Videobeweis im Fußball: "An die Spitze der Entwicklung setzen"

DFB.de: Die Schiedsrichter-Kommission hat sich in den vergangenen Monaten die drei existierenden Möglichkeiten des Videobeweises im Fußball angeschaut. Sie präferieren das System, welches derzeit vom Niederländischen Fußball-Verband KNVB in einem Pilotprojekt getestet wird. Wie funktioniert dieses Modell?

Fandel: Es ist richtig, dass sich die Schiedsrichter-Kommission Elite nach intensiven Überlegungen darauf verständigt hat, zunächst an das bereits bestehende Pilotprojekt des Niederländischen Fußball-Verbandes anknüpfen zu wollen. Dieses haben wir übrigens auch vor Ort angeschaut und uns die ersten Ergebnisse des Pilotprojekt zukommen lassen. Bei diesem Modell sitzt ein Schiedsrichter-Assistent in einem Van oder einem Studio und hat die Möglichkeit, sich wichtige Spielszenen auf einem Monitor in Zeitlupe anzuschauen. In einer Spielunterbrechung hätte er in diesem System die Möglichkeit, den Hauptschiedsrichter anzusprechen und auf eine etwaige Fehlentscheidung hinzuweisen. Aber ich weise noch einmal darauf hin, dass das Exekutivkomitee der FIFA zunächst vermutlich nur eine zweijährige Testphase erlauben wird. Das heißt also nicht, dass es in der Bundesliga in der kommenden Saison einen Videoschiedsrichter geben wird. Wir werden, so es dazu kommt, zunächst hinter den Kulissen testen und Erfahrungswerte sammeln, ohne dass der Schiedsrichter und die Mannschaften etwas davon mitbekommen oder das Spiel beeinflusst wird.

Zimmermann: Wir erfinden die Welt nicht neu. Aber das Bestreben des DFB ist es, dass wir uns an die Spitze der Bewegung setzen, die Entwicklung maßgeblich vorantreiben und viele eigene Gedanken, Ideen und Erweiterungsmöglichkeiten in das holländische Pilotprojekt einbringen.

DFB.de: Welche Personen kämen für die Rolle eines Videoschiedsrichters überhaupt in Frage?

Fandel: Aus unserer Sicht können dies zunächst nur Bundesliga-Schiedsrichter sein, die sich mit entsprechenden Spielsituationen auskennen und diese als Fachleute bewerten können. Auf Dauer wird diese Thematik sicherlich einen eigenen Ausbildungsbereich und Lehrmaterialien nach sich ziehen.

Zimmermann: Wichtig ist zudem, dass es neben dem Videoschiedsrichter einer weiteren Person im Übertragungswagen oder TV-Studio bedarf. Dieser "Operator" muss in der Lage sein, die Bilder zu einer Situation aus allen Perspektiven in Windeseile aufzurufen und dem Videoschiedsrichter so vorzuführen, dass dieser schnellstmöglich in der Lage ist, eine Entscheidung zu treffen.

DFB.de: Wie ist eigentlich die Stimmungslage unter den Schiedsrichtern, was den Videobeweis betrifft? Die Unparteiischen müssten die Dinge am Ende schließlich umsetzen...

Fandel: Als Schiedsrichter möchten wir modernen Entwicklungen nicht nur zu- oder hinterherschauen, sondern diese selbst mitgestalten. Aber erst wenn wir den Videobeweis selbst getestet und bewertet haben, können wir eine fundierte Meinung darüber abgeben und beurteilen, ob das Ganze tatsächlich Sinn macht oder nicht.

Zimmermann: Ich denke, wir alle im Bereich der DFB-Schiedsrichter stehen diesem Thema sehr offen gegenüber, auch wenn es noch sehr viele Unklarheiten gibt, die es zu klären gilt. Bis der Videobeweis in der Praxis tatsächlich kommt, ist es noch ein langer Prozess, dessen Ende und Ergebnis aktuell noch nicht absehbar sind. 

[sb]


Vergangene Woche sprach das für Regeländerungen im Weltfußball zuständige International Football Association Board (IFAB) die Empfehlung aus, Tests zur Einführung des Videobeweises im Fußballsport zuzulassen. Die finale Entscheidung, ob das zuständige FIFA-Exekutivkomitee dieser Empfehlung folgt und somit den Weg frei macht für eine mindestens zweijährige Testphase, fällt zwar erst auf einer Sitzung Ende März, doch die DFB-Schiedsrichter-Kommission Elite befasst sich bereits seit geraumer Zeit mit dieser Entwicklung. Im Trainingslager der Bundesliga-Schiedsrichter auf Mallorca hat DFB.de mit dem zuständigen Vizepräsidenten Ronny Zimmermann und Schiedsrichterchef Herbert Fandel über die aktuellen Entwicklungen in Sachen Videobeweis gesprochen.

 

DFB.de: Was bedeutet die jüngste Empfehlung des IFAB für eine mögliche Einführung des Videobeweises im deutschen Fußball?

Herbert Fandel: Zunächst einmal nicht viel, da wir uns intern seit geraumer Zeit intensiv mit diesem Thema befassen. Bereits im November des vergangenen Jahres hat die Schiedsrichter-Kommission Elite über den DFB-Generalsekretär ein Schreiben an die FIFA gesendet, in dem wir ganz deutlich gemacht haben, dass das deutsche Schiedsrichterwesen bei möglichen Testreihen nicht nur dabei sein, sondern eine führende Rolle einnehmen möchte. Eine Antwort haben wir bislang nicht bekommen, aber das ist verständlich. Schließlich muss das Exekutivkomitee der FIFA im März erst final entscheiden, ob die Tests weltweit tatsächlich erlaubt werden. Aber eines ist klar: Wir haben ein großes Interesse daran, in der ersten Reihe zu stehen, wenn ein Pilotprojekt beginnt. Deshalb warten wir mit Spannung auf die endgültige Entscheidung der FIFA.

Ronny Zimmermann: Erst nach dieser Sitzung im März wissen wir genau, ob und in welchem Rahmen in Zukunft Tests durchgeführt werden dürfen. Dennoch werden wir bis dahin bereits einige Szenarien gedanklich durchspielen, das Thema in den Fachgremien, dem DFB-Präsidium, dem Ligaverband und natürlich auch mit den Vereinen behandeln. Mit dem klaren Ziel, im Falle einer positiven Entscheidung des Exekutivkomitees möglichst schnell für die ersten Tests bereit zu sein.

DFB.de: Aber beginnen dürften die Tests dennoch erst in der kommenden Spielzeit, oder?

Fandel: Ja, es würde sicher mehr Sinn machen, die Tests, die den Spielbetrieb und auch den Schiedsrichter im Stadion zunächst überhaupt nicht beeinflussen würden, mit Beginn der Spielzeit 2016/2017 einzuführen.

DFB.de: Und in welchen Spielklassen?

Zimmermann: Wie ich es aktuell sehe, würden Tests ausschließlich in der Bundesliga und 2. Bundesliga Sinn machen, wobei das noch mit dem Ligaverband und der DFL abgestimmt werden muss. Wie viele Spiele es schlussendlich sein können, wird man sehen. Das ist nicht zuletzt auch eine Kosten- und Personalfrage. Diesen Bedarf gilt es, ähnlich wie bei der Einführung der Torlinientechnologie, nunmehr im Prozess einer professionellen Projektentwicklung festzulegen. Eine der größten Herausforderungen dürfte sein, die Fachleute, die als Video-Schiedsrichter arbeiten sollen, für diese Aufgabe zu schulen. Dies bis zum Sommer hinzubekommen, ist unsere Absicht. 

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DFB.de: Die Schiedsrichter-Kommission hat sich in den vergangenen Monaten die drei existierenden Möglichkeiten des Videobeweises im Fußball angeschaut. Sie präferieren das System, welches derzeit vom Niederländischen Fußball-Verband KNVB in einem Pilotprojekt getestet wird. Wie funktioniert dieses Modell?

Fandel: Es ist richtig, dass sich die Schiedsrichter-Kommission Elite nach intensiven Überlegungen darauf verständigt hat, zunächst an das bereits bestehende Pilotprojekt des Niederländischen Fußball-Verbandes anknüpfen zu wollen. Dieses haben wir übrigens auch vor Ort angeschaut und uns die ersten Ergebnisse des Pilotprojekt zukommen lassen. Bei diesem Modell sitzt ein Schiedsrichter-Assistent in einem Van oder einem Studio und hat die Möglichkeit, sich wichtige Spielszenen auf einem Monitor in Zeitlupe anzuschauen. In einer Spielunterbrechung hätte er in diesem System die Möglichkeit, den Hauptschiedsrichter anzusprechen und auf eine etwaige Fehlentscheidung hinzuweisen. Aber ich weise noch einmal darauf hin, dass das Exekutivkomitee der FIFA zunächst vermutlich nur eine zweijährige Testphase erlauben wird. Das heißt also nicht, dass es in der Bundesliga in der kommenden Saison einen Videoschiedsrichter geben wird. Wir werden, so es dazu kommt, zunächst hinter den Kulissen testen und Erfahrungswerte sammeln, ohne dass der Schiedsrichter und die Mannschaften etwas davon mitbekommen oder das Spiel beeinflusst wird.

Zimmermann: Wir erfinden die Welt nicht neu. Aber das Bestreben des DFB ist es, dass wir uns an die Spitze der Bewegung setzen, die Entwicklung maßgeblich vorantreiben und viele eigene Gedanken, Ideen und Erweiterungsmöglichkeiten in das holländische Pilotprojekt einbringen.

DFB.de: Welche Personen kämen für die Rolle eines Videoschiedsrichters überhaupt in Frage?

Fandel: Aus unserer Sicht können dies zunächst nur Bundesliga-Schiedsrichter sein, die sich mit entsprechenden Spielsituationen auskennen und diese als Fachleute bewerten können. Auf Dauer wird diese Thematik sicherlich einen eigenen Ausbildungsbereich und Lehrmaterialien nach sich ziehen.

Zimmermann: Wichtig ist zudem, dass es neben dem Videoschiedsrichter einer weiteren Person im Übertragungswagen oder TV-Studio bedarf. Dieser "Operator" muss in der Lage sein, die Bilder zu einer Situation aus allen Perspektiven in Windeseile aufzurufen und dem Videoschiedsrichter so vorzuführen, dass dieser schnellstmöglich in der Lage ist, eine Entscheidung zu treffen.

DFB.de: Wie ist eigentlich die Stimmungslage unter den Schiedsrichtern, was den Videobeweis betrifft? Die Unparteiischen müssten die Dinge am Ende schließlich umsetzen...

Fandel: Als Schiedsrichter möchten wir modernen Entwicklungen nicht nur zu- oder hinterherschauen, sondern diese selbst mitgestalten. Aber erst wenn wir den Videobeweis selbst getestet und bewertet haben, können wir eine fundierte Meinung darüber abgeben und beurteilen, ob das Ganze tatsächlich Sinn macht oder nicht.

Zimmermann: Ich denke, wir alle im Bereich der DFB-Schiedsrichter stehen diesem Thema sehr offen gegenüber, auch wenn es noch sehr viele Unklarheiten gibt, die es zu klären gilt. Bis der Videobeweis in der Praxis tatsächlich kommt, ist es noch ein langer Prozess, dessen Ende und Ergebnis aktuell noch nicht absehbar sind. 

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