Verleihung der "Fair Play-Medaille"

Mitte 40 ist Niko Kovac nun auch schon, in ein paar Tagen feiert er seinen 45. Geburtstag. Die Topform hat er sich bewahrt. Seine Waage wird heute noch die 72 Kilogramm anzeigen, die er während einer glänzenden Profikarriere etwa in Leverkusen, beim Hamburger SV und bei Bayern München auf den Knochen hatte. Jede freie Minute steigt er heute aufs Rennrad und kurvt durch den Taunus. "Das ist wie eine Sucht, wenn man ein Leben lang Sport getrieben hat", sagt Kovac.

Gerade ist er nach der morgendlichen Trainingseinheit mit Eintracht Frankfurt in die Loge 3.01 des Frankfurter Stadions geeilt. Ein kurzes Dankesvideo wird gedreht. Ihm wird in Hamburg die Fairplay-Medaille des DFB verliehen, doch weil er während der Länderspielpause zur Hochzeit eines Freundes nach Kroatien fliegt – Bundesligatrainer müssen sich ihr bisschen Restleben erstreiten – hatte er leider absagen müssen. Auch wenn er sehr gerne mal wieder nach Hamburg gekommen wäre.

Kovac: "Eigentlich eine Selbstverständlichkeit"

"Ich freue mich riesig und war auch sehr überrascht. Schließlich war ich damals gerade mal drei Monate Trainer in der Bundesliga", sagt Kovac. "Mich freut diese Auszeichnung, aber andererseits war ja das, was ich getan habe, eigentlich eine Selbstverständlichkeit." Eine Jury, besetzt unter anderem mit Herbert Fandel, Horst Hrubesch, der Weltfußballerin des Jahres 2014, Nadine Keßler, dem stellvertretenden DFB-Generalsekretär Ralf Köttker, dem Soziologen und Fanforscher Prof. Gunter A. Pilz und Bibiana Steinhaus, hatte sich für Niko Kovac entschieden. In den vergangenen Jahren waren etwa Miroslav Klose, Jupp Heynckes und zuletzt Reinhold Yabo für ihr faires Verhalten geehrt worden. Überzeugt hatte die Jury Kovacs vorbildhaftes Auftreten an den letzten Spieltagen und während der Relegation der vergangenen Saison.

"Gerade im Abstiegskampf und erst recht in den Relegationsspielen ist der Druck immens hoch, für den Trainer, die Spieler und den ganzen Klub. Und dennoch: Respekt, Toleranz und Empathie dürfen nie geopfert werden", sagt Kovac. Am 25. Spieltag der vergangenen Saison hatte er die Eintracht übernommen, die damals mit 24 Punkten auf dem 16. Tabellenplatz akut abstiegsgefährdet war.

Kovacs Rettungsmission begann mit vier Niederlagen in fünf Spielen. Gegen Gladbach, Bayern, Hoffenheim und Leverkusen holte man null Punkte. Kovac behielt dennoch die Ruhe – trotz des mittlerweile 17. Platzes, nervösen Anhangs und giftigen Schlagzeilen. "Man muss arbeiten", ist sein Credo, das klingt simpel - und ist es gerade im akuten Abstiegskampf manchmal nicht.

Erinnerungen ans EM-Aus 2008 mit Kroatien: "Mitgefühl empfunden"

Es folgten Derbysiege über Mainz und Darmstadt, dann ein krachendes 1:0 beim Heimspiel gegen Borussia Dortmund. Als der letzte Akt von Kovacs Großtat mit einem 1:0-Sieg beim Relegationsspiel in Nürnberg triumphal endete, hätte er die Fäuste ballen und jubelnd übers Feld stürmen können. Stattdessen ging er zu den unterlegenen Nürnbergern und spendete Trost.

Er habe sich an die Viertelfinalniederlage mit Kroatien bei der Europameisterschaft 2008 erinnert, sagt Niko Kovac. "Wir schießen das 1:0 in der 119. Minute, die Türkei gleicht in der Nachspielzeit der Verlängerung aus. An dieses Gefühl habe ich mich erinnert. Die ganze Saison hatten wir gearbeitet wie die Wilden. Und plötzlich fährt die Türkei nach Basel zum EM-Halbfinale gegen Deutschland, und wir stehen mit nichts da. Daran musste ich denken und empfand Mitgefühl mit den Nürnbergern."

Janne Weinreich ist "Amateurspieler des Jahres"

Im Curiohaus im Herzen Hamburgs wurde im Beisein von DFB-Präsident Reinhard Grindel neben Niko Kovac auch der fairste Amateurspieler des Jahres ausgezeichnet. Der Preis geht an den 12-jährigen Janne Weinreich aus dem Fußball-Landesverband Brandenburg, der nach einem Jugendturnier den Pokal für den besten Spieler an einen syrischen Jungen weiterschenkte, der Weihnachten 2014 als unbegleiteter Flüchtling nach Berlin gekommen war.

Bernard Desumer, Vizepräsident der Fédération Française de Football (FFF), nahm stellvertretend für die Équipe Tricolore den Sonderpreis entgegen. Als die deutsche Mannschaft die Nacht in den Katakomben des Stade de France verbrachte, nach den schrecklichen Terroranschlägen am 13. November vergangenen Jahres, war die französische Nationalmannschaft ebenfalls im Stadion geblieben. "Diese Solidarität war vorbildlich", sagt Reinhard Grindel. "Das war ein starkes Zeichen der Verbundenheit."

"Im Fußball zählt nie das Gestern"

In Hamburg erinnert man sich noch mgerne an die zwei Spielzeiten von Niko Kovac im HSV-Trikot. Hoogma und Ujfaluši in der Abwehr, Hollerbach, Barbarez und Kovac im Mittelfeld, vorne stürmten Mahdavikia und Präger. In Kovacs erstem Jahr beim HSV zog man in die Champions League ein. "Für mich", sagt er, "wird Hamburg immer eine der schönsten Städte Deutschlands bleiben. Ich habe hier zwei gute Jahre verbracht, meine Tochter wurde hier geboren." Armin Reutershahn, damals in Hamburg Assistent von Frank Pagelsdorf, ist heute Kovacs Co-Trainer.

Nach der Länderspielpause erwarten Kovac und die Eintracht binnen zwei Wochen Spiele gegen Bayern München, den Hamburger SV und Borussia Mönchengladbach. Ein strammes Programm. "Momentan können wir zufrieden sein, aber im Fußball zählt nie das Gestern, nur das Heute und was morgen kommt", sagt er. Der Ausgang ist immer offen. Sicher scheint nur: Niko Kovac wird auch die nächsten schweren Spiele fair angehen.