In nur drei Minuten ins Finale

Doch drei fatale Minuten in einem der aufregendsten EM-Spiele aller Zeiten machten dies zunichte. Am 6. Juli führten die Franzosen in Paris gegen Jugoslawien bis zur 75. Minute 4:2, doch nach 78 und letztlich auch noch 90 hieß es 4:5. "Frankreichs Abwehr, die in drei Minuten drei Treffer kassierte, stand wie versteinert da", meldete das Sport Magazin seine Eindrücke aus dem halbleeren Prinzenpark-Stadion. Kurios, dass das zweite Halbfinale in Marseille zwischen der Sowjetunion und den Tschechen (3:0) mit 28.000 Besuchern sogar mehr Publikum hatte als der Gastgeber (26.370).

Die Zuschauerpleite des ersten Turniers (76.949 Besucher; Einnahmen 587.659 Francs) wurde noch fühlbarer im Spiel um Platz drei, das die Gastgeber gegen die Tschechen im Stade Velodrome zu Marseille 0:2 verloren. Nun fanden sich nur noch offiziell 9.438 Interessenten ein, aber auch das Finale im Prinzenpark fand nicht vor würdiger Kulisse statt. 17.966 Menschen lösten ein Ticket für die Partie Sowjetunion – Jugoslawien. Zwei Ostblock-Staaten ohne eigene Anhänger trugen unter Flutlicht, was es bei WM-Turnieren noch nicht gegeben hatte, im Pariser Dauerregen das erste EM-Finale aus. Die Russen gewannen in der Verlängerung 2:1, Ponedjelnik ging als erster Schütze der ein EM-Finale entschied, in die Annalen ein. Held des Tages und so etwas wie der erste EM-Star war allerdings der russische Weltklassetorwart Lew Jaschin, der nach einem Bericht "die Jugoslawen zur Verzweiflung trieb". Seine Paraden verdarben ihnen die lukrative Prämie. Staatspräsident Tito hatte den Jugoslawen ein Auto und sogar etwas Landbesitz in Aussicht gestellt. Doch das entriss ihnen "der schwarze Panther" Jaschin.

Vom Zuschussgeschäft zum Erfolg

Das Sport Magazin zog ein eher tristes Fazit von der ersten EM: "Paris ist vorbei, eine Regenwoche mit all den Enttäuschungen, die im Sport nie ausbleiben. Wie kann der sportliche Wert gehoben werden? Er steht und fällt damit, dass die bisher abseits stehenden Länder ihren Standpunkt aufgeben. Es sieht allerdings nicht danach aus. Was sich bei der ersten Austragung getan hat, ist nicht ermutigend. Die leidige Terminfrage, einer der stichhaltigen Gründe für die Haltung des DFB, ist der böse Haken." Die UEFA erhielt von den Einnahmen lediglich umgerechnet 25.000 DM, von denen noch Spesen der Offiziellen abzuziehen warn, so dass ein Zuschussgeschäft kaum zu vermeiden war. Aber es ging weiter.

Zur zweiten EM meldeten sich schon 29 der 33 UEFA-Verbände, neben der Bundesrepublik fehlten nur noch Zypern, Schottland und Finnland. Diesmal wurde auch der Fehler nicht wiederholt, die Lose im Vorfeld einer WM zu ziehen, wie es 1958 zwei Tage vor Anpfiff in Schweden geschehen war. So bekam die EM 1964 schon im Vorlauf mehr Aufmerksamkeit. Von Setzen hielt man noch nichts und so trafen England und Frankreich bereits in der Qualifikation fürs Achtelfinale aufeinander. Die Franzosen setzten sich durch (1:1 und 5:2). Im Achtelfinale kam es zu einer der größten Sensationen des Fußballs, als Luxemburg die Niederlande raus warf. Nach dem 1:1 im Hinspiel siegte der Fußballzwerg am 30. Oktober 1963 vor 42.000 entsetzten Zuschauern in Rotterdam mit 2:1 und noch immer kennen sie in Holland den Namen Camille Dimmer – Luxemburgs zweimaligen Torschützen. Und Torwart Nico Schmitt hielt mit ausgerenkter Schulter fast alles, was auf seinen Kasten kam.

Die DDR hingegen scheiterte erneut im Achtelfinale, diesmal an den Ungarn. Dem 1:2 in Ost-Berlin folgte ein dramatisches 3:3 in Budapest. Spanien, das als Gastgeber der Endrunde ausersehen war, sofern es nicht vorher ausschied, mühte sich in Bilbao (1:1) mit den Nordiren ab. Erst ein Tor des großen Gento von Real Madrid im Rückspiel zu Belfast (1:0) löste das Viertelfinal-Ticket und rettete die Pläne der Organisatoren. Der Titelverteidiger bewies indes, dass der erste Erfolg kein Zufall war und warf die Italiener raus, das 2:0 in Moskau sahen 102.000 Zuschauer und wieder traf Ponedelnik.

<3>Zwergenaufstand 1964: Luxemburg macht von sich reden

Im Viertelfinale machten die Luxemburger weiter wo sie aufgehört hatten und zwangen die Dänen nach zwei Remis (3:3 und 2:2) zu einem dritten Spiel in Amsterdam (0:1). Erst das sechste Tor von Olaf Madsen in diesem Viertelfinale beendete den Zwergenaufstand. Gemeinsam mit Spanien (5:1 und 2:0 gegen Irland), Ungarn (3:1 und 2:1 vs. Frankreich) und der Sowjetunion (1:1, 3.1 gegen Schweden) erreichten die Dänen die Endrunde. Sie wurde binnen fünf Tagen in zwei Städten (Madrid/Barcelona) ausgetragen und profitierte davon, dass die Gastgeber erfolgreicher waren als 1960. Zwar war das Bernabeu-Stadion im Halbfinale Spaniens gegen Ungarn (2:1 nach Verlängerung) noch ziemlich leer, aber das Endspiel wollten dann doch mehr Landsleute sehen.

Nicht alle bezahlten Eintritt, als am 21. Juni 1964 im selben Stadion Spanien auf die Russen traf, die Dänemark 3:0 geschlagen hatten. Offiziell meldete die UEFA nur 79.115 zahlende Zuschauer, aber inklusive Ehrengästen und Reportern sollen es doch 120.000 gewesen sein. Erstmals war EM-Begeisterung zu spüren, erst recht als Spaniens Mittelstürmer Marcelino fünf Minuten vor Abpfiff den in die Jahre gekommenen Jaschin per Kopf zum 2:1 überwand. Da applaudierte auf der Tribüne auch Diktator Franco, dessen Intervention 1959 das Treffen dieser beiden Länder noch verhindert hatte. Das Spiel um Platz drei geriet dagegen wiederum zur Farce: Ungarns 3:1 über Dänemark sahen in Barcelona nur 3.869 Fußballfreunde. Aber im Vergleich zu 1960 hatte sich der Schnitt pro Endrundenpaarung verdoppelt – von 19.739 auf 39.063. Auch hatte es noch keinen Platzverweis bei einer Endrunde gegeben. Es ging also voran.

EM 1968: "Lasst doch mal den Merkel ran!"

1968 wollte auch der DFB nicht mehr abseits stehen. Erstmals hieß die Veranstaltung offiziell Europameisterschaft, erst jetzt bekannte sich die UEFA als EM-Ausrichter. 31 Länder meldeten sich, bis auf Island und Malta. Erstmals wurden, wie bereits vor WM-Turnieren, Qualifikationsgruppen gebildet und Deutschland schien das große Los gezogen zu haben. Jugoslawien erschien nicht übermächtig und Fußballzwerg Albanien war als Punktelieferant eingeplant. Eine verständliche Sichtweise wenn man sich Vize-Weltmeister nennen durfte – und doch eine falsche.

Was am 17. Dezember 1967 in Tirana geschah, als Deutschland noch einen Sieg brauchte, um die Endrunde in Italien erreichen zu können, ist Fußball-Geschichte. Ein dunkles Kapitel freilich. Nach dem frustrierenden 0:0 auf dem Holperplatz von Tirana setzte in Deutschland erstmals in der Ära Helmut Schön eine Bundestrainer-Diskussion ein. Bild forderte gar einen Österreicher: "Lasst doch mal den Merkel ran!", titelte das Boulevard-Blatt, hatte Max Merkel doch schon 1860 München zur Meisterschaft geführt und aktuell den 1. FC Nürnberg zur Herbstmeisterschaft 1967/1968 (später auch Meister).

Der DFB behielt die Ruhe. Es geschah nichts dergleichen, es gab schließlich gute Gründe für das Desaster. Wichtige Spieler fehlten (Seeler, Beckenbauer, Vogts, Müller, Fichtel) nach einer langen Vorrunde – und das Schussglück leider auch. So fuhren die am Radio mitfiebernden Jugoslawen nach Italien. Allerdings mussten sie zuvor noch im Viertelfinale Frankreich eliminieren (5:1), was eindrucksvoll gelang.