Von Golden Goal und Sommermärchen

Nach Beckenbauers Rücktritt griff erneut die Erbfolgeregelung. Wie schon bei Herberger, Schön und Derwall beförderte das DFB-Präsidium einen der Assistenten zum Chef: Berti Vogts. Wie sein Vorgänger benötigte Vogts sechs Jahre, um mit dem EM-Gewinn 1996 in England an das Ziel zu kommen, das bis dahin alle Cheftrainer seit dem Krieg erreicht hatten: einen Titel zu gewinnen.

Wie Beckenbauer erreichte Vogts bereits nach zwei Jahren im Amt das Finale eines großen Turniers: Das EM-Endspiel 1992 in Schweden gegen Dänemark. Wie bei Beckenbauer ging bei „Berti“ das erste Finale verloren, wie bei Beckenbauer gelang der Triumph vier Jahre später. Bei der EM 1996 in England führte Vogts eine deutsche Mannschaft, die sich insbesondere durch zwei Tugenden von den Konkurrenten abhob: Teamgeist und unbedingter Wille. Vogts lebte diese Eigenschaften vor und forderte sie ein, die Spieler folgten ihm. Bis ins Finale gegen Tschechien, in dem Oliver Bierhoff mit seinem Golden Goal Fußballgeschichte schrieb.

Nach dem Erfolg bei der EM 1996 war das Ziel für die WM in Frankreich zwei Jahre später klar formuliert: Deutschland wollte Weltmeister werden. Die Mission scheiterte, die Mannschaft von Berti Vogts schied nach einem 0:3 gegen Kroatien bereits im Viertelfinale aus. Wenig später war auch für Vogts Schluss: Im September 1998 trat er vom Posten des Bundestrainers zurück.

Erich Ribbeck übernahm. In einer schwierigen Phase gelang der Mannschaft unter dem früheren Assistenten von Jupp Derwall die Qualifikation für die EM 2000 in den Niederlanden und Belgien. Dort schied das Team bereits nach der Vorrunde aus, Ribbeck übernahm die Verantwortung und erklärte kurz nach dem Turnier seinen Rücktritt.

Der Weg war frei für Rudi Völler. Mit einer produktiven Mischung aus langer Leine und harter Hand führte Völler die Nationalmannschaft wieder an die Weltspitze. Deutschland spielte ohne Schnörkel erfolgreich Fußball. Zwei Jahre nach dem Vorrunden-Aus bei der EM zeigte sich das DFB-Team gut erholt. Bei der WM 2002 in Japan und Südkorea siegte sich das Team bis ins Finale. Das Spiel gegen Brasilien wurde unglücklich mit 0:2 verloren, die Herzen in der Heimat gewonnen. Bei der Rückkehr nach Deutschland wurde der Trainer mit seinen Spielern von den Fans enthusiastisch gefeiert und in singender Form daran erinnert, dass es nur einen Rudi Völler gibt.

Entsprechend hoch waren die Erwartungen zwei Jahre später bei der EM 2004 in Portugal. Deutschland hatte die Qualifikation ohne Niederlage überstanden und die Gruppe 5 vor Schottland und Island souverän gewonnen. Doch bei der Endrunde konnte die Mannschaft nicht einlösen, was sie zuvor versprochen hatte. Nach zwei Remis und einer Niederlage schied Deutschland nach der Vorrunde aus, Rudi Völler nahm seinen Hut.

Neuer Spielstil unter Klinsmann und Löw

Es begann die Zeit von Jürgen Klinsmann, die Grundlage des „Sommermärchens“ wurde gelegt. Bei der Heim- WM im Jahr 2006 verblüffte das DFB-Team die Heimat und die ganze Welt, unter Klinsmann entwickelte die Mannschaft einen neuen Spielstil. Deutschland agierte attraktiv und offensiv, mehr noch als der dritte Platz begeisterte die Spielweise der deutschen Mannschaft. Ein Erbe, das dessen Nachfolger gerne angetreten hat. Als Klinsmanns Assistent hatte Joachim Löw großen Anteil an der Entwicklung der Nationalmannschaft – seitdem er an ihrer Spitze steht, hat sich diese noch einmal beschleunigt. Bei der EM 2008 in Österreich und der Schweiz zog Deutschland ins Finale ein. In Wien standen sich zwei Teams gegenüber, die den Fußball bis heute prägen: Deutschland und Spanien. Die Iberer triumphierten mit 1:0, eine Ära begann.

Seither arbeitet Löw mit seinem Team daran, den Abstand zu den Spaniern zu verkürzen. Bei der WM 2010 in Südafrika verblüffte Deutschland die ganze Welt; Spielwitz, Kreativität und technische Finesse waren zu Markenzeichen der Nationalmannschaft geworden. Ganz gereicht hat es dennoch nicht. Im Halbfinale waren die Spanier einen Tick besser, auch glücklicher. Carles Puyol zerstörte mit seinem Kopfball auch die Träume von Bundestrainer Löw.

Bis heute haben sich diese nicht geändert. Löw will sich und die Mannschaft mit Titeln belohnen. Noch mehr nach dem Aus im Halbfinale der EM 2012, auf das erneut eine souveräne Qualifikation folgte. Ein Remis und neun Siege ebneten den Weg nach Brasilien. Dort gelang Bundestrainer Löw und seinen Spielern bei der WM 2014 dann der große Triumph. Im Finale von Rio de Janeiro besiegte "die Mannschaft" am 13. Juli 2014 im Maracanã Gegner Argentinien nach Verlängerung dank eines Tores von Mario Götze (113.). Die Erfolgsgeschichte der deutschen Nationalmannschaft wurde mit einem weiteren Titel und dem vierten Stern veredelt.