Löw: "Jede Mannschaft will uns stürzen"

Die Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft in Russland in Südtirol ist abgeschlossen, nun geht's nach Russland. Am Dienstag startet die deutsche Nationalmannschaft mit dem Flieger von Frankfurt in Richtung Moskau. Im Mannschaftsquartier Watutinki bereitet sich das DFB-Team dann auf das Auftaktspiel gegen Mexiko am Sonntag (ab 17 Uhr MESZ, live im ZDF) vor. Im Interview mit dem Sport-Informations-Dienst (SID) spricht Bundestrainer Joachim Löw über die Erwartungen an den Titelverteidiger, die Rolle des Gejagten und die Vorrundengegner in Gruppe F.

Frage: Herr Löw, wie oft sind Sie schon auf den Italiener Vittorio Pozzo angesprochen worden, der als bislang einziger Trainer zweimal Weltmeister geworden ist?

Joachim Löw: In den vergangenen Tagen und Wochen noch nicht. Er ist aber natürlich ein Begriff.

Frage: Was würde es Ihnen bedeuten, als erster Trainer seit 80 Jahren den WM-Triumph zu wiederholen?

Löw: Zum wiederholten Male Weltmeister zu werden, bedeutet mir natürlich viel. Das wäre etwas Historisches. Das gilt für die Spieler, aber auch für den Trainer. Daher werden wir alles, was wir an Kraft und Energie haben, reinlegen.

Frage: Am Dienstag startet der Flieger Richtung Moskau. Wie ist Ihre Gefühlslage?

Löw: Ich bin in freudiger Erwartung. Ich verspüre aber auch eine gewisse Demut vor der Schwere der Aufgabe.

Frage: Was reizt Sie besonders?

Löw: Ich freue mich immer, wenn ich die Mannschaft über einen längeren Zeitraum zusammen habe und mit ihr arbeiten kann. Dann bin ich im Flow. Es ist die tagtägliche Arbeit auf dem Platz, die mir Spaß macht. Die Mannschaft findet sich, und man baut eine andere Verbindung auf, als wenn man sich immer nur so kurz sieht. Man kann mehr kommunizieren und intensiver arbeiten. Wenn wir drei, vier Wochen zusammen sind, dann sehe ich schon Entwicklungsstufen. Und beim Turnier freue ich mich einfach auf die Spiele, den Wettkampf, die Fifty-Fifty-Situationen. Der Vergleich mit den besten Teams anderer Kontinente ist spannend und interessant.

Frage: Sie haben immer wieder betont, wie schwierig die erfolgreiche Titelverteidigung wird. Was macht diese WM so kompliziert?

Löw: Die anderen Mannschaften sind seit 2014 besser geworden. Frankreich ist besser geworden, Spanien ist besser geworden, Brasilien sowieso und Argentinien auch. Wenn man Weltmeister, Confed-Cup-Sieger und seit drei, vier Jahren die Nummer eins der Welt ist, dann wird man besonders gejagt. Jede Mannschaft will unbedingt den Titelverteidiger stürzen. Um einen Titel zu holen, muss aber ohnehin alles passen. Ab einem gewissen Punkt spielen auch andere Faktoren eine Rolle, weil die Mannschaften von ihrer Qualität ähnlich sind. Da braucht man auch das Glück auf seiner Seite und muss von Verletzungen verschont bleiben. Kleinigkeiten können einen riesigen Effekt haben. Man muss von Anfang an und in jedem Spiel eine Topleistung abrufen, hellwach und voll konzentriert sein, darf sich keine Schwäche leisten. Ansonsten kann man in den K.o.-Spielen auch schnell nach Hause fahren.

Frage: Wie haben Sie Ihre Mannschaft auf die Rolle des Gejagten vorbereitet?

Löw: Ich habe sie im März und zu Beginn des Trainingslagers darauf vorbereitet. Wir Trainer versuchen, der Mannschaft zu vermitteln, was auf sie zukommt. Wir wollen den Erfolg bestmöglich vorbereiten. Neben dem Sportlichen und Taktischen muss unsere Gewinnermentalität ausgeprägt sein. Es ist wichtig, wie wir dem Druck begegnen und wie leidensfähig und diszipliniert wir sind. Das sind Dinge, die eine Rolle spielen.

Frage: Toni Kroos hat gesagt, dass die Mannschaft im Vergleich zu 2014 stärker mit dem Ball sei. Ohne Ball sei hingegen noch Luft nach oben.

Löw: Wir haben uns in unserer Spielweise insgesamt weiterentwickelt. Gleiches gilt aber auch für andere Mannschaften. Wenn wir in Details so viele Fehler machen wie gegen Österreich (beim 1:2 im vorletzten WM-Test; Anm. d. Rdd.), dann sind wir eine durchschnittliche Mannschaft. Wenn wir aber auch die Kleinigkeiten richtig machen, dann sind wir unbequem und schwer zu besiegen. Wir sind offensiv sehr gut. Bei einem Turnier gilt natürlich die Regel, dass die Basis eine gute Defensive ist. Das ist ein wichtiger Bestandteil, das muss jeder verinnerlichen.

Frage: Hat sich denn im Trainingslager der Teamgeist entwickelt, den Sie sich gewünscht haben?

Löw: Das ist ein Prozess und lässt sich nicht auf Knopfdruck hervorrufen. Anfangs waren manche Spieler verunsichert und haben sich gefragt, ob sie dabei sind. Mit 27 Spielern kann sich noch nicht die geschlossene Einheit entwickeln. Seit dem Tag der Entscheidung weiß nun jeder um seine Position in der Mannschaft. Das war für manche Spieler eine Befreiung. Der Teamgeist entwickelt sich auch und gerade während eines Turniers. Die Voraussetzungen sind gut, weil sich unsere Mannschaft gut kennt und wir eine starke Achse haben, die die Mannschaft anführt. Gerade unsere erfahrenen Spieler sind sehr leistungsorientiert, stellen sich aber immer in den Dienst der Mannschaft. Da geht es nicht ums Ego. Das sind Vorbilder für unsere jungen Spieler.

Frage: Ihrer Mannschaft fehlen die ganz großen Stars wie Neymar, Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo. Ist das ein Vorteil?

Löw: 2014 war es sicherlich ein Vorteil. Wir hatten nicht den einen Superstar. Wir haben als Mannschaft für das große Ziel gearbeitet. Die Mentalität, als Mannschaft zu agieren, kann sich wieder als positiv erweisen.

Frage: Wie schätzen Sie die Gruppe mit Mexiko, Schweden und Südkorea ein?

Löw: Alle Mannschaften sind auf einem ähnlich hohen Level. Schweden und Südkorea sind unbequeme Mannschaften. Mexiko verfügt über taktische und technische Qualitäten. Das ist ein sehr gefährlicher und spielstarker Gegner, sie sind sehr sicher am Ball.

Frage: Sie haben ihren Vertrag vor der WM um zwei Jahre bis 2022 verlängert. Wollten Sie damit ein Signal setzen?

Löw: Der DFB ist vor längerer Zeit auf mich zugekommen. Da geht es auch um gegenseitiges Vertrauen und Respekt. Jetzt kommt ja wieder eine junge Generation nach. Das gibt mir persönlich einen Motivationsschub. In vier Jahren sind Spieler wie Joshua Kimmich, Timo Werner, Leroy Sané, Nikla Süle, Julian Brandt und Leon Goretzka auf dem Zenit ihres Könnens. Das ist für mich spannend und eine reizvolle Aufgabe.

[sid]

Die Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft in Russland in Südtirol ist abgeschlossen, nun geht's nach Russland. Am Dienstag startet die deutsche Nationalmannschaft mit dem Flieger von Frankfurt in Richtung Moskau. Im Mannschaftsquartier Watutinki bereitet sich das DFB-Team dann auf das Auftaktspiel gegen Mexiko am Sonntag (ab 17 Uhr MESZ, live im ZDF) vor. Im Interview mit dem Sport-Informations-Dienst (SID) spricht Bundestrainer Joachim Löw über die Erwartungen an den Titelverteidiger, die Rolle des Gejagten und die Vorrundengegner in Gruppe F.

Frage: Herr Löw, wie oft sind Sie schon auf den Italiener Vittorio Pozzo angesprochen worden, der als bislang einziger Trainer zweimal Weltmeister geworden ist?

Joachim Löw: In den vergangenen Tagen und Wochen noch nicht. Er ist aber natürlich ein Begriff.

Frage: Was würde es Ihnen bedeuten, als erster Trainer seit 80 Jahren den WM-Triumph zu wiederholen?

Löw: Zum wiederholten Male Weltmeister zu werden, bedeutet mir natürlich viel. Das wäre etwas Historisches. Das gilt für die Spieler, aber auch für den Trainer. Daher werden wir alles, was wir an Kraft und Energie haben, reinlegen.

Frage: Am Dienstag startet der Flieger Richtung Moskau. Wie ist Ihre Gefühlslage?

Löw: Ich bin in freudiger Erwartung. Ich verspüre aber auch eine gewisse Demut vor der Schwere der Aufgabe.

Frage: Was reizt Sie besonders?

Löw: Ich freue mich immer, wenn ich die Mannschaft über einen längeren Zeitraum zusammen habe und mit ihr arbeiten kann. Dann bin ich im Flow. Es ist die tagtägliche Arbeit auf dem Platz, die mir Spaß macht. Die Mannschaft findet sich, und man baut eine andere Verbindung auf, als wenn man sich immer nur so kurz sieht. Man kann mehr kommunizieren und intensiver arbeiten. Wenn wir drei, vier Wochen zusammen sind, dann sehe ich schon Entwicklungsstufen. Und beim Turnier freue ich mich einfach auf die Spiele, den Wettkampf, die Fifty-Fifty-Situationen. Der Vergleich mit den besten Teams anderer Kontinente ist spannend und interessant.

Frage: Sie haben immer wieder betont, wie schwierig die erfolgreiche Titelverteidigung wird. Was macht diese WM so kompliziert?

Löw: Die anderen Mannschaften sind seit 2014 besser geworden. Frankreich ist besser geworden, Spanien ist besser geworden, Brasilien sowieso und Argentinien auch. Wenn man Weltmeister, Confed-Cup-Sieger und seit drei, vier Jahren die Nummer eins der Welt ist, dann wird man besonders gejagt. Jede Mannschaft will unbedingt den Titelverteidiger stürzen. Um einen Titel zu holen, muss aber ohnehin alles passen. Ab einem gewissen Punkt spielen auch andere Faktoren eine Rolle, weil die Mannschaften von ihrer Qualität ähnlich sind. Da braucht man auch das Glück auf seiner Seite und muss von Verletzungen verschont bleiben. Kleinigkeiten können einen riesigen Effekt haben. Man muss von Anfang an und in jedem Spiel eine Topleistung abrufen, hellwach und voll konzentriert sein, darf sich keine Schwäche leisten. Ansonsten kann man in den K.o.-Spielen auch schnell nach Hause fahren.

Frage: Wie haben Sie Ihre Mannschaft auf die Rolle des Gejagten vorbereitet?

Löw: Ich habe sie im März und zu Beginn des Trainingslagers darauf vorbereitet. Wir Trainer versuchen, der Mannschaft zu vermitteln, was auf sie zukommt. Wir wollen den Erfolg bestmöglich vorbereiten. Neben dem Sportlichen und Taktischen muss unsere Gewinnermentalität ausgeprägt sein. Es ist wichtig, wie wir dem Druck begegnen und wie leidensfähig und diszipliniert wir sind. Das sind Dinge, die eine Rolle spielen.

Frage: Toni Kroos hat gesagt, dass die Mannschaft im Vergleich zu 2014 stärker mit dem Ball sei. Ohne Ball sei hingegen noch Luft nach oben.

Löw: Wir haben uns in unserer Spielweise insgesamt weiterentwickelt. Gleiches gilt aber auch für andere Mannschaften. Wenn wir in Details so viele Fehler machen wie gegen Österreich (beim 1:2 im vorletzten WM-Test; Anm. d. Rdd.), dann sind wir eine durchschnittliche Mannschaft. Wenn wir aber auch die Kleinigkeiten richtig machen, dann sind wir unbequem und schwer zu besiegen. Wir sind offensiv sehr gut. Bei einem Turnier gilt natürlich die Regel, dass die Basis eine gute Defensive ist. Das ist ein wichtiger Bestandteil, das muss jeder verinnerlichen.

Frage: Hat sich denn im Trainingslager der Teamgeist entwickelt, den Sie sich gewünscht haben?

Löw: Das ist ein Prozess und lässt sich nicht auf Knopfdruck hervorrufen. Anfangs waren manche Spieler verunsichert und haben sich gefragt, ob sie dabei sind. Mit 27 Spielern kann sich noch nicht die geschlossene Einheit entwickeln. Seit dem Tag der Entscheidung weiß nun jeder um seine Position in der Mannschaft. Das war für manche Spieler eine Befreiung. Der Teamgeist entwickelt sich auch und gerade während eines Turniers. Die Voraussetzungen sind gut, weil sich unsere Mannschaft gut kennt und wir eine starke Achse haben, die die Mannschaft anführt. Gerade unsere erfahrenen Spieler sind sehr leistungsorientiert, stellen sich aber immer in den Dienst der Mannschaft. Da geht es nicht ums Ego. Das sind Vorbilder für unsere jungen Spieler.

Frage: Ihrer Mannschaft fehlen die ganz großen Stars wie Neymar, Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo. Ist das ein Vorteil?

Löw: 2014 war es sicherlich ein Vorteil. Wir hatten nicht den einen Superstar. Wir haben als Mannschaft für das große Ziel gearbeitet. Die Mentalität, als Mannschaft zu agieren, kann sich wieder als positiv erweisen.

Frage: Wie schätzen Sie die Gruppe mit Mexiko, Schweden und Südkorea ein?

Löw: Alle Mannschaften sind auf einem ähnlich hohen Level. Schweden und Südkorea sind unbequeme Mannschaften. Mexiko verfügt über taktische und technische Qualitäten. Das ist ein sehr gefährlicher und spielstarker Gegner, sie sind sehr sicher am Ball.

Frage: Sie haben ihren Vertrag vor der WM um zwei Jahre bis 2022 verlängert. Wollten Sie damit ein Signal setzen?

Löw: Der DFB ist vor längerer Zeit auf mich zugekommen. Da geht es auch um gegenseitiges Vertrauen und Respekt. Jetzt kommt ja wieder eine junge Generation nach. Das gibt mir persönlich einen Motivationsschub. In vier Jahren sind Spieler wie Joshua Kimmich, Timo Werner, Leroy Sané, Nikla Süle, Julian Brandt und Leon Goretzka auf dem Zenit ihres Könnens. Das ist für mich spannend und eine reizvolle Aufgabe.

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