Hansi Flick: "Können mit allen Eventualitäten umgehen"

Zwei Spiele, acht deutsche Nationalspieler, viele potenzielle Gegner. Die Hinspiele in den Halbfinals der Champions League waren angenehmes Pflichtprogramm für Hansi Flick. Der Assistenztrainer der deutschen Nationalmannschaft war am Dienstag und Mittwoch in Madrid. Mit Redakteur Steffen Lüdeke hat er für DFB.de über seine Eindrücke der Spiele Atletico Madrid gegen Chelsea und Real Madrid gegen Bayern gesprochen.

DFB.de: Herr Flick, Sie haben zwei Abende in Madrid verbracht. Beschreiben Sie doch mal die atmosphärischen Unterschiede zwischen dem Estadio Vicente Calderón und dem Santiago Bernabeu. Wie verschieden sind die Welten der beiden Fußballvereine Madrids?

Hansi Flick: Ich will das gar nicht werten, die Stimmung in beiden Stadien ist phantastisch. Für mich ist das Bernabeu eines der beeindruckendsten Stadien überhaupt. Es ist jedes Mal ein sehr spezieller Moment, wenn die Fans kurz vor Spielbeginn voller Inbrunst die Vereinshymne singen. Bei Atlético wirkt alles eher marode, das hat aber auch seinen Charme. Und die Stimmung ist bei Atlético sensationell gut. Sie wird von den Rängen auf die Mannschaft übertragen. Das Team spielt mit sehr viel Herz, die Fans mögen das. So entsteht eine Wechselwirkung, die dort sehr besonders ist.

DFB.de: 180 Minuten Fußball - nur ein Tor. Der normale Fan hatte sich von den Halbfinals mehr Spektakel erhofft. Wie haben Sie als Trainer die beiden Paarungen gesehen?

Flick: Ich fand es sehr interessant. Mir hat Atlético imponiert. Ihre Philosophie ist deutlich zu erkennen, die Mannschaft spielt mit einem klaren Plan, die Abläufe sind einstudiert. Ich habe das Team auch schon im Viertelfinale in Barcelona gesehen, auch damals war ich beeindruckt. Die Mannschaft ist im Spiel, sie agiert, sie reagiert nicht lediglich darauf, was der Gegner macht. Atlético ist topfit, die Spieler sind sehr flexibel und in der Lage, verschiedene Positionen zu spielen. Im System sind sie sehr variabel, die Raumaufteilung ist fast optimal. Atlético spielt sehr modern - so lässt es sich vielleicht zusammenfassen.

DFB.de: Und Chelsea?

Flick: Chelsea hatte als vorrangiges Ziel, kein Tor zu bekommen. Das haben sie geschafft. Chelsea hatte kein Glück, sie haben kaum klare Torchancen zugelassen. Mourinhos Erfolge sind kein Zufall. Er stand mit unterschiedlichen Teams achtmal mindestens im Halbfinale der Königsklasse. Er lässt seine Mannschaften in der Art Fußball spielen, mit der er den Erfolg für wahrscheinlich hält. Daran gibt es nichts auszusetzen.

DFB.de: Dennoch: Hat Sie die rein defensive Ausrichtung Chelseas überrascht?

Flick: Gar nicht. Es war zu erwarten, dass sie in Madrid aus einer kompakten Defensive agieren werden. In der Hoffnung, über einen Konter über Torres, Ramires oder Willian erfolgreich zu sein.

DFB.de: André Schürrle wurde Opfer der defensiven Ausrichtung. Er wurde spät eingewechselt und hat dann im Grunde als rechter Verteidiger agiert. Eine neue Option für die Nationalmannschaft ist dies aber nicht?

Flick: Nein, ganz bestimmt nicht. (lacht) Wir kennen schließlich Andrés Qualitäten in der Offensive. Die Außenstürmer von Atlético sind oft nach innen gezogen, deswegen sind Chelseas Außenverteidiger etwas enger an den Innenverteidiger gerückt. Für Willian und André hieß das, dass sie den freiwerdenden Raum hinten rechts beziehungsweise links füllen und nach hinten mitarbeiten mussten. Damit hat André genau das umgesetzt, was sein Trainer von ihm erwartet.

DFB.de: Wie sehen Sie generell Schürrles Entwicklung unter José Mourinho?

Flick: Sehr positiv. Der Konkurrenzkampf tut ihm gut. Die Situation ist nicht immer einfach, weil man bei Chelsea damit leben muss, auch nach guten Spielen nicht für die nächste Partie gesetzt zu sein. Dafür ist die Qualität im Kader einfach zu hoch, gerade auf der Position, auf der André spielt. André hat zuletzt einige Spiele mit entschieden. Mein Eindruck ist, dass er durch den Wechsel noch selbstbewusster geworden ist. Er hat gelernt, sich in einer anderen Umgebung durchsetzen zu müssen. Die Erfahrung im Ausland tut ihm offenkundig gut, der Schritt hat sich als richtig erwiesen.

DFB.de: Die Bayern haben gegen Real 0:1 verloren. Was hat Real richtig gemacht? Und was die Bayern falsch?

Flick: Real war effizienter, mehr nicht. Bis zum Tor hatte Real im Grunde keine Chance. Beim Tor - und danach noch zwei-, dreimal - hat Real gezeigt, wie gefährlich sie sind, wenn sie kontern können, wenn sie Platz haben. Wobei ich der Überzeugung bin, dass die Bayern die Möglichkeit haben, die Sache im Rückspiel zu drehen. Auswärts tritt Real anders auf, Dortmund hat ja gezeigt, wie man Real unter Druck setzen kann und wie verwundbar die Mannschaft ist. Sonderlich viel falsch gemacht haben die Bayern nicht. Sie haben bisher eine überragende Saison gespielt, ihr Fußball hat alle begeistert. Sie haben so früh wie nie die Deutsche Meisterschaft gewonnen, sie stehen im Finale des DFB-Pokals und haben noch beste Aussichten, erneut ins Finale der Champions League einzuziehen. Bayern ist absolut in der Lage, ein 0:1 gegen Real noch zu drehen.

DFB.de: Sollte dies nicht gelingen, wie groß wäre Ihr lachendes Auge? Immerhin würde dies bedeuten, dass Sie die vielen deutschen Nationalspieler der Münchner in der WM-Vorbereitung erheblich länger bei der Mannschaft hätten…

Flick: So denke ich nicht. Die Spieler der Bayern können Historisches erreichen. Sie können den Titel in der Champions League verteidigen, als erste Mannschaft überhaupt. Und jedem Einzelnen gönne ich dies. Auch die Nationalmannschaft profitiert davon, wenn viele Spieler mit frischen Erfolgeserlebnissen und großem Selbstvertrauen zum Team stoßen. Es muss sich außerdem keiner Sorgen machen - wir sind erfahren genug, um mit allen Eventualitäten umgehen zu können. Ich bin sicher: Uns wird die Zeit genügen, um die Mannschaft optimal auf die WM einzustellen.

Das meinen DFB.de-User:

"Da bin ich mir aber ganz sicher, dass der Trainerstab unter der Führung von Joachim Löw die richtigen Strategien für alle Eventualitäten bereits parat hat!" (Elfriede Jirges, Klosterneuburg)

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Zwei Spiele, acht deutsche Nationalspieler, viele potenzielle Gegner. Die Hinspiele in den Halbfinals der Champions League waren angenehmes Pflichtprogramm für Hansi Flick. Der Assistenztrainer der deutschen Nationalmannschaft war am Dienstag und Mittwoch in Madrid. Mit Redakteur Steffen Lüdeke hat er für DFB.de über seine Eindrücke der Spiele Atletico Madrid gegen Chelsea und Real Madrid gegen Bayern gesprochen.

DFB.de: Herr Flick, Sie haben zwei Abende in Madrid verbracht. Beschreiben Sie doch mal die atmosphärischen Unterschiede zwischen dem Estadio Vicente Calderón und dem Santiago Bernabeu. Wie verschieden sind die Welten der beiden Fußballvereine Madrids?

Hansi Flick: Ich will das gar nicht werten, die Stimmung in beiden Stadien ist phantastisch. Für mich ist das Bernabeu eines der beeindruckendsten Stadien überhaupt. Es ist jedes Mal ein sehr spezieller Moment, wenn die Fans kurz vor Spielbeginn voller Inbrunst die Vereinshymne singen. Bei Atlético wirkt alles eher marode, das hat aber auch seinen Charme. Und die Stimmung ist bei Atlético sensationell gut. Sie wird von den Rängen auf die Mannschaft übertragen. Das Team spielt mit sehr viel Herz, die Fans mögen das. So entsteht eine Wechselwirkung, die dort sehr besonders ist.

DFB.de: 180 Minuten Fußball - nur ein Tor. Der normale Fan hatte sich von den Halbfinals mehr Spektakel erhofft. Wie haben Sie als Trainer die beiden Paarungen gesehen?

Flick: Ich fand es sehr interessant. Mir hat Atlético imponiert. Ihre Philosophie ist deutlich zu erkennen, die Mannschaft spielt mit einem klaren Plan, die Abläufe sind einstudiert. Ich habe das Team auch schon im Viertelfinale in Barcelona gesehen, auch damals war ich beeindruckt. Die Mannschaft ist im Spiel, sie agiert, sie reagiert nicht lediglich darauf, was der Gegner macht. Atlético ist topfit, die Spieler sind sehr flexibel und in der Lage, verschiedene Positionen zu spielen. Im System sind sie sehr variabel, die Raumaufteilung ist fast optimal. Atlético spielt sehr modern - so lässt es sich vielleicht zusammenfassen.

DFB.de: Und Chelsea?

Flick: Chelsea hatte als vorrangiges Ziel, kein Tor zu bekommen. Das haben sie geschafft. Chelsea hatte kein Glück, sie haben kaum klare Torchancen zugelassen. Mourinhos Erfolge sind kein Zufall. Er stand mit unterschiedlichen Teams achtmal mindestens im Halbfinale der Königsklasse. Er lässt seine Mannschaften in der Art Fußball spielen, mit der er den Erfolg für wahrscheinlich hält. Daran gibt es nichts auszusetzen.

DFB.de: Dennoch: Hat Sie die rein defensive Ausrichtung Chelseas überrascht?

Flick: Gar nicht. Es war zu erwarten, dass sie in Madrid aus einer kompakten Defensive agieren werden. In der Hoffnung, über einen Konter über Torres, Ramires oder Willian erfolgreich zu sein.

DFB.de: André Schürrle wurde Opfer der defensiven Ausrichtung. Er wurde spät eingewechselt und hat dann im Grunde als rechter Verteidiger agiert. Eine neue Option für die Nationalmannschaft ist dies aber nicht?

Flick: Nein, ganz bestimmt nicht. (lacht) Wir kennen schließlich Andrés Qualitäten in der Offensive. Die Außenstürmer von Atlético sind oft nach innen gezogen, deswegen sind Chelseas Außenverteidiger etwas enger an den Innenverteidiger gerückt. Für Willian und André hieß das, dass sie den freiwerdenden Raum hinten rechts beziehungsweise links füllen und nach hinten mitarbeiten mussten. Damit hat André genau das umgesetzt, was sein Trainer von ihm erwartet.

DFB.de: Wie sehen Sie generell Schürrles Entwicklung unter José Mourinho?

Flick: Sehr positiv. Der Konkurrenzkampf tut ihm gut. Die Situation ist nicht immer einfach, weil man bei Chelsea damit leben muss, auch nach guten Spielen nicht für die nächste Partie gesetzt zu sein. Dafür ist die Qualität im Kader einfach zu hoch, gerade auf der Position, auf der André spielt. André hat zuletzt einige Spiele mit entschieden. Mein Eindruck ist, dass er durch den Wechsel noch selbstbewusster geworden ist. Er hat gelernt, sich in einer anderen Umgebung durchsetzen zu müssen. Die Erfahrung im Ausland tut ihm offenkundig gut, der Schritt hat sich als richtig erwiesen.

DFB.de: Die Bayern haben gegen Real 0:1 verloren. Was hat Real richtig gemacht? Und was die Bayern falsch?

Flick: Real war effizienter, mehr nicht. Bis zum Tor hatte Real im Grunde keine Chance. Beim Tor - und danach noch zwei-, dreimal - hat Real gezeigt, wie gefährlich sie sind, wenn sie kontern können, wenn sie Platz haben. Wobei ich der Überzeugung bin, dass die Bayern die Möglichkeit haben, die Sache im Rückspiel zu drehen. Auswärts tritt Real anders auf, Dortmund hat ja gezeigt, wie man Real unter Druck setzen kann und wie verwundbar die Mannschaft ist. Sonderlich viel falsch gemacht haben die Bayern nicht. Sie haben bisher eine überragende Saison gespielt, ihr Fußball hat alle begeistert. Sie haben so früh wie nie die Deutsche Meisterschaft gewonnen, sie stehen im Finale des DFB-Pokals und haben noch beste Aussichten, erneut ins Finale der Champions League einzuziehen. Bayern ist absolut in der Lage, ein 0:1 gegen Real noch zu drehen.

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DFB.de: Sollte dies nicht gelingen, wie groß wäre Ihr lachendes Auge? Immerhin würde dies bedeuten, dass Sie die vielen deutschen Nationalspieler der Münchner in der WM-Vorbereitung erheblich länger bei der Mannschaft hätten…

Flick: So denke ich nicht. Die Spieler der Bayern können Historisches erreichen. Sie können den Titel in der Champions League verteidigen, als erste Mannschaft überhaupt. Und jedem Einzelnen gönne ich dies. Auch die Nationalmannschaft profitiert davon, wenn viele Spieler mit frischen Erfolgeserlebnissen und großem Selbstvertrauen zum Team stoßen. Es muss sich außerdem keiner Sorgen machen - wir sind erfahren genug, um mit allen Eventualitäten umgehen zu können. Ich bin sicher: Uns wird die Zeit genügen, um die Mannschaft optimal auf die WM einzustellen.

Das meinen DFB.de-User:

"Da bin ich mir aber ganz sicher, dass der Trainerstab unter der Führung von Joachim Löw die richtigen Strategien für alle Eventualitäten bereits parat hat!" (Elfriede Jirges, Klosterneuburg)