Lebensfroher Rheinländer: Dr. Peco Bauwens ©

Dr. Peco Bauwens

(1950-1962)

Der Schiedsrichter mit dem offenen Wort

Deutschland ächzte noch unter dem, was ihm zwölf Jahre "tausendjähriges Reich" als schwerste Prüfung seiner bewegten Geschichte hinterlassen hatte, als sich 1950 der Kölner Dr. Peco (Peter Joseph) Bauwens, Mitinhaber eines großen Baugeschäfts, in die Pflicht nehmen ließ. Er war geprägt von einem musischen Elternhaus, spielte gerne und gut Klavier und wäre wohl als Spross einer bürgerlichen Familie beim Tennis gelandet, hätte nicht ein schmerzlicher Zufall mitgespielt. Ein Arzt empfahl seiner Mutter, nachdem er den jungen Mann einige Zeit lang wegen der Folgen eines schweren Unfalls behandelt hatte, dringlich: "Der Junge muß Fußball spielen." Ausgerechnet Fußball, der verpönte Proletensport. Die Therapie indes half. Die schon in Erwägung gezogene Amputation des schwer geschädigten Beines unterblieb. Der Sprössling entwickelte sich in seinem Sturm und Drang fortan derart prächtig, daß er 1910 zum ersten (und einzigen) Mal ins Trikot der deutschen Nationalelf berufen wurde. Es setzte allerdings eine 0:3-Niederlage gegen die Belgier.

Nicht diese Enttäuschung veranlasste Peco Bauwens, sich nach dem Ersten Weltkrieg für die Laufbahn des Schiedsrichters zu entscheiden. Er pfiff 82 Länderspiele - eine besondere Ehre: Er durfte sogar auf britischen Feldern ran. Der lebensfrohe Rheinländer, der in seiner Heimatstadt auch Präsident der deutsch-belgisch-luxemburgischen Handelskammer war, hatte international längst einen guten Namen, als er fünf Jahre nach Kriegsende antrat, um als Mann vom Bau dem deutschen Fußball wieder richtig auf die Beine zu helfen.

Seine persönliche Unabhängigkeit stand für Bauwens immer vornan. Der selbstbewusste Mann lebte für den Sport, aber nie vom Sport. Eine gern erzählte Anekdote charakterisiert ihn treffend: Bauwens soll der einzige Schiedsrichter gewesen sein, der je auf dem Platz von einem Spieler geküsst wurde. Das muss wohl bei einem Freundschaftsspiel in Frankfurt am Main der Fall gewesen sein, als er einem südamerikanischen Ballzauberer einen Elfmeter gegen die einheimische Stadtauswahl zusprach. Der guckte ob der unerwarteten Entscheidung ungläubig aus der Wäsche, verwandelte und busselte anschließend den Unparteiischen ab. Am 16. Juni 1922 ließ Bauwens in Berlin 189 Minuten spielen, ehe er das deutsche Endspiel zwischen dem 1. FC Nürnberg und dem Hamburger SV beim Stande von 2:2 abbrach. Am 6. August wurde in Leipzig zum zweiten Male angepfiffen. Als die Wiederholung 1:1 stand, eine Entscheidung nicht abzusehen war, und die Nürnberger nach zwei Platzverweisen und zwei Verletzungen nur noch sieben Mann auf dem Feld hatten, brach Bauwens das Spiel ab. Der DFB wollte die Hamburger zum Sieger erklären, aber der HSV lehnte ab. Deshalb weist die Statistik für dieses Jahr keinen deutschen Meister aus.

Bauwens war nicht eben ein Meister der gepflegten Diplomatensprache. Er sagte meistens ohne Umschweife, was und wie er’s dachte. Das führte schon mal zu Irritationen und bei einigen öffentlichen Äußerungen des Redners zu Dissonanzen. Seine Ausführungen bei der Siegesfeier für die "Helden von Bern" 1954 im Münchener Löwenbräukeller veranlassten den Bayerischen Rundfunk, die Direktübertragung abzubrechen. Der Präsident hatte im Überschwang das "Führerprinzip" bemüht. Die innere Rechtfertigung für seine Unbefangenheit bezog er nicht zuletzt aus seiner Lebenserfahrung. Er hatte sich - wegen seiner jüdischen Frau - von den Nazis ständig bedroht gefühlt.

Schon seit 1925 hatte Peco Bauwens in unterschiedlichen FIFA-Gremien mitgearbeitet, war maßgeblich an der Wiedergründung des Nationalen Olympischen Komitees beteiligt. Als er sein Amt 1962 an Dr. Hermann Gösmann abgab, wählte ihn der DFB zum Ehrenpräsidenten. Im Jahr darauf starb Dr. Peco Bauwens. Fritz Walter und Toni Turek, Werner Liebrich und Horst Eckel begleiteten ihn auf seinem letzten Weg auf dem Kölner Friedhof Melaten.