Finale 2009: Bayern fehlt ein Tor zum Titel

Die Frauen-Bundesliga geht in ihr 30. Jahr. In einer Serie schaut DFB.de ebenso auf besondere Momente in der Historie zurück wie auf aktuelle Entwicklungen zum Start der FLYERALARM Frauen-Bundesliga am 16. August. Heute im Fokus: das Herzschlagfinale am letzten Spieltag der Saison 2008/2009, als noch drei Teams Meister werden konnten.

Drama, Tränen, Jubel, Verzweiflung, Fassungslosigkeit - auch im Rückblick kann man die Ereignisse am letzten Spieltag der Saison 2008/2009 nur schwer in Worte fassen. Es war das wohl spannendste Finale in der Historie der Frauen-Bundesliga. Die einen waren am Boden zerstört, als alles vorbei war. Die anderen konnten ihr Glück kaum fassen. Der Fußball hatte mal wieder Geschichte geschrieben.

Die Ausgangslage vor dem Showdown war so: Drei Mannschaften konnten sich noch den Titel holen. Der FCR Duisburg hatte mit 50 Punkten und einer Tordifferenz von plus 60 die schlechteste Ausgangslage und musste auf Ausrutscher der Konkurrenten hoffen. Bayern München (51 Punkte, plus 44) und Turbine Potsdam (51 Punkte, plus 45) waren nahezu gleichauf. Obwohl der FC Bayern einen Treffer gegenüber Potsdam aufholen musste, sahen fast alle Experten die Münchnerinnen im Vorteil, weil sie beim abgeschlagenen Tabellenletzten TSV Crailsheim antreten mussten. Turbine hingegen empfing den aufstrebenden VfL Wolfsburg.

90 Minuten Nervenschlacht

Aber es kam anders. Die Münchnerinnen gewannen "nur" 3:0 - genauso wie Turbine. Duisburg war damit aus dem Rennen. Potsdam holte sich den Titel, ebenso wie in den drei Jahren danach. "Es lag damals wirklich eine extreme Spannung in der Luft", erinnert sich Bernd Schröder, der die Mannschaft zu jener Zeit betreute. "Wir wussten, dass uns nur ein hoher Sieg helfen würde. Also haben wir von der ersten Minute an alles nach vorne geschmissen. Trotzdem haben wir nicht damit gerecht, die Deutsche Meisterschaft gewinnen zu können. Ich war mir sicher, dass Bayern Crailsheim hoch abschießen würde. Aber die haben sich in jeden Ball geschmissen. Das war unglaublich, davor habe ich heute noch größten Respekt. Dass letztlich ein 3:0 reichen würde, hatte niemand bei uns gedacht."

Für alle Beteiligten waren die 90 Minuten an jenem 7. Juni 2009 eine reine Nervenschlacht. Potsdam ging kurz vor der Pause gegen Wolfsburg in Führung und war zu diesem Zeitpunkt Meister. Aber die Münchnerinnen schlugen nach dem Wechsel in Crailsheim mit einem Doppelschlag zurück - 2:0 nach 51 Minuten, das hätte für den Titel gereicht. Das Blatt wendet sich jedoch erneut. Diesmal war Turbine mit einem Doppelschlag dran. 3:0 - und damit waren das Schröder-Team wieder vorne.

Und dann, in der Schlussphase, die keiner der Beteiligten je vergessen wird, entfaltete der Fußball seine ganze Dramatik. 15 Minuten vor Ende schaffte der FC Bayern das 3:0, ein Tor fehlte noch. Die Münchnerinnen stürmten, schossen, köpften, aber scheiterten immer wieder an sich selbst oder Crailsheims Torhüterin Kim Kaller. Wenig später war Schluss in Potsdam, 3:0 für Turbine. Bayern brauchte weiter ein Tor, das Spiel ging noch sieben Minuten - der FCB hatte die Meisterschaft in der eigenen Hand.

Am Laptop via DFB-TV zum Titel

In Potsdam versammelten sich zeitgleich alle vor einem kleinen Laptop, DFB-TV übertrug die Schlussphase in Crailsheim live. Bernd Schröder hatte sich etwas zurückgezogen und verfolgte das Geschehen aus einiger Entfernung: "Ich habe die Reaktionen der Spielerinnen beobachtet, die auf den Computer schauten. Da konnte ich genau erkennen, was gerade in Crailsheim abging."

Wie Wellen in einer unruhigen See rollten die Angriffe der Münchnerinnen auf s gegnerische Tor zu. Eine nach der anderen, immer weiter. Bei Turbine zitterten sie, wenn der Ball nur in die Nähe des Crailsheimer Tores kam. Aber es passierte nichts mehr. Und dann war Schluss. Tränen der Enttäuschung bei den Bayern. Tränen der Freude in Potsdam. Die Duisburgerinnen hatten kurz vorher den DFB-Pokal geholt, aber in diesem dramatischen Finish blieb ihnen nach einer starken Saison nur die Statistenrolle.

"Diesen Tag würde ich gerne aus meiner Erinnerung verdrängen"

"Diesen Tag würde ich gerne aus meiner Erinnerung verdrängen", sagt Bianca Rech, der damals das zwischenzeitliche 1:0 für die Münchnerinnen gelungen war und die heute Sportliche Leiterin der Frauen des FC Bayern ist. "Ich weiß noch, dass am Rand die Meisterschale in der Sonne funkelte, wir sie dann jedoch nicht in die Hand nehmen konnten. Aber man muss bei aller Enttäuschung auch erwähnen, dass in jener Saison vorher niemand erwartet hatte, dass wir bis zum letzten Spieltag um den Titel kämpfen werden. Das war schon eine herausragende Leistung."

Die jubelnden Siegerinnen konnten ihr Glück kaum fassen. "Auch für mich persönlich war es einer von vielen emotionalen Augenblicken meiner langen Zeit bei Turbine", sagt Schröder. "Als in Crailsheim Schluss war, sind bei uns alle Dämme gebrochen. Es war ein extremer Druck, der sich in diesem Moment entladen hat."

Wenn Schröder heute auf die Ereignisse zurückschaut, ist er sich sicher, dass dieser Moment ganz wichtig für die Zukunft von Turbine war: "Wir sind in den drei Jahren danach wieder Deutscher Meister geworden und haben 2010 die Champions League gewonnen. Dieses dramatische Saisonfinale hat uns psychologisch unglaublich nach vorne gebracht. Der Erfolg kam praktisch aus dem Nichts."

[sw]

Die Frauen-Bundesliga geht in ihr 30. Jahr. In einer Serie schaut DFB.de ebenso auf besondere Momente in der Historie zurück wie auf aktuelle Entwicklungen zum Start der FLYERALARM Frauen-Bundesliga am 16. August. Heute im Fokus: das Herzschlagfinale am letzten Spieltag der Saison 2008/2009, als noch drei Teams Meister werden konnten.

Drama, Tränen, Jubel, Verzweiflung, Fassungslosigkeit - auch im Rückblick kann man die Ereignisse am letzten Spieltag der Saison 2008/2009 nur schwer in Worte fassen. Es war das wohl spannendste Finale in der Historie der Frauen-Bundesliga. Die einen waren am Boden zerstört, als alles vorbei war. Die anderen konnten ihr Glück kaum fassen. Der Fußball hatte mal wieder Geschichte geschrieben.

Die Ausgangslage vor dem Showdown war so: Drei Mannschaften konnten sich noch den Titel holen. Der FCR Duisburg hatte mit 50 Punkten und einer Tordifferenz von plus 60 die schlechteste Ausgangslage und musste auf Ausrutscher der Konkurrenten hoffen. Bayern München (51 Punkte, plus 44) und Turbine Potsdam (51 Punkte, plus 45) waren nahezu gleichauf. Obwohl der FC Bayern einen Treffer gegenüber Potsdam aufholen musste, sahen fast alle Experten die Münchnerinnen im Vorteil, weil sie beim abgeschlagenen Tabellenletzten TSV Crailsheim antreten mussten. Turbine hingegen empfing den aufstrebenden VfL Wolfsburg.

90 Minuten Nervenschlacht

Aber es kam anders. Die Münchnerinnen gewannen "nur" 3:0 - genauso wie Turbine. Duisburg war damit aus dem Rennen. Potsdam holte sich den Titel, ebenso wie in den drei Jahren danach. "Es lag damals wirklich eine extreme Spannung in der Luft", erinnert sich Bernd Schröder, der die Mannschaft zu jener Zeit betreute. "Wir wussten, dass uns nur ein hoher Sieg helfen würde. Also haben wir von der ersten Minute an alles nach vorne geschmissen. Trotzdem haben wir nicht damit gerecht, die Deutsche Meisterschaft gewinnen zu können. Ich war mir sicher, dass Bayern Crailsheim hoch abschießen würde. Aber die haben sich in jeden Ball geschmissen. Das war unglaublich, davor habe ich heute noch größten Respekt. Dass letztlich ein 3:0 reichen würde, hatte niemand bei uns gedacht."

Für alle Beteiligten waren die 90 Minuten an jenem 7. Juni 2009 eine reine Nervenschlacht. Potsdam ging kurz vor der Pause gegen Wolfsburg in Führung und war zu diesem Zeitpunkt Meister. Aber die Münchnerinnen schlugen nach dem Wechsel in Crailsheim mit einem Doppelschlag zurück - 2:0 nach 51 Minuten, das hätte für den Titel gereicht. Das Blatt wendet sich jedoch erneut. Diesmal war Turbine mit einem Doppelschlag dran. 3:0 - und damit waren das Schröder-Team wieder vorne.

Und dann, in der Schlussphase, die keiner der Beteiligten je vergessen wird, entfaltete der Fußball seine ganze Dramatik. 15 Minuten vor Ende schaffte der FC Bayern das 3:0, ein Tor fehlte noch. Die Münchnerinnen stürmten, schossen, köpften, aber scheiterten immer wieder an sich selbst oder Crailsheims Torhüterin Kim Kaller. Wenig später war Schluss in Potsdam, 3:0 für Turbine. Bayern brauchte weiter ein Tor, das Spiel ging noch sieben Minuten - der FCB hatte die Meisterschaft in der eigenen Hand.

Am Laptop via DFB-TV zum Titel

In Potsdam versammelten sich zeitgleich alle vor einem kleinen Laptop, DFB-TV übertrug die Schlussphase in Crailsheim live. Bernd Schröder hatte sich etwas zurückgezogen und verfolgte das Geschehen aus einiger Entfernung: "Ich habe die Reaktionen der Spielerinnen beobachtet, die auf den Computer schauten. Da konnte ich genau erkennen, was gerade in Crailsheim abging."

Wie Wellen in einer unruhigen See rollten die Angriffe der Münchnerinnen auf s gegnerische Tor zu. Eine nach der anderen, immer weiter. Bei Turbine zitterten sie, wenn der Ball nur in die Nähe des Crailsheimer Tores kam. Aber es passierte nichts mehr. Und dann war Schluss. Tränen der Enttäuschung bei den Bayern. Tränen der Freude in Potsdam. Die Duisburgerinnen hatten kurz vorher den DFB-Pokal geholt, aber in diesem dramatischen Finish blieb ihnen nach einer starken Saison nur die Statistenrolle.

"Diesen Tag würde ich gerne aus meiner Erinnerung verdrängen"

"Diesen Tag würde ich gerne aus meiner Erinnerung verdrängen", sagt Bianca Rech, der damals das zwischenzeitliche 1:0 für die Münchnerinnen gelungen war und die heute Sportliche Leiterin der Frauen des FC Bayern ist. "Ich weiß noch, dass am Rand die Meisterschale in der Sonne funkelte, wir sie dann jedoch nicht in die Hand nehmen konnten. Aber man muss bei aller Enttäuschung auch erwähnen, dass in jener Saison vorher niemand erwartet hatte, dass wir bis zum letzten Spieltag um den Titel kämpfen werden. Das war schon eine herausragende Leistung."

Die jubelnden Siegerinnen konnten ihr Glück kaum fassen. "Auch für mich persönlich war es einer von vielen emotionalen Augenblicken meiner langen Zeit bei Turbine", sagt Schröder. "Als in Crailsheim Schluss war, sind bei uns alle Dämme gebrochen. Es war ein extremer Druck, der sich in diesem Moment entladen hat."

Wenn Schröder heute auf die Ereignisse zurückschaut, ist er sich sicher, dass dieser Moment ganz wichtig für die Zukunft von Turbine war: "Wir sind in den drei Jahren danach wieder Deutscher Meister geworden und haben 2010 die Champions League gewonnen. Dieses dramatische Saisonfinale hat uns psychologisch unglaublich nach vorne gebracht. Der Erfolg kam praktisch aus dem Nichts."

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