Professor Otto Nerz

  • Nationaltrainer von 1926 bis 1936
  • 70 Länderspiele - 42 Siege, 10 Unentschieden, 18 Niederlagen
  • Der Reichstrainer verstarb 1949 in Sachsenhausen

Der Vielseitige

Von Karl-Heinz Schwarz-Pich, geboren 1940, erschien 1996 eine Herberger-Biografie, der andere Arbeiten zur Geschichte des deutschen Sports mit Schwerpunkt Nationalsozialismus folgten. Bei der hier vorliegenden Arbeit konnte sich der Autor sowohl auf den Nachlass von Otto Nerz als auch auf den Nachlass von Josef Herberger stützen. Dazu kamen Gespräche mit dem Sohn und der Tochter von Otto Nerz und mit ehemaligen Nationalspielern, die unter Otto Nerz in der Nationalmannschaft gespielt haben: Willy Siemetsreiter (FC Bayern München), Ossi Rohr (FC Bayern München), Andreas Kupfer (Schweinfurt 05), Fritz Buchloh (VfB Speldorf) und mit Karl-Heinz Heimann dem langjährigen Chef des "kicker". Außerdem erfolgten umfassende Archivrecherchen, wozu auch die Einsicht in Akten des sowjetischen Geheimdienst NKWD, die Personenakte der NSDAP und der Entnazifizierungsakte von Otto Nerz gehörten sowie ein von Otto Nerz im Juni 1945 verfasster Lebenslauf.

Otto Nerz (1892-1949) war erster Trainer der deutschen Fußballnationalmannschaft. Bis zu seiner Berufung im Jahr 1926 lagen die Zuständigkeiten für die Mannschaft allein in den Händen des Spielausschusses. Die Bilanz war negativ: Vom ersten Länderspiel im Jahr 1908 bis zu Berufung von Nerz im Jahr 1926 endeten von den 86 ausgetragenen Spielen 58 mit einer Niederlage, 12 Unentschieden und nur 16 wurden gewonnen. Damit war die Nationalmannschaft im internationalen Vergleich bestenfalls zweitklassig. Um das zu ändern, entschloss sich die DFB-Führung unter ihrem neuen 1. Vorsitzenden Felix Linnemann dem Spielausschuss einen Trainer für die praktische Arbeit an die Seite zu stellen. Die Gesamtverantwortung allerdings blieb wie bisher beim Spielausschuss bestehen.

Die Wahl für diese Aufgabe fiel nicht zufällig auf Otto Nerz. Von Beruf war Nerz Volksschullehrer mit einer Zusatzausbildung zum Sportlehrer. Er spielte Fußball in der Ligamannschaft des VfR Mannheim, in den 1920er Jahren einer der renommiertesten Mannschaften in Süddeutschland. 1921 übernahm er das Training beim VfR und gehörte zugleich dem Betreuerstab der Süddeutschen Auswahl an. Mit 31 Jahren erwarb er 1923 nachträglich die Hochschulreife und studierte in Heidelberg im Hauptfach Medizin und im Nebenfach hebräische Grammatik; gab zusätzlich Nachhilfeunterricht, um sein Studium zu finanzieren und betätigte sich in der SPD als Jugendschulungsleiter. 1923 ging er nach Berlin studierte an der deutschen Hochschule für Leibesübungen (DHfL) und trainierte Tennis Borussia Berlin. In Anrechnung seiner Vorbildung wurde Nerz 1924 zum Fachlehrer für Fußball an der DHfL berufen. In den Jahren 1924 und 1925 hielt sich Nerz insgesamt vier Monate in England auf um den englischen Fußball zu studieren. Außerdem schrieb er seine Diplomarbeit über das Thema "Fußball-Wintertraining". Und weil das alles noch nicht genug war, lernte er nebenbei zahlreiche Sprachen - Englisch konnte er schon vom Realgymnasium her - so auch noch Französisch, Italienisch und Schwedisch. 1931 nahm er sein Medizinstudium wieder auf und promovierte 1936 zum Dr. med.. Sein Doktorvater war kein geringerer als Prof. Ferdinand Sauerbruch, einer der bedeutendsten Chirurgen seiner Zeit. Ein Hobby hatte Nerz auch: er las Hegel. 1938 wurde er dann noch Professor. Obendrein schrieb er Lehrbücher zum Fußball und betätigte sich als Journalist und fand 1931 noch Zeit zu heiraten. Elli Böhm, 14 Jahre jünger als der Mann ihrer Wahl, war - so Herbert Pahlke Spieler bei Tennis Borussia Berlin - "das schönste Mädchen von ganz Berlin". Trauzeuge des Bräutigams war übrigens sein Landsmann und in den 1920er Jahren auch sein Lieblingsspieler Sepp Herberger.

Mit Nerz, wen wundert es bei dieser Biografie, hielt die Wissenschaft Einzug im Fußball. Unter ihm wurden Lehrgänge für National- und Nachwuchsspieler eingeführt. Nerz war der erste Trainer in Deutschland überhaupt bei dem Konditionstraining und gezielte gymnastische Übungen für Fußballer zum regelmäßig Trainingsprogramm gehörten. Dazu kamen theoretischen Schulungen. Nerz, so ein ehemaliger Student an der DhfL, konnte eine halbe Stunde über den Einwurf referieren, ohne dass jemand den Hörsaal verlassen hat. Die Spieler wurden auch taktisch geschult. Aber bei Nerz wurden die Spieler auch medizinisch durchgecheckt. Wer mit einem Meniskusschaden zur Nationalmannschaft kam, der wurde von Nerz erst einmal operiert. Es gehörte zu den Grundsätzen des Mediziners, dass nur ganz fitte Spieler auflaufen durften. Das sahen die Vereinsführungen vielfach anders, und schickten Spieler wie gewohnt mit Kniebandagen ins Spiel. Bei Nerz wurden die Trainingseinheiten nach Plan durchgeführt: Disziplinlosigkeit nicht geduldet, Rauchen und Biertrinken waren verboten; gleichwohl tat der gelernte Pädagoge Nerz nur so, als wüsste er nicht, was hinter der nächsten Ecke geschah. 1934 beglückte Nerz die DFB-Auswahl dann mit dem WM-System, dass auch als Nerz-System bezeichnet wurde. Damit war das Fass voll. Auf so viel Neuerungen waren die Vereine in Deutschland nicht vorbereitetet. In dieser Zeit wurden die Vorurteile gegenüber Otto Nerz geboren. Als Nerz dann 1934 mit der DFB-Auswahl unerwartet den 3. Platz belegte, waren alle auf einmal "Nerzianer". Ernst Werner, Chefredakteur der Fußballwoche, der mit Nerz permanent in Clinch lag, titelte nach der WM: Nerz hat recht! Vom Pauker,Trill, mittelmäßiger Fußballer und Theoretiker, der von der Praxis keine Ahnung hat, war nun nicht mehr die Rede. Man hatte verstanden, die Botschaft von Nerz war angekommen.

Warum das negative Nerz-Bild aus den frühen 1930er Jahren nach 1945 wieder fröhliche Umstände feierte und bis in die Gegenwart virulent ist, wäre ein Thema für sich.

In die Nachkriegsjahre fallen auch die Darstellungen über Nerz' Ausscheiden als Reichstrainer, das in einem indirekten Zusammenhang mit der 0:2 Niederlage gegen Norwegen bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin gebracht wurde – was jedoch falsch ist. Nerz, das geht zweifelsfrei aus seinen persönlichen Unterlagen, die sich im Besitz des Autors befinden, hervor, war bereits am 1. Juni 1936, also acht Wochen vor Beginn der Olympischen Spiele als Reichtrainer aus dem Fachamt Fußball ausgeschieden, weil er im April zum Direktor des sportpraktischen Instituts an der Reichsakademie für Leibesübungen berufen worden war und zwei Vollerwerbsstätigkeiten im Staatsdienst nicht möglich waren. Weil eine Umstellung an der Spitze der Nationalmannschaft kurz vor Beginn der Olympischen Spiele problematische gewesen wäre, wurde Nerz von der Reichsakademie auf Wunsch des Fachamts Fußball bis nach den Olympischen Spielen freigestellt. Das erste Spiel gewann Deutschland gegen Luxemburg souverän mit 9:0. Ein Tag vor dem zweiten Spiel nun gegen Norwegen kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen Nerz und Fachamtsleiter Linnemann. Nerz wollte mit der stärksten Mannschaft antreten, Linnemann plädierte für den Einsatz von jungen Spielen. Der Fachamtsleiter setzte sich in Anwendung des Führerprinzips durch, Nerz lehnte die Verantwortung für diese Mannschaft ab, was einem Rücktritt gleichkam und Deutschland unterlag in Anwesenheit von Adolf Hitler mit 0:2.

Danach ging es hinter den Kulissen drunter und drüber und draußen brodelte die Gerüchteküche. Am 4. November 1936 erschien dann eine offizielle Erklärung von Fachamtsleiter Felix Linnemann in der Fußballwoche. Darin heißt es "… wird Dr. Nerz Referent für die Schulung, Betreuung und Aufstellung der Nationalmannschaft sowie die fachtechnische Anleitung der Sportlehrer unter unmittelbarer Verantwortung dem Reichsfachamtsleiter gegenüber." Und zu Herberger hieß es in der Erklärung: "Zum Reichstrainer des Fachamtes ist Sportlehrer Herberger ernannt worden." Und der fragte prompt zurück was denn seine Aufgabe sei, wenn Nerz für alles zuständig ist. Und weil er keine Antwort bekam, wendete er sich am 12. Dezember 1936 mit einem Schreiben an Guido von Mengden, Generalreferent beim Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten. Er teilte Mengden mit: "Einzig und allein die Herrn Dr. Nerz gegeben Aufgaben sind eindeutig klar bestimmt. Sie sind aber auch so umfassend, dass für den Reichstrainer keine Möglichkeit zu einer selbstständigen Tätigkeit verbleibt (…) muss ich es deshalb ablehnen den Posten des Reichstrainers unter den gegeben Verhältnissen zu übernehmen."

Just am Nachmittag des selben Tages fand Herberger einen Brief von Otto Nerz in seinem Briefkasten. Nerz teilte Herberger in einem sehr sachlich gehalten Brief mit, wie er ich die zukünftige Zusammenarbeit vorstelle. Am Schluss schreibt Nerz: "Ich will mehr und mehr in den Hintergrund treten und mich anderen Aufgaben widmen." Hier sah Herberger seine Chance doch noch zum Ziel zu kommen. Aber der letzte Satz im Brief von Nerz war das nicht. Denn der lautet: "Es ist selbstverständlich, dass solange ich die Verantwortung zu tragen habe, die letzten Entscheidung – abgesehen vom Fachamtsleiter – bei mir liegen muß." Trotzdem akzeptierte Herberger nun. Wahrscheinlich zähneknirschend. Vermutlich hatte Herberger andere Vorstellung vom Timing des Rückzugs von Nerz, als Nerz selbst. Denn Nerz dachte gar nicht daran Herberger mehr zuzugestehen, als im Beschluss des Fachamts stand. Und so kam es zu heftigen Reibereien zwischen den beiden. Aber was am Ende dabei herauskam, und das ist schon sehr erstaunlich, war die sogenannte Breslau-Elf, die Dänemark am 16. Mai 1937 mit 8:0 schlug und eine Serie von zehn Spiele in Folge ohne Niederlage einleitete.

Am 12. Mai 1938 trat Otto Nerz von seinem Posten als Referent der Nationalmannschaft im Fachamt Fußball zurück und Herberger wurde, so der offizielle Sprachgebrauch, zum !amtlichen Reichstrainer" ernannt. Nerz, so konnte man in der Presse lesen, sei wegen Arbeitsüberlastung zurückgetreten, was eine Ausrede war. Der Grund war ein ganz anderer. Mit dem Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich am 13. März 1938, elf Wochen vor Beginn der Weltmeisterschaft in Frankreich, entstand ein Problem: Beide Mannschaften hatten sich qualifiziert. Aber politisch war es nicht opportun mit zwei Mannschaften anzutreten. Also galt es aus zweien eine zu machen. Und so entschied Tschammer die Mannschaft tritt entweder mit sechs aus dem Reich und fünf aus Ex-Österreich an oder umgekehrt. Nerz hielt das drei Wochen vor Beginn der WM nicht für möglich und trat zurück. Und wohl nicht ganz unerwartet schied Deutschland aus dem Turnier, das nach dem KO-System ausgetragen wurde im ersten Spiel bzw. Wiederholungsspiel gegen die Schweiz, aus. An seinen Bruder Franz in Mannheim schrieb Nerz im Juni: "Ich bin froh, dass ich mich zur rechten Zeit zurückgezogen habe. Nachdem Deutschland aus der Fußball-Weltmeisterschaft ausgeschieden ist, wäre alle Schuld an mir hängen geblieben. Da ich nicht freie Hand hatte zu tun, was ich für richtig und notwendig ansah, konnte ich auch die Verantwortung nicht übernehmen." Von Herberger verabschiedet er sich wie in ihren besten Tagen mit "Lieber Herberger". Die Welt zwischen den beiden Mannheimern war längst wieder in Ordnung.