50 Jahre, 50 Gesichter: Bremens erster Meistertrainer

50 Jahre, 50 Gesichter: Für DFB.de erzählt der Autor und Historiker Udo Muras die Geschichte der Bundesliga an Persönlichkeiten nach, die die deutsche Eliteliga prägten. Jahr für Jahr. Heute: die Saison 1964/1965 mit Werder Bremens erstem Meistertrainer Willi "Fischken" Multhaup

Spitznamen gibt es viele. Die meisten sind Verniedlichungen des Vor- und Nachnamens und erklären sich von selbst. Den wohl seltsamsten aller Bundesliga-Akteure hat der Fußball-Lehrer Willi Multhaup (1903 bis 1982), den alle nur "Fischken" nannten, was so viel wie kleiner Fisch heißt. Im Zusammenhang mit seiner Karriere ist das eine höchst unpassende Bezeichnung, "Fischken" war in der Bundesliga-Historie alles andere als ein kleiner Fisch. Aber die liebevolle Bezeichnung aus der Jugend, die er dem Umstand verdankt, Sohn eines Fischhändlers gewesen zu sein, wurde er nie los. Als die Bundesliga begann, trug er den Namen schon über 60 Jahre und auch im Fußball hatte er sich einen Namen gemacht.

Zunächst als Spieler: Schon 1925 spielte er mit Schwarz-Weiß Essen, dem damals führenden Klub seiner Geburtsstadt, um die Deutsche Meisterschaft. ETB erreichte immerhin die Endrunde, im Viertelfinale war Endstation. Das war die erste Annäherung an die Viktoria in "Fischkens" Leben.

Meisterschaftsfinale mit Münster 1951

Als Trainer unternahm er den nächsten Versuch. Nach dem Krieg führte er Preußen Münster 1951 in das einzige Meister-Finale seiner Historie – doch die "Walter-Elf" aus Kaiserslautern war noch eine Nummer zu groß für die Preußen mit ihrem berühmten "100.000-Mark-Sturm". Kurios: die Preußen holten Multhaup erst nach Erreichen der Endrunde, die Saison hatte er beim Meidericher SV verbracht, den er zum Aufstieg in die Oberliga verhalf. Referenz genug für die Münsteraner.

Als die Bundesliga 1963 begann, genoss "Fischken" einen exzellenten Ruf, da ihm der Erfolg nachzulaufen schien: Auch mit Schwarz-Weiß Essen (1959/Oberliga) und erneut dem MSV (1963/Bundesliga) hatte er den Aufstieg geschafft. Doch in die Bundesliga ging er nicht etwa mit den Meiderichern, sondern mit Werder Bremen. Denn es schien eine Maxime des stets elegant gekleideten "Gentleman-Trainers" (Otto Rehhagel: "Der war immer wie aus dem Ei gepellt") zu sein, zu gehen wenn es am Schönsten ist.

Meister mit Bremen, Europapokalsieger mit dem BVB

So hielt er es auch bei seinen drei Bundesliga-Stationen. Mit Werder Bremen wurde Multhaup im zweiten Jahr 1965 überraschend Deutscher Meister, den Titel verteidigen wollte er nicht. Nach dem entscheidenden 3:2 in Nürnberg sagte er: "Vor zwei Jahren habe ich versprochen, aus Werder eine Klasseelf zu formen. Dass mir das gelungen ist, steht wohl außer Zweifel. Im Übrigen freue ich mich auf meine neue Aufgabe. Das hält jung, vital und frisch."

An jenem 15. Mai 1965 war er bereits 61 – aber noch lange nicht müde. Auf der Meisterfeier vor 7000 Gästen in der Bremer Stadthalle verabschiedete sich der Gentleman, der Werder das Verteidigen lehrte (nur 29 Gegentore in 30 Spielen) und den Libero in der Bundesliga einführte (Helmut Jagielski war der Erste) so: "Ich hoffe, dass Sie mit mir zufrieden waren. Ich sage auch nicht adieu, ich sage auf Wiedersehen." Es waren prophetische Worte, denn es sollte noch ein Wiedersehen geben.

In Dortmund blieb Multhaup nur ein Jahr. Aber es war das bis dahin größte der Vereinsgeschichte. Am 5. Mai 1966 wurde der BVB der erste deutsche Europapokalsieger überhaupt, Stan Libudas Bogenlampe an den Innenpfosten gegen Liverpool vergisst keiner, der sie je gesehen hat. Unvergesslich auch Multhaups Outfit, an jenem Frühlingsabend trug er eine Schieber-Mütze à la Sherlock Holmes. Wieder hielt "Fischken" zum Abschied eine Trophäe in der Hand. Dass es nicht zwei wurden, die Meisterschaft wurde am 33. Spieltag verpasst, konnte er verkraften: "Man muss den anderen auch was jönne könne", sagte er im Dialekt der Stadt, die er als nächstes ansteuerte – Köln.

DFB-Pokalsieger mit Köln

Beim 1. FC blieb er noch zwei Jahre. Mit der vom Vorstand erhofften Meisterschaft wurde es zwar nichts, aber 1968 holten die "Geißböcke" in Ludwigshafen erstmals den DFB-Pokal in die Domstadt – nach einem 4:1 über den VfL Bochum. Wieder war Multhaups Outfit ungewöhnlich, wenn auch niemand sein Mode-Bewusstsein bewunderte, dafür aber sein Pflichtbewusstsein. Nach einem Achillessehnenriss humpelte er mit Gipsbein zur Bank. Es wurde mit dem Pokalsieg und einer 30.000 DM-Prämie reichlich belohnt. So ging "Fischken" als Triumphator in den Ruhestand.

Doch 1972 erinnerten sich die Bremer seiner Abschiedsworte und holten ihn im Abstiegskampf noch mal für vier Spiele zurück. Da konnte der Gentleman nicht "Nein" sagen. Der Name Multhaup blieb auch nach seiner Karriere noch im Bundesliga-Geschäft, Sohn Hennes war ein berühmter Sportfotograf und schoss manches legendäre Foto.

Willi Multhaups Bundesligabilanz: 166 Spiele (77 Siege, 41 Remis, 48 Niederlagen), Deutscher Meister 1965 als Trainer

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50 Jahre, 50 Gesichter: Für DFB.de erzählt der Autor und Historiker Udo Muras die Geschichte der Bundesliga an Persönlichkeiten nach, die die deutsche Eliteliga prägten. Jahr für Jahr. Heute: die Saison 1964/1965 mit Werder Bremens erstem Meistertrainer Willi "Fischken" Multhaup

Spitznamen gibt es viele. Die meisten sind Verniedlichungen des Vor- und Nachnamens und erklären sich von selbst. Den wohl seltsamsten aller Bundesliga-Akteure hat der Fußball-Lehrer Willi Multhaup (1903 bis 1982), den alle nur "Fischken" nannten, was so viel wie kleiner Fisch heißt. Im Zusammenhang mit seiner Karriere ist das eine höchst unpassende Bezeichnung, "Fischken" war in der Bundesliga-Historie alles andere als ein kleiner Fisch. Aber die liebevolle Bezeichnung aus der Jugend, die er dem Umstand verdankt, Sohn eines Fischhändlers gewesen zu sein, wurde er nie los. Als die Bundesliga begann, trug er den Namen schon über 60 Jahre und auch im Fußball hatte er sich einen Namen gemacht.

Zunächst als Spieler: Schon 1925 spielte er mit Schwarz-Weiß Essen, dem damals führenden Klub seiner Geburtsstadt, um die Deutsche Meisterschaft. ETB erreichte immerhin die Endrunde, im Viertelfinale war Endstation. Das war die erste Annäherung an die Viktoria in "Fischkens" Leben.

Meisterschaftsfinale mit Münster 1951

Als Trainer unternahm er den nächsten Versuch. Nach dem Krieg führte er Preußen Münster 1951 in das einzige Meister-Finale seiner Historie – doch die "Walter-Elf" aus Kaiserslautern war noch eine Nummer zu groß für die Preußen mit ihrem berühmten "100.000-Mark-Sturm". Kurios: die Preußen holten Multhaup erst nach Erreichen der Endrunde, die Saison hatte er beim Meidericher SV verbracht, den er zum Aufstieg in die Oberliga verhalf. Referenz genug für die Münsteraner.

Als die Bundesliga 1963 begann, genoss "Fischken" einen exzellenten Ruf, da ihm der Erfolg nachzulaufen schien: Auch mit Schwarz-Weiß Essen (1959/Oberliga) und erneut dem MSV (1963/Bundesliga) hatte er den Aufstieg geschafft. Doch in die Bundesliga ging er nicht etwa mit den Meiderichern, sondern mit Werder Bremen. Denn es schien eine Maxime des stets elegant gekleideten "Gentleman-Trainers" (Otto Rehhagel: "Der war immer wie aus dem Ei gepellt") zu sein, zu gehen wenn es am Schönsten ist.

Meister mit Bremen, Europapokalsieger mit dem BVB

So hielt er es auch bei seinen drei Bundesliga-Stationen. Mit Werder Bremen wurde Multhaup im zweiten Jahr 1965 überraschend Deutscher Meister, den Titel verteidigen wollte er nicht. Nach dem entscheidenden 3:2 in Nürnberg sagte er: "Vor zwei Jahren habe ich versprochen, aus Werder eine Klasseelf zu formen. Dass mir das gelungen ist, steht wohl außer Zweifel. Im Übrigen freue ich mich auf meine neue Aufgabe. Das hält jung, vital und frisch."

An jenem 15. Mai 1965 war er bereits 61 – aber noch lange nicht müde. Auf der Meisterfeier vor 7000 Gästen in der Bremer Stadthalle verabschiedete sich der Gentleman, der Werder das Verteidigen lehrte (nur 29 Gegentore in 30 Spielen) und den Libero in der Bundesliga einführte (Helmut Jagielski war der Erste) so: "Ich hoffe, dass Sie mit mir zufrieden waren. Ich sage auch nicht adieu, ich sage auf Wiedersehen." Es waren prophetische Worte, denn es sollte noch ein Wiedersehen geben.

In Dortmund blieb Multhaup nur ein Jahr. Aber es war das bis dahin größte der Vereinsgeschichte. Am 5. Mai 1966 wurde der BVB der erste deutsche Europapokalsieger überhaupt, Stan Libudas Bogenlampe an den Innenpfosten gegen Liverpool vergisst keiner, der sie je gesehen hat. Unvergesslich auch Multhaups Outfit, an jenem Frühlingsabend trug er eine Schieber-Mütze à la Sherlock Holmes. Wieder hielt "Fischken" zum Abschied eine Trophäe in der Hand. Dass es nicht zwei wurden, die Meisterschaft wurde am 33. Spieltag verpasst, konnte er verkraften: "Man muss den anderen auch was jönne könne", sagte er im Dialekt der Stadt, die er als nächstes ansteuerte – Köln.

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DFB-Pokalsieger mit Köln

Beim 1. FC blieb er noch zwei Jahre. Mit der vom Vorstand erhofften Meisterschaft wurde es zwar nichts, aber 1968 holten die "Geißböcke" in Ludwigshafen erstmals den DFB-Pokal in die Domstadt – nach einem 4:1 über den VfL Bochum. Wieder war Multhaups Outfit ungewöhnlich, wenn auch niemand sein Mode-Bewusstsein bewunderte, dafür aber sein Pflichtbewusstsein. Nach einem Achillessehnenriss humpelte er mit Gipsbein zur Bank. Es wurde mit dem Pokalsieg und einer 30.000 DM-Prämie reichlich belohnt. So ging "Fischken" als Triumphator in den Ruhestand.

Doch 1972 erinnerten sich die Bremer seiner Abschiedsworte und holten ihn im Abstiegskampf noch mal für vier Spiele zurück. Da konnte der Gentleman nicht "Nein" sagen. Der Name Multhaup blieb auch nach seiner Karriere noch im Bundesliga-Geschäft, Sohn Hennes war ein berühmter Sportfotograf und schoss manches legendäre Foto.

Willi Multhaups Bundesligabilanz: 166 Spiele (77 Siege, 41 Remis, 48 Niederlagen), Deutscher Meister 1965 als Trainer