U 21 bei der EM: Aller guten Dinge sind drei

Die Bilder sind noch in guter Erinnerung, die Gefühle auch. 2017 wurde die deutsche U 21-Nationalmannschaft in Polen zum zweiten Mal Europameister. An den Triumph von Krakau möchte sie in diesem Sommer anknüpfen. Doch die wechselhafte Geschichte auf dem Weg zum EM-Titel zeigt, dass dieser Wettbewerb kein Selbstläufer ist.

Am 10. Oktober 1979 spielte erstmals eine U 21-Auswahl des DFB, im polnischen Thorn unterlag sie den Gastgebern 0:1, unter den 14 eingesetzten Spielern waren Pierre Littbarski, Rudi Völler, Thomas Allofs – und Joachim Löw. Trotz der Niederlage war dieses Spiel die Geburtsstunde einer der stärksten deutschen Junioren-Mannschaften.

Niederlage im Finale 1982

Man spielte den EM-Titel noch nicht in Turnierform aus, sondern im K.o.-Modus mit Hin- und Rückspielen. Nachdem das DFB-Team im Frühjahr 1982 Spanien (0:1 und 2:0) und die Sowjetunion (4:3 und 5:0) bezwungen hatte, erreichte die Mannschaft von Trainer Berti Vogts das Finale gegen England. Das sollte noch vor der WM 1982 in Spanien stattfinden, doch da Jupp Derwall einige der Hochbegabten für seinen WM-Kader benötigte, ließ sich Vogts überreden, es mit Zustimmung der UEFA in den Herbst zu verlegen.

Doch auch die A-Mannschaft spielte im Oktober 1982, einen Tag nach dem Rückspiel gegen England. Es war nur ein Testspiel, aber Derwall zog den Kölner Gerd Strack, einer von zwei zulässigen "Senioren" der U 21, Lothar Matthäus und Völler ab. So war die 1:3-Hinspielniederlage kaum wettzumachen und Vogts schwor: "Künftig wird es so etwas nicht mehr geben. Ich werde darauf drängen, dass mit der neuen U 21 alle Spiele in der alten Saison gespielt werden. Jetzt muss die Mannschaft für ihre Rücksichtnahme bluten."

Das 3:2 von Bremen war zu wenig. 10.000 Zuschauer hofften vergeblich auf den EM-Titel. Nach torloser erster Hälfte ging England in Führung und auch auf Littbarskis Ausgleich (53.) hatten die Briten eine Antwort: 1:2 durch Goddard (77.). Im Gefühl des sicheren Sieges ließen die Engländer nach und Littbarski schoss zwei weitere Tore (80./84.). Vogts gratulierte den Briten, "sie waren die bessere Mannschaft", und bilanzierte: "Wir haben das Ziel Europameisterschaft nicht erreicht, also kann man nicht hundertprozentig zufrieden sein."

Aus nach der Vorrunde

Erst 1998 erreichte eine deutsche U 21 wieder eine Endrunde, doch in Bukarest platzte der Titeltraum schon im ersten Spiel – 0:1 gegen Griechenland. So reichte es für die Mannschaft um die späteren Vize-Weltmeister Michael Ballack und Lars Ricken nur zu Platz fünf, das ein 1:0 gegen Gastgeber Rumänien sicherte.

2004 fand die U 21-EM im eigenen Land statt, aber auch Deutschland musste sich vorher dafür qualifizieren. Das gelang der Auswahl von Uli Stielike, die dann in einer Gruppe mit Schweden, Portugal und der Schweiz das Halbfinale erreichen musste, um wenigstens das Olympia-Ticket für Athen lösen zu können. Natürlich wollte sie auch den EM-Titel, spielten mit Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski doch zwei hochbegabte Teenager mit. Aber auch sie konnten nicht verhindern, dass nach geglücktem Start (2:1 gegen Schweiz) zwei 1:2-Niederlagen folgten, gegen Schweden und Portugal. Schweinsteiger sagte geknickt: "Ich brauchte zwei Tage, um das zu verarbeiten." Dann flog er mit Podolski zur EM nach Portugal, wo sie mit dem Vorrunden-Aus eine weitere Enttäuschung erlebten.

Die nächste Generation erreichte 2006 auch die Endrunde, scheiterte aber wie ihre Vorgänger schon in der Gruppenphase an Frankreich (0:3) und Gastgeber Portugal (0:1). Nur gegen Serbien und Montenegro gab es einen Sieg (1:0). Bekannteste Namen dieser Auswahl: Stefan Kießling und Roberto Hilbert. Der nächste Jahrgang scheiterte bereits im Achtelfinale, das dem Turnier in den Niederlanden vorgeschaltet war, an Dauerrivale England (0:1/0:2).

Triumph in Malmö

Erst danach trug die hervorragende Nachwuchsarbeit Früchte. Im Oktober 2008 setzte sich die U 21-Auswahl in den Play-offs gegen das als unbesiegbar geltende Frankreich durch, unvergessen ist das Tor von Benedikt Höwedes in letzter Minute zum 1:0 in Metz. Nach einem holprigen Start gegen Spanien (0:0) wurde gegen Finnland (2:0) der erste Sieg eingefahren - wieder traf Höwedes, aber in Ashkan Dejagah auch ein gelernter Offensivspieler. Das abschließende 1:1 gegen die Engländer (Tor: Gonzalo Castro) führte die Auswahl von Horst Hrubesch ins Halbfinale gegen Italien (1:0). Torwart Manuel Neuer von Schalke 04 ließ sich nicht bezwingen und wieder schoss ein Verteidiger das Tor des Tages: der Stuttgarter Andreas Beck.

Im Finale von Malmö spielte die Zukunft des deutschen Fußballs dann ganz groß auf. Die Engländer wurden an diesem 29. Juni 2009 mit 4:0 vom Platz gefegt und erstmals besiegt. Nach 23 Minuten eröffnete Castro den Torreigen. Nach Wiederanpfiff verwandelte Mesut Özil einen Freistoß und weil die von Jérôme Boateng und Höwedes organisierte Abwehr auch die englische Druckphase überstand, rückte der Sieg immer näher. Sandro Wagner sorgte mit zwei Toren (79., 84.) für die Entscheidung. DFB-Sportdirektor Matthias Sammer, einer von 20.000 Augenzeugen in Malmö, sagte: "Die jüngsten Erfolge in allen drei europäischen Altersklassen zeigen, dass die Maßnahmen greifen, aber wir dürfen jetzt nicht abheben." Aber freuen durften sie sich über den ersten Titel.

Doch es folgten Rückschläge: Die Titelverteidigung war das Ziel, aber die Deutschen kamen 2011 nicht mal zur Endrunde nach Dänemark. Das Team landete in der Qualifikation hinter Tschechien und Island auf Platz drei. 2013 in Israel waren sie immerhin wieder dabei, verloren aber gegen den späteren Europameister Spanien (0:1) und die Niederlande (2:3), nur gegen Russland (2:1) gab es Punkte. Zu wenig fürs Halbfinale.

Qualifikation für Rio

In der Vorschlussrunde stand das Team 2015 in Tschechien – nach zwei 1:1-Spielen (Serbien und Tschechien) und einem glatten 3:0 gegen Dänemark, das trotzdem die Gruppe gewann. Die Mannschaft um Marc-André ter Stegen, Matthias Ginter, Kevin Volland und Max Meyer erlebte in Olmütz einen schwarzen Tag. Gegen Portugal setzte es eine 0:5-Niederlage, die erste nach 20 Pflichtspielen und die höchste dieser Auswahl überhaupt. Aber: Zum ersten Mal nach knapp einem Vierteljahrhundert qualifizierte sich Deutschlands Männerauswahl wieder für Olympia. In Rio gewann Hrubeschs Mannschaft mit Stützen der U 21 (Serge Gnabry, Niklas Süle, Jeremy Toljan, Max Meyer oder Davie Selke) Silber, nachdem sie Gastgeber Brasilien erst im Elfmeterschießen unterlegen war.

2017 konnte sich die nun von Stefan Kuntz betreute Auswahl konnte sich nach Siegen gegen Tschechien (2:0) und Dänemark (3:0) ein 0:1 gegen Angstgegner Italien leisten. Im Halbfinale gegen England brauchte sie in Tychy gute Nerven, als es nach dramatischen 120 Minuten (2:2 nach Verlängerung) dank eines Jokertors von Felix Platte zum Elfmeterschießen kam. Vier von fünf Deutschen trafen, während Keeper Julian Pollersbeck nach Blick auf seinen Jens-Lehmann-Gedächtnis-Spickzettel zwei Schüsse der Engländer hielt.

"Deswegen schauen, spielen und lieben wir den Fußball", sagte der Torwart. Aber konnten sie endlich gegen die Spanier gewinnen? Sie konnten, und der Matchwinner am 30. Juni 2017 in Krakau hieß Mitchell Weiser. Der Rechtsverteidiger, damals bei Hertha BSC, erzielte ein für ihn eher unübliches Kopfballtor (40.), dem die Spanier bis zuletzt vergebens nachliefen. Nach dem Abpfiff um 22.34 Uhr fiel Kuntz sogar dem vierten Offiziellen um den Hals, ehe er den Platz stürmte. "Wir haben total verdient gewonnen. Es ist unbeschreiblich", kommentierte Kuntz den zweiten deutschen Europameistertitel einer U 21. Und sind nicht aller guten Dinge drei?

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Die Bilder sind noch in guter Erinnerung, die Gefühle auch. 2017 wurde die deutsche U 21-Nationalmannschaft in Polen zum zweiten Mal Europameister. An den Triumph von Krakau möchte sie in diesem Sommer anknüpfen. Doch die wechselhafte Geschichte auf dem Weg zum EM-Titel zeigt, dass dieser Wettbewerb kein Selbstläufer ist.

Am 10. Oktober 1979 spielte erstmals eine U 21-Auswahl des DFB, im polnischen Thorn unterlag sie den Gastgebern 0:1, unter den 14 eingesetzten Spielern waren Pierre Littbarski, Rudi Völler, Thomas Allofs – und Joachim Löw. Trotz der Niederlage war dieses Spiel die Geburtsstunde einer der stärksten deutschen Junioren-Mannschaften.

Niederlage im Finale 1982

Man spielte den EM-Titel noch nicht in Turnierform aus, sondern im K.o.-Modus mit Hin- und Rückspielen. Nachdem das DFB-Team im Frühjahr 1982 Spanien (0:1 und 2:0) und die Sowjetunion (4:3 und 5:0) bezwungen hatte, erreichte die Mannschaft von Trainer Berti Vogts das Finale gegen England. Das sollte noch vor der WM 1982 in Spanien stattfinden, doch da Jupp Derwall einige der Hochbegabten für seinen WM-Kader benötigte, ließ sich Vogts überreden, es mit Zustimmung der UEFA in den Herbst zu verlegen.

Doch auch die A-Mannschaft spielte im Oktober 1982, einen Tag nach dem Rückspiel gegen England. Es war nur ein Testspiel, aber Derwall zog den Kölner Gerd Strack, einer von zwei zulässigen "Senioren" der U 21, Lothar Matthäus und Völler ab. So war die 1:3-Hinspielniederlage kaum wettzumachen und Vogts schwor: "Künftig wird es so etwas nicht mehr geben. Ich werde darauf drängen, dass mit der neuen U 21 alle Spiele in der alten Saison gespielt werden. Jetzt muss die Mannschaft für ihre Rücksichtnahme bluten."

Das 3:2 von Bremen war zu wenig. 10.000 Zuschauer hofften vergeblich auf den EM-Titel. Nach torloser erster Hälfte ging England in Führung und auch auf Littbarskis Ausgleich (53.) hatten die Briten eine Antwort: 1:2 durch Goddard (77.). Im Gefühl des sicheren Sieges ließen die Engländer nach und Littbarski schoss zwei weitere Tore (80./84.). Vogts gratulierte den Briten, "sie waren die bessere Mannschaft", und bilanzierte: "Wir haben das Ziel Europameisterschaft nicht erreicht, also kann man nicht hundertprozentig zufrieden sein."

Aus nach der Vorrunde

Erst 1998 erreichte eine deutsche U 21 wieder eine Endrunde, doch in Bukarest platzte der Titeltraum schon im ersten Spiel – 0:1 gegen Griechenland. So reichte es für die Mannschaft um die späteren Vize-Weltmeister Michael Ballack und Lars Ricken nur zu Platz fünf, das ein 1:0 gegen Gastgeber Rumänien sicherte.

2004 fand die U 21-EM im eigenen Land statt, aber auch Deutschland musste sich vorher dafür qualifizieren. Das gelang der Auswahl von Uli Stielike, die dann in einer Gruppe mit Schweden, Portugal und der Schweiz das Halbfinale erreichen musste, um wenigstens das Olympia-Ticket für Athen lösen zu können. Natürlich wollte sie auch den EM-Titel, spielten mit Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski doch zwei hochbegabte Teenager mit. Aber auch sie konnten nicht verhindern, dass nach geglücktem Start (2:1 gegen Schweiz) zwei 1:2-Niederlagen folgten, gegen Schweden und Portugal. Schweinsteiger sagte geknickt: "Ich brauchte zwei Tage, um das zu verarbeiten." Dann flog er mit Podolski zur EM nach Portugal, wo sie mit dem Vorrunden-Aus eine weitere Enttäuschung erlebten.

Die nächste Generation erreichte 2006 auch die Endrunde, scheiterte aber wie ihre Vorgänger schon in der Gruppenphase an Frankreich (0:3) und Gastgeber Portugal (0:1). Nur gegen Serbien und Montenegro gab es einen Sieg (1:0). Bekannteste Namen dieser Auswahl: Stefan Kießling und Roberto Hilbert. Der nächste Jahrgang scheiterte bereits im Achtelfinale, das dem Turnier in den Niederlanden vorgeschaltet war, an Dauerrivale England (0:1/0:2).

Triumph in Malmö

Erst danach trug die hervorragende Nachwuchsarbeit Früchte. Im Oktober 2008 setzte sich die U 21-Auswahl in den Play-offs gegen das als unbesiegbar geltende Frankreich durch, unvergessen ist das Tor von Benedikt Höwedes in letzter Minute zum 1:0 in Metz. Nach einem holprigen Start gegen Spanien (0:0) wurde gegen Finnland (2:0) der erste Sieg eingefahren - wieder traf Höwedes, aber in Ashkan Dejagah auch ein gelernter Offensivspieler. Das abschließende 1:1 gegen die Engländer (Tor: Gonzalo Castro) führte die Auswahl von Horst Hrubesch ins Halbfinale gegen Italien (1:0). Torwart Manuel Neuer von Schalke 04 ließ sich nicht bezwingen und wieder schoss ein Verteidiger das Tor des Tages: der Stuttgarter Andreas Beck.

Im Finale von Malmö spielte die Zukunft des deutschen Fußballs dann ganz groß auf. Die Engländer wurden an diesem 29. Juni 2009 mit 4:0 vom Platz gefegt und erstmals besiegt. Nach 23 Minuten eröffnete Castro den Torreigen. Nach Wiederanpfiff verwandelte Mesut Özil einen Freistoß und weil die von Jérôme Boateng und Höwedes organisierte Abwehr auch die englische Druckphase überstand, rückte der Sieg immer näher. Sandro Wagner sorgte mit zwei Toren (79., 84.) für die Entscheidung. DFB-Sportdirektor Matthias Sammer, einer von 20.000 Augenzeugen in Malmö, sagte: "Die jüngsten Erfolge in allen drei europäischen Altersklassen zeigen, dass die Maßnahmen greifen, aber wir dürfen jetzt nicht abheben." Aber freuen durften sie sich über den ersten Titel.

Doch es folgten Rückschläge: Die Titelverteidigung war das Ziel, aber die Deutschen kamen 2011 nicht mal zur Endrunde nach Dänemark. Das Team landete in der Qualifikation hinter Tschechien und Island auf Platz drei. 2013 in Israel waren sie immerhin wieder dabei, verloren aber gegen den späteren Europameister Spanien (0:1) und die Niederlande (2:3), nur gegen Russland (2:1) gab es Punkte. Zu wenig fürs Halbfinale.

Qualifikation für Rio

In der Vorschlussrunde stand das Team 2015 in Tschechien – nach zwei 1:1-Spielen (Serbien und Tschechien) und einem glatten 3:0 gegen Dänemark, das trotzdem die Gruppe gewann. Die Mannschaft um Marc-André ter Stegen, Matthias Ginter, Kevin Volland und Max Meyer erlebte in Olmütz einen schwarzen Tag. Gegen Portugal setzte es eine 0:5-Niederlage, die erste nach 20 Pflichtspielen und die höchste dieser Auswahl überhaupt. Aber: Zum ersten Mal nach knapp einem Vierteljahrhundert qualifizierte sich Deutschlands Männerauswahl wieder für Olympia. In Rio gewann Hrubeschs Mannschaft mit Stützen der U 21 (Serge Gnabry, Niklas Süle, Jeremy Toljan, Max Meyer oder Davie Selke) Silber, nachdem sie Gastgeber Brasilien erst im Elfmeterschießen unterlegen war.

2017 konnte sich die nun von Stefan Kuntz betreute Auswahl konnte sich nach Siegen gegen Tschechien (2:0) und Dänemark (3:0) ein 0:1 gegen Angstgegner Italien leisten. Im Halbfinale gegen England brauchte sie in Tychy gute Nerven, als es nach dramatischen 120 Minuten (2:2 nach Verlängerung) dank eines Jokertors von Felix Platte zum Elfmeterschießen kam. Vier von fünf Deutschen trafen, während Keeper Julian Pollersbeck nach Blick auf seinen Jens-Lehmann-Gedächtnis-Spickzettel zwei Schüsse der Engländer hielt.

"Deswegen schauen, spielen und lieben wir den Fußball", sagte der Torwart. Aber konnten sie endlich gegen die Spanier gewinnen? Sie konnten, und der Matchwinner am 30. Juni 2017 in Krakau hieß Mitchell Weiser. Der Rechtsverteidiger, damals bei Hertha BSC, erzielte ein für ihn eher unübliches Kopfballtor (40.), dem die Spanier bis zuletzt vergebens nachliefen. Nach dem Abpfiff um 22.34 Uhr fiel Kuntz sogar dem vierten Offiziellen um den Hals, ehe er den Platz stürmte. "Wir haben total verdient gewonnen. Es ist unbeschreiblich", kommentierte Kuntz den zweiten deutschen Europameistertitel einer U 21. Und sind nicht aller guten Dinge drei?

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