch mein erstes Schweißband von meinem ersten Spiel, das ich damals in der E-Jugend gepfiffen habe. Das trage ich heute immer noch unter dem aktuellen Schweißband, weil es mich an meine Anfangszeit erinnert. Schiedsrichter unterscheiden sich da nicht von den Spielern. Aber keine Sorge, es wurde schon ein paar Mal gewaschen (lacht).

DFB.de: Was wünschen Sie sich für den 250. Bundesligaeinsatz?

Gräfe: Am liebsten wäre mir, dass Guido, Markus und ich nach dem Schlusspfiff kein Thema sind. Das Spiel so aufmerksam wie nötig und so unauffällig wie möglich zu begleiten, ist die beste Voraussetzung dafür.

DFB.de: Wird Ihre Jubiläumspartie denn etwas Besonderes für Sie sein?

Gräfe: Nein, wir fahren ganz normal zum Spiel hin und werden nach dem Spiel auch wieder ganz normal nach Hause fahren. Und dann geht es hoffentlich mit dem 251. Einsatz in der Bundesliga weiter (schmunzelt).

[ar]

Am heutigen Sonntag (ab 15.30 Uhr, live bei Sky) leitet DFB-Schiedsrichter Manuel Gräfe die Partie Werder Bremen gegen FC Augsburg - es ist seine 250. in der Bundesliga. Im DFB.de-Interview spricht der Jubilar mit Redakteur Arthur Ril über diese bemerkenswerte Marke, die Platzwahl als größte Herausforderung und sein bestehendes Ritual aus E-Jugend-Zeiten.

DFB.de: Herr Gräfe, wissen Sie ungefähr, wie viele Bundesligaspiele Sie bisher geleitet haben?

Manuel Gräfe: Ja, das weiß ich sogar sehr genau. Aber nur durch einen Zufall. Bei meiner letzten Spielleitung war Mike Pickel als Assistent dabei. Er hat bei der Partie Dortmund gegen Hannover seinen 350. Einsatz an der Linie gefeiert und mir gesagt, dass ich bald auch dran bin. Ich wusste erst nicht, wovon er spricht, aber dann hat er mir gesagt, dass ich vor meinem 250. Bundesligaeinsatz stehe.

DFB.de: Sie haben Sport- und Geschichtswissenschaften studiert. Ihre eigene Statistik kannten sie aber nicht in- und auswendig?

Gräfe: Nein, diese Statistiken haben mich noch nie interessiert. Es ist schön, dass ich wieder eine runde Zahl und dieses Jubiläum erreiche, aber wenn mich niemand darauf aufmerksam gemacht hätte, hätte ich es wahrscheinlich gar nicht mitbekommen.

DFB.de: Was bedeutet Ihnen denn diese Leistung?

Gräfe: Ich bin schon ein wenig stolz darauf, dass ich mich mit meiner direkten Art so lange im Fußballgeschäft behaupten konnte. Wie hat Miroslav Klose mal gesagt: "Noch tragen mich ja meine Beine. Ich schleppe meinen Kadaver noch ein bisschen durch." Dass ich schon so lange dabei bin, wird mir eigentlich immer nur dann bewusst, wenn ich mit anderen Jungs zusammen Fußball spiele. Das mache ich zwei- bis dreimal in der Woche. Und wenn dann neue Leute dazukommen, die zwischen 20 und 30 Jahre alt sind, höre ich oft: "Seitdem ich Fußball schaue, bist du schon Schiedsrichter." Das finde ich dann schon krass. Man erlebt Spielzeit für Spielzeit, ohne sich wirklich bewusst zu machen, wie schnell die Zeit eigentlich vergeht.

DFB.de: 250 Begegnungen in der Bundesliga geleitet zu haben, das haben bisher erst vier Schiedsrichter vor Ihnen geschafft. Wolfgang Stark, Markus Merk, Florian Meyer, Dr. Felix Brych - und bald auch Manuel Gräfe. Wie fühlt es sich an, in dieser Top fünf genannt zu werden?

Gräfe: Das hängt von so vielen Faktoren ab: Wie verletzungsfrei kommt jemand durch die Karriere? Wie früh kommt jemand in die Bundesliga? Die aufgezählten Namen waren und sind sicherlich sehr gute Schiedsrichter und es ist auch schön, mit ihnen in einem Atemzug genannt zu werden. Was uns alle gemeinsam auszeichnet, ist, dass wir so lange und konstant auf sehr hohem Niveau dabei waren. Es gab allerdings sehr viele andere sehr gute Kollegen, die aus verschiedenen Gründen nicht diese Zahl erreicht haben. Früher gab es für Unparteiische weniger Spiele pro Saison, meist acht bis zehn, und man kam deutlich später in die Bundesliga - auch das spielt eine Rolle. Vielleicht werden unsere Zahlen in der Zukunft ebenso relativiert, wer weiß das schon. Deshalb haben sie für mich nur einen statistischen Wert.

DFB.de: War diese bemerkenswerte Marke für den jungen Schiedsrichteranwärter Manuel Gräfe überhaupt vorstellbar? Oder hatten Sie nie den Traum beziehungsweise das Ziel, in der Bundesliga pfeifen zu dürfen?

Gräfe: Ganz ehrlich, ich konnte mir früher nicht vorstellen, Schiedsrichter zu werden. Ich war auf dem Platz auch eher einer, der als Spieler ein bisschen rumgemault hat. Nur weil ich beim Fußball dabeibleiben wollte, habe ich mit der B-Lizenz einen Trainerschein sowie den Schiedsrichterausweis gemacht. Ich hätte als 18-Jähriger 3. Liga - damals Amateuroberliga genannt - spielen können, und irgendwann habe ich mir dieses Ziel als Schiedsrichter gesetzt. Als es dann relativ schnell vorwärts ging, haben sich auch meine Ziele entsprechend verschoben. Als ich die 3. Liga als Unparteiischer erreicht hatte, war es mein Traum, DFB-Schiedsrichter zu werden. Und dann wollte ich gerne als Assistent in der Bundesliga dabei sein.

DFB.de: Welche Erinnerungen haben Sie an Ihren ersten Bundesligaeinsatz?

Gräfe: Das war Hannover gegen Freiburg (am 12. September 2004, Anm. d. R.) und ein gutes Einsteigerspiel für mich. An diesem Tag war ich allerdings nicht so aufgeregt wie vor meinem ersten Einsatz überhaupt in der Bundesliga. Das Spiel Gladbach gegen Schalke als Assistent von Lutz Michael Fröhlich im August 2001 war schon ein sehr beeindruckender Moment für mich.

DFB.de: Was war so besonders daran?

Gräfe: Damals habe ich mich immer auf die Sportschau am Samstag gefreut, auch um den Bundesligaschiedsrichtern zuzuschauen, und plötzlich war ich ein Teil des Ganzen. Ich werde es auch nie vergessen, wie Kommentator Tom Bayer mich vor dem Spiel auf dem Bökelberg mit: "Ach, Sie sind der Neue" begrüßte. Dann steht man schon unter einem Leistungsdruck, weil man zeigen will, dass man es zu Recht in die Bundesliga geschafft hat.

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DFB.de: Wie hat sich die Bundesliga aus Ihrer Sicht in den letzten 15 Jahren verändert? Vermissen Sie etwas aus Ihrer Anfangszeit?

Gräfe: Es gab viele alte Stadien mit einem eigenen Charme. Heute sind die Stadien sehr ähnlich, dafür jedoch sehr modern. Der Fußball hat sich sicherlich weiterentwickelt und ist schneller geworden. Aber auch man selbst muss sich weiterentwickeln, sonst verliert man den Anschluss.

DFB.de: Was unterscheidet den "Manuel Gräfe 2004" vom "Manuel Gräfe 2019"?

Gräfe: Ich war immer jemand, der das Spiel hat laufen lassen. Bei den persönlichen Strafen bin ich adäquat zur Spielleitung etwas großzügiger geworden. Da war ich früher aus Sorge, das Spiel vielleicht nicht unter Kontrolle zu behalten, oder weil ich befürchtete, der Beobachter könnte mir Punkte abziehen, etwas stringenter. Irgendwann entwickelt man sich dann weiter, dazu braucht man jedoch erst Erfahrung, Sicherheit und Akzeptanz in der Bundesliga.

DFB.de: Ist es für Sie nicht schwierig, nach so vielen Spielleitungen jede Ansetzung als neue Herausforderung anzusehen?

Gräfe: Nein, denn wenn man glaubt, man könnte das mit seiner Erfahrung schon hinbekommen, dann geht man schnell baden. Mein höchstes Ziel war immer und ist es nach wie vor, dass alle Akteure beider Mannschaften zufrieden aus dem Spiel gehen. Dann habe ich meinen Job gut erledigt und kann einen Haken dahinter machen.

DFB.de: Sie sind seit fast 20 Jahren DFB-Schiedsrichter. Dafür muss man doch sicher ein Erfolgsrezept haben. Was sollten Nachwuchsschiedsrichter beherzigen?

Gräfe: Man sollte authentisch bleiben und versuchen, sich ständig mit der Entwicklung des Fußballs zu beschäftigen. Jeder hat seine eigene Art, seine eigene Linie und kommt unterschiedlich bei Spielern an. Wenn alle gleich sind, wird es schwierig, denn es gibt Begegnungen, die brauchen ihren eigenen Schiedsrichtertypen. Wenn man authentisch, gradlinig und ehrlich ist, erreicht man die Spieler am besten. Man sollte sich selbst vertrauen und in erster Linie nicht an den eigenen Erfolg denken, sondern daran, was man dem Sport geben kann.

DFB.de: In 249 Einsätzen haben Sie 974-mal Gelb gezeigt. Ihr Schiedsrichterkollege Dr. Felix Brych hat in 258 Spielen lediglich 923 Gelbe Karten verteilt. Dafür haben Sie nur 56 Strafstöße gegeben, Brych immerhin 72. Sind das nur Zahlenspiele oder lässt sich für Sie aus diesen Statistiken etwas ableiten?

Gräfe: Eher nicht. Es hängt doch sehr davon ab, welches Spiel man pfeift und welche Situationen dabei entstehen. Nach so vielen Jahren wegen ein paar Gelben Karten und Strafstößen einen Unterschied ausmachen zu wollen, ist wirklich nur Zahlenspielerei.

DFB.de: Welche Spielleitung in der Bundesliga bleibt nach diesen bald 250 Einsätzen für Sie unvergessen?

Gräfe: Natürlich sind mir sehr viele Begegnungen im Gedächtnis geblieben. Ich durfte Spiele leiten, in denen es gegen den Abstieg ging, um Champions-League-Plätze und sogar Meisterschaften. Da gibt es einige Partien, die man hervorheben könnte. In der jüngsten Vergangenheit war es sicher Borussia Dortmund gegen Bayern München, weil es ein außergewöhnlich gutes Fußballspiel von beiden Mannschaften war. Offener Schlagabtausch, Führungswechsel, hohe Intensität - das war Werbung für den deutschen Fußball. Sowas freut mich dann auch als Schiedsrichter.

DFB.de: Und welchen Moment genießen Sie bei Spielen am meisten?

Gräfe: Den Schlusspfiff. Wenn ich weiß, dass alle zufrieden sind, sowohl Gewinner als auch Verlierer, dann freue ich mich, dass meine Assistenten Guido Kleve, Markus Sinn und ich einen guten Job gemacht haben. In der Vorbereitung bin ich ein lockerer Typ, aber ab dem Spielertunnel bin ich dann fokussiert. Manchmal ist die Platzwahl für mich die größte Herausforderung, da müssen meine Assistenten gut aufpassen. Ich bin dann gedanklich nämlich schon bei den anstehenden Zweikämpfen und der Bewertung von Spielsituationen (lacht).

DFB.de: Haben Sie einen Aberglauben oder besondere Rituale rund um Ihre Einsätze?

Gräfe: Ich habe noch mein erstes Schweißband von meinem ersten Spiel, das ich damals in der E-Jugend gepfiffen habe. Das trage ich heute immer noch unter dem aktuellen Schweißband, weil es mich an meine Anfangszeit erinnert. Schiedsrichter unterscheiden sich da nicht von den Spielern. Aber keine Sorge, es wurde schon ein paar Mal gewaschen (lacht).

DFB.de: Was wünschen Sie sich für den 250. Bundesligaeinsatz?

Gräfe: Am liebsten wäre mir, dass Guido, Markus und ich nach dem Schlusspfiff kein Thema sind. Das Spiel so aufmerksam wie nötig und so unauffällig wie möglich zu begleiten, ist die beste Voraussetzung dafür.

DFB.de: Wird Ihre Jubiläumspartie denn etwas Besonderes für Sie sein?

Gräfe: Nein, wir fahren ganz normal zum Spiel hin und werden nach dem Spiel auch wieder ganz normal nach Hause fahren. Und dann geht es hoffentlich mit dem 251. Einsatz in der Bundesliga weiter (schmunzelt).

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