Daniel Nivel Stiftung

Daniel Nivel - Ein Versprechen für immer

Lens, Sommer 1998. Weltmeisterschaft in Frankreich. Hier ganz im Norden tritt die deutsche Mannschaft an, Jugoslawien ist im zweiten Gruppenspiel der Gegner. Wochen vorher hatte ein einschlägig bekannter Fanclub der Sportfreunde Siegen, der Bärensturm, online verkündet: „… freuen uns auf gepflegte Games anlässlich des Frankreich-Feldzuges.“ Achtzig Neonazis mischten sich einen Tag vor dem Spiel unter die Fans, brüllten: „Wir sind wieder einmarschiert.“ Am 21. Juni ist Daniel Nivel eingeteilt, eine Gasse abzusperren. Eine Gruppe betrunkener deutscher Hooligans rückt an, Nivels Kollege rennt davon – um sein Leben, wie sich herausstellt. 43 Jahre alt ist Daniel Nivel damals, Familienvater, ein Mobilgendarm. Er wird geschlagen, zu Boden gerissen, die Tritte hören nicht auf. Sein Gewehr wird ihm entrissen, den Kolben stoßen die Täter mehrfach mit großer Wucht auf seinen Kopf. Ein Mittäter sagt später den Medien: „Ich bin auch hin und habe mit reingetreten. Das war wie ein Reflex.“ Ein anderer Täter filmt die Schandtat, die Bilder werden bei der Verhandlung gezeigt. Das Landgericht Essen verurteilt vier Angreifer zu Haftstrafen zwischen dreieinhalb und zehn Jahren.

Das Jahr 2013 beginnt mit großem Fußball: Das ausverkaufte Stade de France ist Kulisse eines Klassikers: Frankreich gegen Deutschland. Der DFB hat Nivel, seine Frau und Familie nach Paris eingeladen. Auch 2006 während der WM in Deutschland war Nivel Ehrengast des DFB. Jetzt trifft er sich mit Wolfgang Niersbach und Horst R. Schmidt, seit Langem ein Vertrauter der Familie Nivel. Der 58-jährige Franzose schaut blendend aus, als er die Empfangshalle des Hotel du Collectionneur betritt, ein Fünf-Sterne-Haus nahe des Arc de Triomphe. Den Mantelkragen hochgeschlagen, der dunkle Anzug, der sehr aufrechte Gang – Nivels Auftritt passt perfekt in die noble Lobby. Dabei ist er seit jenem Sonntag vor 15 Jahren rechtsseitig gelähmt, blind auf einem Auge, er hört schlecht. Den rechten Arm hält er angewinkelt. Er kann nicht mehr riechen, er schmeckt nichts mehr. Er spricht, aber nur stockend, seine Frau Lorette übernimmt meist das öffentliche Reden.

In Lens 1998 war Wolfgang Niersbach noch Pressesprecher der A-Mannschaft. Direkt nach dem 2:2 gegen Jugoslawien war das Team zurück nach Nizza geflogen. Der DFB-Präsident erinnert sich: „Irgendwann kursierte das Gerücht, ein Beamter sei zu Tode gekommen, was sich Gott sei Dank nicht bestätigte. Die Betroffenheit ist sehr groß gewesen. Es waren Deutsche, die das getan haben, das dürfen wir nie vergessen.“

Das Haus der Nivels wurde behindertengerecht umgebaut. Unbefristet ist das Versprechen des DFB, in jede Bresche zu springen, sollte einmal Not herrschen. Der DFB-Schatzmeister hat diese Zusage in einem Brief an die Familie in den Tagen nach dem Wiedersehen in Paris erneuert. Im Oktober 2000 wurde unter Beteiligung des DFB und der FIFA die Daniel-Nivel-Stiftung gegründet, die drei Ziele verfolgt: durch Schulungen präventiv Gewalt einzudämmen, die Ursachen fußballorientierter Gewalt zu ergründen sowie den Opfern solcher Gewaltdelikte zu helfen.